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SUMMARY:„KÖLNER PRESSECLUB INTERNATIONAL“
DESCRIPTION:Mit „Kölner Presseclub International“ startete der Kölner Presseclub eine neue Gesprächsreihe zu den großen internationalen Entwicklungen unserer Zeit. \nDen Auftakt machte Shi Ming.  \nIm Mittelpunkt standen Chinas Ziele und Strategien sowie die Risiken und Chancen der Politik Pekings. \nModeration: Michael Hirz\, Vorstand des Kölner Presseclubs \n\n  \nDer rote Drachen: nur ein Scheinriese?\nvon Johanna Tüntsch \nWie stark ist China – und wo liegen Chancen\, die europäische Demokratien ergreifen können\, um sich gegenüber der Volksrepublik zu behaupten? Zur Diskussion über die Rolle der aufstrebenden Weltmacht hatte Presseclub-Vorstand Michael Hirz den Journalisten Shi Ming eingeladen hatte. Zahlreiche Gäste waren zum Auftakt der Gesprächsreihe „Kölner Presseclub International“ in den Rheingold-Salon gekommen. \nDie Atommacht mit Führungsanspruch; die starke Wirtschaftsnation\, die durch preisgünstige Produkte europäische Hersteller massiv in die Ecke drängt: Mit diesen Attributen ist das Reich der Mitte nur höchst unzureichend beschrieben\, zeigte der Auftakt der neuen Gesprächsreihe „Kölner Presseclub International“. \nMichael Hirz\, Vorstand des Presseclubs\, widmete sich im Rheingold-Salon der Frage „Weltmacht China – die unterschätzte Gefahr?“ und hatte dazu einen Gast geladen\, der sich seit Jahrzehnten mit den Entwicklungen der Volksrepublik befasst: den mehrfach preisgekrönten Journalisten und Intellektuellen Shi Ming\, der als Akademikerkind in Peking geboren wurde\, während der Kulturrevolution aufwuchs und seit den 1980er Jahren in Deutschland lebt. \nMit facettenreichen Exkursen zeichnete er das Bild eines Landes\, dessen Stärke und rigide Strukturen zunehmend durch mannigfaltige Krisen erschüttert werden. Shi Ming\, der vor seiner publizistischen Karriere als Wirtschaftsjurist tätig war\, empfahl: „Ein vernünftiger Betriebswirt studiert die Bilanz immer auf beiden Seiten.“ Das lohne sich auch beim Blick auf China\, denn: „Im Westen bekommen wir meist nur die Aktiva zu sehen\, aber nicht die Passiva\, die Kosten.“ \nEiner solchen Sichtweise setzte Shi volkswirtschaftliche Eckdaten entgegen\, die skizzieren\, welche Kosten China für seine Politik der vergangenen Jahre und Jahrzehnte aktuell zu schultern hat: Alle Provinzen seien verschuldet\, die am stärksten betroffene mit 170 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Von 800 bis 850 Millionen Erwerbsfähigen seien laut der chinesischen Akademie für Verwaltungswissenschaft 170 bis 200 Millionen arbeitslos. In einer der reichsten Provinzen habe sich die Zahl der Zwangsversteigerungen binnen weniger Jahre vervierfacht. Die sozialen Sicherungssysteme seien jetzt schon überlastet\, und die Bevölkerungszahl sinke drastisch: bis Ende des Jahrhunderts von 1\,4 Milliarden auf erwartete 700 Millionen Menschen\, „optimistisch geschätzt“. \nDie große Hoffnungslosigkeit  \nDoch es blieb nicht bei Zahlen\, Statistiken und Prognosen: Hirz‘ Gast illustrierte auch lebhaft\, wie diese Realität den Alltag junger Chinesinnen und Chinesen heute prägt. „Sich flachlegen“ sei eine neu entstandener Ausdruck der jungen Mittelschicht\, die keine Aufstiegschancen mehr sehe – und sich folglich nicht mehr nach der Decke streckt\, sondern zurückzieht. Ein Verhalten\, dem die chinesische Regierung kaum etwas entgegensetzen könne: „Wie kämpft man gegen Menschen\, die sich nur flachlegen wollen? Du kannst sie gar nicht bekämpfen\, sie tun nichts.“ Eine weitere neue Redewendung für das Massenphänomen der 21 bis 27 Prozent junger Akademiker\, die keine Arbeit finden und mangels Alternativen auf Kosten ihrer Eltern leben: „Wir nagen an den Älteren.“ \nIn sozialen Netzwerken hätten tränenreiche Songs über entfernte oder verlorene Freunde jene Titel abgelöst\, die zu Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs vom heroischen einsamen Wolf\, der sich durchbeiße\, erzählten. Der Intellektuelle interpretiert das als Sehnsucht nach Gemeinschaft\, als Ausdruck von Einsamkeit einer erodierenden Gesellschaft: „Es ist das erste Mal seit Beginn der Reformjahre\, dass eine Generation sagt: Es wird uns nicht besser gehen.“ \nPointiert beschrieb der Gast\, wozu es führe\, dass die soziale Ungerechtigkeit eines der ganz großen Themen im Land sei: „Die Kommunisten haben die größte Angst vor dem Kommunismus.“ Der Nationalismus lasse ebenso nach wie die leidenschaftliche Vision einer Wiedervereinigung mit Taiwan: „Vor fünf Jahren hat einer noch geschrieben: ‚Gegen Japan spende ich einen Monat Lohn. Um Taiwan zu befreien\, spende ich mein Leben.‘“ Als aber vor einem Jahr eine Diskussion darüber entbrannt sei\, wer im Falle eines Krieges gegen Taiwan an die Front gehe\, hätten Menschen trotz der Zensur offen gesagt: „Ich nicht. Und ich verbiete es auch meinen Kindern.“ \nBeängstigende Überkapazitäten \nWie es angesichts solcher Zustände gelänge\, das Land noch ruhig zu halten\, hakte Michael Hirz nach. Hier beschrieb Shi verschiedene Aspekte. Zum einen gebe es\, trotz bereits erster kollabierender Immobilienfirmen\, nach wie vor Vermögende: „Wer auf Immobilien sitzt\, geht nicht gleich auf die Straße.“ Klar sei aber auch\, dass Kritiker früh mit Repressalien rechnen müssen: „Die Kontrolle wird immer totaler.“ Nach drei kritischen Äußerungen in einer chinesischen Alternative zum Nachrichtendienst Whatsapp müsse man bei der vierten schon damit rechnen\, dass die Polizei vor der Tür stehe. \nGleichzeitig gilt das von westlicher Wirtschaft mit Sorge gesehene Bild der Volksrepublik weiterhin: „Es gibt Überkapazitäten\, mit denen China den Rest der Welt überschwemmen kann – davor zittern die Industriellen zu Recht“\, befand Shi Ming. Es sei nicht übertrieben\, China als Großmacht wie die USA oder Russland zu sehen. Es sei aber berechenbarer als diese und zumindest nicht in einen Krieg verwickelt. \nAllerdings bestätigte er auch\, dass die Situation im südchinesischen Meer empfindlich sei: „Wenn der chinesische Machtanspruch dieser Region gilt\, wird sich der Westen wohl oder übel damit beschäftigen müssen\, denn das ist eine sehr große Bedrohung.“ Dafür müsse es gar nicht zu einem Krieg kommen\, schon eine Blockade sei folgenreich – wie die Unterbrechung der Lieferketten während der Coronapandemie gezeigt habe. Mit einem Angriff rechne er aber\, zumindest in naher Zukunft\, nicht\, da Xi Jinping derzeit auf höchstem militärischem Niveau säubere: „Wegen dieses Kommandosystems ist China unfähig\, irgendeinen Krieg anzufangen.“ Wahrscheinlicher sei\, dass das Land versuchen werde\, Taiwan wirtschaftlich in die Knie zu zwingen. \nKeine Alternative zur Europa-Romantik \nTrotz dieser volatilen Situation machte China-Kenner Shi seinen Zuhörern Mut: „Europa ist nicht nur konfrontiert mit noch nie dagewesenen Risiken. Europa ist auch konfrontiert mit noch nie dagewesenen Chancen.“ Wie stark die europäischen Staaten sein können\, wenn sie ihre Streitigkeiten überwinden\, würden sie seit vier Jahren durch ihren Zusammenhalt in der Unterstützung der Ukraine unter Beweis stellen. Und auch dadurch\, dass sie Trump dazu gebracht hätten\, „dass er mit allen spricht\, nur nicht mit Putin“\, nachdem er zu Beginn seiner zweiten Amtszeit genau das Gegenteil angekündigt habe. \n„Ich bin ein Europa-Romantiker“\, bekannte Shi: „Wissenschaftlicher Kult\, Objektivitätskult\, Sachlichkeitskult – das alles ist hier entstanden.“ Aber es seien auch die politischen Fakten\, wegen derer er sage: „Die Rolle Europas muss neu definiert werden. Wir sind gar nicht so schwach. Die Beispiele\, die wir gezeigt haben\, überzeugen viele. Solche Beispiele sind noch zu wenig\, aber sie sind ermutigend.“ Demokratische Mittelmächte müssten sich zusammenschließen: „Wir wollen diese Welt nicht mehr den Großen anvertrauen und wir können es auch gar nicht.“ \nEin Fazit\, das man mitnehmen möge\, bilanzierte Hirz: „Vielleicht sind wir nicht der abhängte Kontinent\, sondern der\, der auch eine Zukunft hat.“
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