Newsletter vom 10.09.2021

Warten auf Armin Laschets Plagiat-Prüfung in eigener Sache – Stephan Braunfels erfindet die Hohe Straße neu und setzt ihr ein Dach auf

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

wo bleibt die Aufklärung in eigener Sache, die Armin Laschet vor mehr als fünf Wochen angekündigt hat? Ihm wurde vorgeworfen, als Autor von „Die Aufsteigerrepublik“ abgeschrieben zu haben, etwa im Online-Nachschlagewerk Wikipedia. Nun rückt der Wahltag näher – und ein Ergebnis liegt immer noch nicht vor. „Die Prüfung dauert an“, teilte ein Sprecher des Ministerpräsidenten jetzt auf Anfrage mit. Es sei besondere Sorgfalt angezeigt. Die Angelegenheit mag heikel sein. 2009, als das Buch erschien, rechnete niemand damit, dass sich sein Autor zwölf Jahre später anschickt, Bundeskanzler zu werden.

Es wäre interessant zu rekonstruieren, an welcher Stelle zwischen den Buchdeckeln Armin Laschet tatsächlich persönlich tätig geworden ist und wo man sich auf Beschäftigte aus dem Ministerium verlassen hat. Wie ich darauf komme? Für das Buch sei auch „auf Ausarbeitungen des Ministeriums Rückgriff genommen“ worden, hieß es sibyllinisch in einer Stellungnahme vom 30. Juli. Was immer das konkret bedeuten mag.

Wie mögen diese Ausarbeitungen ausgesehen haben? Enthielten vielleicht sie die Plagiate? Hier könnte die Untersuchung Klarheit schaffen. Dies ist jedoch nicht deren Ziel. Einzelne Kapitel exakt zuzuordnen, „erscheint zwölf Jahre nach Veröffentlichung nicht möglich“, teilt der Sprecher des Ministerpräsidenten mit. In der Laschet-Biografie „Der Machtmenschliche“ von Tobias Blasius und Moritz Küpper heißt es zu seinem Buch, dass Laschet es als „Privatmann unter freundlicher Mitarbeit von Ministerialbediensteten geschrieben“ und damit für „Gerede gesorgt“ habe.

Offenbar wegen dieses „Geredes“ enthält das Laschet-Buch eine zweiseitige Danksagung. Darunter finden sich hochkarätige Experten, die aufgrund ihres Sachverstands sicher nirgendwo abgeschrieben hätten. Indes waren sie politisch noch rot-grünen Vorgängerregierungen zuzuordnen. Viele fühlten sich dem neuen Minister Laschet verpflichtet, weil er sie im Amt beließ und nicht der Praxis folgte, sie gegen Parteifreunde auszutauschen. Für andere war die Materie „Integration“ neu. Ob das Internet für sie eine verführerische und trügerische Quelle war?

Im Alltagsverständnis gehen wir davon aus, dass der Name eines Autors tatsächlich für dessen Autorenschaft steht. So habe ich es in der Schule gelernt. Abschreiben gehörte sich nicht. Im politischen Betrieb war das bislang eher nicht die Regel. Da konnte es sein, dass ein Minister mit großer Geste Linien vorgab und sein Stab sie niederschreiben musste. Wer das nicht wollte, riskierte das Vertrauen des Chefs. Wie der Entwicklungshelfer, den ich vor mehr als 30 Jahren in Afrika traf. Er verlor seinen Posten als Ministeriumssprecher, weil er abgelehnt hatte, für seinen Chef ein Buch zu schreiben.

Warum schreiben Politiker überhaupt? Eitelkeit ist oft eine Triebfeder. Gedanken materialisieren sich in Büchern und nehmen damit im Regal bleibende Gestalt an. Häufig sollen Politiker-Bücher auch programmatische Beiträge sein. Die „Aufsteigerrepublik“ ist so ein Fall. Der Autor stand mit seinem Namen für Zuwanderungsthesen, deren Notwendigkeit umstritten war, besonders in seiner eigenen Partei. Man kann den Autorentitel also auch als unbequemes Bekenntnis werten. In Gesetzesvorlagen schlug sich Laschets Eifer jedoch nicht nieder, vermerkten Integrationspolitiker. Aber er zeigte zumindest offen Haltung.

Bald darauf wurde Hannelore Kraft (SPD) Ministerpräsidentin und die „Aufsteigerrepublik“ verschwand aus dem Blickfeld. Beim Bier raunte mancher, Ghostwriter für dieses oder jenes Kapitel gewesen zu sein. Schließlich geriet das Thema ganz in Vergessenheit. Dass es auf dem Seziertisch öffentlicher Wahrnehmung landet, hätte sich damals niemand träumen lassen. Doch eine gewisse Unbekümmertheit setzt diese Art von Autorenschaft schon voraus. Man macht sich abhängig von anderen. Angela Merkel, die nüchterne Preußin, hat nie den Glanz des eigenen Buches gesucht.

„Die Aufsteigerrepublik“ finden Sie, wenn Sie hier klicken. Die-Aufsteigerrepublik-Zuwanderung-als-Chance-.pdf (armin-laschet.de) Der Autor selbst habe den Text bereitstellen lassen, sagte mir sein Verlag Kiepenheuer & Witsch, damit sich jeder ein Urteil bilden könne.

Szenenwechsel. Wie geht es mit Köln weiter? Das Thema ist Gegenstand immer neuer Initiativen wie etwa des Verlegers Wienand (KÖLNGOLD), von Henrik Hanstein (Zukunft des Neumarkts) oder von Veranstaltungen. Jüngst sprachen wir im Kölner Presseclub unter dem Titel „Traum oder Trauma“ über die Innenstadt, welche sowohl die Traum- wie auch die Trauma-Seite bedient. Eines der Beispiele war die Hohe Straße, die sich zu einem wilden Durcheinander von Billigläden, Pommesbuden, Leerstand und Luxusanbietern entwickelt hat. Sie gehörte einmal zu den besten Einkaufsadressen Deutschlands.

Einkaufen würde er dort nicht, sagte der Stadtplaner und Architekt Stefan Braunfels auf unserem Podiumsgespräch im Hotel Excelsior Ernst. Sogleich hatte er aber eine kühne Idee parat: Die Hohe Straße wird zur Passage. Braunfels wirbt dafür, die Einkaufsmeile mit einem Glasdach zu versehen und ihr damit einen völlig neuen Charakter zu geben. So etwas funktioniere in europäischen Großstädten wie London oder Mailand sehr gut.

Die Galeries Royales Saint-Hubert in Brüssel entsprächen in ihrer Breite in etwa der der Hohe Straße. Natürlich würde sie keine „Königliche Galerie“, aber sie könne mit einer entsprechenden Überglasung und Verschönerung der einzelnen Hausfassaden doch einen Galerie-Charakter bekommen. Eine Referenz hat Köln bereits: die Stollwerck-Passage, die auf der Hohe Straße kurz nach dem Wallraf-Platz kommt.

Sollte es gelingen, die Via Culturalis ihrem Wert gemäß zu gestalten, dann wäre eine solche Passage eine kongeniale Ergänzung und ein erster Schritt in ein neues Köln.

Träumen wir davon, dass es Wirklichkeit wird.

Herzlich grüßt
Ihr
Peter Pauls