Newsletter vom 19.11.2021

Retten FDP und Grüne die Menschheit? – Kölner kämpfen gegen Obdachlosigkeit vor der Haustür

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

welches Thema bewegt Sie am intensivsten? Die Corona-Pandemie, werden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit antworten und sich kurz darauf ärgern. Gibt es wirklich keine anderen Fragen von Belang? Vermutlich ist es ein geringer Trost, dass laut Forsa-Umfrage 70 Prozent der Deutschen angesichts steigender Infektionszahlen die Pandemie für das wichtigste Thema halten – so viele übrigens, wie auch geimpft sind. Aber sprechen wir deshalb gerne darüber? Die Argumente sind ausgetauscht. Alles ist bereits gesagt oder niedergeschrieben worden. Wir drehen uns im Kreis. Dass einen häufiger der Corona-Kater überfällt, als habe man einer schlechten Angewohnheit aus persönlicher Schwäche zu viel Raum gegeben, ist kein Wunder. Daher bleibt der Rest dieses Newsletters coronafrei.

Die Berliner Koalitionsverhandlungen bergen für mich einen inspirierenden Kern: Die mögliche Vermählung von Ökologie und Liberalismus. Im Kölner Stadt-Anzeiger vom 13.11.2021 sprach FDP-Chef Christian Lindner von einem möglichen „Modell für die Welt“. Überhaupt rückten bereits kurz nach der Wahl FDP und Grüne demonstrativ nah aneinander und dokumentierten das durch launige Selfies – eine ökoliberale Annäherung per Instagram in aller Öffentlichkeit.

Wie das Modell für die Welt genau aussehen soll, sagt Christian Lindner im Interview leider nicht. Der Gedanke trägt daher noch die Merkmale eines geistigen Knallfrosches. Doch muss das nichts heißen. Noch laufen die Koalitionsverhandlungen. Und wenn denn eine Regierung ihre Politik in einen neuen gesellschaftspolitischen Rahmen stellen muss, dann wird es diese sein. Die klassischen Wohlstands-Parameter, an denen wir den Erfolg einer Gesellschaft messen, reichen nicht mehr aus, wenn Politik nicht weniger als eine drohende Klimakatastrophe abwenden muss. Fünfmal bereits wurde Leben auf der Erde weitgehend ausgelöscht, schreibt der Autor Peter Brannen, dessen Buch über bisherige Weltuntergänge (The Ends of the World) im englischsprachigen Raum viel Beachtung erfährt. Da, wo das Lindner-Interview Antworten schuldig bleibt, müssen in den Koalitionsverhandlungen also noch Maßnahmen formuliert werden.

Inspiriert sind diese Zeilen von Jens Lönneker, unserem Partner von „Rheingoldsalon“. Wenn mir eine gesellschaftliche Entwicklung auffällt, diskutiere ich sie gerne mit dem Psychologen. Er wies mich auch darauf hin, dass Begriffe wie Geschlechtergerechtigkeit, Nachhaltigkeit oder Diversität selbstverständlichen Eingang in Entscheidungen der Großfinanz gefunden haben. Der US-Vermögensverwalter „BlackRock“ etwa ist überzeugt, dass sich Unternehmen, die in wesentlichen Nachhaltigkeitsthemen führend sind, besser entwickeln als jene, die diesen Aspekten keine große Bedeutung beimessen. Solche Firmen dürften nicht nur unter erschwerten Bedingungen, sondern auch in einem günstigen Marktumfeld besser abschneiden als ihre weniger nachhaltig wirtschaftenden Wettbewerber.

Letztlich legt der von „Blackrock“ formulierte wirtschaftliche Trend eine Tangente zum Prozess der deutschen Koalitionsbildung. Sozial-ökoliberale Politik muss ihre eigenen Parameter oder Signale entwickeln. Welche das sein mögen? Noch wird das hinter geschlossenen Türen verhandelt. Seien wir gespannt, was dabei herauskommt und ob wir dann tatsächlich ein Beispiel für die Welt sein werden.

Von einer Aufbruchstimmung, wie man sie sich in einer solchen Situation wünscht, kann bisher nicht die Rede sein. Die Forsa-Umfrage stellt vielmehr schwindendes Vertrauen in eine Ampel-Koalition fest. Das deckt sich mit jüngsten Erkenntnissen von Allensbach. Zwar hat demnach die Ampelkoaliton von allen Koalitionen die meiste Zustimmung. Aber nur 32 Prozent halten sie für „gut für unser Land“, während fast die Hälfte der Befragten „Zweifel haben“. Mit Sicherheit können wir also nur eins sagen: Es fehlt – noch – an einer positiven Orientierung für die Zukunft, der man gerne folgen möchte.

Vor einigen Wochen habe ich an dieser Stelle über ein Bürgerbündnis gegen Obdachlosigkeit berichtet. Zu den liebenswerten Seiten dieser Stadt gehört, dass Menschen sich über Trennendes hinweg FÜR etwas engagieren können. So entstand unter Mithilfe der Stiftung von Erich und Roswitha Bethe die „Arche für Obdachlose“. Völlig unterschiedliche Menschen wie der Notar Konrad Adenauer, Alexander Wehrle vom 1. FC Köln, Rainer Kippe von der Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim (SSM), Günter Wallraff oder Hedwig Neven DuMont engagieren sich hier.

Obdachlosigkeit sei in unserer Gesellschaft ein ernstes Risiko geworden, sagt der Sozialarbeiter Franco Clemens, der die Arche berät. Er hat beobachtet, was sie mit Menschen macht, wie diese unter dem Verlust ihrer bürgerlichen Strukturen schon nach kurzer Zeit zusammenbrechen. Verwahrlosung und Alkohol haben dann ein leichtes Spiel. Über die Jahre seien die Probleme gewachsen und Corona habe nun ein Übriges getan. Auch mir fallen die zahlreichen Obdachlosen im Stadtbild auf, und mit ungläubigem Staunen habe ich jüngst die endlos erscheinende Schlange von Menschen gesehen, die an einer Essenausgabe auf ihre Zuteilung warteten. Über die Arche können Sie sich hier informieren. Und Erich Bethe dürfen Sie beim Wort nehmen: Er verdoppelt die eingehenden Spenden!

Falls auch Sie sich beteiligen möchten, finden Sie hier alle notwendigen Informationen. Die „Arche“ steht für Köln, denn sie will die Welt sofort verändern – dort, wo man das am besten kann: vor der eigenen Haustür.

Herzlich grüßt
Ihr

Peter Pauls