Newsletter vom 19.02.2021

Das Rad gewinnt im Ratsbündnis – Die Not der Kölner Obdachlosen

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs!

Ich bin ein wenig ernüchtert. Die Pläne, die das neue Kölner Ratsbündnis nun vorgelegt hat, umfassen 92 Seiten. Aber ein Bild dieser Stadt, das dahinter steht, ein Kölner roter politischer Faden, der sich durch die Beschlüsse zieht, ist für mich kaum erkennbar. Klima-Neutralität, Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, Verdrängen des Autos, Förderung von Radwegen oder eine City-Maut – das sind Themen über nationale Grenzen hinweg.

Doch zentrale Kölner Fragen – Ausbau der Ost-West-Achse für den öffentlichen Nahverkehr, eine neue Rheinbrücke im Kölner Süden, die Zukunft der Innenstadt etwa – beantwortet das Bündnis aus Grünen, CDU und Volt auch fünf Monate nach der Kommunalwahl nicht. So gerät das Parken, auch für Anwohner, zur gestrigen Hauptnachricht beider Kölner Abo-Zeitungen. Immer weniger Parkplätze werden immer teurer, lautet die Essenz auf den Titelseiten. Ganze Straßenzüge in der Innenstadt werden ab sofort autofrei.

Fällt Autofahrern in dieser Stadt die Rolle des nützlichen Idioten zu, der zahlen soll, aber eigentlich nicht gern gesehen ist? Mit einer City-Maut für Pkw könne der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs unterstützt werden, heißt es im Bündnis. Andersherum betrachtet, ist das Fahrrad der Gewinner der neuen Politik. Daran ist nichts verkehrt. Außer man ist Fußgänger. Von dem ist wenig die Rede.

Was noch auffiel: Das Bündnis fordert die paritätische Besetzung von Aufsichtsräten stadtnaher Gesellschaften nach Geschlecht – und es kommt zu spät. Die Aufsichtsräte sind eben neu besetzt worden. Nicht paritätisch. Der Großmarkt muss raus aus der Südstadt. Aber wohin? Das weiß noch keiner. Und: Das grüne Köln verkauft seine RWE-Aktien zu einem Zeitpunkt, an dem der Energieriese so klimafreundlich ist wie nie. Glaubt das Ratsbündnis nicht an grüne Energiepolitik?

Die CDU hat sich Inhalte durch Dezernenten-Stellen abkaufen lassen und ist nach Lage der Dinge im entscheidenden Stadtvorstand mindestens auf Augenhöhe mit den Grünen. Die Newcomer von Volt werden schauen müssen, dass sie sich von den Platzhirschen nicht unterpflügen lassen. Ich wünsche es ihnen, denn sie stehen für einen pragmatischen und sachbezogenen Politikstil.

Der Sprung zum nächsten Thema erscheint gewagt. Es geht um Obdachlosigkeit. Aber zum Ende dieses Briefes werde ich den Bogen zur Kölner Politik schlagen. „Die Not ist dort am größten, wo am wenigsten vorhanden ist“, sagt Franco Clemens. Der Kölner Sozialarbeiter kümmert sich um Obdachlose. Wenn man ihm zuhört, versteht man, warum viele dieser Menschen angesichts des Corona-Virus vor dem Nichts stehen. Sie leben am Rand der Pendlerströme und hoffen, dass dort etwas für sie abfällt – Geld, Essen, leere Pfandflaschen. Wegen des Lockdowns sind diese Quellen aber weitgehend versiegt und wegen des Distanzgebots ist es illegal, die Nähe anderer Obdachloser zu suchen. So reißt das Netz, das diese schwachen Existenzen trägt, schnell, zumal, wenn Winter herrscht. Statistisch 6200 Obdachlose leben in Köln – mehr als in jeder anderen Stadt in NRW. Tatsächlich wird die Zahl höher liegen.

An Köln gefällt mir, dass hier eine Art von zivilgesellschaftlichem Reflex herrscht. Menschen stehen zusammen und schauen, was sie verbindet und nicht, was sie trennt. Das war bei den Arsch-Huh-Konzerten so, mit der „Kölner Botschaft“ nach der Silvesternacht 2015 ebenfalls und das lässt sich auch jetzt beobachten. Zur Zeit ist eine „Arche für Obdachlose“ in der Gründung. Sie wird unterstützt von Menschen, deren Namen Sie alle kennen wie Konstantin und Mutter Hedwig Neven DuMont, Konrad Adenauer, den Pfarrern Hans Mörtter und Franz Meurer, der Stiftung von Erich und Roswitha Bethe, der Bergisch Gladbacher Mäzenin Ingrid Schaeffer-Rahtgens sowie Günter Wallraff. Der Schriftsteller lebte für eine seiner zahlreichen Reportagen selber als Obdachloser, übernachtete in klirrender Kälte im Freien oder musste sich nachts im berüchtigten und heute geschlossenen „Bunker“ für Obdachlose in Hannover einschließen lassen.

„Ich nehme immer persönlich Anteil“, sagt Günter Wallraff. Wer ihn kennt, weiß, was das bedeutet. Der 78-jährige packt selber mit an. Die Filme, Bücher und Reportagen, für die der umtriebige Mann steht, sind für ihn nicht das Ende, sondern der Beginn von Engagement. „Wir brauchen eine Überlebensstation wie das Gulliver auch auf der anderen Rheinseite“, sagt Wallraff und schildert eine Beobachtung: „Es kann jeden treffen. Durch Corona landen heute noch mehr Menschen auf der Straße, von denen man das früher nicht für möglich gehalten hätte.“ Für ihn ist es eine Frage von Selbstverständnis und Respekt, auch direkt und unmittelbar zu helfen. Und dann ist das Telefonat mit Günter Wallraff auch schon wieder zu Ende. Der gute Mensch aus Köln-Ehrenfeld, wie ich ihn für mich genannt habe, eilt zu Gericht um einen Schützling zu unterstützen.

Gerade jetzt müsse man die Ärmsten der Armen im Blick haben und sich für deren Bedürfnisse einsetzen, sagt auch Konstantin Neven DuMont, dessen öffentlicher Einsatz für Gulliver den Blick mancher Bürger auf dieses Thema gerichtet hat. Pfarrer Franz Meurer fragt, warum eine große Stadt wie Köln nicht eine einstweilige Bleibe für Obdachlose vorhalten könne. Der streitbare Geistliche begrüßt den Vorstoß aus der SPD, das frühere Großbordell Pascha für diese Menschen zu nutzen und fordert von der Politik die Förderung von Wohneigentum. „England macht uns das vor“, sagt Meurer. Deshalb wohl benennt man das Ziel, jedem zumindest ein Dach über dem Kopf zu ermöglichen, in der Kommunalpolitik mit einem englischen Begriff: „Housing first“.

Eben dieses Ziel formulierte auch die Kölner Volt-Vorsitzende Rebekka Müller für die Ratspolitik. Da hat die SPD gleich eine Ansprechpartnerin. Gleichzeitig kündigte Müller den Einsatz von mehr Sozialarbeitern, „Streetworkern“, an. Franco Clemens, von dem eingangs die Rede war, wird es gerne hören, denn seine Schützlinge verschwinden nicht einfach, nur weil man sich nicht um sie kümmert.
Ein letzter Gedanke: Die Kölner Karnevalisten wärmen mein Herz. Sie haben es geschafft, dem Lockdown die Narrenkappe aufzusetzen. Es waren leise, kreative und fast besinnliche Karnevalstage, die mir Ost-Westfalen zeigten, wie anpassungsfähig und kraftvoll dieses Brauchtum ist.

Herzliche Grüße
Ihr

Peter Pauls

PS: Sie wollen helfen? Dann schreiben Sie an die „Arche für Obdachlose“ i. G., Hansaring 74, 50670 Köln.