Newsletter vom 15.10.2021

Sind die Rufe des Muezzin vom Minarett mit Geläut vergleichbar? – „Kirchenglocken sind keine sprachlichen Botschaften,“ sagt dazu der frühere Kölner OB, Fritz Schramma

Liebe Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

die Lebenserfahrung hat es schon oft genug bestätigt: Das Gegenteil von gut ist nicht etwa schlecht, sondern gut gemeint. Auch der Oberbürgermeisterin Henriette Reker darf man beste Absichten unterstellen. Sie hat jetzt den 35 Kölner Moscheegemeinden erlaubt, dass freitags Muezzins ihre Gläubigen lautstark zum Gebet rufen. Um erwartbarer Kritik gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen, geschieht dies mit behördlichen Auflagen und erst einmal zwei Jahre zur Probe.

Was von Reker als Ausweis rheinischer Toleranz gedacht war (oder sollte es nur ein Befreiungsschlag sein, um den Ruf der Glücklosigkeit abzuschütteln?), kommt indes nicht überall gut an – zumal es gar keine Anfrage einer Moschee-Gemeinde gegeben hat, sondern Henriette Reker mit ihrem beflissenen und vorauseilendem Angebot forsch in die Offensive gegangen ist. Ihr Vorgänger als OB, Fritz Schramma, erinnert mich im Gespräch daran, dass bei der Planung der großen Zentralmoschee in Ehrenfeld die Stadt „sehr strenge Bedingungen verabredet“ wurden: „Dazu gehörte, dass es keine Muezzin-Rufe zum Gebet geben wird.“ Als Mann mit Stil äußert er keine Kritik an seiner Nachfolgerin („Das gehört sich nicht!“), aber in unserem Gespräch wird deutlich, dass hier ohne Not aus einer Lösung – keine öffentlichen Gebetsaufrufe – ein Problem gemacht worden ist. Auch ist es vermutlich lebensfremd, dass ein solcher Versuch nach den zwei Jahren wieder kassiert wird.

Was ihn stört, ist der von Ankara gesteuerte Türkisch-Islamische Moscheeverein Ditib, der sich an viele Verabredungen nicht gehalten habe und sehr expansiv auftrete. Tatsächlich ist spätestens seit dem Eklat bei der Moschee-Eröffnung 2018 durch den türkischen Präsidenten Erdogan das Verhältnis zu Ditib gestört. Die Öffnung der Moscheegemeinde zur Stadt, wie sie in der großartigen Architektur Paul Böhms zum Ausdruck kommt, hat bislang nicht stattgefunden – im Gegenteil.

Der vielfach angestrengte Vergleich der Muezzin-Rufe mit dem Glockengeläut der Kirchen kann Schramma , der sich in seiner Amtszeit sehr um Integration bemüht hat, nicht nachvollziehen: „Kirchenglocken sind keine sprachlichen Botschaften“. In diese Kerbe schlägt auch die Soziologin Necla Kelek, prominente Kritikerin des politischen Islam: Der Muezzin-Ruf sende „eine Ideologie, eine bestimmte Richtung“, mit dem „religiöse Slogans verkündet“ würden, erklärte sie gegenüber Bild. Mit dem Ruf „Allahu akbar“ würden Männer zum Gebet gerufen und Frauen ausgegrenzt. Ähnlich kritisch sieht es die ehemalige SPD-Politikerin Lale Akgün. Gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger sagte sie, Rekers Plan sei „an keinem Punkt durchdacht“ und „die Symbolpolitik geht nach hinten los“.

Entspannter sieht es der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum. Der große alte Mann der FDP setzt auf eine Gewöhnung, zumal in anderen deutschen Städten der Gebetsaufruf schon üblich sei. Ein wenig Unverständnis über den Muezzin-Ruf hat er schon, denn „heute hat doch jeder eine Uhr und braucht diese Form der Aufforderung doch gar nicht mehr.“

Ihn habe ich aber vor allem angesprochen, weil er einer der Väter der sozialliberalen Ära Brandt/Scheel war, die West-Deutschland nach 1969 reformiert und modernisiert hat. Wie sieht er ein denkbares Bündnis der Liberalen mit SPD und Grünen? Auch heute diagnostiziert er der Gesellschaft einen großen Reformbedarf und sieht in der möglichen Ampel-Koalition eine gute Therapie. Brandts Forderung „mehr Demokratie wagen“ sei wieder hochaktuell. Trotz aller Unterschiede sieht er gerade mit den Grünen die Chance, den dringenden innenpolitischen Handlungsbedarf anzugehen. Das Ziel, der nachwachsenden Generation eine lebenswerte Welt zu hinterlassen, einen beide Parteien: „Man muss das Verbindende suchen“. In der Innen- und Rechtspolitik sieht er gute Anknüpfungspunkte, „FDP und Grüne müssen das Zentrum für Reformen in dieser Koalition bilden“.

Gerhart Baum erinnert daran, dass die FDP mit ihrem sog. Freiburger Programm schon vor 50 Jahren den Umweltschutz ins Zentrum gerückt habe und Konzepte zur gerechteren Vermögensverteilung entwickelt habe. Erst das ermögliche eine gesellschaftlich erfüllte Freiheit, nicht nur eine formale. Auf diese Tradition, so Baum, müsse die FDP sich wieder stärker besinnen.

Der Staat hat für den Liberalen eine „unverzichtbare Schutzfunktion“ für seine Bürgerinnen und Bürger. Das gelte nicht zuletzt für den „Überwachungskapitalismus“, also die multinationalen Tech-Konzerne wie Google, Facebook oder Amazon.

In weltpolitisch turbulenten Zeiten setzt Baum auf eine Stärkung Europas, um autoritären Regimes die Stirn zu bieten und Freiheitsrechte zu verteidigen.

Vor allem eins liegt ihm am Herzen: Die Ampel dürfe sich nicht im Klein-Klein verlieren, sondern mutig und zukunftsorientiert an den großen Themen arbeiten. Es lohnt sich, allen Unkenrufen zum Trotz, vielleicht doch, gelegentlich mal auf alte weiße Männer zu hören.

In diesem Sinne grüßt Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz