Newsletter vom 15.01.2021

Kommt der nächste Kanzler aus NRW – Die Entscheidung um den CDU-Vorsitz

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

morgen ist es wohl endlich soweit: Deutschlands Regierungspartei, die CDU, entscheidet über ihren neuen Vorsitzenden. In über 50 Jahren (der mehr als 75 Jahre alten Geschichte der Bundesrepublik) war die CDU an der Bundesregierung beteiligt, stellte fünf der acht Bundeskanzler, führt aktuell wieder in den Umfragen – und das, obwohl offen ist, wer Bundeskanzlerin Angela Merkel nun nachfolgen soll.

Die Chance, dass es ein Mann aus Nordrhein-Westfalen wird, ist dabei so hoch wie lange nicht mehr. Denn: Der Parteivorsitzende der CDU hat – in Abstimmung mit dem CSU-Vorsitzenden Markus Söder – das Erstzugriffsrecht in der K-Frage. Und alle drei Bewerber für den Parteivorsitz kommen aktuell ja bekanntlich aus Nordrhein-Westfalen.

In den vergangenen elf Monaten, seitdem Anngret Kramp-Karrenbauer ihren Rückzug angekündigt hat, habe ich die drei Bewerber Armin Laschet, Friedrich Merz und Norbert Röttgen immer wieder getroffen. Laschet, den NRW-Ministerpräsidenten, mitunter täglich auf seinen Pressekonferenzen zur Corona-Lage, im Landtag von Nordrhein-Westfalen, auf Auslandsreisen wie beispielsweise nach Israel oder ich saß in seinem Wohnzimmer in Aachen-Burtscheid. Letzteres, um ihn für unsere Biographie „Der Machtmenschliche“ zu interviewen. Aber auch Friedrich Merz habe ich in seiner Heimat Arnsberg besucht oder im Düsseldorfer Landtag getroffen. Genauso wie Norbert Röttgen.

Am 3. Oktober vergangenen Jahres waren alle drei beim NRW-Tag im Kölner Gürzenich zu Gast. Schon da ließ sich gut die Rollenverteilung studieren: Laschet als Landesvater, der auf seine Regierungs-Verdienste in NRW wie beispielsweise in der Inneren Sicherheit oder dem Kohleausstieg verweisen konnte und eher als Vertreter der Merkel-Linie gilt. Merz als konservativer Gegenpart von außen, der von der Basis umjubelt wird. Und als ehemaliger Bundesumweltminister und aktuell Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag machte Röttgen als Außenseiter eine gute Figur.

Strukturell spricht immer noch sehr viel für Armin Laschet. Es ist ihm gelungen, CDU-Hoffnungsträger Jens Spahn in sein Team zu integrieren: Laschet führt den mit Abstand größten Landesverband der CDU, nämlich NRW, der fast ein Drittel der 1001 Delegierten stellt. Er kann sich auf den Arbeitnehmerflügel stützen und gilt in allen Landesteilen als anschlussfähig. Merz Unterstützer finden sich dagegen vor allem in Baden-Württemberg, im Osten, bei der Mittelstandsvereinigung sowie in der Jungen Union. Röttgen konnte in den letzten Monaten überall im Land verstärkt punkten.

Für einen Wahlsieg braucht es eine absolute Mehrheit der 1001 Stimmen. Im ersten Wahlgang dürfte es wohl zu einer Art Duell zwischen Laschet und Röttgen kommen, die eine ähnliche Delegierten-Gruppe ansprechen. In der zu erwartenden zweiten Runde zu einem Finale gegen Merz. Und dann?

Falls der Sieger sich mit CSU-Chef Söder in der Kanzlerkandidaten-Frage einigt und der Union einen Sieg bei der Bundestagswahl am 26. September beschert, wird es – erstmals seit Konrad Adenauer – wieder einen Bundeskanzler mit Wurzeln in NRW geben. Aber: Nicht nur die Fußstapfen von Angela Merkel sind groß, sondern auch die anstehenden Aufgaben gigantisch – Corona und die Folgen; der weltweite Wettbewerb mit den USA, China und Russland; die Sicherung der Europäischen Union und der westlichen Demokratien . . .

Es ist selten, dass sich politische Prozesse und Entscheidungen dermaßen in einer Frage, zu einem Zeitpunkt und an einem Ort zuspitzen. Morgen – sozusagen zu Beginn des Superwahljahrs 2021 – steht ein solcher Showdown an!

Herzlichst
Ihr
Moritz Küpper

P.S.: Wer mag, kann sich hier auch eine 50-minütige Reise durch die vergangenen elf Monate des parteiinternen Wahlkampfes anhören (inklusive der Station im Kölner Gürzenich), die ich für den Deutschlandfunk unternommen habe: