NEWSLETTER 19.09.2025

Über die Illusion von Wohlstand, Erfolge der Vergangenheit und wirkungslose Subventionen 

 

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

ein bisschen 1. FC Köln steckt in ganz Deutschland: Gefühlt immer Champions League, tatsächlich aber mal Erste und mal Zweite Liga. Das ist natürlich etwas ungerecht gegenüber dem Fußballclub, der aktuell sicher besser dasteht als das Land. Doch das gerne von Politikern genutzte Bild vom „reichen Land“ ist statisch und soll die Dynamik einer Entwicklung verschleiern, in der Deutschland seine Wohlstandsillusion zunehmend auf Pump finanziert und dabei ist, international den Anschluss zu verpassen.

Die Grundlage für den Aufstieg zur großen Industrienation wurde im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert gelegt. Ob in Pharmazie oder Chemie, ob in Medizin oder Automobilbau, Wissenschaft und Unternehmertum machten das Land zu einem Hotspot für Innovation und Erfindungsreichtum. Ohne diese Leistungen der Vergangenheit lebten wir in einer ärmeren Gegenwart. „Durch Forschung entsteht Innovation, durch Innovation entstehen Unternehmen, durch Unternehmen entsteht Reichtum und damit Beschäftigung und sozialer Frieden“, bringt es Jürgen Hescheler auf den Punkt. Als umtriebiger Wissenschaftler der Uni Köln hat der international renommierte Stammzellforscher einen guten Überblick.

Und heute? Scheint in Vergessenheit geraten zu sein, dass die Voraussetzung für innovative Produkte Forschung und Entwicklung ist. In Rankings schafft es die einstige Wissenschaftsnation nur noch auf mittlere Plätze. „Unter den Top-Unis der Welt findet sich keine deutsche“, sagt Hescheler bedauernd. Für ein Land ohne Bodenschätze, das von den Köpfen seiner Bewohner leben muss, kein ermutigendes Signal. Köln mit seiner großen Uni-Tradition hat offensichtlich auch noch Luft nach oben. Den Exzellenz-Status hat die Hochschule verloren und schneidet im Vergleich zu Bonn oder Aachen schlechter ab. Dort spielen die Hochschulen im städtischen Leben allerdings auch eine wichtigere Rolle, während in Köln Fußball oder Karneval die Aufmerksamkeit zu absorbieren scheinen.

Jürgen Hescheler, Direktor des Instituts für Neurophysiologie und als Schüler Bundessieger im Wettbewerb „Jugend forscht“ im Fachgebiet Mathematik/Informatik, sieht in seiner Analyse des Wissenschafts- und Forschungsstandorts Deutschland ein ganzes Bündel von Ursachen für den Abstieg des einstigen Primus: Die finanzielle Ausstattung der Hochschulen hat mit der rapiden Zunahme von Studierendenzahlen nicht Schritt gehalten, auch hat die Inflation einen Teil der zusätzlichen Mittel (von 19 Mrd. Euro 2005 auf 35 Mrd.) aufgefressen. Um Forschungsprojekte zu finanzieren, sind sog. Drittmittel notwendig, also Gelder von externen Einrichtungen. Das scheitere allerdings oft an einengenden Vorschriften und bürokratischer Überregulierung.

Die massive quantitative Expansion des Hochschulsektors mit deutlich mehr als 400 Universitäten, Fach- und anderen Hochschulen ist seines Erachtens auch auf Kosten der Exzellenz gegangen. Masse statt Klasse eben. Das ist „Diversifizierung auf Kosten der Fokussierung“. Mit dem Ergebnis von Qualitätsverlusten. Auch deshalb spielt Deutschland nicht in der Liga von Oxford, Harvard, Stanford oder MIT.

Der Transfer von Forschungsergebnissen in die Wirtschaft läuft hierzulande schlechter als anderswo, diagnostiziert Prof. Hescheler. „In der Grundlagenforschung sind wir nach wie vor sehr gut. In der Umsetzung in Produkte eher nicht.“ Viele junge Wissenschaftler ziehe es deshalb ins Ausland, wo sie bessere Arbeitsbedingungen und eine aussichtsreichere Perspektive hätten.  Die Hoffnung, dass US-Wissenschaftler wegen Trumps erratischer Politik nach Deutschland kämen, teilt Jürgen Hescheler nicht: „Dafür sehe ich keinerlei Anzeichen. Länder wie China sind da erheblich attraktiver.“

Auch beklagt er die zu geringe Risikobereitschaft von hiesigen Kapitalgebern, die immer gerne vorab eine Erfolgsgarantie hätten. Das machte es letztlich auch den Start-ups im Umfeld der Hochschulen das Überleben schwer. Das sei in anderen Ländern deutlich anders.

Wir haben noch über viele andere Themen aus diesem Komplex gesprochen, über den Sinn von Studiengebühren, ein wünschenswertes Kooperationsgebot, damit der Bund sich an der Finanzierung der Hochschulen beteiligen kann und vieles mehr. Beeindruckt hat mich aber der Hinweis auf eine andere Mentalität, eine andere Lernhaltung in Ländern wie China oder den USA. Vor allem China, wohin Jürgen Hescheler intensive Beziehungen pflegt und wo er 2009 die Ehrendoktorwürde erhielt, hat ihn beeindruckt. Ungeheuer fleißig seien die Studierenden, Entscheidungen kämen schnell und verlässlich, das Land investiere enorme Mittel in Lehre und Forschung.

Vielleicht braucht Deutschland einen Bildungs- und Forschungsgipfel noch dringender als einen Auto- oder Stahlgipfel. Für die Zukunftssicherung sind kluge Investitionen in die Köpfe und ein Abbau sinnloser Regulatorik wichtiger als wirkungslose Subventionen in Krisenbranchen.

 

In diesem Sinne grüße ich Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz