Newsletter vom 30.10.2020


Corona und kein Ende…

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs!

Die Hiobsbotschaften prasseln auf uns ein in diesen Tagen – und gleich von allen Seiten: Immer mehr Corona Infizierte, immer mehr Tote, damit immer mehr Einschränkungen und Kontakt Beschränkungen. Niemand weiß mehr, wo wir in den nächsten Wochen stehen: Ein neuer Lockdown kommt, das ist sicher. Bringt er uns die erhofften Ergebnisse? Und falls nicht: Was folgt dann? Und falls doch: Kann man ihn dann irgendwie „abfedern“ und besser lokal „dosieren“?

Für Köln steht schon jetzt außerdem fest, dass es den offiziellen Karnevalsauftakt am „11. im 11.“ nicht geben wird. Frau Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat die Devise ausgegeben „Drink doch keine met“ und hofft, dass auch auf private Feiern verzichtet werde. Unsere Römer hätten das wohl so kommentiert: Mortii dum spirant sperant!

Aber vielleicht besinnt sich die in den letzten Jahren immer besinnungsloser feiernde „Party-Stadt“ Köln ja doch noch darauf, dass nach den vielen Jahren des „immer mehr“ nun eine Phase des „viel weniger“ begonnen hat. Ob die Stadt, beziehungsweise ihre Menschen, damit klar kommt? Es wäre uns allen zu wünschen, schließlich ist unsere Rolle als schmuddeliger „Tresen der Republik“ doch eigentlich nur noch schrecklich!

Aber denken wir jetzt erst mal an dieses Wochenende. Da scheint jedenfalls eines sicher: Das aus den Vereinigten Staaten zu uns nach Europa herüber geschwappte „Halloween“ soll in diesem Jahr nicht stattfinden. So jedenfalls ließ sich Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) zitieren. Sie schloss sich damit einer Forderung der Kinder- und Jugendärzte an, die zu einem Verzicht auf Umzüge am Abend des 31.10. drängen, also am jetzigen Samstag.

Diesmal also kein „Gänsehaut-Fest“ mit „Horror-Bags“ und schwarzen Fledermauskostümen, mit Kürbis-Laternen, Hexenhüten und Zauberstäben. Das ist nicht nur schmerzlich für Kinder und Jugendliche, sondern auch für einen ganzen – aus dem Harry Potter Kult entstandenen – Wirtschaftszweig. Immerhin kauften Halloween begeisterte Deutsche im vergangenen Jahr Schminke, Deko-Artikel, Süßigkeiten und Kostüme für über 320 Millionen Euro. Das sind allerdings immer noch Peanuts im Vergleich zu den Ausgaben der Amerikaner für Halloween, die sich im gleichen Zeitraum auf über acht Milliarden Dollar beliefen, eine geradezu unglaubliche Summe!

Aber vielleicht hat diese Halloween freie Zeit ja auch etwas Gutes. Wir können uns zurückbesinnen auf andere, in unserem Kulturkreis entstandene und zu ihm passende Feste: Den Reformationstag etwa und natürlich Allerheiligen. Gerade letzteres Fest ist in unserem Rheinland traditionell immer noch stark verankert – und das ist auch gut so!

Aber wir müssen uns auch schonungslos eingestehen, dass in unserer traditionellen Friedhofskultur viel in Bewegung geraten ist. Dazu gehört auch, dass sich längst immer weniger Menschen auf Friedhöfen beerdigen lassen und nun die Form anonymer Bestattungen bevorzugen. Das allerdings bedeutet das Aus für eine Jahrhundertealte, kulturell gewachsene Bestattungsform, die konstitutiver Bestandteil ist unseres christlichen Abendlandes.

Rolf Dunkel, Steinmetz aus einer alten Kölner Steinmetzfamilie und letzter Mitbesitzer des Traditionsunternehmens Steinmetzhütte Dunkel, bringt es auf den Punkt: „Vor einem halben Jahrhundert haben sich die Kölner noch darum gebalgt, auf Melaten beerdigt zu werden, jetzt werden immer mehr Gräber einfach aufgegeben und es gibt freie Grabstätten ohne Ende“. Das liegt für Dunkel auch an der ehemaligen Stadtkonservatorin Renate Kaymer. Diese war jahrelang entschieden gegen das innovative Modell der Patenschaften für alte Gräber, das der Kunsthistoriker Johannes Ralf Beines und Hiltrud Kier, ehemalige Stadtkonservatorin und Generaldirektorin der Museen der Stadt Köln, initiiert hatten. Die Aufgabe des Patenschaftsmodells über viele Jahre habe einen Trend gestoppt, schön gestaltete Gräber, die meist nach dem Aussterben der Familien aufgegeben worden waren, wieder neu zu nutzen. Dunkel bedauert außerdem, dass viele Stadtkonservatoren heute immer häufiger nur noch „vergeistigte Intellektuelle“ seien und zu wenig konkret dächten und umsetzten. Zum Glück aber habe Melaten unter den Kölner Friedhöfen eine absolute Sonderstellung: „Den Kölnern ist der Dom eine Herzensangelegenheit – und eben auch Melaten“.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich noch niemand ernsthaft mit dem Thema „Digitalisierung von Melaten“ beschäftigt hat. Ein überaus gelungenes Beispiel für die Digitalisierung eines Friedhofs findet man in Dublin. In unmittelbarer Nähe der irischen Hauptstadt liegt der Friedhof Glasnevin. 1832 auf stattlichen 50 Hektar angelegt, sind dort mittlerweile gut 1,5 Millionen Iren begraben – die beeindruckende Zahl von 200.000 individuellen Grabsteine gibt davon beredtes Zeugnis!

Glasnevin war immer schon ein Magnet für Iren aus aller Welt. In den letzten Jahren allerdings hat das Angebot der „Online Genealogy“ den Friedhof noch attraktiver werden lassen – vor allem und gerade auch für jüngere Besucher! Was wurde gemacht? In Glasnevin hat man schon vor geraumer Zeit damit begonnen, die kompletten Archive aller dort jemals bestatteten Toten zu digitalisieren. So ist das größte digitale Friedhofsarchiv Europas entstanden!

Wie nutzt man das konkret? Beim Besuch des Friedhofs erwirbt man ein Ticket für das Friedhofsmuseum und, wenn man will, noch einen Coupon mit einem individuellen Zugangscode. Über diesen „Genealogy Voucher“ loggt man sich dann ein in einen von mehreren Computern. Diese stehen in einem Raum, der dem dazugehörigen Friedhof Restaurant vorgelagert ist. Denn: ein Besuch in Glasnevin darf eben auch unter kulinarischen Gesichtspunkten Freunde machen. „Trace Your ancestry!“ steht in großen Lettern an der Wand: „Erforschen Sie Ihren Stammbaum!“. Was für ein Einfall: Man kombiniert einen Friedhofsbesuch mit der eigenen Ahnenforschung. Aber natürlich digital, „Online Genealogy“ halt.

Aufmerksam geworden bin ich auf diesen Friedhof übrigens vor geraumer Zeit bei einer Fachmesse für Museen, Konservierung und Kulturerbe (Exponatec) in der Kölner Messe: Das irische Friedhofsmuseum von Glasnevin bekam damals hier am Rhein – wohlverdient – einen ersten Preis für seine attraktive Museumsausgestaltung.

Da mein Neffe Daniel viele Jahre in Dublin gearbeitet hat, habe ich ihn dort besucht – und natürlich endlich auch den Friedhof Glasnevin und sein Museum: Ich war beeindruckt!

Seitdem träume ich davon, dass wir so etwas auch in Köln beim Melatenfriedhof umsetzen. Dieser besteht seit über 200 Jahren und hat gut 55.000 Grabstätten. Viele berühmte Kölner wurden hier ebenso beerdigt wie ganz normale „Kölsche“. Und natürlich gibt es uralte, alte und neue Verzeichnisse der Verstorbenen. Aber eben noch keine digitale Erfassung der hier bestatteten Toten – und damit eine Verschränkung der Namen aller Verstorbenen.

Und jetzt, wo sich die Digitalisierung – nicht zuletzt unter dem Druck von Corona – immer mehr durchsetzt, könnte man gleich noch eine App dazu anbieten. Mit der liefe man dann über den Friedhof und die App sagt einem, welche Persönlichkeiten wo hier seit wann begraben liegen.

Das schließt natürlich nicht aus, dass man auch weiterhin die herrlichen Führungen von Günter Leitner und anderen mitmacht, um damit viel über Melaten zu erfahren. Aber eine App stünde einem halt immer zur Verfügung – und nicht nur nach Vereinbarung. Und über die Digitalisierung des alten und neuen Grab Bestandes würde so mancher Kölner vielleicht erfahren, welche Vorfahren, von denen er gar keine Kenntnis mehr hatte, auch auf Melaten lagen – oder vielleicht noch liegen . . .

Nach so viel Digitalem wünsche ich Ihnen, ganz analog, ein besinnliches Wochenende!

Herzlich

Ihre

Hildegard Stausberg