Newsletter vom 26.06.2020

Vor den Ferien, die an diesem Wochenende beginnen, hier noch einmal ein Newsletter. Diesmal haben wir wieder die Interview-Form gewählt und unser Gesprächspartner war Gerald Böse, Vorsitzender der Geschäftsführung der Koelnmesse.

Im Übrigen hören wir Positives aus dem Excelsior Hotel Ernst: Stand heute ist es bald wieder möglich, Veranstaltungen dort zu machen – natürlich unter gewissen Voraussetzungen, die wir vorher mitteilen.

Fürs Erste wünschen wir Ihnen eine schöne Ferienzeit – und natürlich:
bleiben Sie gesund!

„Kölns entscheidendes Asset war, ist und bleibt die gute Erreichbarkeit“

„Köln wird deshalb gestärkt aus dieser Krise hervorgehen“

„Digitale Reichweite wird zum neuen Kriterium für eine erfolgreiche Messe“

„Die Metropolregion Rheinland muss gestärkt werden: kleines Karo führt nicht weiter“

Hildegard Stausberg: Im Messewesen waren bisher traditionell persönliche Begegnungen, Kommunikation und direkter Austausch eine der wichtigsten Geschäfts Faktoren: Gilt das auch nach Corona?

Gerald Böse: Im ersten Halbjahr 2020 ist das klassische Messegeschäft fürs Erste abrupt zum Stehen gekommen: Die Pandemie hat uns von staatlicher Seite ein Berufsverbot auferlegt Das war zu dem damaligen Zeitpunkt die richtige Entscheidung! Jetzt hoffen wir natürlich, dass wir vereinzelt und sehr individuell für verschiedene Messe und Branchen im zweiten Halbjahr die eine oder andere Messe wieder veranstalten können.

Stausberg: Zum Beispiel die ArtCologne?

Böse: Ja, denn die hat natürlich den Vorteil, dass sie dieses mal erst im November stattfindet. Und da wir – von Hause aus – Berufs Optimisten sind, gehen wir davon aus, dass bis dahin alle gelernt haben, mit diesem Virus zu leben und mit ihm richtig umzugehen: Wir werden uns also strikt im Rahmen der Vorschriften und Gesundheitsauflagen bewegen. Das ermöglicht dann – hoffentlich – auch wieder ein persönliches Miteinander.

Stausberg: Die Koelnmesse ist traditionell eine der wichtigsten Verbindungen der Domstadt ins Ausland: Wird das so bleiben?

Böse: Funktion einer Messe ist es, ein internationaler Handelsplatz zu sein. Wir finden nun aber in verschiedenen Ländern und Regionen sehr unterschiedliche Voraussetzungen dafür vor. Wir sind optimistisch im Hinblick auf den Schengen Raum, also unsere unmittelbaren europäischen Nachbarn. Diese dürfen ja auch wieder verstärkt reisen. Und da kommt mal wieder der geographischen Lage Kölns eine besondere Bedeutung zu: Fast von jedem europäischen Land aus kann Köln mit dem Auto erreicht werden – in wenigen Stunden oder einer halben Tagesreise. Wer also nicht fliegen will oder kann, setzt sich ins Auto und schafft es an den Rhein. Das ist natürlich für die Messeplätze in Nordrhein-Westfalen von unschätzbarem Vorteil.

Dennoch haben wir weiterhin Reisebeschränkungen aus Drittländern – so etwa der Türkei, China, Nordamerika, Lateinamerika: Auf deren Präsenz werden wir im zweiten Halbjahr leider weiter verzichten müssen.

Stausberg: Internationale Wirtschaftswissenschaftler debattieren über einen „Trend zur De-Globalisierung“: Gibt es den? Oder werden wir nicht doch weitermachen wie bisher?

Böse: Es scheint mir klar: Ein weiter wie bisher wird es nicht geben! Dazu hat sich auch in den Köpfen der Menschen in den letzten Monaten zu viel verändert. Deshalb wird der Trend fürs Erste hingehen zu den kontinentalen Leitmessen und nicht mehr so stark zu den globalen. Da es einige Jahre dauern wird, bis wir die Pandemie und ihre Auswirkungen im Griff haben, werden wir außerdem in Deutschland und Europa einen Konsolidierungseffekt unter den Messen erleben.

Schließlich werden viele Unternehmen sich in Europa und Deutschland nicht mehr mehrere Auftritte gleichzeitig erlauben können. Auch aus finanziellen Gründen wird man sich also auf die Messen konzentrieren, die den meisten Mehrwert bieten – sowohl was das geschäftliche Ergebnis angeht wie auch den Innovationsgrad. Das wird noch verstärkt durch die viele n Messeverschiebungen, die wir vornehmen mußten: Der weltweite Messekalender ist komplett aus dem Rhytmus! Und das Ergebnis wird ein gewisser Messe-Darwinismus sein, was wir gerade auch im Bereich der Kunstmessen sehen.

Stausberg: ArtCologne Chef Daniel Hug hat deshalb auf die Bedeutung der Rheinischen Sammler Szene hingewiesen.

Böse: Das kann ich nur unterstreichen. Wir haben auch vor der absoluten Globalisierung exzellente Messen gemacht. Es gab immer grenzüberschreitenden Handel, der auch dort besonders stark war, wo eine Affinität des Publikums zu bestimmten Themen war. Und das bleibt weiterhin relevant. Es setzt ja auch ein Umdenken in Unternehmen ein: Diese Exzesse des mal eben für ein Meeting nach Singapur Fliegens verbieten sich in Zukunft – auch durch den Nachhaltigkeitsgedanken und die Auflagen von Good-Governance.

Bei Messen werden dem hingen die im Umfeld stattfindenden Konferenzen eine immer größere Rolle spielen: Der Trend wird dahin gehen, Messen mit Konferenzen zu verbinden, bei denen nicht nur das aktuelle Messegeschäft stattfindet, sondern eben auch Zukunftsthemen beleuchtet werden. 2024, wenn wir die 100 Jahr Feier begehen, werden wir mit unserem Konferenzzentrum am Markt sein: Damit wird Köln gestärkt aus der Krise hervorgehen!

Stausberg: Eine der wichtigsten internationalen Messen ist die alle zwei Jahre stattfindende Landwirtschaftsmesse Anuga. Nun hört man immer wieder, dass die Mehrheit der Deutschen sich mehr lokale, also deutsche Produkte wünscht: Was bedeutet das für diese Messe?

Böse: Die Frage nach Autarkie wird uns zunehmend mehr beeinflussen – und zwar nicht nur bei Lebensmittel. Auch bei Arzneimitteln, medizinischem Zubehör, Schlüsselindustrien der Energieversorgung und der Infrastruktur ist das der Fall. Allerdings muss man feststellen, dass wir in der Ernährungsbranche dem Trend zum Regionalen nur bedingt nachgeben können.

Im Bereich der Fleischwirtschaft wiederum zeigen die schrecklichen Entwicklungen der letzten Wochen, dass nicht nur ein Produkt, sondern auch die Herstellungsweise mehr in der Vordergrund gerückt werden muss.

Stausberg: Was passiert mit den Anuga Nebenmessen im Ausland?

Böse: Mit viel Glück haben wir in Brasilien – zum zweiten Mal – noch die Anufood anfang dieses Jahres hinter uns gebracht. Im Moment ist in Brasilien nicht daran zu denken, Veranstaltungen dieser Art durchzuführen. Unsere Kolumbien Messe Alimentec haben wir demhingegen ins nächste Jahr verschoben. In China gehen wir dann erstmalig in das neue Messegelände in Shenzhen. Wir haben uns Alternativen geschaffen – und gehen davon aus, dass wir diese Messen auch weiter durchführen.

Stausberg: Wird der Digitalisierungs Schub, den wir gerade erleben, neue Messefenster eröffnen?

Böse: Im August dieses Jahr können wir auf Grund der Verbots von Großveranstaltungen keine Gamescom machen. Die Gamescom findet allerdings statt – aber total digital: Wir machen ein Live Event mit den Innovationen und dem Content der Gamescom insgesamt. Da ballt sich dann in den vier Tagen alles, da werden dann auch die neuesten Spiele präsentiert, die aber auch vor der Messe und während der Messe ein interaktives Angebot bedienen. Die digitale Reichweite eine physischen Messe wird dadurch ein völlig neuer Erfolgsfaktor.

Früher waren der Anteil der Aussteller und die Teilnehmerzahl ein entscheidendes Erfolgskriterium. In Zukunft wird der dritte Faktor, die digitale Reichweite, als immer wichtiger werdende Kennzahl für das Messegeschehen dazu kommen.

Stausberg: Wie misst man eine digitale Reichweite?

Böse: Da gibt es standardisierte Messungsmöglichkeiten – also nicht nur Klick Zahl, sondern auch deren Länge und Dauer. Schon beim letzten Mal hatten wir bei Gamescom im August 2019 über 100 Millionen Views. Da werden wir im August dieses Jahres nun neue Maßstäbe für die ganze Messebranche setzen, da gerade dieses Produkt so digital affin ist wie kein zweites. Sowohl bei Gamescom aber auch später bei der Imexco entwickeln wir damit Blaupausen für weiteres Messeprogramm.

Stausberg: Wo sollte die Stadt der Messe noch mehr entgegenkommen?

Böse: Entscheidend ist, dass die Verkehrsinfrastruktur für unsere Besucher nicht noch mehr beschnitten wird. Im Gegenteil, es muss für unsere Messeteilnehmer leichter gemacht werden, uns zu erreichen. Wenn ich da von den Plänen der Lufthansa höre, sich von den Flughäfen Köln und Düsseldorf zu verabschieden, wird mir ganz schwummerig: Wir brauchen nach wie vor die Anschlüsse nach außen – egal ob zu Wasser, zu Lande oder zur Luft. Die Messe muss einfach erreichbar gehalten werden.

Die Verkehrsinfrastruktur für unsere Besucher muss offen gehalten werden, da darf man nicht zu viel reglementieren und gar beschneiden. Genau das ist ja das eigentliche Asset von Köln: Die Erreichbarkeit – und die darf man nicht behindern.

Stausberg: Wäre es für die Messe von Vorteil, den Hauptbahnhof auf die rechte Rheinseite zu legen?

Böse: Wir sind erstmal froh, dass Landesregierung und Stadt den Ausbau des Bahnknotenpunkt Köln als eine der wichtigsten Infrastrukturmaßnahmen erkennen und vorantreiben. Da merkt man natürlich schon, dass NRW nach dem Regierungswechsel vor allem in Berlin ein stärkeres Gewicht bekommen hat. Der Ausbau des Deutzer Bahnhofs ist dabei von entscheidender Bedeutung. Vor sind froh, wenn die drei Milliarden, die dafür vorgesehen sind, kommen.

Der Bedeutung des Bahnknotenpunkts Köln wird damit endlich Rechnung getragen als wichtigste Nord-Süd und Ost-West Achse Rechnung: Wir werden eines der ganz wenigen Konferenzzentren in Europa sein mit einem eigenen ICE Anschluss: Das ist ein Riesenpfund!

Stausberg: Und wie steht es um die Hotels?

Böse: Wir haben uns in den letzten Jahren bemüht, mehr Projekte nach Köln zu holen – auch auf der ExpoReal. Das ist uns zum Teil gelungen – wahrscheinlich geht es da um 8 bis 10 neue Häuser. Aber die allgemeine Situation im Moment ist natürlich nicht förderlich in neue Hotelketten zu investieren. Da gibt es jetzt einen Dämpfer. Dennoch bin ich der Meinung, dass mit dem neuen Konferenzzentrum und dem dann top modernisierten Messegelände in der Innenstadt Kölns ein absolut toller Platz für Investitionen ist.

Stausberg: Wie wirkt sich Corona konkret auf die Koelnmesse aus?

Böse: Bei der Messe hatten wir über die gesamte Dauer der Corona Zeit fünf Krankheitsfälle – dabei ist es geblieben. Alle fünf sind wieder wohlauf. Wir haben umgestellt auf mobiles Arbeiten zuhause. Kurzarbeit haben wir schnell realisiert – auch in Absprache mit dem Betriebsrat. Einige Abteilungen arbeiten aber wie bisher, so Strategie, Finanzen, Recht, Personal – natürlich auch Geschäftsführung und Führungskräfte. Wir denken die ganze Zeit darüber nach, wie wir diesen Laden weiter am Laufen halten. Wir haben in letzten Jahren gut gewirtschaftet und dadurch eine gute Cash-Situation und hohe Eigenkapitalquote, die es uns ermöglicht, über die nächsten Monate zu kommen ohne Unterstützung der Gesellschafter. Das ist bei anderen Messeplätzen schon seit Wochen anders.

Wenn ich da an Berlin, Nürnberg oder Essen denke, die mußten schon längst von ihren Gesellschaftern entsprechende Mittel zur Verfügung gestellt bekommen Wir schaffen das in den nächsten Monaten noch aus eigener Kraft. Nur wenn der Motor nicht wieder anspringt, müssen auch wir über entsprechende Kapitalmaßnahmen der Gesellschafter nachdenken, entweder Eigenkapitalerhöhung oder Gesellschafterdarlehen – beides ist da denkbar. Wir werden als Koelnmesse unseren Beitrag leisten müssen, was das Thema Kosten angeht. Wir haben keine Absicht, Mitarbeiter zu entlassen. Allerdings kam es nicht zu den über 50 Neueinstellungen, die für dieses Jahr geplant waren. Wir stehen da, wo wir nach der Finanz- und Wirtschaftskrise begonnen hatten. Neu ist jetzt: Es hat alle Bereiche und alle Regionen der Welt gleichzeitig getroffen. Jetzt muss alles unterstützt werden, um die Lage überall wieder ans Laufen zu bringen.

Stausberg: Wird China und Asien jetzt zu den regionalen Schwerpunkten der Koelnmesse?

Böse: Ja, eindeutig. Aber wir verlieren Südamerika nicht aus dem Auge und sehen auch da große Unterschiede, wenn man zum Beispiel sieht, wie umsichtig Kolumbien mit der Krise umgeht. Wir glauben nach wie vor an Brasilien, da haben vor drei Jahren unsere Tochtergesellschaft gegründet, die ist schon durch eine schwierige Zeit gegangen, jetzt wird es nochmals schwieriger, deshalb haben wir auch personell Anpassungen vorgenommen. Wir wollen Brasilien nicht aufgeben, aber es wird natürlich erst einmal alles diesem Corona Thema untergeordnet.

Stausberg: Haben Sie noch ein besonderes Anliegen?

Böse: Wir würden uns wünschen, dass die Metropolregion Rheinland – mit Köln in der Mitte – intensiver begreift, wie sehr alles mit allem zusammenhängt. Hier macht es Sinn, auch über Kooperationen nachzudenken, die man vielleicht vor ein paar Monaten noch gar nicht in Erwägung gezogen hätte. Wir jedenfalls setzen auf die Stärkung der Metropolregion Rheinland. Nicht zuletzt weil wir glauben, dass der globale Druck zunehmen wird.

Wir brauchen Investitionen und Unternehmen, die sich in diesem Raum ansiedeln wollen. Das wird auch der Messe wieder gut tun. Die Herausforderungen sind riesig – nicht zuletzt mit dem Ruhrgebiet. Deswegen ist es an der Zeit, über den eigenen Horizont hinaus zu schauen: Das häufig kleine Karo hier am Rhein wird uns jedenfalls nicht weiterführen!

Ihre Dr. Hildegard Stausberg