Newsletter vom 27.11.2020

Wie können wir gut zusammenleben, wenn wir uns ständig auf die Palme bringen?

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

vor einigen Tagen hat mich ein Leserbrief im „Kölner Stadt-Anzeiger“ nachdenklich gemacht. „Satire darf nicht alles“, schreibt Christel Neudeck darin. Sie dürfe vor allem nicht die religiösen Gefühle von Gläubigen – gleich welcher Religion – in den Dreck ziehen. Sie wünsche sich eine offene Auseinandersetzung darüber, was erlaubt und was einfach nur ekelhaft ist.

Mich erinnerten die Zeilen der Witwe von Rupert Neudeck an die Wochen nach dem 7. Januar 2015. Islamistische Kriminelle hatten ein Massaker in der Redaktion der Pariser Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ verübt. Zwölf Menschen starben. Auslöser waren die Mohammed-Karikaturen des Blattes. Viele waren primitiv, hetzerisch und geschmacklos – doch niemals ein Grund, zum Mörder zu werden. Als Reaktion brachten weltweit Zeitungen diese Zeichnungen auf ihrer Titelseite. Tenor: Wir lassen uns nicht von Kriminellen diktieren, was wir bringen.

Im Kölner Stadt-Anzeiger – damals war ich Chefredakteur – druckten wir einige der Abbildungen auf hinteren Seiten. Unsere Leser mussten wissen, worum es bei diesen Karikaturen geht. Aber warum sollten wir beleidigende Zeichnungen auf der Titelseite bringen? Indirekt würden wir den Islamisten in die Hände spielen, wenn wir Muslime provozieren, jedoch kriminelle Elemente meinen. Diese Logik leuchtete nicht ein. Eine Leserin zieh uns der Feigheit und ich antwortete, dass die Platzierung solcher Zeichnungen – jedenfalls hier – wenig mit Mut oder Feigheit, sondern eher mit dem jeweiligen Verständnis von Respekt und Anstand zu tun hat. Es gehört sich generell nicht, Religionen und deren Anhänger zu verspotten. Übrigens eine der Grundlagen des Vielvölkerstaates USA. Die New York Times und viele andere Blätter sahen davon ab, die Bilder aus Frankreich zu publizieren, wo die Trennung von Staat und Religion wiederum scharf wie mit der Rasierklinge gezogen ist.

Ist jetzt die Zeit dafür, solche Debatten zu führen?, fragte ich Christel Neudeck, eine resolute, klar formulierende Frau. Ohne sie hätte der Intellektuelle Rupert Neudeck nicht die Kraft und Wirkung entfaltet, die ihn aus dem heimischen Wohnzimmer in Troisdorf ein Schiff – die Cap Anamur – chartern und vietnamesische Bootsflüchtlinge retten ließ. Hat es nicht gerade erst wieder verstörende Angriffe von Islamisten in Frankreich gegeben? Ein Lehrer wurde enthauptet! Wird eine solche Debatte nicht als Zurückweichen vor Extremisten verstanden? „Gründe, etwas nicht zu tun, findet man immer“, antwortete die heute 77jährige. Aber was sei gewonnen, wenn man Gläubige kränke, es tatsächlich aber um Verbrecher gehe, mit denen der Staat nicht konsequent genug umgegangen sei. Natürlich dürfe Satire juristisch alles. Ihr aber gehe es darum, ob das auch mit Werten wie Anstand und Respekt in Einklang zu bringen sei.

„Wie wollen wir gut zusammen leben, wenn wir einander ständig auf die Palme bringen?“, fragte sie und das ist es, was ich an Christel Neudeck so schätze. Sie spricht unverblümt, in einfachen und damit um so wirkungsvolleren Worten. Ihre Mahnung an den Ehemann – „Rupert, sprich so, dass ich es verstehe“ – ist Legende. In unserem Telefonat zitierte sie sinngemäß Alexander S. Neill, der „Theorie und Praxis der Anti-Autoritären Praxis“ schrieb, den Kult-Bestseller aus den 60er Jahren: Die Freiheit des Einzelnen hört dort auf, wo die Freiheit des anderen beginnt. Deshalb, so Christel Neudeck, dürfe – jedenfalls für sie – Satire eben nicht alles. Vor allem sollte sie nicht die Gesellschaft polarisieren.

Ich zitiere den letzten Satz aus ihrem Leserbrief: „Wer bei uns lebt, muss unser Grundgesetz achten. Wer das nicht tut, muss die gerichtlichen Folgen tragen.“

Corona und die Folgen

Noch beherrschen Regeln, Gesetze und der Kampf um Impfstoffe die Schlagzeilen. Doch die fundamentalen Veränderungen, vor denen unsere Gesellschaft steht, erahnt man, wenn man akribisch die Medien liest und sieht, wo Ladenlokale leer geräumt sowie Restaurants nur noch tot wirken. Matthias Zachert, Chef von Lanxess, hat dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ eine interessante Zahl genannt. Der Lanxess Tower, den Sie von der Deutzer Rheinseite kennen, hat bislang eine Kapazität von 1200 Mitarbeitern. Nach der Corona-Pandemie und bei dem aktuellen Trend zum „Home Office“ könnte dort Platz für 2000 Angestellte sein, orakelt der Manager – denn die neue, Nach-Corona-Belegschaft, arbeitet mal zu Hause und mal im Büro. Diese Institutionalisierung von „Home Office“ bedeutet: Es herrscht künftig ein Überangebot an Büroraum, die Fahrgastprognosen des öffentlichen Nahverkehrs sind Makulatur, Einzelhändler im Umland machen mehr Umsatz, die in den Metropolen weniger. Die Online-Versender boomen. Formale Bürokleidung? Braucht man eher nicht mehr. Für die Video-Konferenz mit dem Chef reicht ein Jackett. Anders gesagt: wir werden nicht dort weitermachen, wo wir vor Corona aufgehört haben.

Ich weiß, wovon ich rede. Schließlich sitze ich in Jeans, bequemen Schuhen und einem Baumwollpulli vor dem Computer und tippe diesen Newsletter!

Ein schönes Wochenende wünsche ich Ihnen! Bleiben Sie negativ!

Herzlich
Ihr

Peter Pauls