Newsletter vom 16.09.2022

Kein Ballermann-Image mehr für die Altstadt – Wer seine Stadt liebt, macht so was nicht – Dr. Joachim Groth über die Zustände im Herzen Kölns

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

wann waren Sie zum letzten Mal in der Kölner Altstadt? Bestimmt ist es länger her, denn im Grunde fühlt sich der Kölner mit seiner Altstadt kaum verbunden oder darin wohl. Wen wundert es: ständig neue Baustellen, hässliche Graffitis, Werbeschilder grell und groß an historischen Gebäuden und dann immer wieder abendlicher Lärm. Aber offenbar kümmert es keinen. Ein Zustand, der schon jahrelang hält. Hat der Kölner seine Altstadt aufgegeben?, frage ich mich.

Nicht ganz. Nach dem Motto: Frage nicht nur, was Deine Stadt für Dich tun kann. Frage auch, was Du für Deine Stadt tun kannst, setzt sich seit 1994 eine Bürgergemeinschaft für eine lebenswertere Altstadt ein. Ortstermin mit Dr. Joachim Groth, Vorsitzender des Vereins. Wir gehen durch die vielen Gassen der Altstadt: Er kritisiert: „Die Altstadt ist eigentlich die Visitenkarte von Köln. Der Rheingarten beispielsweise wurde als Kultur- und Erholungszone erschaffen. Hier sollen Bürger und Bürgerinnen sich wohlfühlen.“ Naja, wohlfühlen in zugemüllten und zugestellten Gässchen, Plätzen und Durchgängen fällt aber tatsächlich schwer. „Wenn ich das sehe, und wie Wände mit Graffiti-Tags zugeschmiert sind, dann ist das mehr als ärgerlich. Tags sind keine Kunst. Wer seine Stadt liebt, macht so was nicht.“

„Kein Ballermann-Image mehr für die Kölner Altstadt“, fordert Dr. Joachim Groth, Vorstandsvorsitzender der Bürgergemeinschaft-Altstadt. „Wer seine Stadt liebt, macht so was nicht.“

Foto: Claudia Hessel

Besonders negativ fällt auf: Die überdimensionierten Werbeanlagen vieler Lokale, insbesondere die der Fast-Foodläden an historischen Gebäuden. Offenbar hält sich kein Inhaber an die Qualitäts-Kriterien aus der Werbesatzung der Stadt Köln. So hat die Stadtverwaltung festgestellt, dass von 292 angebrachten Reklameschildern 261 der Werbesatzung nicht entsprechen. Sie sind im Grunde illegal angebracht. Nach Auffassung von Groth müsste die Stadt konsequenter agieren, „denn seit 20 Jahren ist so gut wie nichts passiert.“

Das gängige kölnische Laissez-faire macht die Altstadt wahrlich nicht zum Aushängeschild Kölns. Dabei gibt es gerade hier eine reiche Kultur-Landschaft mit Philharmonie, Museen, Kirchen – allen voran der Dom  – historischen Häusern und Bühnen wie Hänneschen und Senftöpfchen. Und Lokale, von den berühmten Brauhäusern bis zu Küchen aus aller Welt und dazu ein babylonisches Sprachengewirr. Die Kölner Altstadt ist ohne Zweifel „et Hätz vun Kölle“ und Millionen Touristen aber auch Partygänger strömen jährlich dorthin. Und letzteres ist auch das Problem.

„Köln ist eigentlich nicht für Millionenbesuche gebaut. Es gibt keinen Platz, wo Großveranstaltungen in der Innenstadt problemlos möglich sind, geschweige denn einen Bebauungsplan, der das erlaubt. Trotzdem wird eine Großveranstaltung nach der anderen genehmigt, weil es Publikum in die Stadt bringt,“ erklärt Groth.

Grelle Werbeschilder an historischen Gebäuden, Dreck, Müll, Lärm, Schmierereien und die ewigen Baustellen. Hat Köln seine Altstadt aufgeben?

Foto: Claudia Hessel

2024 soll die Altstadt zur Fußball-EM in ein riesiges Fußball-Dorf umgebaut werden. Die Stadt plant ein Public-Viewing-Stadion für 8.000 Fußballfans auf dem Heumarkt. Die Bürgergemeinschaft, die von der Oberbürgermeisterin immer als wertvoller Mahner gelobt wird, bringt hier eine 150 Seiten starke Dokumentation mit konstruktiven Vorschlägen zur Fußball EM in die Diskussion. Der Text ging an alle entscheidenden Stellen in der Verwaltung und Politik und ist bald auf der Website des Vereins zu lesen.

Groth und sein Verein fürchten: „So wie der Fußball im Moment aufgestellt ist, man denke an die Krawalle von Nizza, schaffen die Kölner Pläne einen gigantischen Hotspot für Ausschreitungen in der Innenstadt. Was passiert danach, wenn 8.000 Fans – egal ob Sieg oder Niederlage – in die Altstadt strömen? Randale oder Euphorie – das werden Zustände, die kaum noch zu bewältigen sind.“

Seit dem beharrlichen und oft zähen Austausch mit Politik und Verwaltung sowie der akribischen fotografischen Dokumentation der Missstände, bewirkt die Initiative Verbesserungen. „Uns geht es auch darum, das Kulturgut Altstadt mit seinen Sozialstrukturen zu erhalten. Wir wollen kein Ballermann-Image mehr für die Altstadt, die in einem schlechten Zustand ist, auch weil Kulturinstitutionen wie das Römisch-Germanische Museum und sein Publikum fehlen oder Projekte wie das MiQua noch nicht eröffnen können.“

Das Netzwerk hat sich noch weitere Ziele gesetzt: Auch die kulturellen Schätze der Altstadt sollen wieder mehr Beachtung erfahren. „Die Stadt könnte ihr Welterbe wesentlich besser vermarkten“, sagt er. „Mit der Via Culturalis und all den damit zusammenhängenden  Planungen wie dem Laurenz Carré,  dem Dom Carré , den Museumsbauten,  einer wiederbelebten Hohe Straße soll Köln wieder zu seiner alten Stärke  im  Kunst und Kulturbereich  zurückfinden. Eine kreative Mischung aus jung und alt, mit Menschen aus allen Nationen. Köln als Trend-City in Deutschland, die nach vorne geht.“

Nach unserem Rundgang durch die Altstadt und vielen spannenden Ideen und konstruktiven Vorschlägen bin ich zuversichtlich: Dies ist bürgerschaftliches Engagement, für das Köln bekannt ist und auf das es stolz sein kann. Allerdings reicht es nicht, wenn nur einige Engagierte ehrenamtlich in dieser Stadt an den Verbesserungen arbeiten. Wichtig ist, eine breite Bewegung in der Kölner Bevölkerung zu erreichen. Den Schriftzug „Liebe deine Stadt“ kennen alle. Ihn gilt es, im Miteinander umzusetzen und nicht auf andere zu warten.

In diesem Sinne grüßt Sie herzlich Ihre

Claudia Hessel