NEWSLETTER 31.10.2025

Vom Kolpingplatz zum Kanzlerwort und den Kleidern des neuen Kölner Oberbürgermeisters

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

als das Restaurant „Piazzas“ vor zehn Jahren in der Drususgasse öffnete, war Chefin Fatima Kaymakoglu optimistisch. In Kürze würden Oper und Schauspiel sowie Dom-Hotel fertig sein, die City einen Aufschwung nehmen und ihr Lokal, das mediterrane Küche anbietet, ebenfalls. Tatsächlich fand das „Piazzas“ rasch seinen festen Platz in der Kölner Gastrowelt und wurde ein beliebter Treffpunkt, wozu auch der benachbarte WDR beiträgt.

Doch der Erfolg ist weniger der Innenstadtlage als dem beinharten Willen der Chefin zuzuschreiben. Oper und Dom-Hotel dämmern immer noch der Öffnung entgegen. Gegenüber dem „Piazzas“ zerfällt das Museum für Angewandte Kunst. Maschendrahtzäune müssen die Allgemeinheit vor herabfallenden Bauteilen schützen. Ewig schon steht zwischen MAKK und dem WDR eine hässliche Containerwand. So sieht der früher beschauliche Bereich vor dem angrenzenden Kolpingplatz eher wie eine Rumpelkammer aus.

Das „Piazzas“ bündelt nicht nur im Kleinen, was Köln den Kölnern schwer macht. Seit Bundeskanzler Friedrich Merz die Stadtbild-Debatte auslöste, steht das Restaurant von Fatima Kaymakoglu auch für das Große, das Titelseiten von Zeitungen und Top-Nachrichten in der Tagesschau prägt. Der Platz gegenüber ihrem Lokal ist seit mehr als einem Jahr zum Treffpunkt junger Männer geworden, die aus umliegenden Städten nach Köln kommen. Dort geht es, wie ich selbst erleben durfte, hoch her bis spät in die Nacht. Es wird geschrien, getobt, getrunken, geraucht, gegrölt, gebaggert. Gerät man zufällig in die Menschenmenge, ist man froh, wenn man wieder draußen ist. Anwohner stöhnen.  

Und Restaurantbesucher? Die könnten woanders hingehen und wegbleiben, fürchtet die Chefin, die sich so schnell nicht unterkriegen lässt. Auch ihr Restaurant führt sie freundlich im Ton und konsequent in der Sache. Doch war ihre Klage jetzt so eindringlich, dass ich mich zu schreiben entschloss, denn auf dem Kölner Kolpingplatz zeigt sich, dass das einfach strukturierte Schlagwort vom Stadtbild der Wirklichkeit nicht gerecht wird. Die dort lärmen, sind junge Ukrainer, sich selbst überlassene Jugendliche, doch mit gesichertem Status. Ein Problem, das sich nicht durch Abschieben lösen lässt. Und Polizei und Ordnungsamt? Verweisen hier jeweils auf den anderen, wie berichtet wird. Das kennt man vom Neumarkt.

Als ich mit Fatima Kaymakoglu über die Misere sprach, war die Stadtbild-Debatte bei ihr noch nicht angekommen. Zu viel um die Ohren. Nun hat das missverständliche Kanzler-Wort auch sie erreicht und ausgelöst, was ich von vielen Freunden und Freundinnen höre, die mindestens ein Elternteil haben, das aus Italien, Griechenland, der Türkei, Jugoslawien in aller Vielfalt oder weiteren Ländern stammt. Sie haben ein Störgefühl. Die Selbstverständlichkeit, in der sie hier leben, hat einen Riss bekommen. Besser ist wenig geworden, schlechter vieles, insbesondere in einer von Migration geprägten Stadt wie Köln.

Wie verletzend Alltagsrassismus sein kann, erlebte ich jüngst in einer Bäckerei. Eine junge Servicekraft, offenbar mit Wurzeln in Syrien oder der Türkei, verwies eine Kundin des Verkaufsraums – höflich, aber bestimmt. Die Frau soll gestohlen haben. „Du hast ja nicht einmal einen deutschen Pass. Was glaubst du, wer du bist?“, zischte die andere und ging. Die junge Frau bediente mich weiter, dann brach die Fassung. „Ich zittere ja am ganzen Körper“, sagte sie ungläubig, als ginge es nicht um sie selbst. Ihr Herz rase. Dann kämpfte die tief Verletzte mit den Tränen. Das sah ich selbst. Ich ging hilflos und beklommen. 

Nun zu einem ganz anderen Thema. Kleider machen Leute. Die Novelle von Gottfried Keller schuf ein geflügeltes Wort. Das kam mir in den Sinn, als ich unseren künftigen Oberbürgermeister (OB) Torsten Burmester auf Instagram sah – lässig in Anzug mit weißen Turnschuhen. So war er zum Antrittsbesuch bei Ministerpräsident Hendrik Wüst erschienen. Ob das nicht ein wenig zu lässig sei, fragte ich mich, zumal Wüst für seinen klassischen Stil bekannt ist. Anzug, weißes Hemd, Krawatte, schwarze Schuhe, gut geputzt.

Bin ich zu altmodisch? Um sicherzugehen, fragte ich Prinz Dr. Asfa-Wossen Asserate, den Autor des Bestsellers „Manieren“. Freunde des Kölner Presseclubs kennen ihn von unseren Veranstaltungen. Nein, meinte der 78-Jährige, die Kleidung des neuen OB sei nicht in Ordnung. Doch sei es andererseits normal geworden, auf Förmlichkeit zu verzichten – auf den Anzug mit Krawatte, den man auch wählt, um seinem Gegenüber Respekt zu zeigen.

Mit wehmütigem Unterton legte er nach. Angemessene Kleidung signalisiere dem Mitmenschen, etwas Besonderes zu sein. Sie sei ein Statement. So, wie Arbeiter früher an Sonn- und Feiertagen großen Wert darauf legten, gut gekleidet zu sein. Der „Sonntagsstaat“, der häufig vererbt wurde, sollte oberen Schichten zeigen, dass sie nicht besser seien und man selber für die eigene Familie sorgen könne. Heute sehen selbst Firmenchefs nicht aus wie Arbeiter früher am Sonntag, muss ich feststellen.

Dieser Tage erläuterte Kölns Kämmerin Dörte Diemert in der FAZ im Detail die Finanzkrise der Kommunen und Kölns. Vor Vertretern der Politik liegen ernste Aufgaben – ob in Berlin oder am Rhein. Den Respekt vor der Lage kann bereits Kleidung ausdrücken. Anders gesagt: Wenn man Entscheidungen vertreten muss, die in das Leben anderer einschneiden, sollte man nicht aussehen, als komme man von der Cocktail Bar oder dem Beach Club.  

All das wollte und will der künftige OB wohl auch nicht. Vermutlich möchte er als Bürger rüberkommen, als Torsten von nebenan. So liest die Kleidung sich – so fein wie nötig und so erdverbunden wie möglich. Das hört man auch von denen, die ihn als Kumpel kennen. Den Torsten von nebenan. Der laut Zeitung mit dem Bus zur Arbeit fahren will. Die KVB hat schon ganz andere gute Absichten pulverisiert.

Hauptsache, Burmester geht die drängenden Probleme an. Auch so erweist man den Mitmenschen seinen Respekt.

Herzlich grüßt
Ihr

Peter Pauls

NEWSLETTER 10.10.2025

Über grundlose Anfeindungen,

eine CDU-Politikerin mit Exil-Gedanken

und ein leises Lob für Köln

 

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

wann haben Sie das letzte Mal daran gedacht, nicht nur Köln, sondern Deutschland zu verlassen? Nein, nicht nur kurz für den Urlaub. Dauerhaft und für immer. Ihr Haus oder ihre Wohnung aufzugeben, Ihren Beruf, Ihre Freunde, kurz alles. Wenn Sie daran keinen Gedanken verschwenden, sind Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Jude, keine Jüdin. Denn in der jüdischen Community – in Köln wie anderswo in Deutschland und Europa – wird gerade wieder verstärkt über das Auswandern nachgedacht. Ihre Heimat, so der Eindruck, fühlt sich immer weniger wie Heimat an. Was Schutz, Geborgenheit bieten soll, wird seit dem Hamas-Massaker und der militärischen Reaktion Israels zunehmend zum Ort der Unsicherheit und Angst.

„Das Klima hat sich verändert“, konstatiert auch Andrei Kovacs. Der Unternehmer, Musiker und Generalsekretär des Vereins „Jüdisches Leben in Europa“ (JEWLIF) sieht mit wachsender Sorge, wie Antisemitismus wieder Konjunktur hat. Der sei zwar nie weg gewesen, aber er habe jetzt durch die (nachvollziehbare) Kritik am Vorgehen der israelischen Regierung in Gaza und im Westjordanland plötzlich eine ganz andere, eine bedrohliche Dimension erreicht.

Wir haben uns in einem kleinen Restaurant getroffen, weil ich wissen wollte, was die grausamen Vorgänge im Nahen Osten für die knapp 4.000 jüdischen Mitbürger in Köln bedeuten. Immer wieder werden Juden weltweit für die Politik der Regierung Netanjahus in Haftung genommen, obwohl sie weder israelische Staatsbürger noch zwingend Anhänger der aktuellen israelischen Regierung sind. Die aktuelle Lage wird als Vorwand genommen, alte Klischees und antisemitische Stereotypen wiederzubeleben. Die Stimmung ist mittlerweile so aufgeheizt, dass selbst CDU-Bildungsministerin Karin Prien, die jüdische Wurzeln hat, alarmiert ist: Der Staat sei nicht mehr in der Lage, Juden wirksam zu schützen. Für den Fall eines AfD-Bundeskanzlers kann sie sich vorstellen, die Koffer zu packen: Das wäre dann nicht mehr ihr Land, sagte die couragierte CDU-Politikerin in einem Podcast.

Die Lesart, dass es sich dabei überwiegend um zugewanderten Antisemitismus handele, der von Migranten aus islamischen Ländern eingeschleppt worden sei, teilt Andrei Kovacs nicht. „Auch der Attentäter von Halle, der vor genau sechs Jahren einen Massenmord an Juden begehen wollte, war kein Migrant.“ Längst trauten sich Juden nicht mehr mit der Kippa in die Öffentlichkeit.

Es geht jedoch oft gar nicht um offen gezeigten Judenhass. Kovacs, vom Wesen her positiv und zupackend, beobachtet einen subtilen Antisemitismus, schleichende Veränderungen und verschleierte Formen. Da würden plötzlich jüdische Kinder plötzlich nicht mehr eingeladen, Freundschaften erodierten, Kontakte brächen ab: „Das kann im Einzelfall ganz banale Gründe haben, in der Summe aber ist es mehr als merkwürdig.“ Eine zweite Beobachtung stimmt ihn noch misstrauischer: “Im Kulturbetrieb, bei Filmen, Konzerten und Projekten, habe ich den Eindruck, dass neuerdings regelrecht gecancelt wird.

Es ist vier Jahre her, dass 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert wurde. Andrei Kovacs war maßgeblicher Organisator des Festjahrs und er wollte zeigen, welchen befruchtenden Beitrag über mehr als anderthalb tausend Jahre die jüdische Kultur geleistet hat. Er hält nichts von der Opferperspektive, „ich will auch nicht, dass meine Kinder mit einem Opfergefühl aufwachsen“. Doch die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland sieht er mittlerweile als gefährdet an und versteht Überlegungen, hierzulande die Zelte abzubrechen.

Sein Blick auf Köln ist ziemlich identisch mit der Kölner Selbstwahrnehmung: Die Stadt sei aufgeschlossen und tolerant, die Bedrohungslage für Mitbürger jüdischen Glaubens nicht so besorgniserregend wie anderswo. Auch die Politik in Bund, Land und in Köln sei aufgeschlossen und unterstützend. Aber insgesamt sei in der Gesellschaft etwas ins Rutschen geraten, die Polarisierung fördere demokratiefeindliche Tendenzen und Parteien – und Antisemitismus: „Dagegen Flagge zu zeigen, ist eine Aufgabe für die gesamte Zivilgesellschaft.“ Wer könnte Andrei Kovacs da widersprechen?

 

In diesem Sinne grüße ich Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz

 

 

 

 

NEWSLETTER 03.10.2025

Über Geld spricht man doch! Köln zwischen Cash und Karte – und der Frage: Was, wenn der Strom ausfällt?

Sehr geehrte Mitglieder, liebe Freunde und Freundinnen des Kölner Presseclubs,

es war eine kleine Szene, direkt am Dom: Neben mir saß ein Brite, frisch in Köln, sein erstes Kölsch vor sich. Er wollte mit dem Handy zahlen. Doch das ging nicht. Er schaute konsterniert und etwas hilflos um sich – bis meine Freundin und ich ihn kurzerhand einluden. Willkommen in Köln, könnte man sagen. Willkommen in einer Stadt, die zwar weltoffen ist, aber beim Bezahlen noch immer zwischen gestern und morgen schwankt. Und genau dieser Widerspruch begleitet uns im Alltag: Zwischen Büdchen und Bar, zwischen Café und Konzertsaal entscheidet sich, wie Köln künftig tickt – bar oder bargeldlos?

Ein Beispiel für den Sprung in die Zukunft liefert die Lanxess Arena. Geschäftsführer Stefan Löcher hat im Frühsommer den radikalen Schritt vollzogen: Kein Bargeld mehr. „Wir haben lange damit gewartet, die Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen“, sagte er mir im Gespräch. „Aber am Ende hat der Kunde entschieden.“ Die Zahl der bargeldlosen Zahlungen sei „unglaublich gestiegen.“ Vor allem die Abläufe im Hintergrund hätten den Ausschlag gegeben. Bargeld bedeute dagegen Aufwand: Zählen, kontrollieren, wieder nachzählen, Personal binden – in Zeiten von Fachkräftemangel ein teurer Luxus. „Deshalb haben wir gesagt: ganz oder gar nicht.“ Natürlich habe es auch kritische Stimmen gegeben. „Klar, einige stört es noch. Aber die große Mehrheit akzeptiert es. Und wir arbeiten gerade an einer Lösung, dass man vor Ort Bargeld in Guthaben umwandeln kann.“ Und wie sieht es mit Trinkgeld für Personal und Toiletten aus? „Das geht weiterhin bar, daran ändert sich nichts“, sagt Löcher. Zehntausende Besucher zahlen inzwischen nur noch digital – vom Kölsch bis zum Merch. Für Löcher ist es längst Routine: „Es geht schneller und sicherer – und spart uns viel Aufwand.“ Deutschlands größte Eventhalle setzt damit ein Zeichen: digital ist Standard.

Der Schritt der Arena zeigt, wie konsequent Digitalisierung funktionieren kann. Doch sobald man die Halle verlässt, wird vielerorts Bargeld hartnäckig verteidigt: am Marktstand, im Café, im Büdchen. „Nur Bares ist Wahres“ – dieser Satz fällt noch immer, ob im Pizzaservice oder, wie ich es jüngst erlebte, beim Tiefkühldienst. Oft mit denselben Begründungen: „Die Gebühren sind zu hoch.“ – „Meine Kunden bestehen auf Bargeld.“ – „Das Gerät ist schon da, müsste nur mal angeschlossen werden.“

Ein offenes Geheimnis spielt auch hinein: Bargeld bedeutet Anonymität. Für manche auch die Möglichkeit, Einnahmen am Fiskus vorbeizuschleusen. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Viele Bargeldfreunde nutzen Münzen und Scheine schlichtweg, weil sie dem digitalen Geld misstrauen. Für sie ist Bargeld ein Stück Sicherheit – greifbar, vertraut und unabhängig von Technik.

Die Zahlen sprechen dennoch eine andere Sprache. Laut Bitkom haben 64 Prozent der Deutschen im vergangenen Jahr mindestens einmal mit Smartphone oder Smartwatch bezahlt. Eine YouGov-Umfrage zeigt: 57 Prozent wollen, dass jeder Laden mindestens eine digitale Bezahlmöglichkeit anbietet. Und von denjenigen, denen Kartenzahlung schon einmal verweigert wurde, haben 22 % den Einkauf abgebrochen. Wer also nur Bargeld akzeptiert, verliert Umsatz.

Für viele mag das kein Drama sein, solange das Smartphone griffbereit ist. Doch was ist mit jenen, die kein Handy besitzen oder Technik schlicht nicht bedienen können? Vor allem ältere Menschen geraten ins Hintertreffen. Ich habe es selbst oft erlebt: defekte Automaten am Bahnsteig, ratlose Senioren, die mit der Bedienung kämpfen – und am Ende ohne Ticket dastehen. Wer kein Smartphone besitzt oder am Fahrkartenautomaten scheitert, wer zudem erlebt, dass seine Sparkassen-Filiale geschlossen wurde, spürt Digitalisierung nicht als Erleichterung, sondern als Hürde.

Umso brisanter wirkt deshalb die Ankündigung der KVB: Ab 2026 sollen in Bussen und Bahnen die Fahrscheinautomaten verschwinden, ersetzt durch Karten- und App-Lösungen. Die KVB verweist dabei auf Modelle wie in Amsterdam: Dort genügt es schon, eine Bankkarte beim Ein- und Aussteigen kurz ans Lesegerät zu halten – völlig ohne PIN-Eingabe. Ein sehr niedrigschwelliger Einstieg, auch für Ältere. Doch was in den Niederlanden funktioniert, ist in Köln keineswegs selbstverständlich. Denn viele Senioren haben zwar eine Bankkarte, sind aber unsicher im Umgang damit oder fürchten, versehentlich „etwas falsch“ zu machen. Wer bargeldlos zahlen soll, aber das System nicht versteht, bleibt auf der Strecke. Hinzu kommt: In Amsterdam gibt es jahrelange Erfahrung mit diesem Modell – in Köln dagegen nur die Ankündigung. Was passiert also ganz konkret mit den Fahrgästen, die spontan im Bus ein Ticket kaufen wollen und nur Bargeld dabeihaben? Wie sollen Senioren, die keine App installieren können oder wollen, sich künftig bewegen? Eine überzeugende Antwort darauf habe ich bisher nicht bekommen.

Ein oft unterschätzter Aspekt in der Debatte ist die Krisenvorsorge. Offizielle Empfehlungen vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe und auch die Verbraucherzentrale raten, zu Hause eine Bargeldreserve vorzuhalten – einen sogenannten Notgroschen in kleinen Scheinen, der für mindestens ein paar Tage Grundversorgung reicht –  zwischen 100 und 500 Euro, je nach Haushaltsgröße. Auch in einem Flyer der Stadt Köln wird zum Thema Stromausfall & Katastrophenschutz Bargeld als eine der vorrätigen Ressourcen genannt. Der Grund liegt auf der Hand. Im Fall eines Stromausfalls, eines großflächigen Blackouts oder eines Cyberangriffs funktionieren elektronische Zahlungssysteme nicht mehr. Geldautomaten und Kartenlesegeräte fallen aus. Das Papiergeld wird dann zur Überlebenshilfe – zur einzigen Möglichkeit, weiterhin wichtige Einkäufe zu tätigen.  In solchen Szenarien ist Bargeld kein Anachronismus, sondern Lebensader.

Die Politik versucht beim Thema Bargeld die Balance zu halten. Im Koalitionsvertrag finden sich mehrere Passagen, die eine Abschaffung des Bargelds ausschließen und gleichzeitig betonen, dass digitale Bezahloptionen gefördert und schrittweise überall verfügbar gemacht werden sollen. Bargeld bleibt also ausdrücklich eine Option. Die Erfahrung aber zeigt: Wo Kunden konsequent Karte oder Handy zücken, ziehen Händler nach. Kein Gesetz, keine Förderrichtlinie wirkt so schnell und effizient wie der Druck des Marktes.

Meine Einschätzung: Bargeld wird bleiben, als Teil unserer Freiheit und Sicherheit. Aber digital darf kein Glücksspiel sein. In einer internationalen Stadt wie Köln sollte es längst zum guten Ton gehören, dass man überall mit Karte oder Handy zahlen kann – vom Dom bis zur Südstadt. Pflicht? Die mag bei Großveranstaltungen wie in der Arena sinnvoll sein. Aber im Alltag geht es mir vor allem um eines: die Wahlfreiheit. Denn es darf nicht sein, dass ein Brite am Dom sein Kölsch nicht bezahlen kann. Köln muss zeigen, dass es den Spagat zwischen Tradition und Moderne schafft. Nicht nur in der Arena, sondern überall.

Herzlich grüßt Sie

Ihre Claudia Hessel

 

 

 

 

 

NEWSLETTER 26.09.2025

Warum Köln ein Wir-Gefühl braucht, die Dom-Umgebung ohne Grün ist und Lateinamerika eine Botschafterin in dieser Stadt hat  

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

Köln ist eine lebenswerte Stadt, deren Bürger ich gerne bin. Das Leben hier ist vielstimmig und unhierarchisch, das Miteinander meist liberal. Es gibt eine bunte Vielfalt von Initiativen, kulturellem Engagement und politischen Kräften. Auf einem Podium zur Oberbürgermeisterwahl zählte ich jüngst zehn Kandidierende. Und das waren noch längst nicht alle. Mehr als 100.000 Menschen und damit über 22 Prozent stimmten für Kandidaten, die allenfalls Außenseiterchancen hatten. Und dennoch kämpften sie um jede Stimme.

Warum ich das erwähne, wo wir auf die entscheidende Stichwahl zwischen Berivan Aymaz (Grüne) und Torsten Burmester (SPD) zugehen? Weil ich mir Gedanken gemacht habe, was auf die künftige Führung an Aufgaben wartet. Zu einer Zeit internationalen Wertewandels, in der ein US-Präsident den Hass auf seine Kritiker predigt, addieren sich Probleme dieser Stadt wie preiswertes Wohnen, dysfunktionaler öffentlicher Nahverkehr (KVB) sowie der Verfall öffentlicher Infrastruktur, der sich von Brücken über Tunnel bis Museen und Oper sowie Schauspiel spannt. Und: Köln verdreckt vor unseren Augen.

„Den Herausforderungen kann nur mit übergreifendem Gestaltungswillen aller Kräfte begegnet werden,“ sagte mir Andreas Grosz, der seinerzeit aus dem Rotonda-Business-Club Impulse in die Stadtgesellschaft sandte und Köln heute von außen betrachtet. Da gelte es, die Vielfalt zu einen. Derzeit lähmen politische Querelen vieles. Grosz fordert ein Wir-Gefühl ein, eine Stärkung des Zusammenhalts. Wozu Köln imstande ist, kann sich in der Tat im Großen zeigen – Arsch huh – wie auch im Alltag, wenn eingefleischte Christdemokraten Initiativen, die in der linken Szene wurzeln, bei Sanierungen unterstützen. Aber im Tagesgeschäft wird gerne verschoben und wenig entschieden.

Die neue Führungspersönlichkeit sollte klar kommunizieren und einen können sowie zielorientiert handeln. Das ist eine Menge. Von politischen Zielen habe ich noch nicht gesprochen. Das hat einen Grund. Von der Ost-West-Achse abgesehen, geht es in Köln eher um zügiges Gestalten statt Kommissionsbildung, geht es mehr um das „Wie“ als um das „Ob“. Mein Paradebeispiel ist die gelungene Verkehrsberuhigung der Ringe, die Jedem Raum bietet und ästhetisch überzeugt. Mein Negativbeispiel: Die Trankgasse vor dem Excelsior Hotel Ernst, deren öde Hau-Ruck-Gestaltung mich an Pjöngjang erinnert, die Hauptstadt Nordkoreas. Beide Beispiele entstanden übrigens unter grünem Vorzeichen.

