Newsletter vom 04.06.2021

„Perspektivwechsel“

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

Perspektivwechsel“ nennen wir vorläufig unser neues Gesprächsformat. Zum Auftakt haben Rebekka Müller (32), „Volt“-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl, und ich, Peter Pauls (68), uns unterhalten – und natürlich hat unser Alter den Austausch geprägt. Wir wünschen uns, damit zu einem größeren Blickwinkel beizutragen. Rebekka Müller glaubt an ein Miteinander in Europa, an die Kraft der Argumente. Dort, wo andere Probleme sehen, sucht sie nach Lösungen.

Anders als ich, wird die Politikerin vielleicht erleben müssen, was hier eher noch als Szenario existiert: extreme Wetterlagen, eine Welt, die um Wasser kämpft, in ihrem eigenen Müll versinkt, und abgehängte Länder und Kontinente, die notwendige Digitalisierungsschritte schlicht verpasst haben. Von einem Verkehr, den niemand mehr zu bändigen imstande ist, ganz zu schweigen. Die junge Frau möchte „für“ etwas sein, konstruktiv arbeiten und sich nicht in fruchtlosem Parteienstreit zerreiben lassen. Wo andere polemisch sind, ist sie engagiert. Unser Gespräch finden Sie als Podcast für unterwegs, wenn Sie hier klicken. Und sie sehen es als Film, wenn Sie hier klicken.

An dieser Stelle haben wir mehrmals über den Kölner Eigelstein berichtet. Warum? Weil das urkölsche Viertel eine für die ganze Stadt typische Entwicklung nehmen könnte. Unter dem Deckmantel von Verkehrsberuhigung und Umweltschutz wird ein Stadtteil in den Konflikt getrieben. Am Eigelstein beansprucht der „Bürgerverein“, für die Anwohner zu sprechen, und so verstehen ihn auch Stadtpolitiker. Doch viele Menschen wenden sich ab vom Bürgerverein: zu aggressiv, zu selbstherrlich, zu beratungsresistent.

Die Kunsthändlerin Antje Hegge etwa kritisiert, dass auf die seit Generationen hier lebenden und arbeitenden Menschen wenig Rücksicht genommen werde. Natürlich bestehe Veränderungsbedarf – aber Strukturen und Sozialgefüge des Viertels müssten berücksichtigt werden. Innerhalb weniger Tage unterschrieben 300 Anwohner und Betroffene eine von Antje Hegge in drei Sprachen formulierte Resolution. „Der Bürgerverein Eigelstein e.V. spricht und handelt nicht in unserem Namen“, heißt es darin unter anderem. „Durch die Folgen der völlig undurchdachten Fußgängerzone im Eigelsteinviertel sehen wir uns zu diesem Schritt gezwungen. Das gilt ebenso für die konfrontative Haltung (u. a. Planung einer Straßenblockade) des Bürgervereins gegenüber der Gastronomie in der Weidengasse.“

Mitte März zitierte der EXPRESS Henriette Reker mit den Worten: „Der Eigelstein wird Vorbild für weitere Räume in der Innenstadt sein. Hierbei denke ich an die Ehrenstraße, die Severinstraße oder die Deutzer Freiheit“. Im Licht dieser Entwicklung wirkt das fast wie eine Drohung, obwohl es sicher gut gemeint und die Oberbürgermeisterin nur mangelhaft informiert war. Mal schauen, was da noch kommt. Am Eigelstein jedenfalls brodelt es.

Kommen wir zu einem Thema, dessen Folgen mir heute noch die Schamesröte ins Gesicht treiben. Am 9. Juni 2004 ging in der Kölner Keupstraße vor dem Friseurladen von Özcan Yildirim eine Nagelbombe hoch. Sie verletzte 22 Menschen, vier von ihnen schwer. Wie durch ein Wunder wurde niemand getötet. Doch die Verletzten und ihre Familien erlebten keinen fürsorglichen deutschen Staat, sondern eine Polizei, welche die Opfer zu Tätern machte – Verhöre, Verdächtigungen, Vorladungen aufs Revier. Ein Albtraum made in Germany. Erst Jahre später machte die Selbstbezichtigung von Rechts-Terroristen, die sich „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) nannten, dem Spuk ein Ende.

In wenigen Tagen liegt der Anschlag 17 Jahre zurück und endlich zeichnet sich ab, dass an der Ecke Keup- und Schanzenstraße das Denkmal gebaut wird, das sich vor Jahren als Sieger eines Wettbewerbs durchsetzte. „Wir wollen die Menschen damit zum Denken anregen“, sagt Meral Sahin. Die Vorsitzende der Interessengemeinschaft (IG) Keupstraße blickt bewusst nicht zurück. Daher vermeidet sie das Wort „Mahnmal“. „Wir wollen die Zukunft verändern“, sagt sie, „nicht Vorwürfe und Mahnungen formulieren.“ Die Kölnerin hat sich nicht davon abbringen lassen, dass ein Denkmal genau an diesem Standort errichtet wird, in Blickweite vom Ort des Anschlags. Und wenn es eingeweiht wird? „Dann ist das der größte Tag seit meiner Hochzeit“, lacht Meral Sahin.

Özcan Yildirim indes ist mit seinem Friseurladen umgezogen. Die Bombe und vor allem deren Folgen hatten zu viel von seinem Leben und dem seiner Familie zerstört. Er wollte nicht ständig daran erinnert werden. Heute befindet sich ein Juwelier in den Räumen. Im benachbarten Hausflur zeigte Meral Sahin mir zerstörte Fliesen, die noch immer an die Terrorbombe erinnern. Die Löcher dort sind tief. Was in den Menschen vorgeht, lässt sich nur erahnen.

In etwa drei Jahren rechnet Norbert Fuchs mit der Einweihung des Denkmals. Die rechtlichen Voraussetzungen seien inzwischen geschaffen, erklärt der Mülheimer SPD-Bezirksbürgermeister. Wichtig sei ihm vor allem, dass es nun schnell gehe. Die lange Verzögerung sei nur peinlich. „Ich möchte es noch als Bezirksbürgermeister einweihen“, sagt der 72jährige, ein sozialdemokratisches Urgestein. 20 Jahre wird der Terrorakt dann zurückliegen. Man braucht in Köln einen langen Atem.

Herzliche Grüße sendet

Ihr

Peter Pauls