Corona stellt uns alle vor neue Herausforderungen. So können wir unsere traditionellen Presseclubabende – vorläufig – noch nicht wieder veranstalten.

Deshalb möchten wir zumindest über den neuen Weg eines Newsletter im engen Austausch mit Ihnen bleiben. In den zurückliegenden beiden Wochen hat Peter Pauls ihn geschrieben – und sehr viel Echo darauf erhalten. Danke für Ihr reges Interesse!

Diesmal bieten wir den Newsletter an in Form eines Interviews. Wir werden dies in Zukunft vielleicht häufiger einmal machen, wenn wir einen Interview-Partner finden, dessen Arbeit und Einsatz für Köln und das Rheinland besonders relevant sind – und dieser Interesse an einem solchen Austausch hat.

Geführt habe ich es mit Professor Henrik Hanstein, Geschäftsführender Gesellschafter des vor 175 Jahren gegründeten Kunsthaus Lempertz. Es ist das älteste Auktionshaus in Familienbesitz der Welt und für den Kunststandort Köln von größter Bedeutung. 2019 erwirtschaftete es mit etwa 70 Mitarbeitern gut 56 Millionen Jahresumsatz.

In diesem Gespräch geht es nicht nur um das Kunsthaus Lempertz allein, sondern auch die rheinische Kunstszene, die mit ihren Messen – vor allem der Art Cologne – ja immer noch im Zentrum des deutschen Kunsthandels und seiner großen Galeriendichte steht.

Ich wünsche Ihnen allen ein schönes Wochenende
bleiben Sie gesund!

Ihre
Dr. Hildegard Stausberg

Unser Interview:

Hildegard Stausberg: Herr Professor Hanstein, Sie haben bekräftigt, dass das, was wir zur Zeit erleben, die größte Herausforderung ist für den deutschen Kunsthandel seit dem Kriege. Wie sieht es aus im europäischen Vergleich?

Professor Henrik Hanstein: Da hat es uns eher weniger getroffen, denn unser lockdown war gemäßigter – und unser wirtschaftliches Leben kam nicht vollständig zum Erliegen. Das hatte in Frankreich, Belgien, Italien, Österreich oder auch England ganz andere Dimensionen, denn da herrschte größtenteils Ausgangssperre. Meine französischen und belgischen Kollegen etwa duften ihre Häuser nicht weiter verlassen als in einem Radius von einem Kilometer. Wir wiederum konnten – unter gewissen Auflagen – weiterarbeiten im Home-office oder in der Galerie.

Stausberg: Das hat dann einen gewissen Vorteil gebracht …

Hanstein: Sicherlich! Dazu aber eine wichtige Erklärung: Der Kunsthandel hat sich in den zurückliegenden Jahren schon erheblich stärker digitalisiert als manch andere Branche in Deutschland: Wir Auktionatoren sind schon seit vielen Jahren digitalisiert. Das kommt uns jetzt zugute! Mittlerweile bieten über zwei Drittel unserer Sammler telefonisch oder online übers Internet mit. Das ist jetzt für unsere Branche von großem Vorteil. Lempertz brauchte sich also in dieser Hinsicht bei dieser Krise gar nicht mehr umzustellen.

Stausberg: Könnte es sein, dass das Kunstversteigerungsgeschäft bald komplett online ablaufen wird? Oder dürfen sich vor allem ältere Kunden noch Hoffnung machen, doch noch mal was direkt bei Ihnen in einer Auktion zu ersteigern?

Hanstein: Wenn der Handel mit Kunst nur noch ausschließlich online stattfinden sollte, wäre das der Untergang der Kunst! Das wäre so, also wenn man sagte: Das Abspielen einer CD reicht, man braucht nicht mehr in ein Konzert zu gehen, schrecklich! Das unmittelbare Erleben der Kunst, das direkte persönliche Ansehen, die Aura einer Ausstellung, die persönliche Begegnung mit Kunst und Künstlern: All das ist unverzichtbar! Allerdings sind viele Leute heute vertrauter mit dem online Business – und Corona tut das seinige dazu. Die Auktionsbranche wiederum steht weltweit unter Kostendruck. Das könnte dazu führen, dass nun Objekte bis zu circa 5.000 Euro nicht mehr in aufwändigen Katalogen abgebildet werden, sondern nur noch online zu sehen sind. Dieser Trend ist schon seit geraumer Zeit da: Er wird sich weiter beschleunigen. Es ist absoluter Wahnsinn, wie viele kostbare Kataloge – umweltschädigend – noch durch die Welt geschickt werden. Und: die Qualität der Abbildungen ist online sogar viel besser.

Stausberg: Also geht der Trend eindeutig zur online Auktion?

Hanstein: Das ist unterschiedlich. Wenn es sich um Originale handelt, möchte man sie gerne sehen. Bei multiplizierter Graphik wiederum muss das nicht unbedingt sein. Vermutlich werden die reinen „only-online-Auktionen“ keinen sehr grossen Marktanteil haben. Denn sie sind im rechtlichen Sinne keine Auktionen und sie unterliegen der Fernabnahme Richtlinie in ganz Europa, d.h.sie können innerhalb von 14 Tage die Ware zurückgeben. Das wäre bei einem Objekt von 50.000 oder 100.000 Euro dem Verkäufer nicht zumutbar. Die Stücke werden schließlich von Experten bearbeitet, sie werden ausgestellt, man kann sie besichtigen, man kann das Stück im Saal und online erwerben, aber das ist dann auch rechtsverbindlich.

Stausberg: Für dieses Jahr wurden die rheinischen Kunstmessen abgesagt: Wann wird es wieder los gehen?

Hanstein: Solange es keinen Impfstoff gibt, wird es meines Erachtens keine Messen mehr geben, in der Weise wie wir sie kennen. Das ist ein großer Verlust für den Kunsthandel – und ein ganz großer Verlust für Köln!

Stausberg: Lempertz ist tätig in Köln, Berlin und Brüssel. Wird diese Einteilung so bleiben, oder verschieben sich da nach Corona die Gewichtungen?

Hanstein: Das wird in etwa so bleiben. Jeder Standort hat seinen Schwerpunkt. Dabei zeigt sich, dass der Wettbewerbsvorteil in Brüssel, wo das Folgerecht erst bei 3.000 Euro beginnt, insbesondere für die online Auktionen vorteilhafter ist. Deswegen machen wir das dort. Man muss da sein, wo die besten Rahmenbedingungen sind!

Stausberg: Thema Rahmenbedingungen: Die waren doch sowieso schon in Deutschland viel schwieriger als im europäischen Umfeld – gibt es weitere Konsequenzen nach Corona?

Hanstein: Ja, eindeutig. Und zwar sowohl wegen Corona wie auch wegen des Brexit, der uns ja noch bevorsteht. Die Engländer werden durch den Brexit Nachteile haben. Sie haben aber schon signalisiert, dass sie die Einffuhrumsatzsteuer von eh nur 5 Prozent dann auf null setzen werden. Das betrifft also die Einfuhr von Kunst aus Drittländern in das jeweilige Land. Wie sieht unser Umfeld aus? Benelux hat sechs oder acht Prozent, Frankreich hat unter dem früheren Präsidenten Holland dies von 6,5 auf 5,5 Prozent reduziert, um mit England mithalten zu können. Dagegen wiederum haben wir in Deutschland eine Einfuhrumsatzsteuer von 7 oder 19 Prozent. Das ist völlig inakzeptabel und hat vor allem dem Markt für Antiquitäten kolossal geschadet – so zum Beispiel auch unserer Cologne Fine Art.

Stausberg: Wie sähe so etwas denn konkret aus?

Hanstein: Wenn einer nach dem Brexit etwas in London kauft und diese Antiquitäten nach Deutschland einführt, müßte er 19 Prozent Einfuhrumsatzsteuer zahlen, in Belgien aber zum Beispiel nur sechs und in Paris nur 5,5 Prozent. Auf meine Anregung hin haben alle Teilnehmer der letzten Cologne Fine Art im November 2019 in einem Brief an Ministerpräsident Armin Laschet auf diese Dimensionen des Wettbewerbsnachteil gerade für ein grenznahes Bundesland wie Nordrhein-Westfalen hingewiesen. Wir haben durchaus Verständnis bei ihm gefunden. Aber es hat sich bisher noch nichts geändert! Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Wenn die Bundesrepublik Deutschland uns da nicht durch Änderung des Steuerrahmens zu mehr Wettbewerbsfähigkeit in Europa verhilft, dann wird dieser Markt weiter ins Ausland abwandern. Das wäre töricht – und gerade für NRW ein großer Schaden!

Stausberg: Wie wirkte sich so etwas denn auf die Galerien aus?

Hanstein: Die Galerien sind doch geprügelt durch eine Anhebung der Mehrwertsteuer von sieben auf neunzehn Prozent beim Verkauf. Hier mal ein Beispiel: Gerhard Richter verkauft an einen Kunsthändler ein Gemälde für eine Million Euro. Dann stellt er diesem sieben Prozent Mehrwertsteuer in Rechnung. Die kann der Galerist, der mit etwa 20 Prozent Provision rechnet, von der Vorsteuer abziehen. Dann sind wir schon bei 1,2 Millionen. Auf die 1,2 Millionen muss der Galerist 19 Prozent Mehrwertsteuer draufschlagen anstatt der sieben. Dann sind wir bei circa 230.000 Euro und insgesamt 1,43 Millionen. Wenn der Galerist 50 Prozent Steuern auf seine Kommission bezahlt, sind es 330.000 Steuern. Und der Künstler müsste üblicherweise von seiner Million ja auch 50 Prozent versteuern – sind 500.000 Euro – ergibt 830.00 Euro Steuern bei einem Geschäft von 1,43 Millionen. Das ist einfach nur absurd. Das geht eben einfach nicht mehr. Das ist in anderen Ländern einfach anders. Die Franzosen haben einen massiven Wettbewerbsvorteil. Und nach dem Brexit wird Paris eine immer größere Konkurrenz werden. Wenn da der Bund nichts tut, wird sich der Markt teils verlagern: Wir sind einfach nicht auf Augenhöhe mit unseren Nachbarländern. Das beklagen besonders die grenznahe rheinischen Galerien!

Stausberg: Was muss geschehen?

Hanstein: Wir müssen auf die sieben Prozent Mehrwertsteuer zurück. Diese Steuer ist eine Verbrauchssteuer. Man kann mit Kunst alles machen, man kann sie nur nicht verbrauchen. Sie bleibt erhalten und die Mehrwertsteuer kumuliert sich immer weiter. Man braucht nur zweimal weiterzuverkaufen, da ist man ja schon bei 21 Prozent. Die jetzige Regelung ist unlogisch und nicht mehr wettbewerbsfähig.

Stausberg: Und wie steht es um die Künstler?

Hanstein: Da gilt Ähnliches. Da hängen viele von den Solo-Selbstständigen in den Seilen. Es gibt in Deutschland eine außerordentliche Errungenschaft: Die Künstler-Sozialkasse. Diese ist von der SPD unter Helmut Schmidt erfunden worden, wurde danach aber falsch umgesetzt. Man betrachtet den Galeristen als den Arbeitgeber der Künstler, was natürlich Quatsch ist. Der Staat hatte aber, um das zu relativieren, einen relativ hohen Anteil in die Künstler-Sozialkasse zugunsten der Künstler eingeschossen. Den aber haben spätere SPD-Kanzler mächtig zurückgeschraubt. Das aber ist das einzige, was dem selbstständigen Künstler hülfe, denn jeder muss da reingehen. Der Staat müßte den Zuschuss wieder – wie ursprünglich geplant – anheben. Das wäre im Grunde die nachhaltigste Hilfe, die der Staat den Künstlern jetzt zukommen lassen könnte!

