Newsletter vom 05.11.2021

Gefangen, wie in einer Zeitschleife: Köln-Mülheim und seine Industrie-Denkmäler im Dornröschenschlaf

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

immer wenn ich die Deutz-Mülheimer-Straße entlangfahre, wähne ich mich in einer anderen Welt, so unwirklich und aus der Zeit gefallen mutet hier alles an. Vor rund 150 Jahren wurde in den gewaltigen Backsteingebäuden, welche die Straße säumen, Geschichte geschrieben. Hier wurden die Motoren produziert, die Industrialisierung, produktive Landwirtschaft und Massenmobilität zu Land oder in der Luft erst möglich machten. Heute stehen die meisten der riesigen Hallen leer, dem Verfall preisgegeben, ob sie nun unter Denkmalschutz stehen oder nicht.

Dabei könnte der Süden Köln-Mülheims wieder Geschichte schreiben – Stadt-Geschichte nämlich. In unmittelbarer Nähe zum Rhein soll hier ein neues Viertel mit Wohnungen, Geschäftsräumen, Schulen und Restaurants entstehen, das Stimmung und Ästhetik der vergangenen Zeit aufnimmt. Bis zu 30.000 Menschen produzierten in Mülheim Motoren für die ganze Welt. Doch von Einsprengseln wie dem Restaurant „Lokschuppen“ oder Event-Hallen abgesehen, ist die Stimmung morbide. Eine Industriebrache. Schaut man in die Archive, dann ist Jahr für Jahr erneut vom Aufbruch die Rede. Aber letztlich geschieht dann wieder nichts. Als wäre das Viertel in einer Zeitschleife gefangen.

Mit Norbert Fuchs, dem Mülheimer Bezirksbürgermeister, und Christoph Kahl, Chef der Immobilienfirma Jamestown, habe ich mir das Viertel angeschaut. Fuchs kennt die immer mal wieder wechselnden Inhaber der großen Areale. Wenn er erzählt, klingt es, als kommentiere er ein Monopoly-Spiel. Der Politiker vereint Erfahrung, Netzwerk und Mülheim-Kenntnis. Doch fehlen ihm Befugnisse. So wirkt er wie ein erfahrener Flugkapitän, der nur über einen Flugsimulator verfügt. Der Kölner Kahl steht für den anderen Teil von Stadtentwicklung. Eine Kernkompetenz seiner Firma sei die Revitalisierung von alten Industrieflächen, sagt er. Mülheim sei ein Meilenstein für sein Unternehmen, das sich inzwischen stärker Europa und Deutschland zuwende nach Jahrzehnten des Engagements in den USA. Fuchs und Kahl gehören zusammen wie die zwei Seiten einer Münze: Der Politiker setzt den großen Rahmen, innerhalb dessen der Investor entwickelt.

„Ich will hier Kräne sehen“, hat Norbert Fuchs über die Jahre immer wieder in Interviews gefordert. Doch die, die nun seit einigen Monaten auf einem der Grundstücke stehen, sind ebenso unbelebt wie der Rest des siechen Areals. Aus irgendeinem Grund geht es wieder nicht vorwärts. Von einem Planungsfehler ist die Rede und nicht eingehaltenen Mindestabständen zum Rhein. Mit Christoph Kahl, der die frühere KHD-Hauptverwaltung erwarb, hätte Bewegung kommen können. Doch Kahl beugte sich einem Vorkaufsrecht der Stadt. Hintergrund: Der Kölner Rat hatte die Verwaltung angewiesen, die frühere Hauptverwaltung zu erwerben. Künstler, die dort ansässig waren, hatten erfolgreich um öffentliche Unterstützung für ihre Ziele geworben und die Politik eingespannt.

Nun hat die Stadt zwar noch keine durchgängigen Baupläne für das gesamte Areal aufgestellt, steht aber bereits in der Pflicht, den Willen des Rates umzusetzen und Verbindungen von „Kultur, Wohnen und Arbeiten“ auszuprobieren. „Eine Verirrung“, nennt das ein politischer Beobachter und spricht von Politik fürs Schaufenster. Man lebe planerisch von der Hand in den Mund, werde Größe und Potenzial der gewaltigen Entwicklungsfläche nicht gerecht und schaffe nur Stückwerk – wenn überhaupt. Die Aversion der Politik privaten Investoren gegenüber sei mit Händen greifbar. Doch wie soll es ohne sie gehen?

In seinem ganzen, ruhigen und gediegenen Auftritt entspricht Christoph Kahl ohnehin nicht dem Bild des profitgetriebenen Investors. Er hat Unterlagen seiner weltweiten Projekte zur Hand, zeigt bereitwillig, wie man bereits mit einfachen Mitteln Stadtteile beleben kann, begeistert sich für das eine, leerstehende Objekt, kritisiert an einem anderen die stilistisch missratene Aufstockung und macht den Eindruck, dass er gerne und mit Sachkenntnis macht, was er tut. Die Stadtverwaltung, das ist ein offenes Geheimnis, hätte es gern gesehen, dass er die frühere KHD-Hauptverwaltung behält, zumal er für etwas wie Maß und Mitte steht. Aber der Rat wollte es anders.

Unwillkürlich kommt einem irgendwann das Märchen von Dornröschen in den Sinn, zumal in Mülheim allenthalben Brombeerhecken wuchern. Welcher Prinz auch immer die schlafende Königstochter wachküssen wollte, verendete in Dornbüschen um das Schloss. So ging die Zeit dahin. Bis der Fluch erlosch und es einem Prinzen gelang, zu Dornröschen vorzudringen. 100 Jahre hat das gedauert. Fast ein Kölner Märchen, möchte man meinen.

Die Inzidenzen steigen. Daher wünsche ich Ihnen ein gesundes Wochenende.

Herzliche Grüße
Ihr

Peter Pauls