Newsletter vom 02.09.2022

Wer dreht am Heizungsregler: Die Politik oder die Bürger? – Wie eine diskriminierende Strategie ein Viertel zu spalten droht

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

Krisen, Krieg, Krankheit und Klimawandel verändern unser Leben, schaffen Tatsachen. Früher reichte es, den Fernseher auszuschalten. Heute sind die ehedem abstrakten Nachrichten unvermeidlicher Teil der Wirklichkeit. Europa ächzt im Klimawandel unter Sonne und Dürre. Könnte diese Wärme doch nur für den Winter gespeichert werden. Die Ratlosigkeit der Politik offenbart sich in Alltagshinweisen, die – quer über Parteigrenzen – vom Waschlappen über kurz und kalt duschen bis zur gesetzlich verordneten Raumtemperatur reichen. Sind 19 Grad womöglich auskömmlich?

„Wie warm ich meine Wohnung heize, ist und bleibt Privatsache! Der Staat sollte hier nicht mit Zwang eingreifen.“ Den Satz hätte ich gerne aus Kanzlermund gehört. Tatsächlich stammt er von der kleinen Partei „Volt“. Sie hat Vertrauen in die Bürger, zumal bereits die hohen Energiekosten als Regulativ wirken. Auch praktische Fragen stellen sich: Muss Wärmepolizei von Bungalow zu Bungalow ziehen und Knöllchen schreiben? Spätestens wenn wir frieren, die Preise für buchstäblich alles rasant steigen und das Wirtschaftsleben wegen Gasmangel ernsthaft gestört ist, müssen wir uns der unbequemen Frage stellen, wen alles die Sanktionen gegen Wladimir Putins Überfallkrieg tatsächlich treffen. Wir diskutieren das mit FFP2-Maske. Nein – besser organisieren wir einen Video-Call.

Der September markiert sanfte Veränderung. Der Benzin-Zuschuss läuft aus, ebenso das Neun-Euro-Ticket. Ein doppelter Aufprall in der Wirklichkeit vor allem für Pendler. Dabei würde ich bedenkenlos mehr zahlen für ein solches Pauschalticket, wenn es den Inhaber nur von der Enge der Tarifgrenzen erlöst. In Köln in die KVB einsteigen, vom Bahnhof mit der Regionalbahn nach Wuppertal fahren und dort mit der Schwebebahn eine Runde drehen. Mit dem gleichen Ticktet eine Woche später Berlin erkunden. Dass öffentlicher Nahverkehr so einfach sein kann, hatte etwas beinahe Unwirkliches. Allein schon, weil es sich so konsequent an den Bedürfnissen der Kunden ausrichtete. Hören sie jetzt die Stimmen aus den Verkehrsbetrieben, ist wieder Nabelschau angesagt. Schade!

Leider Vergangenheit – ein Ticket für alle Tarifnetze. Es war wie ein Traum.

Foto: Peter Pauls

Szenenwechsel. Was bringen Sie mit „extrem giftigen Gasen“ in Verbindung? Solche „Gase“ schreibt der Bürgerverein Eigelstein seit geraumer Zeit schon den Grills in der Weidengasse zu. Um mich dem Begriff zu nähern, habe ich die Suchmaschine „Google“ assoziieren lassen. Im Resultat ist von giftigen Weltkriegs-Kampfstoffen die Rede, das Wort „tödlich“ wird verwendet und schließlich – nach einem Klick – findet sich auch eine Definition. Darunter „werden solche Substanzen verstanden, die etwa durch Verschlucken, Einatmen oder durch einen Hautkontakt bereits bei sehr geringer Aufnahme zum Tode führen bzw. chronische Gesundheitsschäden verursachen“. Von Grills steht da nichts.

Sofern Sie jetzt aufstöhnen und fragen: Warum schon wieder Eigelstein? Warum schon wieder „giftige Gase“? Weil es um die Art des Umgangs in dieser Stadt geht. Darum, wie wir Konflikte lösen und mit anderen Meinungen umgehen. Wenn es überall so läuft wie am Eigelstein, wird Köln eine in Lager gespaltene Stadt. „Der Eigelstein wird Vorbild für weitere Räume in der Innenstadt sein,“ zitierte der EXPRESS vergangenes Jahr Oberbürgermeisterin Henriette Reker.

Warum belegt der Bürgerverein seine Nachbarn, mit denen er sich das Viertel teilt, mit einem solchen Vokabular? Ich empfinde es als diskriminierend, aggressiv und in der Wirkung rassistisch. Was das Gesundheitsamt zur Giftthese des Bürgervereins sagt? Ich habe gefragt: „Eine pauschale Einschätzung, dass alle diese Anlagen hochgiftige Stoffe“ ausstoßen, vermöge das Gesundheitsamt nicht zu teilen, heißt es. Und noch einmal, an anderer Stelle: „Die Einschätzung, dass die Anwohnenden der Weidengasse „extrem giftigen Abgasen“ ausgesetzt würden, wird auch von immissionsschutzrechtlicher Sicht nicht geteilt.“ Das sei – neben anderen – dem Bürgerverein so mitgeteilt. Die Antwort im Wortlaut finden Sie hier.

Warum der Bürgerverein dennoch eine solche Sprache wählt? Vermutlich, weil sie wirkt. Sie wirkt so gut wie (verbotenes) DDT gegen Insekten und das notorische Glyphosat, ein „Totalherbizid“. Danach wächst kein Gras mehr. Leider schafft Sprache das auch im sozialen Miteinander. Dass einem ein Übermaß an Kochdünsten stinkt, kann ich nachvollziehen. Wer von anderen jedoch mehr Maß und Mitte fordert, sollte bei sich selber und der eigenen Wortwahl beginnen.

Das Verhalten des Bürgervereins erinnert den Kultursoziologen Prof. Wolf-Dietrich Bukow an eine antiziganistische Strategie. Sie läuft nach einfachem Schema ab. Zunächst wird eine Story entwickelt: Quartier in Not. Dann werden Störungen definiert: Grills vergiften die guten Bürger, junge Männer belagern das Quartier . . . Praktische Erklärungen werden konstruiert, ausgebaut und eine Lösung wird versprochen. Erklärungen werden wiederholt, variiert und re-zitierend reproduziert. Schließlich verengt und verändert sich das Wirklichkeitsbild sowohl bei der bedrohten Community als auch der bio-deutschen Bürgerschaft. Zum Schluss werden „Gute“ und „Böse“ definiert. Soweit Prof. Bukow. Ich setze hinzu: Das Viertel droht zu zerfallen.

Keine schönen Aussichten? Gehen Sie in die Weidengasse und lächeln Sie die Menschen an. Es wird zurückgelächelt.

Freundliche Grüße sendet

Ihr

Peter Pauls