Stausberg: Und die vielen Hilfsmaßnahmen, die jetzt angekündigt werden?

Hanstein: Der Galerist ist schon durch Künstlersozialabgabe und Folgerecht – zu Unrecht – überbelastet. In Wirklichkeit müsste der Staat die Künstlersozialabgabe übernehmen, wenn er den Künstler schützen will. Das ist seine Aufgabe – nicht die der Galeristen. Und er würde die deutschen Galeristen auch innerhalb Europas wettbewerbsfähiger machen, denn die Auslagen für die Künstlersozialversicherung gibt es so nur in Deutschland.

Stausberg: Was kann der Staat denn noch tun, um den deutschen Kunsthandel nach Corona zu unterstützen?

Hanstein: Natürlich kann der Staat auch mit eher kurzfristigen finanziellen Überbrückungsgeldern helfen – das tut er ja auch. Aber in so einer Krise sieht man halt deutlicher als sonst die eigentlichen Strukturfehler – so etwa bei der Mehrwertsteuer und bei der Künstler-Sozialkasse. Gerade bei dieser wird der Galerist besonders belastet, was eben in der Krise besonders schwer fällt. Wir sind damit Europa-weit nicht mehr wettbewerbsfähig. Aber eigentlich ist die Idee der Künstler-Sozialkasse gut – und auf jeden Fall besser als das Folgerecht. Dieses beteiligt jeden Künstler an einem Weiterverkauf – hilft aber im Grunde nur jenen, denen es ohnehin schon gut geht, denn viele arme Künstler bekommen ja kaum was verkauft. Wir werden besser aus der Krise kommen mit fairen Rahmenbedingungen. Die Einfuhrumsatzsteuer etwa auf europäisches Niveau runter zubringen würden dem Staat ein paar Millionen kosten – mehr nicht.

Stausberg: Das Ansehen des Kunsthandels hat in den zurückliegenden Jahren durch verschiedene Skandale gelitten: Belastet das die Branche immer noch?

Hanstein: Das ist eine Fehlinformation. Die Regierung hat dem Kunsthandel immer vorgeworfen, er würde mit Raubkunst handeln. Das haben wir immer abgestritten . Frau Grütters wiederum sprach von einem Volumen von sechs Milliarden Euro! Die Bundesregierung hat dann für 1,2 Millionen Euro eine Dunkelfeldstudie in Auftrag gegeben – mit deren Ergebnissen sie ihr politisches Tun rechtfertigen wollte. Die Ergebnisse waren aber entlarvend: Da war nichts! Der Umsatz des deutschen Kunsthandels mit Archäologie etwa macht gerade mal 800.000 Euro aus, ist also völlig insignifikant. Das ganze hat sich in Rauch aufgelöst. Aber leider ist da viel Unsinn verbreitet worden und die Berliner Politik hat – im Verbund mit einigen willfährigen Museumskuratoren – viel Schaden angerichtet.

Stausberg: Wie sehen Sie heute die Bedeutung Berlins – im Vergleich zu Ihren anderen Standorten wie Köln und Brüssel?

Hanstein: Berlin ist ein neuer Markt – und damit interessant, wenngleich jetzt viele Sammlungen abgezogen werden: Berlin scheint mit den Sammlern nicht gut genug umzugehen. Dort ist außerdem das Bürgertum nicht so stark wie im Rheinland oder in München. Umsatzmäßig war und ist das Rheinland und München für den Kunstmarkt spannender als Berlin, wenngleich für Auktionen der Standort nicht mehr so wichtig ist wie früher. Ich bin jedoch in Bezug auf die Stadt nicht pessimistisch, aber die Rahmenbedingung spielen eine grosse Rolle – und die könnten besser sein. Berlin wird übrigens in einer Art und Weise subventioniert, da verschlägt es einem geradezu den Atem. Der Bund speist pro Jahr in den Berliner Kunstetat mehr als 600 Millionen Euro ein – das ist dreimal so viel wie der gesamte Kulturetat von Nordrhein Westfalen ausmacht.