Newsletter vom 16.07.2021

Der WDR saniert teuer – Wirtschaft und DGB eins im Kampf ums Klima – Respekt für die gestandenen CDU-Männer

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

eine Vorbemerkung: Ich habe nichts gegen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Morgens starte ich zwar mit „meinem“ Kölner Stadt-Anzeiger und der Kölnischen Rundschau. Aber mein Lieblingssender ist der Deutschlandfunk und auch der WDR begleitet mich durch den Tag. Dort arbeiten Freunde und geschätzte KollegInnen. Um so bedrückender – nun zum Thema – finde ich die Entwicklung, die der Kölner Sender nimmt. Mitten in der City, eingekeilt von WDR-Archivhaus, WDR-Vierscheibenhaus und Nord-Süd-Fahrt wird seit dreieinhalb Jahren an der Sanierung des WDR-Filmhauses gearbeitet. Fast ebenso lange wird es bis zu dessen prognostizierter Fertigstellung 2024 als multimedialem Medienhaus dauern.

Bereits jetzt muss man befürchten, dass die Verantwortlichen sich mit dem Projekt verhoben haben. Die ursprünglich genannten Kosten von €80 Millionen haben sich in wenigen Jahren auf €240 Millionen verdreifacht. Zudem treibt Deutschlands größte deutsche Landesrundfunkanstalt mit den Zahlen ein Verwirrspiel. Mal enthalten sie keine Planungskosten, dann – beim Kostenstand von €161 Millionen – ist ein Wagniszuschlag von €8,5 Millionen inkludiert und nun – Stand €240 Millionen – seien nun auch Inneneinrichtung, Technik und anderes abgedeckt. Als ob jemand diese Posten vorher übersehen hätte.

Ein Durcheinander?! Das muss die KEF gedacht haben, die „Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten“. Sie verteilt die jährlich rund €8 Milliarden Gebühreneinnahmen – fast doppelt so viel wie der Etat des Saarlandes – an ARD sowie ZDF und kontrolliert deren Finanzgebaren. So ging es auch mit dem WDR-Filmhaus. Dort sperrte die KEF die Auszahlung von €69,1 Millionen, weil die Kosten nicht nachvollziehbar waren. Vermutlich bleibe der WDR auf dem Minusbetrag sitzen, nimmt ein Verfahrensbeteiligter an.

Und dann tat die KEF etwas Neues. Sie stellte einen internen, vertraulichen Vergleich an. Was kosten Rundfunkbauten in Deutschland eigentlich pro Quadratmeter? Das Ergebnis ist für Informierte nicht überraschend, weil man es von städtischen Bauten kennt: Neubau ist preiswerter als Sanierung. Die Neubauten des NDR-Bürogebäudes etwa kommen auf €5.566 pro Quadratmeter (qm) und des Aktualitätenhauses des Bayrischen Rundfunks (BR), dessen neue Senderzentrale, auf €6.973/qm. Spitzenreiter und damit teuerstes Projekt ist die Sanierung des WDR-Filmhauses mit €9.256/qm – „vor Vergabe Rohbau“ heißt es einschränkend. Es liegt circa zwei Drittel über den NDR-Neubaukosten.

Eine zweite Betrachtung vergleicht die Sanierungskosten Filmhaus mit reinen Neubaukosten an drei Typen von Hochschulen. In jeder Kategorie ist der Neubau günstiger. Im Fall der Ingenieurswissenschaften liegt er sogar unter der Hälfte der WDR-Kosten. Die Resultate sind nicht nur eine Blamage für die WDR-Planer. Die Frage ist: Wann werden hier Konsequenzen gezogen?

Hinter den Zahlen stehen zwei Konzepte. Der Bayerische Rundfunk baut flexibel und modernen Anforderungen genügend außerhalb von Münchens City neu. Seine Innenstadt-Grundstücke verkauft er und geht somit achtsam mit den ihm anvertrauten Milliarden um. Letztlich nämlich geht es um Ihr und mein Gebührengeld. Anders der WDR. Die Sanierung sei preiswerter als ein Neubau in Bocklemünd, ließ man vor Jahren den WDR-Verwaltungsrat glauben. Auch jetzt bleibt der Sender dabei, „dass die Sanierung des Filmhauses die wirtschaftlichste aller zur Verfügung stehenden Optionen ist.“

Andere Stimmen sprechen davon, der WDR habe sich die Angelegenheit schön gerechnet. Weil er im Kölner Zentrum bleiben will? Europas zweitgrößter Sender nach der englischen BBC – gemessen an Beschäftigten – jedenfalls sitzt in einer veritablen Zwangsjacke historischer Gebäude, die mediale Anforderungen der analogen Ära spiegeln. Sie wundern sich nicht mehr, dass der Sender neben der Stadt Köln und dem Erzbistum Köln zu den großen Immobilienbesitzern vor Ort gehört, wenn Sie die Karte unter diesem Klick sehen.

Jetzt erweist sich, über welch visionäre Kraft Fritz Pleitgen verfügte, der bis 2007 WDR-Intendant war. Der heute 83jährige hatte vitale Teile des Senders in Köln-Bocklemünd ansiedeln wollen, wo sich ohnehin bereits Studios und brachliegende Flächen befanden. Keineswegs jedoch wollte er die Kölner City komplett räumen. Kurz nach ihrem Amtsantritt kassierte Nachfolgerin Monika Piel seine Ideen und man ließ sie gewähren. Wenn Führungsgremien versagen, wie hier, wird das von uns allen per monatlicher Fernsehgebühr bezahlt. „Demokratieabgabe“ hat sie jemand aus der Kölner Senderspitze einmal genannt und an dieser Stelle empfehle ich: Hängt alles ein wenig tiefer. Nehmt Euch weniger wichtig. Arbeitet demütig und nachhaltig. Es ist nicht Euer Geld, das Ihr riskiert. Und: Fahrt nach Bayern. Dort rechnet man für den Gebührenzahler günstiger.

Empfehlen kann ich die – vorher anmelden – öffentlichen Sitzungen des Rundfunkrates. Erleben Sie, wie Ihre Politiker oder Verbandsvertreter Sie vertreten – oder auch nicht. Und freuen Sie sich, wenn z.B. Ingrid Matthäus-Meier (SPD) gegen den Nuschel-Ton im Tatort wettert. Schade, dass sich der bisher nicht geändert hat.

Klartext wurde bei unserer ersten Presseclub-Veranstaltung seit Monaten gesprochen – es ging um die autofreie Stadt. Demonstrativ legten die Diskutanten Nicole Grünewald (IHK-Präsidentin), Garrelt Duin (Handwerkskammer zu Köln) und Witich Rossmann (Vorsitzender des Kölner DGB) einen Plan vor, wie Köln zügig klimaneutrale Stadt werden könne. Sie finden ihn hier. Dabei setzen sie auf Photovoltaik, E-Mobilität, intelligente Verkehrssteuerung und getrennte Mobilitätsräume. Was die drei SpitzenverterInnen formulieren, scheint breiter aufgestellt als die neue Stadtpolitik, die selbst für Elektro-Autos keine Zukunft sieht und deutlich hinter den technischen Möglichkeiten zurückbleibt. Beispiel Ladestationen: In Köln gab es Ende 2020 nur 266, in München und Hamburg waren es 1300 und in Berlin sogar über 2000. „Respekt“ vor den Bürgern und ihren Entscheidungen wird in dem Papier gleich mehrfach gefordert. Unsere Veranstaltung war ausgebucht und es war eine Wohltat, wieder unter Menschen zu sein. Natürlich unter Beachtung aller Hygieneregeln. Ein kurzes Video sehen Sie hier: Wie wollen wir leben? – YouTube

Apropos Wohltat: Als eine solche empfinde ich es, dass Thomas Breuer Kölner CDU-Chef werden und gegen Bernd Petelkau antreten will. So bleibt die Groteske zumindest nicht völlig unwidersprochen, dass unter 46 Bewerbern ausgerechnet der CDU-Funktionär Niklas Kienitz als einziger den Kriterien entsprochen haben soll, die ein Stadtentwicklungsdezernent erfüllen muss. Es ist eine Rebellion gestandener Männer, denn Breuer (67) wird sekundiert von Fritz Schramma (73) und Lothar Theodor Lemper (75). Die drei widersetzten sich allen Forderungen ihrer Landespartei, den Streit unter den Tisch zu kehren. Sie haben meinen Respekt. Für derlei Ämterschacher fordern Politiker schon mal Sanktionen, wenn es um irdendein Land am Ende ihres Horizonts geht. Wer glaubt eigentlich, dass Duckmäusertum vom Wähler honoriert wird? Zudem: Der frühere Energiemanager Breuer ist erfahren. Er kennt die Stadt, ist über Parteigrenzen hinaus respektiert und hat einen Plan, der über Machterhalt hinaus reicht. In der Kölner CDU wird übrigens eine Stellenanzeige für einen „Abteilungsleiter*in Stadtentwicklung“ herumgereicht. Geht die Besetzung diesmal mit rechten Dingen zu, sei die neue Kraft qualifizierter als deren Chef, wird gewitzelt.

Das Wasser steigt – uns hoffentlich nicht bis zum Hals. Wir gehen in die Sommerpause. Ende August sind wir wieder für Sie da – es sei denn, die Umstände rufen uns.

Ein schönes Wochenende wünscht

Ihr

Peter Pauls