NEWSLETTER 27.03.2026

Wer beschützt Köln? General Draken über Agenten-Angriffe, die „Kaltstart-Fähigkeit“ der Truppe und die Bedeutung der Eigenverantwortung

 

 

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

es war vor wenigen Wochen, spät am Abend. Eine Drohne stand mit ratterndem Motor in der Luft, vielleicht 100 Meter hoch. Rot und grün blinkend, ein Scheinwerfer auf den Boden gerichtet. Ich sah sie vom Balkon aus über dem Rhein. Für einen Moment war ich beunruhigt, dann nachdenklich. Haben uns die schrecklichen Kriegsbilder aus Nahost, aus dem Iran, aus der Ukraine zu sehr beschäftigt? Oder vielleicht sogar zu wenig? Ist uns bewusst, was uns bedroht? Und worauf müssen wir hier, zweieinhalb Flugstunden vom Kampfgeschehen im Osten, vorbereitet sein?

Köln ist Garnisonsstadt. Mit rund 10.000 Beschäftigten gehört die Bundeswehr zu den drei größten Kölner Arbeitgebern. Repräsentiert wird sie von dem Standortältesten. Das ist seit einem Jahr Brigadegeneral Daniel Draken (59), Chef des Stabes Luftwaffentruppenkommando in Köln-Wahn. An einem Freitagmorgen, nachdem er schon mehrere Stunden Lagebesprechungen hinter sich hat, nimmt sich General Draken Zeit für meine Fragen.

Wir sprechen darüber, wie sicher wir uns fühlen können. Und da gibt es ein Einerseits und ein Andererseits. „Deutschland ist im Schutz des NATO-Bündnisses sicher“, sagt General Draken und betont: „Kein Grund, Panik zu schüren.“ Andererseits: Eine akute Bedrohung gebe es dennoch, und zwar durch subversive Angriffe, denen wir permanent ausgesetzt seien. „Tagtäglich“, so Kölns Standortältester, „gibt es inzwischen Aktionen, die darauf zielen, unser System zu stören, Unruhe und Unsicherheit zu stiften.“ Sabotage, Sachbeschädigung, Brandstiftung, Cyber-Attacken – nicht nur gegen Bundeswehr-Einrichtungen, sondern gegen jede empfindliche Stelle der Infrastruktur und der Versorgungsstränge. General Draken beobachtet mit Sorge, „dass diese Störaktionen zugenommen haben“. Wie schnell große Teile der Bevölkerung schwer getroffen werden können, habe man zuletzt bei dem Stromausfall in Berlin gesehen.

Wer steckt hinter diesen Angriffen, will ich wissen. Nach Erkenntnissen von General Draken spielen, neben politisch motivierten Tätern, sogenannte „Proxy-Agenten“ eine zunehmende Rolle. Die deutschen Sicherheitsbehörden haben sie auch als „Low-Level“- oder „Wegwerf“-Agenten auf dem Schirm. BKA und Nachrichtendienste gehen davon aus, dass sie im Auftrag ausländischer, meist russischer, Geheimdienste in Deutschland Straftaten begehen, oftmals ohne zu wissen, wer ihre Auftraggeber sind. Unumwunden erklärt Sinan Selen, Vizepräsident beim Bundesamt für Verfassungsschutz: „Fremde Staaten bedrohen unsere Demokratie und Sicherheit durch den Einsatz von teils unbedachten und nachrichtendienstlich ungeschulten Wegwerf-Agenten, die auf schnelles Geld aus sind und durch soziale Medien und Messengerdienste rekrutiert werden.“

Der Schutz vor solchen Angriffen ist für General Draken von großer Bedeutung. „Aber dies ist nicht allein eine militärische, sondern in erster Linie eine zivilgesellschaftliche Aufgabe.“ Er verweist auf das strategische Konzept der Bundeswehr zur Vorbereitung auf Krisen- und Verteidigungsfälle („Operationsplan Deutschland“), in dem es auch um die Eigenverantwortung von Kommunen, Industrie oder Versorgungsunternehmen für die Sicherung ihrer Einrichtungen geht. „Im Verteidigungsfall“, so Draken, „ist die Bundeswehr nämlich gar nicht hier vor Ort, sondern an der Front.“ In der Mission, dies allen bewusst zu machen, ist er als Standortältester zurzeit viel unterwegs, auch im Kölner Rathaus, in Unternehmen und Behörden. Er glaubt: „Die Message ist angekommen.“ Die Umsetzung der Maßnahmen sei eine andere Frage, für ihn schwer einzuschätzen.

Für General Draken heißt Eigenverantwortung auch: „Jeder Einzelne in der Bevölkerung sollte sich fragen: Was kann ich selbst tun, um möglichst krisensicher zu sein?“ Zum Beispiel? Das könne vom privaten Trinkwasservorrat über die Abschirmung des persönlichen Rechners gegen Cyberattacken bis zur Unterstützung Schutzbedürftiger in der Umgebung reichen, sagt General Draken. Für eine Generation, die in einer „Wohlfühloase“ aufgewachsen sei – und da schließt er seine eigenen drei Kinder mit ein – bedeute das ein Umdenken. Seine klare Ansage: „Wir müssen weg von diesem Anspruch auf Vollkaskoschutz.“

Umdenken ist auch bei der Bundeswehr ein Thema. Früher habe es planbare Auslandseinsätze gegeben. „Da konnten wir uns ein Jahr lang vorbereiten“, erinnert sich General Draken. Inzwischen, spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine, „müssen wir mit einer sehr kurzen Vorwarnzeit rechnen“. Bundeswehrintern gibt es den Begriff der „Kaltstart-Fähigkeit“, also in kürzester Zeit einsatzbereit zu sein. In der Praxis bedeutet das, jederzeit alle erforderlichen Qualifikationen – etwa bei der Anzahl der Schießübungen –  vorweisen zu können,  aber auch: weniger Homeoffice-Tage, mehr Präsenz. „Und wir legen allen Einsatzkräften nahe, eine persönliche Kaltstart-Akte parat zu haben, mit einer Checkliste, woran zu denken ist, wenn es morgen losgehen würde.“

Auf meine Frage, inwieweit die aktuelle Lage innerhalb der Truppe Besorgnis auslöst, antwortet der Standortälteste differenziert: „Selbstverständlich macht sich jede Soldatin und jeder Soldat Gedanken darüber, in welcher Weise eine persönliche Betroffenheit eintreten könnte. Zugleich ist jedoch allen Angehörigen der Truppe die besondere Verantwortung ihres Dienstes bewusst. Gerade in der gegenwärtigen Situation zeigt sich, dass gute Ausbildung, Professionalität im beruflichen Alltag und ein ausgeprägter Zusammenhalt wesentlich zur Stabilität und Handlungsfähigkeit eines jeden einzelnen beitragen.“

Die  Drohne, die mich in der Dunkelheit beunruhigt hatte, war im Übrigen nach ein paar Minuten Richtung Norden weitergeflogen. ChatGPT kam aufgrund der Positionslichter und des Scheinwerfers zu dem Schluss, dass es eine Aufklärungsdrohne von Polizei oder Feuerwehr gewesen sein müsste. Kann also als harmlos abgehakt werden. Während mich die Antworten von General Draken weiter beschäftigen.

 

Mit nachdenklichen Grüßen

Ihre Cordula von Wysocki