Newsletter vom 21.08.2020

Covid-19 bestimmt mehr oder minder alle Bereiche unseres Lebens.

Gerade erst hat Gesundheitsminister Spahn indirekt den Karneval abgesagt. Er könne sich das mitten in der Pandemie nicht vorstellen, zitiert ihn der EXPRESS. Hinter der Basta-Politik eines Bundeskanzlers Gerhard Schröder stand immerhin noch ein Ausrufungszeichen. Heute sagt man in Zeiten des Corona-Virus ein Brauchtum, das von Hunderttausenden getragen wird, pauschal und ohne jede Differenzierung in einer Allerweltrede ab. Wen meint der Minister? Sauftouristen, die dicht gedrängt und abgefüllt, den Karneval in Misskredit bringen? Oder die, die kunstvolle Wagen bauen und deren Höhepunkt die Session ist? Natürlich muss ein Politiker Bedenken äußern können. Er sollte das aber nicht in einer Beiläufigkeit tun, die den Gepflogenheiten eines demokratischen Gemeinwesens nicht gerecht wird.

Die Krise hat die Gesellschaft im Griff. Erkennbar wird das indes an einem Symbol: der Gesichtsmaske. Kinder werden nur maskiert unterrichtet. Wir kaufen maskiert ein, gehen maskiert auf die Bank, warten maskiert im Patientenzimmer des Arztes, nehmen maskiert Platz im Restaurant oder fahren maskiert U-Bahn. Corona spiegelt sich im Gesicht unserer Mitmenschen. Das Thema ist allgegenwärtig. Oder?

Nein! Corona taucht nur in homöopathischen Dosen auf den Wahlkampfplakaten auf, die seit einigen Tagen so präsent wie die Gesichtsmasken sind. „Was passiert nach Corona“, fragt zumindest die CDU und antwortet im gleichen Atemzug, man wolle „zurück zu normal“. Eine eigenartige Situation. Corona bestimmt die Politik. Ob in Washington, Rom oder in Köln. Aber im Wahlkampf gilt die Pandemie – allenfalls – als Schlaglochstrecke, die man als Fahrer nur überwinden muss. Dann geht es weiter, wie es war.

Warum die Politik nicht über Corona sprechen will und das Publikum ihr wohl auch nicht zuhören würde, wenn sie es denn täte, und was das mit Karneval zu tun hat – darüber habe ich mit Jens Lönneker gesprochen. Er ist Geschäftsführer und Gründer des Kölner Rheingold Salon und hat mir häufig schon geholfen, Verhalten zu verstehen. Das Wortlaut-Interview finden Sie im Anschluss an den Newsletter.

Über den Kommunalwahlkampf werden Sie in Ihren Tageszeitungen kompetent informiert. Eine kleine Beobachtung aber wollen wir ihnen nicht vorenthalten. Michael Hirz und ich haben uns mit Rebekka Müller, Isabella Venturini und Christian Achtelik aus Köln über die Partei „Volt“ unterhalten, für die sie gerade werben. Volt ist jung, europäisch, für Klimawandel und eine Verkehrswende, für parteiübergreifende Kooperationen und – natürlich – Digitalisierung. Polemik gegen Mitbewerber ist den Volt-Vertretern nicht zu entlocken. „Wir sind nicht gegen andere, sondern wollen mit ihnen Politik machen.“ Indes hat eine grundsätzliche Kritik sie bewogen, sich neu zu organisieren: Die etablierten Parteien predigen in jedem Wahlkampf, was sie vorher nicht durchgesetzt haben, sagen sie.

Wer hat die besten Lösungen?, fragt Volt. Ein Satz, den ich vor Jahren übrigens von Henriette Reker hörte, als sie noch Kandidatin für das Amt der Oberbürgermeisterin war. Ob die Energie und Begeisterungsfähigkeit, die Volt im Gespräch versprüht, den Alltag im Rat einer Stadt wie Köln überlebt – wenn die Partei den Einzug denn schafft? Hoffen wir es, denn Frische und Engagement zahlen sich immer aus. Ob ich Volt wähle? Ich weiß es nicht. Aber sympathisch ist diese neue Gruppierung allemal.

