Newsletter vom 24.09.2021

Wahlkämpfer und TV-Debatten in der Zeitschleife – Nachrichten aus Kabul von Jürgen Todenhöfer – Hoffnung keimt im HipHop-Club

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

spannend fand ich den Wahlkampf der vergangenen Wochen nicht. Als ginge man ins Theater, ständig würde dasselbe Stück mit den gleichen HauptdarstellerInnen aufgeführt und als sei man in einer Zeitschleife gefangen. Mit wem werden sie wie und wann und unter welchen Umständen koalieren? Ich kann die Frage nicht mehr hören. Keiner der Kandidaten konnte wirklich überzeugen und jede Umfrage bestätigt diesen Eindruck aufs Neue. Allein schon deshalb sehne ich die Bundestagswahl herbei.

Eigentlich wäre dies der Moment der kleineren Parteien. 40 von ihnen treten am Sonntag an, manche werben mit neuen Ideen und Konzepten. Aber haben sie überhaupt eine realistische Chance, sich Gehör zu verschaffen und die Fünf-Prozent-Hürde zu überwinden? „Kleine Parteien haben es schwer in diesem Land„, sagt einer, der das politische Leben aus allen Blickwinkeln kennt. Jürgen Todenhöfer war 28 Jahre lang CDU-Bundestagsabgeordneter, dann einer der einflussreichsten Medienmanager Deutschlands und schließlich engagierter Buchautor und Pazifist. Mit 80 Jahren trat er aus der CDU aus und gründete seine „Gerechtigkeitspartei“.

Der Publizist erlebt das parteipolitische Leben nun von unten und formuliert interessante Gedanken. Auch er kritisiert die ewigen TV-Debatten der Großen und regt Runden an, die ähnlich wie die Vorwahlen in den USA funktionieren: „Warum lassen wir nicht die Spitzenkandidaten neuer Parteien gegeneinander antreten und das Publikum entscheiden?„, fragt er und bemängelt: „Wir konnten unsere Ideen nirgendwo vortragen. Ständig sehen wir immer die gleichen Gesichter und hören die immer dieselben Schlagworte?“ Sein „Team Todenhöfer“, wie die Partei sich auch nennt, sei im Wahlkampf häufig behindert worden, wie in Frankfurt etwa, wo jeder seiner 700 Zuhörer einzeln fotografiert worden sei.

Das Gespräch mit dem Politik-Veteranen war von außergewöhnlichen Umständen begleitet. Meine SMS-Anfrage nach einem Interview wurde mit „Bin in Kabul“ beschieden. Ich schrieb darauf der Partei-Sprecherin Sarah El Jobeili meine Fragen und bekam anderntags vier lange Sprachnachrichten Jürgen Todenhöfers aus der Hauptstadt Afghanistans, unterlegt von fernem Sirenengeheul. Seit 1979 beschäftigt er sich mit Afghanistan und ist einer der führenden Kenner des Landes. Jetzt gelang es ihm, mit einer Militärmaschine dorthin zu reisen, Gespräche zu führen und sich zu wundern. Die Berliner Regierung habe abgeschobene Schwerverbrecher zurückgeholt, berichtete er, bevor er zu politischen Gesprächen weitereilte.

Deutschland habe in Afghanistan einen guten Ruf, hat Todenhöfer stets gesagt und das gilt auch für ihn, den Islam-Kenner. Hier schließt sich ein Kreis zur Bundestagswahl, denn die „Gerechtigkeitspartei“ zielt auf ein Publikum, das dem Islam offen gegenübersteht. Es sind junge Menschen, die sich von gleich zwei Seiten bedrängt sehen: von muslimischen Eiferern ebenso wie von Teilen der deutschen Gesellschaft, die sie argwöhnisch betrachten und unter Extremismus-Verdacht stellen. In Todenhöfer, dessen Groß-Veranstaltungen stets bis auf den letzten Platz besetzt sind, finden sie jemanden, der sie versteht und ihnen politisch eine Heimat gibt. Die „Gerechtigkeitspartei“ ist nicht von ungefähr gegen Rassismus, Antisemitismus und Anti-Islamismus. Inwieweit sich das in Stimmen niederschlagen wird, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber für eine Überraschung sind diese Partei und ihr Vorsitzender sicher gut.

Das gilt auch für die pro-europäische Gruppe „Volt“, die in mehreren Ländern registriert ist. In Köln wurde sie quasi über Nacht Teil des Ratsbündnisses. Doch auch „Volt“ wäre hier nach den Regeln einer Bundestagswahl mit 4,98 Prozent der abgegebenen Stimmen an der Fünf-Prozent-Klausel gescheitert. Seit März 2020 ist Rebekka Müller, Spitzenkandidatin für den Bundestag aus Köln, praktisch im Dauereinsatz. Regelmäßige Leser dieses Newsletters kennen sie von Debattengesprächen, die ich mit ihr geführt habe. Anfangs galt es, Parteistrukturen aufzubauen und den rechtlichen Anforderungen zu entsprechen, dann den Wahlkampf zu organisieren und zu führen, berichtet sie. Und schließlich übernahm Volt Verantwortung in Köln.

Das ist eine lange Zeit, in der viel Schwung verebben kann. Dennoch sei der Wahlkampf ein Motivator, stellt die 32-Jährige fest. Und ohnehin sei ihr Engagement kein Marathon, sondern ein Sprint. Die Gesprächsbereitschaft der Menschen sei viel höher als erwartet und das Ziel, europäische Lösungen zu formulieren, komme gut an. Wenn Rebekka Müller erzählt, klingt das, als sei sie seit geraumer Zeit auf einer Achterbahn unterwegs. Sie spricht vom Gefühl, etwas Großes schaffen zu können ebenso wie von Panikattacken angesichts von Klimakrise und Pandemie, auf die die Politik und sie als Politikerin Antworten finden müsse.

Im früheren Rose-Club in Köln, der sich heute „Veedel Club“ nennt, habe ich eine Diskussion von Volt- und FDP-KandidatInnen besucht. Es war eine Wohltat zu erleben, wie sachlich hier Politik trotz offensichtlicher Differenzen formuliert wurde und wie fair das Publikum reagierte. Viel Beifall, wenig Buh im HipHop-Club (Hip-Hop ist eine Musikrichtung). Auch der Andersdenkende fand Platz. Ich ging mit dem Gefühl nach Hause, dass Politik weiter eine Chance hat. Vor allem, wenn es Politikern und den sie begleitenden Medien gelingt, sich aus ihrer Zeitschleife zu befreien und nicht die ewig gleiche Inszenierung aufzuführen.

Gerade hatten wir eine Premiere – die Gesprächsreihe „Starke Frauen“. Marie-Luise Wolff berichtete im Gespräch mit Michael Hirz von ihrem Weg an die Spitze des Bundesverbands für Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Ferner ist die Managerin seit 2013 Vorstandsvorsitzende der Entega AG in Darmstadt. Sie hat sich erfolgreich in einer von Männern dominierten Welt durchgesetzt. Als sie davon berichtete, hätte man eine Stecknadel fallen hören können, so still war es. Die Veranstaltung wandte sich exklusiv an Mitglieder des Kölner Presseclubs und deren Freunde – es lohnt sich also, bei uns einzutreten (info@koelner-presseclub.de). In der nächsten Veranstaltung am 9. November um 19.30 Uhr lernen wir Stephanie Coßmann kennen, Mitglied des Vorstands und Arbeitsdirektorin der Kölner Lanxess AG.

Ich wünsche uns allen ein unbelastetes Wahl-Wochenende!

Herzliche Grüße
Ihr
Peter Pauls