Newsletter vom 11.02.2022

Corona, waffenfreie Zonen und die Schmutzecken unserer Gesellschaft

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

jede Krise hat ihre Helden. Auch die Pandemie. Früh wurden Pflegepersonal und Ärzte gefeiert, die bis zur völligen Erschöpfung und manchmal darüber hinaus im Einsatz für die Allgemeinheit waren und noch sind. In einer rührend spontanen Dankbarkeit ist ihnen – völlig zurecht – applaudiert worden. Neben dieser demonstrativen Geste haben sich Bezahlung und Arbeitsbedingungen für die Pflegekräfte allerdings nicht grundlegend verändert – allen vollmundigen Versprechungen zum Trotz. Sicher kein Ruhmesblatt für eine Gesellschaft.

Noch nicht einmal öffentlichen Applaus hat eine andere Berufsgruppe bekommen, obwohl sie es angesichts der enormen Sonderbelastungen, die Corona mit sich gebracht hat, durchaus verdient hätte: Die Polizei. Ohne sie könnte das Gemeinwesen vermutlich keinen Tag überleben, sie garantiert dem Einzelnen die Sicherheit, die den freiheitlichen Rechtsstaat auszeichnet. Sie wird in die Schmutzecken der Gesellschaft gerufen, um Ordnung wieder herzustellen, sie ist täglich mit den hässlichen Seiten unseres Lebens konfrontiert, sie ist das Ziel von Aggressionen, die den Staat meinen, aber die Ordnungshüter treffen. Wie gefährlich der Job sein kann, wie unvermittelt Leib und Leben in Todesgefahr sind, zeigt der brutale Doppelmord an zwei Polizisten in Kusel.

In Köln, inoffizielles Weltzentrum ausgelassener Feierfreude, steht jetzt eine weitere Herausforderung bevor: Karneval unter Pandemie-Bedingungen. Wie soll das gehen? Der Reiz dieses liebevoll gepflegten Brauchtums liegt ja gerade in einer gewissen anarchischen Regellosigkeit, nicht in der peniblen Einhaltung von eng gesetzten Grenzen, wie sie der Infektionsschutz erfordert. Darüber habe ich mit Christian Weykamp gesprochen. Mit seinen mehr als 20 Dienstjahren ist er ein erfahrener Polizist und hat als Vorstandsmitglied der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Köln einen guten Überblick über Situation und Befindlichkeit seiner Kolleginnen und Kollegen vor Ort.

Nachdem ganz Köln an den tollen Tagen zur Brauchtumszone erklärt worden ist, liegt nun die ganze Last, auf die Einhaltung der Schutzmaßnahmen zu achten und sie notfalls durchzusetzen, bei den Ordnungskräften, also Menschen wie Christian Weykamp – eine extreme Herausforderung, definitiv nicht vergnügungssteuerpflichtig. Derzeit wird noch geplant, fest steht nur:  Nicht hinter jedem Lappenclown wird ein Polizist mit Gummiknüppel stehen. Die Sorge der Traditionskorps, dass der Karneval durch mögliche Exzesse bei unorganisierten Feiern einen Imageschaden erleiden könnte, ist für Christian Weykamp durchaus nachvollziehbar – bitter angesichts des Verzichts, den die Vereine freiwillig geleistet hätten.

„Ein Teil der Menschen ist in der Pandemie dünnhäutiger und reizbarer geworden“, ist Christian Weykamp überzeugt. „Das Unverständnis über manche Corona-Schutzmaßnahmen, über Einschränkungen der Freiheit schafft gelegentlich Frust, der ein Ventil sucht.“ Das bekommen Polizisten bei ihren Einsätzen zu spüren, obwohl sie nur Regeln durchsetzen müssen, die sie nicht gemacht – und damit nicht zu verantworten – haben.

Eine in der Pandemie irrlichternde Politik („Eine Impfpflicht ist ausgeschlossen“), die Regeln über Nacht umschmeißt, schafft zusätzliche Unsicherheit und provoziert einen gelegentlich gewalttätigen Bürgerzorn, der sich an der Nahtstelle zwischen Staat und Gesellschaft entlädt – und damit auf dem Rücken von Ordnungskräften. „In den Uniformen stecken Menschen“, sagt Weykamp. Eine Selbstverständlichkeit, an die von Zeit zu Zeit wieder erinnert werden sollte.

Zu den zusätzlichen Herausforderungen bei den Einsätzen kommt noch etwas anderes: „Dadurch, dass jeder mit seinem Smartphone eine qualitativ hochwertige Kamera dabeihat und Aufnahmen unmittelbar ins Netz stellen kann, wird die Arbeit nicht leichter. Vor allem bergen solche Bilder, wenn einseitig ausgewählt sind, ein hohes Erregungspotential.“ Dazu komme, dass der von den Handys verfolgte Einsatz der Beamten vor Ort meist auch noch „verbal lautstark begleitet“ werde.

Aber auch jenseits von Corona verändern sich die Aufgaben. Sichtbar wird das durch die Einrichtung waffenfreier Zonen in Köln. Sie markieren die Kehrseite der Event-orientierten Spaßgesellschaft, die Ablenkung und Zerstreuung sucht. „Messer sind für die Polizei ein Riesen-Problem“, sagt Christian Weykamp. Wer ein Messer bei sich trage, werde es in Auseinandersetzungen schnell einsetzen, zumal wenn Alkohol oder Drogen die Steuerung der eigenen Impulse einschränkten – da sinkt die Hemmschwelle.

„Wir begrüßen solche Zonen, weil sie einerseits abschrecken und uns andererseits Kontrollmöglichkeiten geben. Es ist ein Zeichen, dass das gesellschaftlich nicht toleriert wird.“ Allerdings, so schränkt er ein, es gehe nur um Hieb- und Stichwaffen nach dem Waffengesetz. Ob es einen Trend zu mehr und härteren Gewalttaten gebe, will Weykamp nicht bestätigen. „Wir sind vielleicht sensibler geworden, wollen bestimmte Dinge nicht mehr hinnehmen. Das ist erst einmal gut“, meint er und verweist auch darauf, dass die mediale Aufmerksamkeit heute höher ist.

Die erhöhte Aufmerksamkeit zeigt sich auch beim Blick der Gesellschaft auf die Polizei, auf Fehlverhalten und Übergriffe der Ordnungskräfte. Das ist das selbstverständliche Recht einer freien Gesellschaft, geradezu ihre Pflicht. Nur dadurch entsteht das nötige Vertrauen. Darüber darf allerdings nicht vergessen werden, dass die Polizistinnen und Polizisten einen enorm anstrengenden Job machen, buchstäblich manchmal Haut und Haar riskieren, damit unser Gemeinwesen zivilisiert bleibt.

In diesem Sinne grüßt Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz