Newsletter vom 18.09.2020

Vorhang zu und alle Fragen offen – diese Zeile aus Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ geht einem durch den Kopf, wenn man das Ergebnis der jüngsten Kommunalwahlen in Köln sieht.

Die Oberbürgermeister-Frage? Ungeklärt. Die künftige Mehrheit im Stadtrat? Ungeklärt. Die vielen Probleme Kölns, die dringend gelöst werden müssten? Ungeklärt. Als warten wir geduldig, wie wir sind, weiter ab, zunächst einmal auf die Stichwahl für das Amt des Oberbürgermeisters resp. der Oberbürgermeisterin.

Derweil dürfte das Interesse der Menschen unserer Stadt eher den aktuellen Zahlen zur Corona-Pandemie gelten. Sie steigen, und mit ihnen die Furcht vor neuen Einschränkungen. Ein weiterer Lockdown hätte, dafür muss man nicht Prophet sein, sondern nur mit offenen Ohren und Augen durch die Stadt gehen, verheerende wirtschaftliche und soziale Folgen – von den Einschränkungen der Grundrechte einmal ganz abgesehen. Gleichzeitig, und das wirkt fast paradox, erleben wir ein allmähliches Wiedererwachen des öffentlichen Lebens: Der FC darf wieder vor Publikum und nicht nur leeren Rängen spielen, mit der phil.Cologne, dem großen Philosophie-Kongress in Köln, zieht wieder ein Stück Normalität ein.

Was heißt das? Nichts anderes, als dass wir mit dem Virus leben müssen. Also weder Entwarnung noch Panik. Denn wir wissen heute mehr über Covid19, also Corona. Die Wissenschaft lernt täglich dazu, die Lage wird jetzt, Stand September, anders eingeschätzt als noch im März. Wen das irritiert (und die Irritation ist mehr als verständlich), sollte wissen, dass die Vorstellung von letztgültigen Wahrheiten nicht zum Wissenschaftsbetrieb gehört. In einem quasi endlosen Diskussionsprozess werden Daten gesammelt, bewertet und zu Hypothesen verdichtet, Meinungsstreit gehört zwingend dazu. Die Politik muss ganz anders vorgehen. Sie muss, um ihrer übertragenen Verantwortung gerecht zu werden, von Zeit zu Zeit entscheiden – notfalls um Menschenleben zu retten. Was also tun, wenn einige Virologen aufgrund ihrer aktuellen Erkenntnisse dringend zu massiven Schutzmaßnahmen raten, andere hingegen, ebenfalls gestützt auf ihre Arbeiten, zu einer anderen Einschätzung kommen?

Mit dem Philosophen und früheren Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, habe ich im Rahmen einer Podiumsveranstaltung darüber gesprochen. Als Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Politik rät er zu maximaler Transparenz. Bezogen auf den Umgang mit der Pandemie sollte deutlich gemacht werden, dass es unterschiedliche Auffassungen auch in der Virologie gibt, damit also verordnete Maßnahmen im Frühjahr im Lichte heutiger Erkenntnisse auch überzogen gewesen sein könnten. Dennoch waren sie zum Zeitpunkt früherer Erkenntnisse richtig, weil im Zweifel der Schutz des Lebens Vorrang hat. Wir lernen daraus wieder einmal: Politik ist ein schwieriges Geschäft. Auf den Punkt gebracht hat das wohl Deutschlands Philosoph von Weltrang, Jürgen Habermas: „So viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen, gab es noch nie.“

Dieser Satz gilt uneingeschränkt für die Wirtschaft der Region. Womit kann, womit muss sie rechnen? Auch hier spielt die Politik eine bedeutsame Rolle. Der Kölner Presseclub hat deswegen in Zusammenarbeit mit der IHK Köln für den kommenden Donnerstag (24. September) eine Veranstaltung geplant, in der die IHK-Präsidentin Nicole Grünewald, der Ford-Chef Gunnar Herrmann, der Hauptgeschäftsführer der Kölner Handwerkskammer, Ex-Minister Garrelt Duin und Stadt-Anzeiger-Chefredakteur Carsten Fiedler unter der Moderation von Peter Pauls über Erwartungen und Perspektiven der regionalen Wirtschaft diskutieren. Das verspricht, ein spannender Abend zu werden, den Sie nicht verpassen sollten.

Zum Schluss möchte ich noch einmal den Blick von Köln auf Brüssel lenken: Dort hat Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen ihre erste Rede zur Lage der Union gehalten. Viel ist darüber geschrieben und kommentiert worden – den Redetext finden Sie hier, damit Sie sich selbst ein Urteil bilden können.

Mit freundlichen Grüßen

Michael Hirz