Beim vorliegenden Wahlergebnis muss die Gestaltung dieser Stadt – neben der Kandidatenvielfalt liegt keine Partei über 30 Prozent – die Aufgabe Aller sein. Das wird nur mit einem neuen Wir-Gefühl gelingen und es ist nicht Holschuld einer(s) OB, sondern auch Bringpflicht, es ist Einladung und Auftrag zugleich, meint Andreas Grosz. Gebraucht wird im OB-Amt eine Mischung aus Herkules und Demosthenes.

Viele OB-Kandidierende bleiben der Politik erhalten – wie der frühere Pfarrer Hans Mörtter. Er spricht davon, während des Wahlkampfes sein ohnehin vorhandenes Netzwerk in die Stadt in Tiefe und Breite verstärkt zu haben. Ein Satz von ihm hallt nach bei mir: Konzerte allein reichen nicht. Übersetzt: Es reicht nicht, nur in der eigenen Blase unterwegs zu sein.  Roberto Campione von der Kölner Stadtgesellschaft bleibt am Ball, ebenso Volker Görzel (FDP) oder Lars Wolfram (Volt). Und viele andere auch. Die Kunst besteht darin, den Gemeinsinn neu zu entdecken. „Wir differenzieren uns sonst um Kopf und Kragen“, sagt Andreas Grosz abschließend.

Klar ist mir eins: Wenn Köln jetzt nicht aufwacht, droht die Stadt abzurutschen. Die neue Führung hat daher unseren Respekt verdient. Wie auch die scheidende Henriette Reker. Dieser Stadt vorzustehen mag ein Privileg sein. Es ist aber kein Zuckerschlecken.

Apropos Vielfalt der Bürgergesellschaft: Der Londoner Architekt und Autor Jan-Maurits Löcke hat Kölner Wurzeln. Der Eindruck der rot-weißen Warnbaken, die den Domvorplatz verunstalten, veranlasste ihn zu einer Fotomontage, wie der Vorplatz noch aussehen könnte (siehe Abbildung). Wenn man dort heute den Blick schweifen lässt, versteht man, was unter „Versiegelung öffentlicher Fläche“ zu verstehen ist. Bis zu 40.000 m² in der Dom-Umgebung stellen sich unbegrünt und nicht-porös dar, hat der Nachhaltigkeitsexperte errechnet. Einen Link zu einer Podiumsdiskussion zu diesem Thema mit Maurits Löcke im Museum Ludwig aus dem November 2023 finden Sie hier. Er führt zu interessanten Ideen für eine Begrünung des Kölner Kerns.

Weiter geht es mit Kölner Vielfalt. Unsere Stadt ist überproportional vielen Lateinamerikanern bekannt. Das mag an den Honorarkonsulaten für Chile und Mexiko liegen, die hier beheimatet sind sowie den Residenzen Brasiliens und Mexikos, die seinerzeit im Kölner Süden lagen. Oder an der Förder- und Entwicklungsbank DEG, deren rund 700 Kölner Mitarbeiter weltweit in Entwicklungsprojekten engagiert sind. Oder auch an Hildegard Stausberg. Wenn man am Telefon statt der Ehrenvorsitzenden des Kölner Presseclubs nur ihren Anrufbeantworter bekommt, wird man auf Spanisch begrüßt.

Seit fast einem Vierteljahrhundert richtet die frühere FAZ-Korrespondentin in Mexiko und spätere Chefredakteurin der Deutschen Welle (DW) am Vorabend der internationalen Lebensmittelmesse in Köln den „Latino-Anuga-Empfang“ aus. Ihr Ziel: Die vielen Botschafter und Wirtschaftsattachés, die zu diesem Großereignis kommen, mit Kölner Wirtschaft und Stadtgesellschaft zusammenzubringen. Seinerzeit konnte man dort den heutigen Außenminister Perus kennenlernen. Das Konzept nutzt auch den Ausstellern, wenn der mexikanische Tequila-Hersteller aus Guadalajara auf einen argentinischen Weinproduzenten aus Mendoza trifft, wie die Gastgeberin sagt. Stets Teil der Gästeschar ist Messechef Gerald Böse, der den Empfang einen „Schmelztiegel des Kontinents“ nennt. Mehr über Lateinamerika, Köln und Hildegard Stausberg lesen Sie in ihren eigenen Worten hier.

Ein schönes Wahl-Wochenende wünscht Ihnen

Ihr
Peter Pauls

NEWSLETTER 19.09.2025

Über die Illusion von Wohlstand, Erfolge der Vergangenheit und wirkungslose Subventionen 

 

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

ein bisschen 1. FC Köln steckt in ganz Deutschland: Gefühlt immer Champions League, tatsächlich aber mal Erste und mal Zweite Liga. Das ist natürlich etwas ungerecht gegenüber dem Fußballclub, der aktuell sicher besser dasteht als das Land. Doch das gerne von Politikern genutzte Bild vom „reichen Land“ ist statisch und soll die Dynamik einer Entwicklung verschleiern, in der Deutschland seine Wohlstandsillusion zunehmend auf Pump finanziert und dabei ist, international den Anschluss zu verpassen.

Die Grundlage für den Aufstieg zur großen Industrienation wurde im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert gelegt. Ob in Pharmazie oder Chemie, ob in Medizin oder Automobilbau, Wissenschaft und Unternehmertum machten das Land zu einem Hotspot für Innovation und Erfindungsreichtum. Ohne diese Leistungen der Vergangenheit lebten wir in einer ärmeren Gegenwart. „Durch Forschung entsteht Innovation, durch Innovation entstehen Unternehmen, durch Unternehmen entsteht Reichtum und damit Beschäftigung und sozialer Frieden“, bringt es Jürgen Hescheler auf den Punkt. Als umtriebiger Wissenschaftler der Uni Köln hat der international renommierte Stammzellforscher einen guten Überblick.

Und heute? Scheint in Vergessenheit geraten zu sein, dass die Voraussetzung für innovative Produkte Forschung und Entwicklung ist. In Rankings schafft es die einstige Wissenschaftsnation nur noch auf mittlere Plätze. „Unter den Top-Unis der Welt findet sich keine deutsche“, sagt Hescheler bedauernd. Für ein Land ohne Bodenschätze, das von den Köpfen seiner Bewohner leben muss, kein ermutigendes Signal. Köln mit seiner großen Uni-Tradition hat offensichtlich auch noch Luft nach oben. Den Exzellenz-Status hat die Hochschule verloren und schneidet im Vergleich zu Bonn oder Aachen schlechter ab. Dort spielen die Hochschulen im städtischen Leben allerdings auch eine wichtigere Rolle, während in Köln Fußball oder Karneval die Aufmerksamkeit zu absorbieren scheinen.

Jürgen Hescheler, Direktor des Instituts für Neurophysiologie und als Schüler Bundessieger im Wettbewerb „Jugend forscht“ im Fachgebiet Mathematik/Informatik, sieht in seiner Analyse des Wissenschafts- und Forschungsstandorts Deutschland ein ganzes Bündel von Ursachen für den Abstieg des einstigen Primus: Die finanzielle Ausstattung der Hochschulen hat mit der rapiden Zunahme von Studierendenzahlen nicht Schritt gehalten, auch hat die Inflation einen Teil der zusätzlichen Mittel (von 19 Mrd. Euro 2005 auf 35 Mrd.) aufgefressen. Um Forschungsprojekte zu finanzieren, sind sog. Drittmittel notwendig, also Gelder von externen Einrichtungen. Das scheitere allerdings oft an einengenden Vorschriften und bürokratischer Überregulierung.

