Newsletter vom 5.03.2021

Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

wann ist ein Mann ein Mann? Als Herbert Grönemeyer in seinem Lied vor bald 40 Jahren diese Frage gestellt hat, schien die Antwort noch klar. Inzwischen hat sich die Erde mehrfach gedreht und die Geschlechterrollen sind, wie man so schön sagt, dekonstruiert. Längst gibt es ja auch viel mehr als nur Männer und Frauen. Heute muss jeder selbst das Rätsel lösen, wer oder was er ist, frei nach dem Motto „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“. Alte Gewissheiten wirken da manchmal wie kleinformatige Schwarz-Weiß-Fotos aus Urgroßvaters Fotoalbum – sie wecken nostalgische Gefühle, haben mit der Gegenwart aber herzlich wenig zu tun.

Nicht nur Menschen, auch Kultureinrichtungen müssen heute ihre Identität überprüfen. Das gilt besonders für Häuser, die man in unbefangeneren Zeiten Völkerkunde-Museen nannte. Inzwischen vermeidet man gerne den Begriff, weil ihm der Aasgeruch des Kolonialismus anhaftet und vielfach an Raub, Rassismus und systematische Diskriminierung denken lässt. Passen Sammlungen, die in einem Unrechtskontext wie dem Kolonialismus entstanden sind, noch in eine Zeit, die von der Überlegenheit des Weißen Mannes und von Europa als dem Nabel der Welt nichts mehr wissen will?

Während das Berliner Humboldt-Forum deswegen gerade im Feuer steht und seine Verantwortlichen mit dem Rücken an der Wand, geht das Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum (RJM) offensiv nach vorne. Angstfrei und trittsicher bewegt sich seine Direktorin Nanette Snoep über das verminte Gelände einer öffentlichen Diskussion, in der sich radikale Antirassismus-Aktivisten auf der einen und unbelehrbare Reaktionäre auf der anderen Seite gegenüberstehen. Für Nanette Snoep sind ethnologische Museen Orte der Verständigung, der Begegnung unterschiedlicher Kulturen „auf Augenhöhe, nicht mit dem bisherigen kolonialen Blick von oben herab“, wie sie betont. Entsprechend arbeitet sie gerade mit 40 Künstlerinnen und Künstlern aus dem Globalen Süden für die Ausstellung „Resist! Die Kunst des Widerstands“ zusammen. „Ein Frauenmuseum lässt man auch nicht von Männern gestalten.“ So könne ein unrühmliches Kapitel europäischer Geschichte aufgearbeitet werden und das koloniale Erbe des Völkerkundemuseums eine wichtige Funktion in Zeiten von Migration und ethnisch bunt zusammengesetzten Gesellschaften übernehmen.

Der fröhliche Pragmatismus der gebürtigen Niederländerin, ihr entspannter und zukunftsorientierter Umgang mit Diversität, täte den Stellungskriegern im aktuellen Kulturkampf gut. Die Wucht des mit religiösem Eifer ausgetragenen Glaubenskampfes um Gendern, Rassismus und Diskriminierung hat gerade selbst einen wortmächtigen Diskurs-Profi wie Alt-Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse unter sich begraben. Der hatte in einem Essay gefordert, dass Vielfalt in einer Gesellschaft friedlich gelebt, Mehrheitsentscheidungen akzeptiert und Diskussionen (Cancel Culture) nicht verweigert werden sollten. Über aller Unterschiedlichkeit dürften Gemeinsamkeit und Solidarität einer Gesellschaft nicht aus dem Blick geraten. Das Ergebnis dieses Appells? Ein Shitstorm! Und seine Partei, die SPD, die Partei der Solidarität? Die zeigte schnell Solidarität, allerdings mit den gut organisierten Kritikern Thierses. Wir lernen: Vielfalt ist schön, fordert aber Opfer.

Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass die Frage, wer wir sind, wohin wir als Gemeinschaft wollen und wie wir das einvernehmlich organisiert bekommen, uns lange beschäftigen wird und mühsam zu klären ist. Die Aufklärung, dieses helle Kapitel europäischer Geschichte, beinhaltete das Versprechen, dass Geschlecht, Ethnie, soziale Herkunft oder religiöse Überzeugung keine Rolle spielen sollten. Nun stellen wir fest, dass genau diese Identitätsmerkmale bei unserem Bemühen um Diversität und Gerechtigkeit von fundamentaler Bedeutung sind.

Also nicht um den Einzelnen geht es, sondern um seine Merkmale – als Zugewanderter, als Behinderter, als Mensch mit einer bestimmten sexuellen Orientierung. Vielfach sind Benachteiligungen die Geburtshelfer für den Wunsch nach schützender Sonderbehandlung. Dennoch: Beim Blick in den Rückspiegel unserer Geschichte stellen wir fest, dass es eine in Klein- und Kleinstgruppen zerfallene Gesellschaft lange gegeben hat. Diese Zeit nennen wir heute das finstere Mittelalter.

In diesem Sinne grüßt Sie sehr herzlich

Ihr
Michael Hirz