Newsletter vom 16.10.2020


Der Kampf gegen das Virus ist nichts für Kurzstrecken-Läufer

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

man muss kein Sportler sein, um den Unterschied zwischen Sprint und Marathon zu kennen. Wem das bislang nicht klar war, dem hilft jetzt der große Lehrmeister Corona auf die Sprünge: Der Kampf gegen das Virus ist nichts für Kurzstrecken-Läufer. Dumm nur, dass wir an der Extremsport-Disziplin Marathon nicht Zuschauer, sondern Teilnehmer sind. Teilnehmer, die im März ins Rennen gegangen sind und dachten, es wäre im Sommer vorbei. Jetzt müssen wir erleben, dass unsere sozialen und wirtschaftlichen Strapazen noch nicht vorbei sind, wir sind noch nicht im Ziel, ja, wir sehen es noch nicht einmal.

Bund und Länder wollen nun den drastischen Anstieg der Infektionszahlen wieder eindämmen. Maskenpflicht, Kontaktbeschränkungen, Sperrstunden, Beherbergungsverbote und andere Maßnahmen, die Kanzlerin und Ministerpräsidenten gerade beschlossen haben, sollen uns über die Runden helfen (Originaltext der Beschlüsse in der Anlage). Doch den allerwichtigsten Beitrag kann der perfekteste Nanny-Staat nicht leisten, keine Polizei und kein Ordnungsamt durchsetzen: Dass wir Bürger mitmachen. Nur wenn wir von der Richtigkeit der verordneten Eingriffe in unsere gewohnten Freiheiten – und nichts anderes als teils massive Eingriffe sind es! – überzeugt sind und uns auch noch danach richten, kann der Kampf gegen die Pandemie erfolgreich sein.

Doch mit der Überzeugung ist das eine Sache: Kann man von den beschlossenen Maßnahmen überzeugt sein? Abgesehen davon, dass der Wust von Regelungen ein eigenes Abiturfach rechtfertigen würde, sind die Mittwochnacht zäh ausgehandelten Ergebnisse teils wolkig (eine Maskenpflicht gilt, wenn Menschen „dichter oder länger“ öffentlich zusammenkommen), teils verwirrend (Teilnehmerzahl bei Zusammenkünften), teils unsinnig weil inkonsequent (Beherbergungsverbot in einigen Bundesländern, in anderen hingegen nicht). Und was, bitteschön, sind „nicht erforderliche innerdeutsche Reisen“? Der Besuch bei der Oma im Sauerland? Der gebuchte Urlaub in einem abseits gelegenen Ferienhaus an der Ostsee? Die Liste ließe sich fortsetzen – aber auch das wäre keine erfolgversprechende Strategie gegen den Virus.

Ignoranz und Häme sind angesichts des disharmonischen Chorgesangs von Bund und Ländern auch nicht die Lösung. Im Gegenteil. Wer immer schon Zweifel an den verordneten Maßnahmen hatte, wer die Gefahr heruntergespielt oder ganz geleugnet hat, wird sich ermutigt fühlen, nun erst recht auf Attacke zu setzen. Die Beschlüsse von Mittwochabend, so ist zu befürchten, haben bei einer zunehmend genervten und verunsicherten Bevölkerung – nicht nur bei FC-Fans und Karnevalisten – Einsicht und Akzeptanz kaum steigern können. Tatsächlich sind die Auswirkungen der Pandemie für Wirtschaft und Gesellschaft so, dass die Vokabel „dramatisch“ diesmal angemessen ist: Ob der Einzelhändler auf der Dürener Straße, der Kulturveranstalter in Nippes oder der Autobauer in Niehl – sie alle drohen, in einem Mahlstrom namens Corona zu versinken. Ganz zu schweigen von einer Generation von Schülern, deren Recht auf Bildung und damit auf Lebenschancen gerade gefährdet ist.

Dennoch: Wir sollten die Gefahr nicht unterschätzen. Bislang ist Deutschland (der Blick auf unsere Nachbarn von Holland bis Tschechien zeigt es überdeutlich) mit seiner Politik der Abwägung aller Interessen gut gefahren. Eine gesunde Wirtschaft gibt es nur, wenn sie Teil einer gesunden Gesellschaft ist. Das lässt sich nicht trennen, muss aber immer wieder austariert werden. Erwarten wir also nicht wie träge Konsumenten, dass die Politik uns Lösungen mundgerecht serviert. Eigenverantwortung ist das Gebot der Stunde. Ohne Vor- und Rücksicht wird es nicht gehen, ohne diszipliniert umgesetzte Selbstbeschränkungen auch nicht. Wer in den letzten warmen Tagen mit offenen Augen durch die Stadt gegangen ist, der konnte auf den Ringen, in der Altstadt, auf der Aachener Straße oder in Mülheim sehen, wie Menschen teils hemmungslos gefeiert haben – und nicht sichtbar auch die Viren. Die Rechnung zahlen wir jetzt. Das bislang einzig wirksame Medikament gegen Corona ist unser Verhalten. Wir müssen es nur nehmen.

In diesem Sinne grüße ich Sie herzlich und hoffe, Sie bleiben gesund,

Ihr
Michael Hirz

P.S. Auch an anderen Baustellen unserer Tage geht es rumplig zu. Etwa in der EU, wo sich die Staats- und Regierungschefs beim aktuellen Gipfel in Brüssel neben Corona auch mit den Dauerthemen Klima und Brexit beschäftigen. Das dort vorgelegte Papier mit den Schlussfolgerungen, die erfahrungsgemäß so angenommen werden, ist unserem Newsletter ebenfalls beigefügt.
Unter folgenden Links können Sie die Beschlüsse der Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten zu dem Thema, sowie den Entwurf der Schlussfolgerungen der EU einsehen:

https://mcusercontent.com/bbfb18487f7348d0143b61f38/files/6ac0576f-6951-47b7-90f1-6875f329cd62/BeschlussBKMP.pdf

https://mcusercontent.com/bbfb18487f7348d0143b61f38/files/4f95f01d-e385-4b33-9680-b29d893da748/EntwurfSchlussfolgerungenEU.pdf