NEWSLETTER 17.07.2026

Von Lidl-Filialen im Zentrum,
einer Heimat hinter Bezahlschranke
und einem Kassensturz im Januar

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

seit der Vertreibung aus dem Paradies gibt es für Menschen wenig, was traumatischer ist als der Verlust von Heimat. Das gilt umso mehr für turbulente Zeiten wie diese. Nichts scheint mehr sicher, weder der Arbeitsplatz noch die Rente oder gar der Frieden, in dem wir so lange schon leben dürfen. Angesichts dieser unwirtlich gewordenen Welt gewinnt vertraute Nähe an Bedeutung. Und was wäre – mehr noch als der abgöttisch verehrte FC – für Kölnerinnen und Kölner mehr Symbol von Heimat als der Dom, ihr Dom, Deutschlands berühmtestes Bauwerk. Er gibt Stadt und Region Identität, Stolz und Selbstbewusstsein. Würde Willi Ostermann (und mit ihm zahllose Generationen) „zo Foß noh Kölle jonn“, wenn an der Stelle des Doms eine Lidl-Filiale stünde oder eine Mall? Wohl kaum.

Doch seit dem 1. Juli ist es ein Stück Heimat hinter einer Bezahlschranke. Die Schwelle zwischen einer Kirche und einem Museum ist mit einer Eintrittsgebühr von 12 Euro überschritten worden. Das zuständige Domkapitel begründet das mit einem erheblichen Unterhaltungsaufwand und hohen Personalkosten. „Das ist natürlich ein Argument“, räumt Barbara Schock-Werner ein. Dennoch zeigt sich die frühere Dombaumeisterin und heutige Präsidentin des Zentral-Dombau-Vereins (ZDV) in unserem Gespräch skeptisch.

Sie sieht vor allem Folgen, die mit Geld nicht zu beziffern sind. „Architektur und Raum haben ja eine Sprache. Wer früher etwa vor oder nach der Arbeit noch einmal durch den Dom ging, um zur Ruhe zu kommen, sich der Ewigkeit zu versichern, findet diesen Raum jetzt nicht mehr vor“, sagt sie mit Blick auf die Menschen aus Köln und dem Umland. „Diese Menschen sind aber die wahren Freunde des Doms.“ Natürlich könne man über das Nordportal in einem kleinen Teil des Doms beten, aber „das fantastische Gesamt-Raumerlebnis bleibt aus.“ Darüber hätte sie, die mit dem ZDV zu den wichtigsten Geldgebern für den Dom-Erhalt gehört, gerne im Vorfeld der Entscheidung mit dem Domkapitel gesprochen, aber „wir waren da nicht einbezogen“.

Für Schock-Werner setzt die öffentliche Diskussion oft den falschen Akzent. Das Eintrittsgeld diene eben nicht der Erhaltung des Doms, sondern solle den Betrieb finanzieren, also die Gehälter der Schweizer, Domorganisten und des anderen Personals. „Für den Erhalt des Bauwerks und seiner Ausstattung gibt es den Dombau-Verein und öffentliche Mittel.“ Es sind also andere Löcher, die gestopft werden müssen als die, die in der Debatte oft eine Rolle spielen.

Aus der Perspektive einer anderen Profession, aber ähnlich kritisch beurteilt Jens Lönneker vom Rheingold-Salon den Umstand, dass das Gotteshaus nur gegen Gebühr zu betreten ist. Gerade für die einheimische Bevölkerung sei der Dom „zentrale seelische Zufluchtsstätte“, sagt der Tiefenpsychologe.

Ausdrücklich betont er, dass das nicht nur für Gläubige gilt. Nachvollziehen könne er allenfalls, dass Touristen zahlen müssten, aber „für die Kölner verschwindet ein Halt gebender Ort.“ In einer Zeit, wo in Deutschland Identitätsstiftendes (wie etwa die Firma Volkswagen) verloren ginge oder existentiell bedroht sei, brauche es dringend solche Räume. „Wenn es die nicht mehr gibt, wird das als Ausdruck von Niedergang gewertet, es entwickelt sich das Gefühl, alles bricht zusammen.“

Im kommenden Januar will das Domkapitel Kassensturz machen. Wie hat sich die Einführung des Eintrittsgeldes ausgewirkt, was wurde eingenommen, wie haben sich die Besucherzahlen entwickelt. Den Vorschlag von Jochen Ott, den Kölnern analog zum Museumstag einmal im Monat bei freiem Eintritt einen Besuch zu ermöglichen, wischten die Verantwortlichen vom Tisch.

Was das Domkapitel – erstaunlicherweise – aus dem Blick verliert: Der Dom bekommt mit dieser Zugangssperre einen anderen Wesenskern, seine Funktion und sein Charakter für die Menschen in dieser Region wird ein anderer – nicht mehr ein Schutzort für die Seele, ein rettendes Zuhause in wildgewordenen Zeiten.

Die Frage in wenigen Monaten wird sein: Bleibt der Dom ein lebendiger, offener, Kraft spendender Ort oder wird er ein stumm gewordenes Monument im Herzen der Stadt, der nicht zu Unrecht nachgesagt wird, dass sie überwiegend auf Gefühl gründet?

 

Es grüßt Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz