Newsletter vom 20.11.2020

Ein rheinischer Schamane und eine vergessliche Kölner Oberbürgermeisterin

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs!

Drei Gottesdienste lässt Pfarrer Hans Mörtter an der Kölner Lutherkirche ausfallen. Ein Streik aus Protest. „Wir wollen als Kirche keine Sondernische in der Gesellschaft,“ sagt der streitbare Theologe im zweiten Podcast des Kölner Presseclubs (das komplette Gespräch hören sie – bitte klicken – hier). Seine Kirche wolle sich an die Seite der Kulturschaffenden, Gastronomen und all der anderen stellen, die unter den harten Corona-Regeln zu leiden haben. Das ist ein ungewöhnlicher Schritt und Hans Mörtter eckt mit ihm an, wie zahlreiche Interviewanfragen zeigen. Mörtter weiß allerdings auch, wie er abseits des Kirchengebäudes weiter zu seiner Gemeinde sprechen kann, die deutlich über die Kölner Südstadt hinausreicht. Sein digitales „Wort zum Samstag“ findet bis zu 7000 Zuhörer. Eine Kirche mit solch einem Fassungsvermögen muss man erst einmal finden. Ob er mit seinem Streik die Alten nicht vernachlässige? Das verneint der Geistliche. Die meisten könnten sich auf die Situation einstellen. Seine älteste Hörerin sei 94 Jahre alt.

Hans Mörtter ist sehr aktiv. Es lohnt, sich mit ihm auseinanderzusetzen – auch wenn mein Podcast bei manchem von Ihnen Widerspruch wecken wird. Einen Kommunikator, Sozialarbeiter und politisch bewegten Menschen habe ich ihn genannt und er hat geantwortet, da fehle noch etwas. Er sei ein rheinischer Schamane, einer, der die Kraft des Segens sinnlich erfahrbar mache und Menschen Zuversicht gebe. Ein ungewöhnlicher Pfarrer also. Mit seiner Kirche geht er mitunter hart ins Gericht. „Im ersten Lockdown war sie weg“, urteilt er. Ich habe mir übrigens vorgenommen, zum 1. Advent in die Lutherkirche zu gehen. Schließlich bin ich Kirchenmitglied und der Pfarrer hat mich neugierig gemacht.

Köln wird unweiblicher

Erinnern Sie sich noch an eines der Wahlversprechen von Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos)? Sie wolle Köln weiblicher machen, ließ sie plakatieren. Auch in den Kölner Tageszeitungen fand man ganzseitige Anzeigen mit ähnlichem Slogan. Birgit Meyer, Kölns Opernintendantin, die 2012 ein finanziell heruntergewirtschaftetes Haus übernahm, könnte darüber nur bitter lachen. Ihr Vertrag wird nicht verlängert. Solche Befristungen sind üblich im Kulturbetrieb. Doch wann und wie diese Entscheidung umgesetzt wird, führt zu Kopfschütteln bei Fachleuten wie Laien. Birgit Meyer hat in Köln an vier Standorten des Opernhauses erfolgreich gearbeitet, davon waren drei Interimsplätze (Palladium, Blaues Zelt, Staatenhaus). Die städtische Pressemitteilung, die die Trennung bestätigt, türmt geradezu Lob über Birgit Meyer auf. Warum sie dann während der letzten Interimsjahre gehen muss? Vermutlich wegen einer Intrige. Wer mag in einer solchen Situation in diese Stadt kommen, die ohnehin bekannt dafür ist, Personalangelegenheiten auf dem Marktplatz auszutragen? Welche neue Opernchefin hat die Stadt in der Hinterhand? Und wer wird kommen, obwohl nicht klar ist, wann das Interim endet und die sanierte Oper nun tatsächlich eröffnet wird?

Über solche Fragen habe ich mit dem Kölner Personalberater Erich Schneider (Schneider Executives) gesprochen. „Besetzungen von Führungspositionen im kommunalen Umfeld sind immer anspruchsvoller und komplexer als etwa in der Privatwirtschaft,“ sagt der Experte. Das liege nicht nur am Interesse in Öffentlichkeit und Medien. Vielmehr habe es zu tun mit den parteipolitischen Gegebenheiten, was oft auseinandergehende Erwartungen bezüglich des Kandidatenprofils bedeutet sowie mit dem Hang zur Indiskretion. Und schließlich sei, wie auch in privatwirtschaftlichen Unternehmen, der Ruf, die Verbindlichkeit und der Umgang mit Führungspersonal entscheidend, um Topleute zu bekommen. Letzteres dürfte in Köln eine optimale und nachhaltige Besetzungen sehr schwierig machen, meint Schneider. Und Rekers Versprechen, Frauen nach vorn zu bringen? Auf Treffen der deutschsprachigen Opernkonferenz (London, Paris und Mailand sind assoziiert) sei sie als Opernintendantin stets einzige Frau gewesen, erinnert Meyer sich. Da wird die städtische Findungskommission aber eifrig suchen müssen, wenn sie das Versprechen der OB einlösen will.

Liefert Köln seinem Hänneschen Theater – wieder mal – eine Steilvorlage? Vermutlich nicht. In Zeiten von Corona, neuen politischen Mehrheiten und von der Pandemie strapazierter öffentlicher Kassen bliebe einem das Lachen dann eher im Hals stecken.

Bleiben Sie trotz allem gesund.

Herzlich
Ihr

Peter Pauls