Newsletter vom 1.04.2022

Henriette Reker, die Verwaltung und eine verpatzter Markenauftritt
Die Kunst, aus einer Chance eine Krise zu machen

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

es ist so eine Sache mit dem Alleinstellungsmerkmal: Es ist nicht in jedem Fall das höchste Glück, unverwechselbar zu sein. Womit wir bei der Kölner Stadtverwaltung wären. Der wurde in einem Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger gerade von zwei Investoren bestätigt, bundesweit der Standort mit den langwierigsten und unkalkulierbarsten Genehmigungsverfahren zu sein. Diese fundamentale Kritik (u.a. vom Kölner Unternehmer und Kommunalpolitiker Anton Bausinger), davon muss man ausgehen, wird (mit Ausnahme der Oberbürgermeisterin Henriette Reker und der betroffenen Verwaltung) kaum auf Widerspruch stoßen.

Das soll allerdings nicht heißen, dass die Stadtverwaltung untätig ist. Im Gegenteil: Mit einem neuen Signet will sie sich einen zeitgemäßeren Anstrich geben – zumindest nach außen also modern und leistungsfähig erscheinen. Köln wäre nicht Köln, würde nicht aus einer beabsichtigten Lösung ein neues Problem. Denn das überarbeitete Signet verzichtet auf die stilisierten Domtürme – mithin auf das zentrale Alleinstellungsmerkmal der Stadt.

Wer immer Henriette Reker beraten haben mag, er kann es nicht gut mit ihr gemeint haben. Denn sofort erhob sich ein Protest gegen diese wenig instinktsichere Idee, angeführt vom Alt-Oberbürgermeister Fritz Schramma über den Präsidenten des einflussreichen Dombau-Vereins Michael Kreuzberg bis hin zu Kölsch-Rocker Peter Brings. Der nachgereichte Hinweis, es handele sich nur um das Signet der Stadtverwaltung, ein Standort-Logo für die „Stadt Köln in ihrer Gesamtheit“ werde auf das markante Profil der Domtürme nicht verzichten, vermochte nicht zu beruhigen.

Dass es sich nicht nur um eine sentimentale Gemütsaufwallung von Lokalpatrioten handelt, macht Michael Kreuzberg deutlich: „Von der Verwaltungspost bis zum Markenauftritt nach draußen braucht es eine Einheitlichkeit. Dieses Prinzip wird hier verletzt. Das verstößt gegen jedes Gebot einer angestrebten Corporate Identity“, formuliert er sein Unverständnis. In diesem Urteil wird er von Walter Brecht, einem international erfahrenen Markenspezialisten, bestätigt: „Das wirkt wie ein hastig nachgeschobenes Argument“ – mithin wenig glaubwürdig.

Dombauvereins-Präsident Michael Kreuzberg
Quelle: ZDV

Als langjähriger Chef von Verwaltungen – erst als Bürgermeister von Brühl, dann als Landrat des Rhein-Erftkreises – kennt Kreuzberg aus eigener Erfahrung solche Prozesse gut. Auch einen anderen heiklen Punkt sieht er, wenn die Stadt-Bürokratie mit einem eigenen Signet operiert: „Damit entsteht die Gefahr, dass die Verwaltung sich separiert, noch mehr meint, sie sei eine eigene Welt.“ Auch dürfte nicht der Eindruck bei den Bürgerinnen und Bürgern entstehen, „ihre Stadtverwaltung ist etwas anderes als ihre Stadt.“ Es zeuge im Übrigen, merkt er ironisch an, schon von einem enormen Selbstbewusstsein der Stadt, in einem Logo den Hinweis auf die weltweit berühmte Kathedrale zu verzichten. Andere Städte wie Berlin mit dem Brandenburger Tor kämen wohl kaum auf die Idee.

Man könnte sich fragen, warum ein neues Signet eine solche Erregungswelle provoziert. Aber was auf manchen wie ein Sturm im Wasserglas wirkt, legt ein offensichtlich tiefer sitzendes Unbehagen frei. Eine generelle Unzufriedenheit mit der Stadt und ihrer politischen Führung. Der Eindruck, dass Köln hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, sein Potential nicht ausreizt, die PS nicht auf die Straße bringt. Es kann sein, ist sogar wahrscheinlich, dass sich die Aufregung über das neue Signet nach verhältnismäßig kurzer Zeit wieder legt, wie Marken-Experte Walter Brecht vermutet. Aber das Unbehagen, so steht zu befürchten, wird bleiben.

Ein Störgefühl anderer Art löst auch die Umweltministerin Ursula Heinen-Esser aus. Sie hatte als zuständiges NRW-Kabinettsmitglied während der verheerenden Flutkatastrophe im vergangenen Jahr ihren Mallorca-Urlaub nur kurz unterbrochen. Während Menschen Hab, Gut und manchmal sogar das Leben verloren haben, war die Ministerin nicht vor Ort, sondern auf einer Ferieninsel. Das ist schwer zu vermitteln. Zudem gab es Ungereimtheiten und Aussagen, die nachträglich peinlich korrigiert werden mussten. Wenige Wochen vor der wichtigen Landtagswahl ist sie damit für ihre Partei und Ministerpräsident Wüst zu einer brisanten Belastung geworden. Ein Rücktritt dieser politisch so erfahrenen Kölnerin scheint kaum zu vermeiden sein. Es zeigt einmal mehr, dass erst in Extremsituationen sichtbar wird, ob Instinkt und Charakter den Herausforderungen eines öffentlichen Amtes gewachsen sind.

In diesem Sinne grüßt Sie nachdenklich, doch herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz