NEWSLETTER 26.09.2025
Warum Köln ein Wir-Gefühl braucht, die Dom-Umgebung ohne Grün ist und Lateinamerika eine Botschafterin in dieser Stadt hat
Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,
Köln ist eine lebenswerte Stadt, deren Bürger ich gerne bin. Das Leben hier ist vielstimmig und unhierarchisch, das Miteinander meist liberal. Es gibt eine bunte Vielfalt von Initiativen, kulturellem Engagement und politischen Kräften. Auf einem Podium zur Oberbürgermeisterwahl zählte ich jüngst zehn Kandidierende. Und das waren noch längst nicht alle. Mehr als 100.000 Menschen und damit über 22 Prozent stimmten für Kandidaten, die allenfalls Außenseiterchancen hatten. Und dennoch kämpften sie um jede Stimme.
Warum ich das erwähne, wo wir auf die entscheidende Stichwahl zwischen Berivan Aymaz (Grüne) und Torsten Burmester (SPD) zugehen? Weil ich mir Gedanken gemacht habe, was auf die künftige Führung an Aufgaben wartet. Zu einer Zeit internationalen Wertewandels, in der ein US-Präsident den Hass auf seine Kritiker predigt, addieren sich Probleme dieser Stadt wie preiswertes Wohnen, dysfunktionaler öffentlicher Nahverkehr (KVB) sowie der Verfall öffentlicher Infrastruktur, der sich von Brücken über Tunnel bis Museen und Oper sowie Schauspiel spannt. Und: Köln verdreckt vor unseren Augen. 
„Den Herausforderungen kann nur mit übergreifendem Gestaltungswillen aller Kräfte begegnet werden,“ sagte mir Andreas Grosz, der seinerzeit aus dem Rotonda-Business-Club Impulse in die Stadtgesellschaft sandte und Köln heute von außen betrachtet. Da gelte es, die Vielfalt zu einen. Derzeit lähmen politische Querelen vieles. Grosz fordert ein Wir-Gefühl ein, eine Stärkung des Zusammenhalts. Wozu Köln imstande ist, kann sich in der Tat im Großen zeigen – Arsch huh – wie auch im Alltag, wenn eingefleischte Christdemokraten Initiativen, die in der linken Szene wurzeln, bei Sanierungen unterstützen. Aber im Tagesgeschäft wird gerne verschoben und wenig entschieden.
Die neue Führungspersönlichkeit sollte klar kommunizieren und einen können sowie zielorientiert handeln. Das ist eine Menge. Von politischen Zielen habe ich noch nicht gesprochen. Das hat einen Grund. Von der Ost-West-Achse abgesehen, geht es in Köln eher um zügiges Gestalten statt Kommissionsbildung, geht es mehr um das „Wie“ als um das „Ob“. Mein Paradebeispiel ist die gelungene Verkehrsberuhigung der Ringe, die Jedem Raum bietet und ästhetisch überzeugt. Mein Negativbeispiel: Die Trankgasse vor dem Excelsior Hotel Ernst, deren öde Hau-Ruck-Gestaltung mich an Pjöngjang erinnert, die Hauptstadt Nordkoreas. Beide Beispiele entstanden übrigens unter grünem Vorzeichen.
Beim vorliegenden Wahlergebnis muss die Gestaltung dieser Stadt – neben der Kandidatenvielfalt liegt keine Partei über 30 Prozent – die Aufgabe Aller sein. Das wird nur mit einem neuen Wir-Gefühl gelingen und es ist nicht Holschuld einer(s) OB, sondern auch Bringpflicht, es ist Einladung und Auftrag zugleich, meint Andreas Grosz. Gebraucht wird im OB-Amt eine Mischung aus Herkules und Demosthenes.
Viele OB-Kandidierende bleiben der Politik erhalten – wie der frühere Pfarrer Hans Mörtter. Er spricht davon, während des Wahlkampfes sein ohnehin vorhandenes Netzwerk in die Stadt in Tiefe und Breite verstärkt zu haben. Ein Satz von ihm hallt nach bei mir: Konzerte allein reichen nicht. Übersetzt: Es reicht nicht, nur in der eigenen Blase unterwegs zu sein. Roberto Campione von der Kölner Stadtgesellschaft bleibt am Ball, ebenso Volker Görzel (FDP) oder Lars Wolfram (Volt). Und viele andere auch. Die Kunst besteht darin, den Gemeinsinn neu zu entdecken. „Wir differenzieren uns sonst um Kopf und Kragen“, sagt Andreas Grosz abschließend.
Klar ist mir eins: Wenn Köln jetzt nicht aufwacht, droht die Stadt abzurutschen. Die neue Führung hat daher unseren Respekt verdient. Wie auch die scheidende Henriette Reker. Dieser Stadt vorzustehen mag ein Privileg sein. Es ist aber kein Zuckerschlecken.
Apropos Vielfalt der Bürgergesellschaft: Der Londoner Architekt und Autor Jan-Maurits Löcke hat Kölner Wurzeln. Der Eindruck der rot-weißen Warnbaken, die den Domvorplatz verunstalten, veranlasste ihn zu einer Fotomontage, wie der Vorplatz noch aussehen könnte (siehe Abbildung). Wenn man dort heute den Blick schweifen lässt, versteht man, was unter „Versiegelung öffentlicher Fläche“ zu verstehen ist. Bis zu 40.000 m² in der Dom-Umgebung stellen sich unbegrünt und nicht-porös dar, hat der Nachhaltigkeitsexperte errechnet. Einen Link zu einer Podiumsdiskussion zu diesem Thema mit Maurits Löcke im Museum Ludwig aus dem November 2023 finden Sie hier. Er führt zu interessanten Ideen für eine Begrünung des Kölner Kerns.
Weiter geht es mit Kölner Vielfalt. Unsere Stadt ist überproportional vielen Lateinamerikanern bekannt. Das mag an den Honorarkonsulaten für Chile und Mexiko liegen, die hier beheimatet sind sowie den Residenzen Brasiliens und Mexikos, die seinerzeit im Kölner Süden lagen. Oder an der Förder- und Entwicklungsbank DEG, deren rund 700 Kölner Mitarbeiter weltweit in Entwicklungsprojekten engagiert sind. Oder auch an Hildegard Stausberg. Wenn man am Telefon statt der Ehrenvorsitzenden des Kölner Presseclubs nur ihren Anrufbeantworter bekommt, wird man auf Spanisch begrüßt.
Seit fast einem Vierteljahrhundert richtet die frühere FAZ-Korrespondentin in Mexiko und spätere Chefredakteurin der Deutschen Welle (DW) am Vorabend der internationalen Lebensmittelmesse in Köln den „Latino-Anuga-Empfang“ aus. Ihr Ziel: Die vielen Botschafter und Wirtschaftsattachés, die zu diesem Großereignis kommen, mit Kölner Wirtschaft und Stadtgesellschaft zusammenzubringen. Seinerzeit konnte man dort den heutigen Außenminister Perus kennenlernen. Das Konzept nutzt auch den Ausstellern, wenn der mexikanische Tequila-Hersteller aus Guadalajara auf einen argentinischen Weinproduzenten aus Mendoza trifft, wie die Gastgeberin sagt. Stets Teil der Gästeschar ist Messechef Gerald Böse, der den Empfang einen „Schmelztiegel des Kontinents“ nennt. Mehr über Lateinamerika, Köln und Hildegard Stausberg lesen Sie in ihren eigenen Worten hier.
Ein schönes Wahl-Wochenende wünscht Ihnen
Ihr
Peter Pauls
