Newsletter vom 10.06.2022

Der Hunger in Ostafrika tritt gegen den Krieg in der Ukraine an. Oder: Wie unterschiedlich die Welt mit Elend und Sterben umgeht

 

Sehr geehrte Mitglieder,

liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

Oxfam ist ein Großer unter den internationalen Hilfswerken, die gegen Hunger und Unterentwicklung in der Welt antreten. Die Überschrift für diesen Newsletter – Hunger gegen Krieg – hat der Verbund, der aus 21 nationalen Organisationen mit 3000 Partnern in über 90 Ländern besteht, sinngemäß in einer Denkschrift formuliert. Oxfam macht damit einen Zwiespalt öffentlich, der seit Wochen schwelt. Während für die Kriegsopfer in der Ukraine so viel Geld wie nie gespendet wird, muss – zum Beispiel – der afrikanische Osten buchstäblich betteln. Dieser Konflikt spaltet nicht nur die Welt, er ist auch eine Zerreißprobe für die Helfer.

Aus dem großen Topf für die Ukraine etwas abzuzweigen, ist aus gutem Grund nicht möglich. Die Spender haben ihr Geld an einen Zweck gebunden, der in Aufrufen formuliert wurde. Aufsichtsgremien – in Deutschland sind das die Finanzämter – wachen genau darüber, dass Geld nicht zweckentfremdet wird. Dies führt dazu, dass es mitunter Jahre dauern kann, bis Mittel abfließen. So ist es auch jetzt. An Geld für die Ukraine mangelt es den Hilfswerken nicht, wohl aber an geeigneten Projekten.

Könnte man künftige Aufrufe nicht ändern? fragt der Chef des britischen Hilfswerks „Health, Poverty, Action“ (Gesundheit, Armut, Aktion), Martin Drewry. Um auch Menschen zu helfen, die weltweit an den Folgen des russischen Überfalls auf die Ukraine leiden. Indirekt kritisiert er das große Bündnis von 15 englischen Hilfswerken DEC, das „Katastrophen-Nothilfe Komitee“, diesen Aspekt internationaler Betroffenheit aus den Augen verloren zu haben.

Teil des Ukraine-Konflikts ist, dass seine Folgen sich wie ein Elend und Zerstörung bringendes Netz um die Welt legen. Es reicht von den Schlafstellen in den überbevölkerten Elendsvierteln der ägyptischen Metropole Kairo, dem menschenarmen kenianischen Norden oder dem Bürgerkriegsland Somalia überall dorthin, wo ukrainische Produkte Menschen ernähren. Auch der Transport dieser Güter – Speiseöle, Mais und Weizen – bleibt mitunter aus oder hat sich enorm verteuert. Bereits wir stellen an den Zapfsäulen der Tankstellen oder beim Blick auf Heizungsabrechnungen fest, wie teuer Energie geworden ist.

23 Millionen Menschen sind von Hunger bedroht allein in Somalia, Äthiopien und Kenia, dem Horn von Afrika, 181 Millionen sind es weltweit. Doch während nur in Deutschland aktuell umgerechnet rund 800 Millionen US-Dollar für das Bürgerkriegsland gespendet wurden, sind bislang nur drei Prozent der 4,4 Milliarden US-Dollar zusammengekommen, die die Vereinten Nationen (UN) für das Horn von Afrika benötigen. 350.000 Kinder werden in Somalia bis zum Sommer sterben, fürchtet Oxfam.

Nothilfe für Nomaden – Malteser International aus Köln verteilt in Nord-Kenia Lebensmittel wie hier, in der Chalbi-Wüste. Wegen Dürre und Ukraine-Krieg sind Mais und Weizen für viele Menschen unerschwinglich geworden.

Foto: Peter Pauls

Vor zwei Monaten habe ich Kenias Norden bereist und die Chalbi Wüste durchquert. Große, säuberlich abgenagte Skelette von Tieren lagen neben der unbefestigten Piste. Die wenigen Lebewesen, die uns inmitten der Sand- und Geröllfelder begegneten, waren verendende Kamele. Die Tiere hatten sich auf der Piste zum Sterben niedergelegt. An einigen Stellen hatte Malteser International aus Köln unterirdische Wasserspeicher befüllt und Nahrung verteilen lassen. Je zehn Kilo Mais, Bohnen und Maismehl bekamen hilfesuchende Frauen für ihre Familien sowie zwei Liter Speiseöl und einen großen Kanister voll Wasser. Die Preise stiegen da bereits. Wie mag es diesen Menschen, die Deutschland so freundlich für seine Hilfe dankten, in Zukunft ergehen?

Zurück zu uns und unserem Überfluss: Vor zwei Wochen haben wir über die Pläne von Stadt Köln und Land NRW berichtet, das knapp über 40 Jahre alte Justizzentrum abzureißen. Die 24 Stockwerke mit 105 Metern Höhe haben damals 127 Millionen D-Mark gekostet. Zahlreiche kritische Reaktionen gingen bei uns ein – Empörung über den Verbrauch von Ressourcen ebenso wie nachdenkliche Worte, in denen Kommunen die Eignung abgesprochen wurde, Bauten zu sanieren. Vielleicht sagen die politisch Verantwortlichen mal etwas dazu und erklären sich und ihr Handeln?

Das scheint einmal mehr nötig, da der Kölner Rat vor einem Jahr entschieden hat, die Stadt zu einer „Null Abfall City“ zu machen – „Zero Waste City“ nannten die Kommunalpolitiker das wenig bürgernah. Durch gemeinsames Handeln sollen Abfälle vermieden, Wertstoffe besser getrennt und Wiederverwertung gefördert werden. Wie will man diesem hehren Anspruch vor dem Hintergrund des Abrisses gerecht werden?  Oder handelt es sich nur um politisches Lametta, mit dem man die öde Wirklichkeit behängt, damit sie glitzert und leichter erträglich wird? So sehr eine Antwort mich interessieren würde – ich bin mir fast sicher, dass sie nicht gegeben wird. Schließlich lebe ich schon ein halbes Jahrhundert in dieser Stadt.

Nachdenkliche Grüße sendet

Ihr

Peter Pauls