NEWSLETTER 08.05.2026

Reicht das „Jeföhl“?
Warum Köln-Gäste mehr brauchen als die kölsche Atmosphäre.

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

kürzlich saß ich in einem Kölner Büro. An einem Computer hing ein Zettel mit dem Spruch: „Kölsche Luft enthält 20 Prozent Sauerstoff und 80 Prozent Jeföhl.“ Ich musste lachen. Weil ich sofort dachte: Ja, genau so erzählt Köln sich gern. Aber dann kam mir ein zweiter Gedanke: Wir Kölner verstehen diesen Satz sofort. Für uns ist klar, was gemeint ist. Aber versteht ihn auch jemand, der zum ersten Mal nach Köln kommt? Ein Gast aus Asien, Amerika, Skandinavien oder einfach aus einer anderen deutschen Stadt?

Reicht es, zu sagen: Köln ist eben ein Gefühl. Oder muss Köln dieses Gefühl besser erklären?

Interessant ist dabei zunächst nicht, wie viele Menschen nach Köln kommen, sondern warum sie kommen. Köln hat jährlich rund 4,3 Millionen Gäste und mehr als sieben Millionen Übernachtungen. Ein erheblicher Teil davon sind Geschäftsreisende, je nach Jahr etwa 50 bis 60 Prozent. Das heißt: Viele Menschen kommen nicht einfach nach Köln, weil sie schon immer mal über die Hohenzollernbrücke laufen oder den Dom sehen wollten. Sie kommen wegen eines Termins, wegen einer Messe, eines Kongresses.

Aber auch Geschäftsreisende sind Gäste. Auch sie erleben Köln: den Weg vom Bahnhof zur Messe, das Hotel, das Restaurant am Abend, die Sicherheit auf den Plätzen, die Freundlichkeit im Service, die Frage, ob eine Stadt funktioniert. Gerade bei ihnen entscheidet sich oft, ob Köln nur Arbeitsort bleibt oder als Stadt in guter Erinnerung mit positiven Begegnungen.

Stefan Löcher, Geschäftsführer der Lanxess Arena, schaut aus der Perspektive der großen Events auf Köln. Er sagt: Großveranstaltungen sind ein „Wirtschaftsbooster für die ganze Region“. Wenn in der Arena ein Konzert, ein Spiel oder eine Show läuft, verdient nicht nur die Arena. Menschen reisen an, übernachten in Hotels, essen in Restaurants, fahren Taxi, trinken noch etwas, posten Bilder und nehmen Köln als Stadt wahr, in der etwas passiert. Löcher verweist in dem Zusammenhang auf eine neue Studie der Deutschen Sporthochschule. Danach bringen Arena-Gäste der Kölner Wirtschaft jährlich mehr als 340 Millionen Euro zusätzlich. Die Ausgaben von Veranstaltern, Produktionsfirmen und Dienstleistern sind darin noch gar nicht enthalten. Er fügt aber auch hinzu: „Events verbinden und Events emotionalisieren. Egal ob Kölner oder Gäste von außerhalb.“ 

Damit sind wir beim Kern. Köln hat viele Gründe, Menschen anzuziehen. Aber aus einzelnen Anlässen entsteht noch keine Stadtmarke. Dafür braucht es ein erkennbares Bild. Stephanie Kleine Klausing, die neue Geschäftsführerin von Köln Tourismus, setzt genau dort an. Sie will Köln nicht in Schubladen sortieren. Sie sagt: „Köln lebt von seiner Vielfalt und genau darin liegt unsere Stärke: Kultur und Events sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille.“

Das klingt zunächst selbstverständlich. Ist es aber nicht. Denn in Köln wird noch vieles getrennt gedacht: Messe hier, Kultur und Ausstellungen da, Events dort, Veedel wieder woanders. Für Gäste ergibt sich daraus nicht automatisch ein Bild. Kleine Klausing formuliert den Anspruch so: „Wir sollten nicht in Kategorien wie ‚Event‘ oder ‚Kultur‘ denken, sondern in Erlebnissen, die Menschen verbinden.“ Und weiter: „Ein Konzert, ein Festival oder eine Ausstellung entfalten ihre volle Wirkung erst im Zusammenspiel mit der Stadt, ihren Geschichten und ihrer kreativen Szene.“

Genau hier wird es kölnisch kompliziert. Köln hat viel vorzuweisen. Auf dem Papier jedenfalls. In der Praxis gehört zur Wahrheit: Köln ist für Besucher nicht immer so aufgestellt, wie es eine internationale Messe-, Kongress-, Kultur- und Eventstadt sein müsste. Wer mit dem Zug ankommt, erlebt rund um den Hauptbahnhof nicht unbedingt den besten ersten Eindruck. Wer mit der KVB unterwegs ist, braucht Geduld und oft starke Nerven. Wer mit dem Auto kommt auch. Wo parken? Wie komme ich von dort weiter? Welche Straße ist gerade für Autos gesperrt?

Auch kulturell wird es kompliziert. Köln spricht gern von seiner reichen Museumslandschaft. Nur stehen einige der wichtigen Versprechen derzeit hinter Bauzäunen, in Ausweichquartieren oder auf Sanierungslisten. Wer Kulturstadt sagt, muss auch liefern können. Ähnlich ist es im öffentlichen Raum. Köln kann warm, offen und überwältigend lebendig sein. Es kann aber auch schmutzig, unübersichtlich und ziemlich ungepflegt wirken. Für Gäste gehört beides zum Eindruck. Eine Stadtmarke entsteht eben nicht nur auf Internetseiten, sondern auch an Haltestellen, auf Plätzen und auf dem Weg zurück ins Hotel. Und dann ist da noch die Frage, wann rheinische Lebensfreude ins Gegenteil kippt. Wenn Köln vor allem als Kulisse für Junggesellenabschiede, Wochenendtrinken und Karnevalsexzess wahrgenommen wird, wird aus Jeföhl schnell Ballermannisierung. Das trifft die Menschen, die hier wohnen und das Image der Stadt.

Es grüßt herzlich

Ihre Claudia Hessel