Newsletter vom 2.12.2022

Studie bescheinigt Köln eine „teilweise dysfunktionale Verwaltung“ – Das enorme Potential der Stadt kann sich nicht entfalten

Sehr geehrte Mitglieder,

liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

bislang gehört Donald Trump nicht zu den Heiligen des katholisch geprägten Kölns. Doch der GRÖPAZ, also laut Selbsteinschätzung Größte Präsident aller Zeiten, brächte eine für die Stadt passgenaue Fähigkeit mit: Er kann hässliche Wahrheiten ins Gegenteil umdeuten, unangenehme Tatsachen durch sogenannte alternative Fakten ersetzen. In dieser Spezialdisziplin hat auch die Stadt am Rhein erheblichen Ehrgeiz entwickelt und verteidigt in der Liga der Selbstüberschätzung schon lange souverän die Tabellenführung.

Deshalb wird die Verantwortlichen in der „schönsten Stadt Deutschlands“ auch das Ergebnis einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) wenig anfechten. Das arbeitgebernahe  IW hat nämlich (mit seinen Partnern Wirtschaftswoche und Immoscout24) einen Vergleich aller 71 deutschen Großtädte mit über 100.000 Einwohnern angestellt und – wen wundert’s – Köln rangiert in diesem Ranking oben. Oder genauer: In der oberen Hälfte. Und ganz genau: Auf Platz 30, und damit immerhin einen Rang vor Pforzheim. Nun ist, ohne Pforzheim zu nahe treten zu wollen, die Stadt nicht die erste, mit der sich Köln vergleichen möchte. Das tut man lieber mit glanzvollen Metropolen wie Paris, London, Barcelona. Aber die Studie kommt mit ihren ausdifferenzierten Kriterien bei den Indizes Status Quo, Dynamik und Nachhaltigkeit zu keinem tröstlicheren Ergebnis.

Und wo bleibt das Positive? Zyniker würden sagen, dass Köln im nationalen Städtevergleich nur um drei Plätze abgerutscht ist. 2021 rangierte es noch auf Rang 27. Hätte schlimmer kommen können. Aber selbst notorisch antriebslosere Kommunen sähen allmählich Handlungsbedarf, um das Selbstbild wieder halbwegs in Einklang mit der Wirklichkeit zu bringen. Es ist ja auch nicht so, dass die Stadt nicht ganz erhebliches Potential hätte, dass Köln nicht das Zeug hätte, ganz oben mitzuspielen.

Die Lage im Herzen Europas, als Zentrum eines Ballungsraums in der Nähe zu wichtigen deutschen Nachbarländern, mit einer starken Hochschullandschaft, einer kraftvollen, leistungsstarken Wirtschaft – aus diesen Zutaten müsste ein Rezept zu entwickeln sein, das die Region beflügeln könnte. Doch die Rezeptur muss in Rat und Verwaltung entstehen, braucht Kreativität und den Mut zu Entscheidungen – womit wir beim Kern der Malaise angekommen wären.

Es ist eine von den Studien-Autoren diagnostizierte „teilweise dysfunktionale Verwaltung“, die eine Entfaltung der vorhandenen Kräfte verhindert, und ein Rat, von dem weder kühne Zukunftsentwürfe noch eine konstruktive Kontrolle der Verwaltung zu erwarten ist.  Dabei bräuchte es nur einen Blick ins Geschichtsbuch der Stadt, um zu sehen, dass es durchaus mal anders ging. Im Augenblick aber schafft die Stadt es nicht einmal, ihr großartiges, einmaliges kulturelles Erbe angemessen zu präsentieren. Bestenfalls macht sie daraus Dauerbaustellen.

Der Kölner Presseclub nimmt die Studie mit zum Anlass, mit dem Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, Prof. Dr. Michael Hüther, über Stand und Entwicklung der Region zu sprechen, natürlich auch über die Chancen und Risiken der wirtschaftlichen Lage in Deutschland. „Abschied vom Wohlstand?“ haben wir unser  Jahresabschlussgespräch 2022 überschrieben. Hüther, bekannt als scharfsichtiger Ökonom und eloquenter Diagnostiker der Gesellschaft, ist am Donnerstag, 8. Dezember, als Gast des Presseclubs im Excelsior Hotel Ernst. Beginn der Veranstaltung ist 19.30 Uhr, Anmeldung unter info@koelner-presseclub.de.

Die erste Voraussetzung dafür, dass Verhältnisse sich zum Besseren entwickeln, ist die nüchterne, schonungslose Analyse. Von Michael Hüther darf man sie erwarten. Das Beispiel Donald Trump lehrt, dass man nicht dauerhaft in einem einem politischen Phantasialand leben kann. Die Wirklichkeit ist stärker und will gestaltet werden. Das gilt auch für Köln. Frau Reker, übernehmen Sie.

In diesem Sinne grüße ich Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz