Newsletter vom 5.11.2020


Drama rund um die US-Wahlen

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

bei aller (berechtigten) Klage darüber, dass Kinos und Theater derzeit geschlossen sind, vergessen wir manchmal, dass die spannendsten Stücke im richtigen Leben aufgeführt werden. Daran erinnert uns gerade das Drama rund um die US-Wahlen. Es hat alles, was ein klassikertaugliches Stück braucht: Einen komplexen Plot, ausgefeilte Figuren, gelungene Rollenbesetzungen. Doch anders als im Kino oder Theater können wir uns, wenn der Vorhang zugezogen wird, nicht wohlig zurücklehnen und entspannen. Denn was in den USA passiert, hat Einfluss auf unser Leben, unsere Sicherheit, unseren Wohlstand. Und Entwicklungen in der Neuen Welt, das haben wir gelernt, sind nicht selten eine Vorwegnahme dessen, was auch uns bevorsteht. Ein Grund mehr, sich intensiv damit zu beschäftigen, was in den USA gerade vor sich geht.

Für den Kölner Presseclub war das allemal Anlass genug, einmal da nachzufragen, wo es jenseits aller tagesaktuellen Aufgeregtheiten Verständnishilfen gibt für das, was als Schauspiel von globaler Bedeutung in den USA gerade aufgeführt wird. Mit dem Politikwissenschaftler Dr. Andrew B. Denison vom Thinktank Transatlantic Networks und dem Psychologen, Strategieberater und Rheingold Salon-CEO Jens Lönnecker haben wir die Expertise zweier ausgewiesener Experten, die das Geschehen politisch und gesellschaftspsychologisch einordnen können – über den Tag hinaus und mit interessanten Erkenntnissen auch für uns hier in Deutschland. Auszüge aus den Gesprächen finden Sie hier: im Presseclub Digital.

Andrew B. Denison erläutert darin die politischen Ursachen für das Phänomen Trump, der trotz notorischer Lügen, Brechens aller Anstandsregeln, Sexismus und massiver Fehler bei der Pandemie-Bekämpfung auch nach vier Jahren Präsidentschaft immer noch fast die Hälfte der US-amerikanischen Wahlbevölkerung hinter sich vereinen kann – mit sogar gewachsener Zustimmung von ethnischen Minderheiten wie Latinos, Schwarzen und anderen. Sein differenzierter Blick auf die USA hilft, von groben Schwarz-Weiß-Deutungsmustern zu lassen.

Jens Lönnecker öffnet uns den Blick über Trump und den Trumpismus hinaus auf uns selbst: Werfen wir dem amerikanischen Präsidenten Doppelmoral und inkonsistentes Verhalten vor, müssen wir uns eingestehen, dass auch wir keineswegs frei davon sind – ob bei Klimaschutz, Fleischkonsum oder Flüchtlingsfrage reden wir oft anders, als wir denken und handeln. Auch ist Donald Trump mit seinem intuitiven, sprunghaften Politikstil geradezu ein erfolgreiches Rollenmodell für Politiker vom Schlage eines Boris Johnson, Viktor Orbán oder Recep Tayyip Erdogan. Dazu haben die geschickte Nutzung der sogenannten Sozialen Medien ebenso beigetragen wie die abnehmende Bedeutung der traditionellen Medien, also der Zeitungen, des Rundfunks und Fernsehens. Die bislang tonangebenden Eliten, sagt Lönnecker unter Berufung auf seine Studien, hätten beim Kampf um die Deutungshoheit den Anschluss verpasst. So gesehen sind Trump und Co. nicht etwa hinterwäldlerisch und von gestern sondern – Avantgarde.

In Abwandlung eines Spruchs aus dem Kalten Krieg bedeutet das also, von den USA lernen heißt siegen lernen. Siegen lernen, indem man Fehlentwicklungen wie die Spaltung einer Gesellschaft frühzeitig erkennt und gegensteuert. Indem man selbstkritisch das eigene Denken und dann Handeln von Widersprüchen befreit. Wichtig ist es, die Ränder einer Gesellschaft nicht ausfransen zu lassen und eine gemeinsame Sprache, einen breiten öffentlichen Diskurs wieder herzustellen.

Es besteht also nicht der geringste Anlass, angesichts der Ereignisse in den USA überheblich den Kopf zu schütteln. Wir sollten sie vielmehr als ein Frühwarnsystem nutzen. Kluge Stimmen wie die von Jens Lönnecker und Andrew B. Denison können uns dabei mit ihren Erkenntnissen den Weg ein wenig ausleuchten. Gehen müssen wir ihn selbst.

In diesem Sinne grüßt Sie sehr herzlich

Ihr
Michael Hirz