NEWSLETTER 03.10.2025
Über Geld spricht man doch! Köln zwischen Cash und Karte – und der Frage: Was, wenn der Strom ausfällt?
Sehr geehrte Mitglieder, liebe Freunde und Freundinnen des Kölner Presseclubs,
es war eine kleine Szene, direkt am Dom: Neben mir saß ein Brite, frisch in Köln, sein erstes Kölsch vor sich. Er wollte mit dem Handy zahlen. Doch das ging nicht. Er schaute konsterniert und etwas hilflos um sich – bis meine Freundin und ich ihn kurzerhand einluden. Willkommen in Köln, könnte man sagen. Willkommen in einer Stadt, die zwar weltoffen ist, aber beim Bezahlen noch immer zwischen gestern und morgen schwankt. Und genau dieser Widerspruch begleitet uns im Alltag: Zwischen Büdchen und Bar, zwischen Café und Konzertsaal entscheidet sich, wie Köln künftig tickt – bar oder bargeldlos?
Ein Beispiel für den Sprung in die Zukunft liefert die Lanxess Arena. Geschäftsführer Stefan Löcher hat im Frühsommer den radikalen Schritt vollzogen: Kein Bargeld mehr. „Wir haben lange damit gewartet, die Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen“, sagte er mir im Gespräch. „Aber am Ende hat der Kunde entschieden.“ Die Zahl der bargeldlosen Zahlungen sei „unglaublich gestiegen.“ Vor allem die Abläufe im Hintergrund hätten den Ausschlag gegeben. Bargeld bedeute dagegen Aufwand: Zählen, kontrollieren, wieder nachzählen, Personal binden – in Zeiten von Fachkräftemangel ein teurer Luxus. „Deshalb haben wir gesagt: ganz oder gar nicht.“ Natürlich habe es auch kritische Stimmen gegeben. „Klar, einige stört es noch. Aber die große Mehrheit akzeptiert es. Und wir arbeiten gerade an einer Lösung, dass man vor Ort Bargeld in Guthaben umwandeln kann.“ Und wie sieht es mit Trinkgeld für Personal und Toiletten aus? „Das geht weiterhin bar, daran ändert sich nichts“, sagt Löcher. Zehntausende Besucher zahlen inzwischen nur noch digital – vom Kölsch bis zum Merch. Für Löcher ist es längst Routine: „Es geht schneller und sicherer – und spart uns viel Aufwand.“ Deutschlands größte Eventhalle setzt damit ein Zeichen: digital ist Standard.
Der Schritt der Arena zeigt, wie konsequent Digitalisierung funktionieren kann. Doch sobald man die Halle verlässt, wird vielerorts Bargeld hartnäckig verteidigt: am Marktstand, im Café, im Büdchen. „Nur Bares ist Wahres“ – dieser Satz fällt noch immer, ob im Pizzaservice oder, wie ich es jüngst erlebte, beim Tiefkühldienst. Oft mit denselben Begründungen: „Die Gebühren sind zu hoch.“ – „Meine Kunden bestehen auf Bargeld.“ – „Das Gerät ist schon da, müsste nur mal angeschlossen werden.“
Ein offenes Geheimnis spielt auch hinein: Bargeld bedeutet Anonymität. Für manche auch die Möglichkeit, Einnahmen am Fiskus vorbeizuschleusen. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Viele Bargeldfreunde nutzen Münzen und Scheine schlichtweg, weil sie dem digitalen Geld misstrauen. Für sie ist Bargeld ein Stück Sicherheit – greifbar, vertraut und unabhängig von Technik.
Die Zahlen sprechen dennoch eine andere Sprache. Laut Bitkom haben 64 Prozent der Deutschen im vergangenen Jahr mindestens einmal mit Smartphone oder Smartwatch bezahlt. Eine YouGov-Umfrage zeigt: 57 Prozent wollen, dass jeder Laden mindestens eine digitale Bezahlmöglichkeit anbietet. Und von denjenigen, denen Kartenzahlung schon einmal verweigert wurde, haben 22 % den Einkauf abgebrochen. Wer also nur Bargeld akzeptiert, verliert Umsatz.