Die massive quantitative Expansion des Hochschulsektors mit deutlich mehr als 400 Universitäten, Fach- und anderen Hochschulen ist seines Erachtens auch auf Kosten der Exzellenz gegangen. Masse statt Klasse eben. Das ist „Diversifizierung auf Kosten der Fokussierung“. Mit dem Ergebnis von Qualitätsverlusten. Auch deshalb spielt Deutschland nicht in der Liga von Oxford, Harvard, Stanford oder MIT.

Der Transfer von Forschungsergebnissen in die Wirtschaft läuft hierzulande schlechter als anderswo, diagnostiziert Prof. Hescheler. „In der Grundlagenforschung sind wir nach wie vor sehr gut. In der Umsetzung in Produkte eher nicht.“ Viele junge Wissenschaftler ziehe es deshalb ins Ausland, wo sie bessere Arbeitsbedingungen und eine aussichtsreichere Perspektive hätten.  Die Hoffnung, dass US-Wissenschaftler wegen Trumps erratischer Politik nach Deutschland kämen, teilt Jürgen Hescheler nicht: „Dafür sehe ich keinerlei Anzeichen. Länder wie China sind da erheblich attraktiver.“

Auch beklagt er die zu geringe Risikobereitschaft von hiesigen Kapitalgebern, die immer gerne vorab eine Erfolgsgarantie hätten. Das machte es letztlich auch den Start-ups im Umfeld der Hochschulen das Überleben schwer. Das sei in anderen Ländern deutlich anders.

Wir haben noch über viele andere Themen aus diesem Komplex gesprochen, über den Sinn von Studiengebühren, ein wünschenswertes Kooperationsgebot, damit der Bund sich an der Finanzierung der Hochschulen beteiligen kann und vieles mehr. Beeindruckt hat mich aber der Hinweis auf eine andere Mentalität, eine andere Lernhaltung in Ländern wie China oder den USA. Vor allem China, wohin Jürgen Hescheler intensive Beziehungen pflegt und wo er 2009 die Ehrendoktorwürde erhielt, hat ihn beeindruckt. Ungeheuer fleißig seien die Studierenden, Entscheidungen kämen schnell und verlässlich, das Land investiere enorme Mittel in Lehre und Forschung.

Vielleicht braucht Deutschland einen Bildungs- und Forschungsgipfel noch dringender als einen Auto- oder Stahlgipfel. Für die Zukunftssicherung sind kluge Investitionen in die Köpfe und ein Abbau sinnloser Regulatorik wichtiger als wirkungslose Subventionen in Krisenbranchen.

 

In diesem Sinne grüße ich Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz

NEWSLETTER 12.09.2025

Invasive Gänsearten erobern zunehmend den Grüngürtel. Erst wurden die heimischen Enten vertrieben. Sind als nächstes die Kölner dran?

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

mit teuflisch roten Augen starren sie mich zu Dutzenden an: Nilgänse am Aachener Weiher. Sie haben keine Scheu; Kinder bekommen schnell Angst. Es stinkt, denn die eigentlich sonst so grüne Wiese ist schlichtweg (Tschuldigung!) zugeschissen.

Invasive Tierarten nehmen auch die grüne und erholsame Gegend der Kölner Innenstadt zunehmend ein. Und vorab lässt sich sagen: so schlimm wie in der Innenstadt kann es mit Kanada- und Nilgänsen im Rest von Köln gar nicht sein. Und einige Kölner sind auch selbst daran schuld. Aber fangen wir vorne an…

Unabhängig von den aggressiven Nilgänsen hat sich auch die gemeine Kanadagans in Köln niedergelassen. Sie mutet zunächst harmlos an und sie kommt nicht so häufig vor wie die Nilgans. Diese breitet sich nämlich in Köln so stark aus wie keine andere ihrer Art. Nach Angaben der Stadtverwaltung hält sich die Population der Kanadagans seit drei Jahren stabil, während sich die Population der Nilgans mehr als verdoppelt hat. Das liegt aber nicht nur an der natürlichen Überlegenheit der Nilgans. Die Stadt Köln hat ein sogenanntes Gelege-Management erarbeitet, dass den gansen Nachwuchs begrenzen soll.

Mitarbeiter greifen dabei in die Brutplätze ein. Aus den Nestern werden in mehreren Durchgängen alle Eier bis auf eines entnommen. Der Bruterfolg soll somit reduziert, nicht aber gänslich verhindert werden. Bei der Kanadagans scheint es mit Blick auf die Populationsentwicklung gut zu funktionieren, aber gegen die Nilgans müsse der menschliche Eingriff in den Brutvorgang „effektiver ausgeweitet“ werden, heißt es von den Experten der Stadt. Aber, so wurde mir zugesagt, man sei an der Sache dran.

Letztlich könnte der Vogel auch abgeschossen werden (wenn Sie mir den Scherz erlauben). Tatsächlich dürfen beide Gänsearten gejagt werden. Sie werden es auch – aber nur an den Stadträndern. „Dadurch drücken die Gänse leider noch mehr in Richtung Innenstadt“, sagt mir Stadtsprecherin Sabine Wotzlaw auf Anfrage. Und wenn das nicht schon genug wäre: „Im innerstädtischen Bereich hingegen ist die Jagd verboten.“

Und so bliebe für den Grüngürtel nur eine radikale Lösung, die schon in anderen Städten gut geklappt hat. So gut, dass gleich die Stadtbevölkerung mit vertrieben wurde. „Um die Gänse zu vertreiben wäre es am einfachsten, alles hoch wachsen zu lassen,“ so Wotzlaw. Also das scheint auch keine probate Lösung zu sein.

Immerhin sorgen einige Kölner noch dafür, dass die Wiesen zwischen Universität und Colonius ein ideales Zuhause für invasive Arten sind. Denn – und das sagen sehr viele, die mit der Pflege des Grüngürtels zu tun haben – die Gänse werden „in großen Mengen massiv gefüttert“. Ich habe eine Frau mit der Plastiktüte, in der mindestens ein Kilo Brot gewesen sein muss, deshalb letztens freundlich angesprochen. Sie lässt es künftig bleiben.

Ich wünsche uns eine spannende Kommunalwahl und verbleibe mit

Herzlichen Grüße

Ihr

David Rühl

NEWSLETTER 05.09.2025

Wer führt Köln, wenn es ernst wird?Zwischen Verwaltung, Verdrängung und Verantwortung

 

Sehr geehrte Mitglieder, liebe Freunde und Freundinnen des Kölner Presseclubs,

der Wahlkampf geht in die letzte heiße Phase. In einer Woche wählt Köln ein neues Stadtoberhaupt. Natürlich geht es dabei um unsere alltäglichen Themen – Verkehr, Wohnen, Sauberkeit, Parkplätze oder den Grüngürtel. Aber eine Frage beschäftigt mich darüber hinaus: Wer von den drei aussichtsreichsten OB-Kandidaten hat eigentlich eine Vorstellung davon, was in den nächsten Jahren geopolitisch auf Köln zukommen könnte?

Ich erinnere mich gut an einen Sommerabend vor einigen Wochen: Oberbürgermeisterin Henriette Reker sagte dort in kleiner Runde, man müsse die Brücken ertüchtigen, „damit Panzer darüberfahren können“. Im ersten Moment wirkte dieser Satz befremdlich – und doch blieb er hängen. Denn er macht deutlich: Mit dem Ukraine-Krieg sind die großen sicherheitspolitischen Herausforderungen dieser Zeit längst auch bei uns am Rhein angekommen.

In den vergangenen Monaten waren hochrangige Offiziere in Rathäusern unterwegs, um über den sogenannten „Operationsplan Deutschland“ zu sprechen. Auch in Köln. Einer, der diese Entwicklung sehr genau verfolgt, ist Norbert Froitzheim, Mitbegründer und Vorsitzender des Sicherheitsforums Deutschland. Sein Verein bringt Experten zusammen, die sich mit Sicherheit und Krisenvorsorge befassen – Themen, die plötzlich näher sind, als viele wahrhaben wollen.

Es ist höchste Zeit“, sagt Froitzheim. „Wir haben Jahrzehnte in Wohlstand gelebt, ohne uns Gedanken machen zu müssen. Aber die Friedensdividende ist endgültig aufgebraucht.“ Er verweist dabei auch auf Szenarien, die Sicherheitsexperten wie Professor Carlo Masala von der Universität der Bundeswehr gezeichnet haben: etwa den Angriff Russlands auf ein baltisches Land, der den NATO-Bündnisfall auslösen und Deutschland automatisch zur Kriegspartei machen würde. „Das klingt alarmistisch“, so Froitzheim, „sollte uns aber wachrütteln.“

Ich habe also bei der Stadt nachgefragt: Ist der „Operationsplan Deutschland“ in Köln bei den Verantwortlichen bekannt, was folgt daraus und wer trägt die Verantwortung für die Krisenvorsorge? Die Antwort fiel sehr allgemein aus: „Die Stadt Köln bereitet sich im Rahmen ihrer Aufgaben im Katastrophen- und Zivilschutz auf alle möglichen Krisenszenarien vor.“ Weitere Informationen gebe es aus Gründen der Vertraulichkeit nicht.

Der Plan selbst ist öffentlich im Netz zugänglich. Aus zuverlässigen Kreisen habe ich jedoch erfahren, dass in maßgeblichen Einrichtungen – von Behörden über große gesellschaftliche Organisationen bis hin zu den Kirchen – längst Überlegungen laufen, welche Aufgaben sie im Ausnahmefall übernehmen sollen. Diese Überlegungen sind weit entfernt von bloßer Theorie. Die Öffentlichkeit erfährt davon bislang nichts – aus nachvollziehbaren, aber nicht unproblematischen Gründen. Dennoch bleibt für mich der Eindruck, dass die Dinge schon jetzt klarer benannt werden müssten. Das fordert auch Norbert Froitzheim mit mir im Gespräch.

Froitzheim weist darauf hin, dass Köln im Krisenfall eine strategische Drehscheibe wäre – als Verkehrsknoten, logistischer Umschlagplatz, Kommunikationszentrale. Besonders die Infrastruktur sieht er kritisch: Brücken seien der Flaschenhals, Schutzräume kaum vorhanden, Bunker längst stillgelegt. Zwar sei geplant, Tiefgaragen oder U-Bahnhöfe umzuwidmen, aber ob das im Ernstfall reicht, bezweifelt er stark.

Und genau hier liegt vielleicht das besondere Kölner Problem: Wir leben in einer Stadt, in der das Leben leichtfällt, wo der Karneval jedes Jahr ein Gefühl vermittelt, dass alles halb so wild sei. Wir können Schunkeln wie keine andere Stadt – aber wir tun uns schwer damit, Tacheles zu hören und ernste Themen wirklich anzupacken. Diese Sorglosigkeit macht uns charmant, aber auch verwundbar.

Mir persönlich zeigt das: Krisenvorsorge ist kein Thema für die Schublade, sondern betrifft uns alle. Sie reicht von Verwaltung und Polizei über Kliniken, Energieversorger, KVB und THW bis hin zu Supermärkten, Tankstellen oder Kirchengemeinden – und sie schließt die Zivilgesellschaft ausdrücklich mit ein. Denn ohne Vereine, Nachbarschaften, Unternehmen und ehrenamtliches Engagement bleibt unsere Stadt im Ernstfall kaum handlungsfähig.

Und wer steuert das Ganze? Leider ist Köln in der Vergangenheit nicht gerade für Schnelligkeit und Projektsteuerung berühmt. Doch genau das wäre im Ernstfall gefragt. „Es braucht ein stringentes, multidimensionales Projektmanagement, bei dem Versorgung, Sicherheit, medizinische Hilfe, Logistik und Kommunikation ineinandergreifen“, mahnt Froitzheim. Sein Fazit: „Wenn jeder auf den anderen wartet, ist es zu spät.“ So weit wie er denken bislang nur wenige – vielleicht erklärt das, warum in Köln noch immer erstaunliche Gelassenheit herrscht.

Und so bleibt die entscheidende Frage für mich: Wer führt Köln, wenn es hart auf hart kommt? Ich hoffe, dass wir am 14. September die Weichen so stellen, dass Köln nicht nur mit Herz, sondern auch mit Verstand geführt wird – mit Kompetenz, Stärke und dem Mut, auch unbequeme Wahrheiten anzusprechen.

Mit zuversichtlichen Grüßen

Ihre
Claudia Hessel

 

NEWSLETTER 29.08.2025

Warum Zuversicht ein notwendiges Grundgefühl ist und Köln darauf wartet, von einer charismatischen Person entdeckt zu werden

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

als ich jüngst über Land fuhr, stellte sich unerwartet ein Gefühl bei mir ein, von dem derzeit häufig in Analysen, Leitartikeln oder gar Predigten die Rede ist: Ich wurde zuversichtlich. Das geschah trotz der permanent präsenten Krisen. Es war ein angenehmes, wärmendes Gefühl und hatte einen einfachen Grund. Auf jedem der Wahlplakate, die die abgelegene Landstraße säumten, blickten mich Frauen und Männer an, die sich für ihre Stadt oder ihre Gemeinde engagieren, bereit, Verantwortung zu übernehmen. Das Gros tut das ehrenamtlich. Diese Phalanx freundlicher und offener Gesichter schob das Bild beiseite, das mich bis dahin plagte. Es zeigt Donald Trump, der auf einem roten Teppich Wladimir Putin vertraut die Hand tätschelt.

Menschen verspüren Zuversicht, wenn sie gestalten können und ihre „Selbstwirksamkeit“ erleben, erklärt der Tiefenpsychologe Jens Lönneker, Geschäftsführer des Kölner „Rheingold Salon“. Auch dieses Wort hat Konjunktur und lässt Rückschlüsse auf die Gesellschaft zu. Es umschreibt das Bedürfnis, sich nicht ausgeliefert zu fühlen, sondern vielmehr handlungsfähig zu sein. Selbstwirksam fühlt eine Mehrheit sich aber nur noch im Privaten. Diese Menschen ziehen sich aus dem öffentlichen Bereich zurück und überlassen ihn anderen, hat Lönneker herausgefunden. Ein Raum für Populisten?

Die Grundgefühle, von denen ich hier schreibe, sind mittlerweile für den Bestand unserer Demokratie so wichtig geworden, dass „Rheingold Salon“, die deutsche Presse-Agentur (dpa) und die Initiative 18 ein Projekt „Zuversicht“ aufgelegt haben. Sie setzen es u.a. mit regionalen Medien um, die ihrerseits als Garanten für Demokratie gelten, denn sie berichten sachlich, erklären und bringen Licht ins Dunkel. Wo Zeitungen fehlen, blüht die Vereinfachung. Ohne kritische Presse gibt es weniger Kontrolle, verbreitet sich Desinformation leichter.

Gehen wir mit Zuversicht in den Wahlkampf für den Kölner Rat und das Oberbürgermeisteramt? Da ist noch Luft nach oben, würde der Stadtplaner Dr. Johannes Novy, Professor an der „University of Westminster’s School of Architecture and Cities“ sagen. Novy ist Kölner und gleichzeitig Weltbürger. Die Debatte um einen Kölner Louvre löste in ihm den Wunsch aus, eine Politikerin oder ein Politiker „vom Format einer Anne Hidalgo, der Bürgermeisterin der Seine-Metropole“, möge sich seiner Heimatstadt annehmen.

Warum? Hidalgo steht für eine entschlossene Politik. Nicht nur für eine radikale Verkehrswende, sondern z.B. auch für eine Offensive im sozialen Wohnungsbau, einen Ausbau der Kitastruktur, für Begrünungsinitiativen und nicht zuletzt die erfolgreiche Ausrichtung der Olympischen Spiele 2024. Mit ihr, die Medien wie Time Magazine und Financial Times in ihre Toprankings aufnahmen, verbindet Novy einen klaren Kompass, Kompetenz, Konsequenz und Konfliktbereitschaft. Alles Eigenschaften, die auch dieser Stadt guttun würden, und von denen er hofft, sie im Kandidatenfeld noch zu erkennen.

Ist Köln nicht eine verlorene Stadt, angesichts der Dauerkrise, die die Stadt seit Jahren fest im Griff zu haben scheint? Man hört das immer wieder. „Dieses Narrativ der Unveränderbarkeit ist bequem – und falsch“, schreibt Novy. Eine Wende ist möglich. „Das beweisen nicht nur Wuppertal mit seinen Herausforderungen als Stadt im postindustriellen Wandel (Utopiastadt), sondern auch internationale Beispiele: das kolumbianische Medellín etwa, einst Synonym für Gewalt und institutionellen Zerfall, hat sich binnen zwei Jahrzehnten zum Vorbild integrativer und innovativer Stadtentwicklung gewandelt. Und in Portugal gelang es Ricardo Rio, die verschlafene Erzbischofsstadt Braga in einem Jahrzehnt in den Bereichen Mobilität, Digitalisierung und Kultur zu einem international anerkannten Modell nachhaltiger Stadtentwicklung zu machen – eine Leistung, die ihm 2022 den Titel „Weltbürgermeister für Nachhaltigkeit“ einbrachte.

Seine Beispiele seien nicht frei von Schattenseiten und Widersprüchen, räumt Novy ein. Dennoch zeigten sie, dass kluge, zukunftsgewandte Politik, die etwas bewegt, möglich sei – unabhängig von parteipolitischen Zugehörigkeiten.  Sie entstehe, wo Menschen durch entschlossenes – mitunter auch unpopuläres – Handeln Verantwortung übernehmen und Mut zu Visionen mit Management- sowie Umsetzungskompetenz verbinden.

Köln wartet darauf. Noch mangelt es an großen Ideen ebenso wie an schlichtem Handwerk. Die Idee des Kölner Louvre des früheren Wallraf-Chefs Andreas Blühm ist nichts anderes als eine Einladung, neu und anders zu denken. Warum ist das in jeder Hinsicht erfolgreichste Museum der Stadt, das Schokoladenmuseum, in privater Hand? Und warum ist ein Publikumsmagnet wie das römisch-germanische Museum de facto dauerhaft geschlossen? Köln schreibt zurzeit seine eigene Krise mit bürokratischer Sorgfalt fort.

Johannes Novy formuliert es positiv: Diese Stadt verfügt über ein außergewöhnliches Potenzial. Als wirtschaftliches Kraftzentrum mit fast 2000-jähriger Geschichte im Herzen Europas, als Medienhauptstadt mit pulsierender Kulturszene, als Universitätsstandort mit engagierter Bürgerschaft – Köln hat das Zeug zur Metropole, die Standards setzt. Seinen Essay lesen Sie hier. Dort finden Sie auch weitere Betrachtungen zu Stadtentwicklung im Allgemeinen und Köln im Speziellen.

Johannes Novy schließt nachdenklich. Trotz aller Klagen über den Zustand Kölns lasse der „eher schleppende Wahlkampf“ nur bedingt erkennen, dass in der Stadt echtes Interesse an Wandel bestehe. „Bring- und Holschuld gehen hier Hand in Hand: Wer Wandel will, sollte die Kandidat:innen nicht an Allgemeinplätzen und Phrasen messen, sondern ihn einfordern – und, wo immer möglich, selbst mit anpacken, damit aus Worten Taten werden.“

Fassen wir uns also auch an die eigene Nase. Das kann nie schaden. 

Ich wünsche Ihnen ein schönes, spätsommerliches Wochenende,

Ihr

Peter Pauls

NEWSLETTER 11.07.2025

Experte warnt: Warum die Marke Köln Schaden nimmt – In München setzt ein Kultur-Provisorium die Messlatte hoch    

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs!

„Erst hatten wir kein Glück, dann kam noch Pech hinzu.“ Wenn ich an Köln denke, kommt mir dieser Fußballerspruch in den Sinn. Jüngstes Beispiel: Die Umbenennung von Spielplätzen. Aus dem Stand schaffte es das Thema in überregionale Medien wie Süddeutsche Zeitung und Neue Zürcher. Eine Flut von Empörung ergoss sich über Politik und Verwaltung. Nachdenkliches, vom Stadtjugendring NRW etwa, war erst gar nicht gefragt.

Unter den deutschen Großstädten ist Köln der Unglücksrabe. Immer gut für politischen Slapstick. Man traut der Stadt schnell alles zu. Richtig gemein kann das mitunter sein, kommt aber leider nicht von ungefähr. Verkorkste Verkehrsberuhigung, Dauerbaustelle Brücken, die nicht enden wollende Sanierung der Oper – da ist die „Spiel- und Aktionsfläche“ nur die Kirsche auf der Sahnetorte.

„Die Marke Köln nimmt Schaden“, bilanziert Alexander Rauch, geschäftsführender Gesellschafter der Kölner Agentur „Spirit for Brands“. Mit seinem Team kümmert er sich um alles, was mit dem Thema Marke zu tun hat. Das reicht vom Flughafen bis zu Finanzprodukten der Sparkassen. Wie baut man Marken auf, wie pflegt man sie, wie ändert man die Markenbotschaft? Rauch fasst die Aufgabe für sich und sein Team so zusammen: „So wie ich sein möchte, will ich auch wahrgenommen werden.“

Und Köln? Nachdem ich mich lange mit dem Marken-Experten unterhalten habe, würde ich sagen: Köln ist ein Marken-Wildwuchs. Vor mehr als 60 Jahren bildete die Marke sich auf natürliche Weise aus Rhein, Kölner Dom, Karneval, 1. FC Köln und einem Modernitätsversprechen, das in der ersten Fußgängerzone Deutschlands, der Hohe Str., und der legendären grünen Welle wurzelte – Dauergrün für die wenigen Autofahrer, wenn sie sich an Tempo-Regeln hielten. Dieses Köln, das nach 1945 eine phänomenale Aufbauleistung hingelegt hatte, war trotz kriegsbedingter Lücken eine moderne Stadt, in der ich Lebensgefühl tankte, wenn ich in den 60er Jahren als Teenager zu Besuch war.

Heute erinnert mich die Marke von damals an einen überwucherten Schrebergarten. Irgendwo wachsen noch verwilderte Erdbeeren oder Bohnen. Lange schon überziehen aber die Brombeeren die ehemals kultivierten Flächen. Nein, niemand will heute mehr die grüne Welle. Aber was ist an deren Stelle getreten? Wo ist Köln besonders? Mir fällt wenig ein. Außer der Dauerklage, es sei kein Geld da.

Markenexperten haben einen Grundsatz: Wir müssen wissen, wohin die Marke soll! Im Fall von Köln ist das einfach und schwer zugleich. Köln ist Oberzentrum sowie Ziel von gut 300.000 Pendlern täglich und muss doch auch lebenswert für seine Bewohner sein, Wohnraum, Arbeits- und Ausbildungsplätze bieten. Köln würde wachsen, wenn man es denn ließe. Eigentlich sind das ideale Wahlkampfthemen für die OB-Kandidatin und -Kandidaten. Für welches Köln steht ihr? Bisher habe ich dazu wenig gehört.

Markenbildung ist auch Stadtentwicklung, wenn es um Köln geht, sagt Alexander Rauch. Wer wollen wir sein, wo wollen wir hin? In Bielefeld habe man viele gute Antworten gefunden, sagt der Experte beiläufig. Nicht falsch verstehen: Da wollen wir nicht hin! Ich weiß, wovon ich rede, denn ich komme aus Ostwestfalen. Aber vielleicht . . . Köln ersetzt durch Eigenliebe, wo es an realer Selbsteinschätzung mangelt. Der Stadt fehlt die bewusste Gestaltung, sagt der Marken-Experte, der wie ein Seismograph die Absenz von gesteuerter Entwicklung aufzeigt. Er beobachtet einen Rückzug der Bürger aus der City, die Wiederkehr der Veedel und eine sinkende Identifikation mit der Innenstadt.

Was kann man für Köln tun? Zurzeit entsteht eine neue City nicht nach den Wünschen von Investoren, sondern nach den Bedürfnissen eines Publikums, das sich dort nicht mehr wohl fühlt. Kann Köln Olympia-Stadt sein? Die Landesregierung in Düsseldorf wäre glücklich, käme solch ein Bekenntnis vom Rhein. Oder besticht Köln durch kreative Politik? Ohne Wagnis wird sich da nichts bewegen. „Ein fertiges Museum wäre eine feine Sache,“ sagt Alexander Rauch nüchtern und weist noch einmal auf den Wert einer Marke hin: Nach Innen gibt sie Identität, nach außen ist sie attraktiv.

Wir bleiben beim Thema, wechseln aber die Richtung. Lasst über den Bau eines Kölner Louvre nachdenken, forderte der frühere Wallraf-Museumschef Andreas Blühm im Newsletter vom 13. Juni und erzielte damit einen Reichweitenrekord. Nun zieht Blühm eine Bilanz (lesen Sie hier) und hat einen Rat, wenn es mal wieder an Geld mangelt. Es geht darum, dem mächtigsten Gestaltungselement dieser Stadt zu entgehen, dem Sachzwang. Der lautet: Sanieren, bis die Stadt in Schulden versinkt. Köln hat kein Problem mit seinen Kulturbauten. Köln hat ein Sanierungsproblem. Beispiel Mülheimer Brücke: 2018 begannen die Arbeiten, sie sollten 300 Millionen Euro kosten. 2025 ist die Rede von 500 Millionen Euro Kosten und einer kompletten Fertigstellung zehn Jahre nach Baubeginn – in 2028.

Was, wenn man preiswerter saniert oder ganz anders baut? München zeigt, wie kreativ man in ähnlicher Lage handeln kann. Dort muss der städtische Kulturkomplex Gasteig samt Philharmonie und Stadtbibliothek aufwendig für rund eine Milliarde Euro saniert werden. Doch die Interim-Lösung Isarphilharmonie hat sich nun zu einer denkbaren Dauerlösung entwickelt. Der Holz-Modulbau aus Stahl, Glas und Beton ist robust und auf langfristige Nutzung angelegt. Er besticht durch hochwertige Akustik und Großzügigkeit. Und kostet ein Zehntel der Sanierung. Improvisieren, neu denken, den Blickwinkel ändern – das geht – siehe Schauspiel im Schanzenviertel – auch hier.

Ob München tatsächlich beim Provisorium bleibt oder ein spektakuläres Neubau-Konzerthaus realisiert? Die Debatte läuft durch Politik, Kulturszene und Öffentlichkeit. Darüber wird öffentlich nachgedacht in München. Was ist hier möglich?

Wir vom Kölner Presseclub verabschieden uns jetzt in die Sommerpause. Nachdenkend!

 

Herzlich grüßt

Ihr

Peter Pauls

NEWSLETTER 04.07.2025

Über Kassandra, politische Hütchenspieler und die schwäbische Hausfrau

 

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

 

es ist nicht überliefert, aber wir dürfen davon ausgehen, dass Kassandra eher nicht zu den fröhlichen Stimmungskanonen ihrer Zeit gehört hat. Sie hatte nämlich die Gabe, kommendes Unheil vorauszusagen. Ein bisschen die rheinische Variante der Kassandra ist blond, Präsidentin der IHK Köln und hört auf den Namen Dr. Nicole Grünewald. Denn mitten in die allgemeine Partystimmung über das vom Bundestag beschlossene Sondervermögen für Investitionen streut sie Zweifel, ob die Mittel wirklich für Brücken, Bahn, Straßen und Bildung ausgegeben werden. Sie vermutet ein politisches Verwirrspiel – „ein Hütchenspiel“, wie sie sagt – der schwarz-roten Koalition.

Grundsätzlich, das betont sie, befürwortet sie („zähneknirschend“) ein Investitionsprogramm, weil die Mängel in der Infrastruktur unübersehbar und für ein hoch entwickeltes Industrieland beschämend seien. Doch skeptisch, wie die IHK-Präsidentin ist, hat sie genauer hingeschaut und nachgerechnet. „Es sieht nicht danach aus, dass das Geld wirklich in Schiene, Straße und Bahn fließt, wo es bitter nötig wäre“, fasst sie ihr Ergebnis zusammen.

So könnten zum Beispiel die Länder (für die im Sondervermögen 100 Mrd. Euro vorgesehen sind) die Mittel nicht nur für Löcher im Asphalt, sondern auch für Löcher im Kultur- und Sportetat ausgeben. „Die sind dann schon mal weg“, meint Grünewald, und IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Uwe Vetterlein setzt noch einen drauf: „Auch die Zusätzlichkeit ist weg, damit können Länder und Kommunen mit dem Sondervermögen bisherige Mittel ersetzen – statt zusätzlich zu investieren.“ Gleichzeitig sei die geplante Steuersenkung für Unternehmen weggefallen.

Weitere 100 Mrd. Euro hatten die Grünen als Preis für Ihre Zustimmung zur Grundgesetzänderung erfolgreich in den sog. Klima-Transformationsfonds (KTF) hineinverhandelt. Nach gegenwärtiger Planung sei davon allenfalls ein Drittel investiv, so Vetterlein. Da das Sondervermögen auf 12 Jahre eingerichtet ist, blieben dann nur noch 25 Milliarden pro Jahr – angesichts des Gesamthaushalts eine fast überschaubare Summe. Insgesamt herrscht bei Grünewald und Vetterlein der Verdacht vor, dass es der Koalition beim Sondervermögen um die Finanzierung überzogener (nicht-.investiver) Wahlversprechen geht. Das wäre dann „nach dem Wortbruch von Merz ein weiterer Vertrauensverlust für die Politik.“

Je nach Berechnung sieht der Referentenentwurf des Finanzministeriums prozentual sogar einen geringeren Investitionsanteil für die künftigen Bundeshaushalte vor als 29024. Das wäre tatsächlich ein politisches Hütchenspiel. Aber noch ist nichts in Beton gegossen, die energische IHK-Präsidentin als Interessenvertreterin der regionalen Wirtschaft kämpft und wirbt bei der Politik für ihre Position. „Es ist gerade sehr dynamisch, täglich gibt es neue Entwicklungen. Doch wir sind alert.“

Spricht man dieser Tage mit Prof. Michael Hüther, blickt der Chef des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) deutlich entspannter auf die Lage. Er begrüßt ausdrücklich das Sondervermögen. Für ihn sind massive Investitionen in Infrastruktur und Klimaneutralität entscheidend für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands, wie er diese Woche noch einmal im Gespräch betonte. Natürlich sieht auch er die Gefahr einer Umwidmung der Mittel für soziale Wohltaten, aber er scheint deutlich optimistischer zu sein. Das Sondervermögen könnte ein Booster für das Wirtschaftswachstum sein, das angesichts der alternden Gesellschaft so dringend benötigt wird. Die Schuldenbremse in ihrer gegenwärtigen Form hält er für aus der Zeit gefallen. Die schwäbische Hausfrau, ohnehin eine diskriminierende Metapher, taugte nicht als fiskalisches Vorbild eines modernen Staates. Ein Staat müsse schuldenfinanziert vorsorgen können, schließlich würden sich Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Klimaschutz morgen auch ökonomisch rechnen.

Vielleicht ist für die aktuelle Situation beides gut: Der kritisch-kontrollierende Blick Nicole Grünewalds genauso wie der Optimismus des renommierten Ökonomen Michael Hüther. Das Ergebnis ist dann konstruktive Kritik, ohne die Zukunft nicht gelingen kann.

 

 

In diesem Sinne grüße ich Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz