Newsletter vom 22.5.2020

Zu den großartigen Errungenschaften einer offenen Gesellschaft gehört auch die Freiheit, Unsinn zu verbreiten. Darin zeigt sich eine gewisse Souveränität und der feste Glaube, dass Vernunft mehrheitsfähig ist und am Ende siegt.

Doch wie für andere Bereiche auch, wirkt die Corona-Pandemie hier wie ein Katalysator. Ein allmählich gewachsenes grundsätzliches Misstrauen, vor allem gegenüber Politik und Medien, ist der Nährboden, auf dem krudeste Verdächte und Vorwürfe gedeihen. Corona? Eine Medienlüge. Die weltweite Pandemie? Eine Erfindung des Milliardärs Bill Gates. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Seuche? Nichts anderes als der Versuch antidemokratischer Politiker, die Grundrechte zu kassieren.

An diesem Wochenende wird es in unserer Stadt wieder einschlägige Demonstrationen geben. Demonstrationen gehören zu einer gelebten Demokratie wie das Sakrament zur Kirche und der Geißbock zum FC. Und natürlich kann man über Art und Umfang der Corona-Maßnahmen völlig zu Recht streiten, darüber muss eine Gesellschaft sich auch in Kontroversen verständigen. Aber was wir in den letzten Wochen erlebt haben, sieht eher nach Missbrauch dieses Grundrechts aus. Oberbürgermeisterin Henriette Reker twitterte ihre „große Empörung“ und sprach von einer „verschwörungstheoretischen Mischpoke“, die unangemeldet demonstriert habe. Auch Polizeipräsident Uwe Jacob zeigte sich fassungslos und empört. Doch Fassungslosigkeit und Empörung sind wohl kaum taugliche Reaktionen auf eine grobe Verletzung öffentlicher Sicherheit. In einem Brief an den obersten Polizisten der Stadt fragte Günter Otten, der Zeuge der nicht genehmigten Demonstration am 9. Mai war, warum die Polizei nicht eingeschritten sei und resümierte: „Ihre Fassungslosigkeit müsste also Ihrer eigenen Behörde gelten.“

Was wir derzeit erleben ist eine zunehmende Fragmentierung der Öffentlichkeit – übrigens stärker als in anderen, viel heftiger von der Pandemie betroffenen Ländern. Dieser Zerfall von Vertrauen spaltet Familien, Freundeskreise und Gesellschaft. Damit stellt sich die Frage, warum das Vertrauen in Institutionen und Medien so schwindet. Warum, zum Beispiel, ist für eine erschreckend große Zahl von Menschen in unserem Land ein veganer Koch wie Attila Hildmann glaubwürdiger als das Robert-Koch-Institut, ein Tanzlehrer aus einer Castingshow des Privatfernsehens wie Detlef Soost als Experte überzeugender als der Chef-Virologe der Charité? Warum findet ein abgehalfterter Radioreporter wie Ken Jebsen auf YouTube mit seinen bizarren Corona-Falschmeldungen ein Millionenpublikum? Erschütternd dabei ist, dass solche Mythen selbst manch bürgerliche Kreise infiziert haben.

Ohne das Internet und die sogenannten Sozialen Medien wie Twitter, Facebook und Co. ist diese zerstörerische Entwicklung nicht denkbar. Laut einer Studie des renommierten MIT (Massachusetts Institute of Technology) verbreiten sich Falschmeldungen sechs Mal schneller als seriöse Nachrichten und die erfolgreichsten Fake News erreichen etwa tausend Mal mehr Menschen. Die Erklärung der Wissenschaftler: Falschnachrichten sind überraschender als Wahrheiten und lösen Wut, Angst und Empörung aus. Beides fördert in den sozialen Netzwerken das Weiterleiten und kann das gesellschaftliche Klima prägen.

Was also tun, damit unsere Gesellschaft nicht dauerhaft Schaden nimmt? Eine zentrale Rolle nehmen sicher die Qualitätsmedien ein, die sich für das, was sie verbreiten, verantworten müssen. Sie haben in Zeiten des Internet ihre einstige Monopolstellung verloren, aber noch funktionieren sie als moderne Lagerfeuer der Gesellschaft. Wie lange noch, das muss sich zeigen. Die Verlagerung der Werbung ins Internet hat ebenso zu einer wirtschaftlichen Auszehrung beigetragen wie die Gratis-Mentalität des Netzes – warum für Information zahlen, wenn ich sie – scheinbar – auch umsonst bekomme. Der gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk hat es erst einmal besser, steht aber heute unter einem ganz anderen Legitimationsdruck als früher. Zur dauerhaften Existenzsicherung braucht es neben einer ökonomischen Basis maximale Transparenz und hochwertigen Journalismus. Klar ist aber, dass eine Gesellschaft ohne funktionierende Medien nicht funktionieren kann. Noch sind traditionelle Medien wie Kölner Stadt-Anzeiger und FAZ, Deutschlandfunk und ARD mit ihren Angeboten relevante Größen bei Information und Meinungsbildung. Ob sie das in zehn oder zwanzig Jahren noch sein werden, muss sich zeigen. Es liegt an ihnen selbst, ihrer Qualität und ihrer Seriosität, aber auch an uns als Gesellschaft.

Wir versuchen im Kölner Presseclub, auch unseren bescheidenen Beitrag zu einem funktionierenden Gemeinwesen zu leisten. Mit unseren Gästen, unseren Veranstaltungen und Diskussionen wollen wir für Stadt und Region ein offenes Forum sein, relevante Meinungen hören und vielleicht auch weiterentwickeln. Das ist in Corona-Zeiten schwierig, aber, wenn auch eingeschränkt, möglich.

So haben wir am 3. Juni um 18.00 Uhr mit Roberto Campione einen der Herausforderer von Oberbürgermeisterin Reker zu Gast im Presseclub. Das geht zwar nicht in dem gewohnten Format einer öffentlichen Veranstaltung, aber Sie können per YouTube-Livestream teilnehmen und auch vorher Ihre Fragen und Anregungen übermitteln. Ausführliche Details finden Sie in unserem nächsten Newsletter, den wir Ihnen in der kommenden Woche zusenden werden.

Ihnen allen wünsche ich im Namen des Kölner Presseclubs ein möglichst ungetrübtes Wochenende. Bleiben Sie gesund und uns gewogen,

Ihr Michael Hirz