Newsletter vom 25.03.2022

Der ungleiche Kampf der Klitschko-Brüder in der Ukraine – Verbreiten Holzkohlegrills am Eigelstein „giftige Gase“?

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

heute, wenn dieser Newsletter in Ihrem Postfach liegt, wird Wladimir Klitschko 46 Jahre alt. Der frühere Weltklasseboxer ist eine der großen, internationalen Sport-Persönlichkeiten – und Ukrainer. Nach Lage der Dinge feiert er in einer Trümmerwüste. Denn als der Nachbar Russland die Ukraine überfiel, verließ Wladimir Hamburg, wo er eigentlich lebt, und reiste nach Kiew, um der Heimat und seinem älteren Bruder beizustehen. Vitali Klitschko (50) ist Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt. Unter den Augen der Welt wird sie von russischen Truppen gerade in Trümmer geschossen. Manchmal sehen wir ihn im Fernsehen. Der promovierte Sportmediziner, auch er ein großer Boxer und Athlet, trägt Schutzkleidung und versucht, den gebliebenen Bürgern Zuversicht zu geben. Sich selbst vermutlich auch, denn Vitali weiß, wie ungleich die Kräfte verteilt sind.

Zudem stehen die Klitschkos mutmaßlich auf Todeslisten. Sie reißen diesen Krieg aus der Anonymität und geben ihm ein Gesicht. Wie natürlich vor allem Wolodymyr Selenskyj, der Präsident des Landes, den bis vor kurzem nur wenige in Deutschland kannten und dessen verzweifelte Reden heute Weltnachrichten sind. Die Brüder aber sind gefühlt seit ewigen Zeiten Teil auch unseres Landes. Sie gelten als Sinnbild für Fairness, Sportlichkeit und Charakter. „Die Deutschen haben meine Söhne adoptiert“, sagte Wladimir Rodionowitsch Klitschko seinerzeit stolz, der 2011 verstorbene Vater.

2011 kam auch der Film „Klitschko“ in die Kinos. Produziert haben ihn Leopold Hoesch und sein Team von Broadview TV aus Köln. Damals besuchte Vitali Klitschko den „Kölner Stadt-Anzeiger“. Wir versteigerten Filmplakate und der charismatische Sportler alberte mit uns in der Redaktion herum – ein echter Menschenfischer dank seines Lächelns, seiner Intelligenz sowie seines Mutterwitzes, weniger wegen seiner Muskeln und hünenhaften Statur. Häufig gewinnt die Gegenwart ihren Wert erst durch die Entwicklung in der Zukunft. Im Rückblick jedenfalls denke ich, was für unbeschwerte Zeiten das waren.

Vitali und Wladimir Klitschko mit Filmproduzent Leopold Hoesch (Mitte) auf dem Tribeca Film Festival 2011.

Bild: Broadview

Seit den Jahren des Klitschko-Films ist Leopold Hoesch den Brüdern freundschaftlich verbunden. Mut, Gradlinigkeit, Entscheidungsfreude, Humor und Größe – was Vitali und Wladimir heute zu Helden macht, war damals schon Teil ihrer Persönlichkeit, sagt der Filmproduzent. Er erkenne nichts Neues in den Beiden, sie seien ihrem Wesen treu geblieben. Nur stehen sie heute auf einer anderen Weltbühne. Es bleibt zu hoffen, dass der tragische Kampf ihre Kräfte nicht übersteigt. Sportliche Regeln und Fairness gelten nichts mehr.

Wozu Moskau fähig ist, konnte man in den Tschetschenienkriegen und in Syrien beobachten. In all den vergangenen Jahren war immer die Rede davon, eine Fortsetzung des Klitschko-Films (sie finden ihn hier) zu drehen. Ich wünsche den Brüdern und damit ihrem Land, dass nicht nur Klitschko II, sondern eines Tages auch Klitschko III gedreht werden. Lebendige Helden sind die liebsten Helden.

Nun ruht der Blick auf Köln. Unser Newsletter vom 11.3. zum Eigelstein – hier klicken – fand viel Resonanz. Und wieder gibt es Schlagzeilen: „Wo Geruch ist, ist auch Gift, Bürgerverein gegen Kohlegrills am Eigelstein„, titelte der Kölner Stadt-Anzeiger über eine Sitzung der Bezirksvertretung. „Gift“ aus dem Mund des Bürgervereins ist ein starkes Wort. Mir kommt der Totenkopf mit den gekreuzten Knochen in den Sinn. In der Apotheke gibt es einen Giftschrank, zu dem nur geschulte Kräfte Zugang haben. Das sollte auch für Worte gelten, die ein Miteinander vergiften können. Zumal – so eine Amtsvertreterin – die Abluftanlagen der Grills regelmäßig überprüft würden: Bisher ohne Beanstandungen, die Grenzwerte würden eingehalten. Schädliche Umwelteinwirkungen müssten erst gerichtsfest nachgewiesen werden, sagt sie. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

„Ich hätte mir im Leben nicht vorstellen können, dass gerade in Köln in Bezug auf eine von türkischen Geschäften dominierte Straße permanent der Begriff „Gift“ fällt“, sagt Lale Akgün. Ob die Stadt nach Gutdünken der Vereinsmitglieder die Imbissstuben auf der Weidengasse mit weiteren Auflagen versehen soll, fragt die frühere SPD-Bundestagsabgeordnete. „Ich bin sehr vorsichtig mit dem Begriff Rassismus. Doch frage ich mich, wie man eine Kampagne bezeichnen soll, die sich mit Begriffen wie Gift und Giftgas gegen türkische Imbissstuben richtet und von dem vehementen Wunsch beseelt ist, diese Straße nach eigenen Vorstellungen umzuformen?“

Warum so viel Eigelstein? Weil das Viertel für den Wandel in Großstädten steht, zumal hier die Verhältnisse konturiert sind und die Fragen offenliegen. Wie gestaltet man Veränderung, ohne ganze Bevölkerungsteile zu verdrängen? Gibt es Gewinner und Verlierer? Kann Politik vermitteln, gar Visionen aufzeigen? Das Schlusswort überlasse ich dem Architektur-Experten Andreas Grosz (KAP-Forum), der viele Jahre in Köln gelebt hat.

„Eine kleine Schicht wohlsituierter und gut ausgebildeter Mittelständler hat längst die Deutungshoheit, wie wir zu leben, zu arbeiten und zu wohnen haben, übernommen,“ schreibt er. „Statt gemischter Quartiere sind in unseren Großstädten feine Trennungslinien entstanden – sind urbane in monostrukturierte Quartiere verwandelt worden . . . Solches sozialromantisches Puppenstubendenken (besser Besitzstandsdenken) hat mit der notwendigen Transformation unserer Städte und Lebensweisen in Richtung Klimawandel, ökologischer Landwirtschaft und Ernährung, neuer Mobilität, der Digitalisierung und einer Regionalisierung wenig im Sinn.“

Wie schön wäre es, Köln könnte sich von diesem Trend abheben!

Ich wünsche Ihnen ein sonniges Wochenende!
Ihr

Peter Pauls