Für viele mag das kein Drama sein, solange das Smartphone griffbereit ist. Doch was ist mit jenen, die kein Handy besitzen oder Technik schlicht nicht bedienen können? Vor allem ältere Menschen geraten ins Hintertreffen. Ich habe es selbst oft erlebt: defekte Automaten am Bahnsteig, ratlose Senioren, die mit der Bedienung kämpfen – und am Ende ohne Ticket dastehen. Wer kein Smartphone besitzt oder am Fahrkartenautomaten scheitert, wer zudem erlebt, dass seine Sparkassen-Filiale geschlossen wurde, spürt Digitalisierung nicht als Erleichterung, sondern als Hürde.
Umso brisanter wirkt deshalb die Ankündigung der KVB: Ab 2026 sollen in Bussen und Bahnen die Fahrscheinautomaten verschwinden, ersetzt durch Karten- und App-Lösungen. Die KVB verweist dabei auf Modelle wie in Amsterdam: Dort genügt es schon, eine Bankkarte beim Ein- und Aussteigen kurz ans Lesegerät zu halten – völlig ohne PIN-Eingabe. Ein sehr niedrigschwelliger Einstieg, auch für Ältere. Doch was in den Niederlanden funktioniert, ist in Köln keineswegs selbstverständlich. Denn viele Senioren haben zwar eine Bankkarte, sind aber unsicher im Umgang damit oder fürchten, versehentlich „etwas falsch“ zu machen. Wer bargeldlos zahlen soll, aber das System nicht versteht, bleibt auf der Strecke. Hinzu kommt: In Amsterdam gibt es jahrelange Erfahrung mit diesem Modell – in Köln dagegen nur die Ankündigung. Was passiert also ganz konkret mit den Fahrgästen, die spontan im Bus ein Ticket kaufen wollen und nur Bargeld dabeihaben? Wie sollen Senioren, die keine App installieren können oder wollen, sich künftig bewegen? Eine überzeugende Antwort darauf habe ich bisher nicht bekommen.
Ein oft unterschätzter Aspekt in der Debatte ist die Krisenvorsorge. Offizielle Empfehlungen vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe und auch die Verbraucherzentrale raten, zu Hause eine Bargeldreserve vorzuhalten – einen sogenannten Notgroschen in kleinen Scheinen, der für mindestens ein paar Tage Grundversorgung reicht – zwischen 100 und 500 Euro, je nach Haushaltsgröße. Auch in einem Flyer der Stadt Köln wird zum Thema Stromausfall & Katastrophenschutz Bargeld als eine der vorrätigen Ressourcen genannt. Der Grund liegt auf der Hand. Im Fall eines Stromausfalls, eines großflächigen Blackouts oder eines Cyberangriffs funktionieren elektronische Zahlungssysteme nicht mehr. Geldautomaten und Kartenlesegeräte fallen aus. Das Papiergeld wird dann zur Überlebenshilfe – zur einzigen Möglichkeit, weiterhin wichtige Einkäufe zu tätigen. In solchen Szenarien ist Bargeld kein Anachronismus, sondern Lebensader.
Die Politik versucht beim Thema Bargeld die Balance zu halten. Im Koalitionsvertrag finden sich mehrere Passagen, die eine Abschaffung des Bargelds ausschließen und gleichzeitig betonen, dass digitale Bezahloptionen gefördert und schrittweise überall verfügbar gemacht werden sollen. Bargeld bleibt also ausdrücklich eine Option. Die Erfahrung aber zeigt: Wo Kunden konsequent Karte oder Handy zücken, ziehen Händler nach. Kein Gesetz, keine Förderrichtlinie wirkt so schnell und effizient wie der Druck des Marktes.
Meine Einschätzung: Bargeld wird bleiben, als Teil unserer Freiheit und Sicherheit. Aber digital darf kein Glücksspiel sein. In einer internationalen Stadt wie Köln sollte es längst zum guten Ton gehören, dass man überall mit Karte oder Handy zahlen kann – vom Dom bis zur Südstadt. Pflicht? Die mag bei Großveranstaltungen wie in der Arena sinnvoll sein. Aber im Alltag geht es mir vor allem um eines: die Wahlfreiheit. Denn es darf nicht sein, dass ein Brite am Dom sein Kölsch nicht bezahlen kann. Köln muss zeigen, dass es den Spagat zwischen Tradition und Moderne schafft. Nicht nur in der Arena, sondern überall.
Herzlich grüßt Sie
Ihre Claudia Hessel