Am Mittwoch, 26. August, um 19.30 Uhr, findet endlich wieder eine Veranstaltung statt. Über „Ende mit Schrecken oder Schrecken ohne Ende – Corona in der Region und in Deutschland“ diskutiere ich mit Dr. Reimar Molitor, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der „Region Köln-Bonn“ und Dr. Hubertus Bardt, Geschäftsführer Wissenschaft, Institut der Deutschen Wirtschaft.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und freue mich, dass wir vom Pressclub wieder auf Sendung sind.

Herzlich grüßt

Peter Pauls

Interview mit Jens Lönneker

Als Journalist erlebt man, dass organisierte Karnevalisten unter Stress und Politiker im Wahlkampf ihre Persönlichkeit verändern. Die Kölner Eigenliebe ist ohne Karneval nicht denkbar. Der ist Brauchtum durch und durch. Allein der Gedanke, jemand von außen könne sich da einmischen, ist schwer erträglich. Karneval ist eine lustvolle Kölner Unverrückbarkeit. Und nun wird von der Politik nachgedacht, den Karneval wegen Corona politisch zu regeln, zu untersagen.

Was ist mit den Wahlkämpfern? Wählen bedeutet entscheiden. Ich schließe also immer auch etwas aus. Zwischen den Wahlen kann ich mir alles vorstellen. Immer mehr Menschen lassen ihre Entscheidung bis zum Wahltag übrigens offen. Dann flattern die Nerven der Politiker. Auch im Karneval geht es um Entschiedenheit, wie bei der Wahl.

Was hat Karneval denn mit Wahlen zu tun? Sowohl die Politik als auch der Karneval müssen sich am Ende dem Realitätsprinzip beugen. Wer wird gewählt und können wir Karneval feiern – trotz Corona? Es wird entschieden und bleibt nicht offen. Das macht Politiker und Karnevalisten so nervös.

Ist Ihnen aufgefallen, dass Corona auf Wahlplakaten kaum vorkommt? Es gibt die starke Tendenz, die Pandemie, wenn überhaupt, als vorübergehend wahrzunehmen. Kaum einer kann und mag sich vorstellen, dass das noch Jahre so geht. Nächstes Jahr wollen wir wieder in Urlaub fahren, in Konzerte gehen oder Feste feiern. Der Wunsch nach Normalität ist wie selbstverständlich in uns.

Sind Sie an Corona erkrankt? Nein. Wir erleben Corona ohnehin kaum im Alltag. Das ist in Deutschland wie ein Wunder. Es gibt wenig Unmittelbarkeit, wenig Kontakt mit Krankheit. Daher ist es eine gewaltige kulturelle Leistung, sich intellektuell die Bedrohung zu erschließen und Einschränkungen zu akzeptieren. Länder wie die USA, England oder Brasilien haben das lange ignoriert.

Einmal mehr müsste Corona dann doch Wahlkampfthema sein. Die meisten Menschen folgen einem gelernten Kalkül. Sie hoffen auf Belohnung, wenn sie nur artig sind und sich an die Regeln halten. Das erreicht gar nicht erst die politische Ebene. Die Rechnung scheint ja aufzugehen, siehe die niedrigen Infektions- und Todesraten.

Das war aber nicht von Beginn an so. Anfangs wurde Corona nicht ernst genommen. Die Anwendung von Masken wurde bis in die Spitzen der Ministerien oder des Robert-Koch-Instituts als asiatische Schrulligkeit abgetan. Bei den ersten Wuhan-Heimkehrern aus China wurde nicht einmal die Körpertemperatur gemessen. Heute tun Lehrer das ohne viel Aufhebens an Schulen.

Was hat den Wandelt bewirkt? Die steigende Zahl an Infizierten. Oder die Bilder aus Italien von Lkw-Kolonnen, in denen Leichen abtransportiert wurden. Oder von völlig erschöpftem medizinischen Personal in Spanien. Die Pandemie ist ja auch ein machtvolles Medienthema. Langsam hat die Bedeutung sich verschoben und die Umstände haben der Politik nicht nur eine zentrale Rolle zugewiesen. Politiker wie Markus Söder haben die Rolle des Krisenmanagers auch dankbar angenommen.

Das klingt, als sei die Bekämpfung von Corona eine Inszenierung. So würde ich das nicht nennen. Eher ein Drama, das sich an der Wirklichkeit orientiert. Es gibt die Macher wie Angela Merkel und Olaf Scholz und neue Helden wie das Krankenhauspersonal oder Supermarktkassiererinnen, die der Gefahr trotzen. Applaus vom Balkon schafft eine erlebbare Gemeinschaft. Und die Wissenschaft, die hierzulande etwas gilt, tritt an die Seite der Politik. Sie steht nicht im Gegensatz zu ihr, wie mitunter in den USA, wo sie als interessengeleitet gilt.

Warum nimmt die Politik sich nicht der Veränderungen an, die Covid-19 mit sich bringt? Das würde von den Bürgern nicht honoriert. Die vorherrschende Einstellung ist: Es geht vorbei. Im Grunde bleibt es, wie es ist. Dazu passen die Meldungen von neu entwickelten Impfstoffen, die von Firmen entwickelt wurden, deren Börsenwert sich verdreifacht hat. Die meisten Menschen wollen ihr Leben weiterleben wie bisher.

Was ist mit halbierten Fahrgastzahlen im öffentlichen Nahverkehr, massenhaftem Home-Office und verödenden Innenstädten durch Online-Geschäfte? Bis zur Kommunalwahl spielt das erst mal keine Rolle. Der Politik wird als Krisenmanager ein gutes Zeugnis ausgestellt. Außerdem hat ein nicht unwesentlicher Teil der Gesellschaft den Lockdown als Entlastung empfunden, weil man zur Ruhe kommt und nicht ständig Termine hat. Das wurde sogar als Zugewinn betrachtet, den man beibehalten möchte. Die tägliche Zeit-Umfrage: „Wie geht es Ihnen heute?“, verzeichnete etwa während des Lockdowns die höchsten je gemessenen „gute Laune“-Werte. Das gilt natürlich nicht für Allein-Erziehende oder für viele Kurzarbeiter.

Dann hat Covid-19 sogar Zufriedenheit hergestellt? 85 Prozent der Menschen billigen die Politik der Regierung. Die 15 Prozent an Unzufriedenen setzen sich zusammen aus Unternehmungslustigen, die ausgehen oder Party machen wollen. Es wird Aufgabe der Politik sein, hier Räume zu sichern. Die anderen Unzufriedenen sind misstrauisch gegenüber dem Staat und seinen Organen. Eine letzte Gruppierung macht es sich sehr einfach. Demnach ist Bill Gates schuld an Corona oder die Chinesen, die das Virus im Labor gezüchtet haben. Man sucht sich Sündenböcke. Die Homosexualität sei die Wurzel aller Seuchen, soll der türkische Religionsminister kürzlich gesagt haben.

Muss die Politik nicht stärker mit fundamentalen gesellschaftlichen Verschiebungen rechnen? Das wird sie tun müssen. Aber die können auch auftauchen, wo wir sie gar nicht vermuten. Wer wird zuerst geimpft, wenn es ein Serum gibt? Was ist mit Infektionen an Schulen? Stellt man die dann unter Quarantäne? Gibt es ständige Tests für Lehrer? Mit Realismus gewinnt man zur Zeit jedenfalls keine Wahl.

Apropos – was würden Sie sich politisch für Köln wünschen? Mehr als Lokalpatriotismus. Köln war nach dem Krieg eine Stadt der Moderne und des Aufbruchs. Vieles war modellhaft. Ein Beispiel: In den 60er Jahren war der 1. FC Köln so vorbildlich aufgestellt, dass Bayern München an den Rhein kam, um zu lernen.