Newsletter vom 6.01.2023

Dauerstress für die Kölner Polizei? Polizeipräsident Schnabel im Gespräch – Eine Elfjährige schrieb aus Furcht vor Krieg an Kanzler Adenauer

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

wir wünschen Ihnen ein gesundes, friedvolles und erfolgreiches Jahr 2023.

Ganz ausdrücklich auch der Kölner Polizei. Seit der Silvesternacht 2015 liegt zum Jahreswechsel Unruhe über der Stadt. Sicher erinnern Sie sich an die anarchischen Zustände um Dom und Hauptbahnhof. Köln machte weltweit Schlagzeilen als Fanal einer verfehlten Einwanderungspolitik. Blieb die Silvesternacht 2015 nicht Einzelfall, sondern markierte eine Trendwende, nur unterbrochen von den Lockdown-Jahren? Seit dem Elften im Elften 2022 muss man diese Frage stellen. Köln war im Ausnahmezustand. Nichts ging mehr. Wie durch ein Wunder wurde niemand ernsthaft verletzt.

Dieses Silvester wurden Pöbler und Betrunkene registriert sowie Knaller, die in Menschenmengen geworfen wurden. Chaoten beschossen andernorts Ordnungskräfte und Helfer mit Raketen. Doch bedeutet NACH dem Jahreswechsel auch VOR Weiberfastnacht am 16. und Rosenmontag am 20. Februar. Was blüht dann? Die Kölner Polizei ist in allen Belangen gefordert. Sie steht unter Dauerstress. Die Kriminalitätsparameter zeigen nach dem Ende der Lockdowns nach oben. Als hätten Chaoten, Drogenhändler und andere Kriminelle etwas nachzuholen.

Darüber möchten wir im Kölner Presseclub zum Jahresauftakt sprechen am Mittwoch, 11. Januar, 19.30 Uhr, Excelsior Hotel Ernst (Trankgasse 1-5). Der neue Polizeipräsident Falk Schnabel berichtet von einem aufreibenden Alltag, in dem Ordnungs- und Sicherungskräfte generell unter Druck stehen. In buchstäblich letzter Instanz bekommen sie ab, was vorher in der Gesellschaft versäumt wurde – zum Beispiel Regeln und Respekt zu vermitteln. Aber vielleicht sehe ich das auch zu schwarz? Hören wir, was der Chef der Polizei sagt. Anmeldung unter info@koelner-presseclub.de. Ihr Blick wird allemal geschärft.

Das ist das Stichwort für eine Geschichte, die ich zum Jahreswechsel erzählen möchte. Vor über 71 Jahren, Ende 1951, schrieb die elf Jahre alte Elisabeth aus Kevelaer einen Brief an den damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer. Als Fünfjährige hatte sie in Rolandseck in Remagen erleben müssen, wie in der Endphase des 2. Weltkrieges Bomben um sie herum einschlugen und detonierten. Wie durch ein Wunder explodierte der Sprengkörper nicht, der vor das Haus fiel, in dem sie und ihre Familie sich zu jener Zeit aufhielten. Ein Blindgänger. Seither hatte das Kind einen geschärften Sinn für das, was es in Nachrichtensendungen hörte oder aus den Reden der Erwachsenen mitnahm.

„Ich habe eine große Bitte an Sie,“ schrieb sie an den „lieben Herrn Dr. Adenauer“. „Ich höre so oft, dass wir mit Russland keinen Frieden haben. Ich muss immer daran denken, dass es Krieg geben könnte und kann schon nicht mehr ruhig schlafen.“  In schöner Schreibschrift schlägt sie Adenauer vor, den Diktator Josef Stalin und seinen Außenminister Wischinski einzuladen und zu bewirten, um anderntags die anstehenden Probleme zu lösen. „Vielleicht sagen sie dann zu allen Vorschlägen ja. Wie wäre das schön, und wir könnten alle wieder ganz beruhigt sein und ohne die Angst, dass wieder Krieg käme. Ich würde mich freuen, wenn Sie auf meinen Vorschlag eingehen. Schreiben Sie mir recht bald.“ Den kompletten Wortlaut des Briefes finden Sie hier.  Adenauer antwortete tatsächlich. „Du brauchst keine Angst zu haben, dass wir Krieg bekommen“, schrieb der damals 75-jährige Kanzler an die „liebe Elisabeth“. „Der liebe Gott wird schon helfen, dass wir Frieden behalten.“

Aus Sorge um den Frieden mit Russland schrieb die elfjährige Elisabeth 1951 an den Bundeskanzler. Kurz darauf antwortete Konrad Adenauer ihr.

Der Brief von Elisabeth ist vor wenigen Wochen im Archiv der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus entdeckt worden. In dessen Vorstand sitzt seit 32 Jahren der Kölner Kanzler-Enkel, der Notar Konrad Adenauer. Er schickte mir eine Kopie und nach einigen Telefonaten gelang es mir, mit der Schreiberin zu sprechen, die heute zwar über 80 Jahre alt ist, am Telefon jedoch klingt, als sei sie eine junge Frau. Ob ihr die Eltern halfen, das Schreiben zu formulieren? „Die hatten keine Ahnung.“ Und wie sie davon erfuhren? „Ich wurde in das Büro meines Vaters zitiert. Der sagte: Du hast einen Brief bekommen. Da ist ein Adler drauf.“ Waren die Eltern stolz auf ihre Tochter? „Ich denke mal.“ Wie sie heute über die Elfjährige denkt, die sich damals ein Herz fasste? „Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich daran denke.“

Im Grunde hat Elisabeth eine diplomatische Grundregel formuliert: Man soll versuchen, im Gespräch zu bleiben und aufeinander zuzugehen. Ob das im Fall des Ukrainekriegs gelingen kann? Die Bundesregierung hat jetzt den Vorschlag des ukrainischen Außenministers zu einer internationalen Friedenskonferenz begrüßt. Doch zu einem Gespräch gehören beide Kriegsparteien und im besten Fall teilen sie etwas wie Werte oder eine Kultur.

Das erinnert mich an Nelson Mandela, der als Verhandlungsführer der schwarzen Bevölkerungsmehrheit einen Bürgerkrieg in Südafrika abwendete. 1993 hatte der Mord an dem schwarzen Freiheitskämpfer Chris Hani die Lage zwischen Schwarzen und rechtsgerichteten Weißen so zugespitzt, dass man mit einem Bürgerkrieg rechnen musste.

Mandelas Gesprächspartner war der frühere Armeegeneral Constand Viljoen, der als wahrscheinlicher Anführer eines Aufstands galt. „Jetzt sitzen wir an diesem Tisch und reden“, erinnerte sich Mandela gegenüber Journalisten – einer davon war ich – an das Gespräch. „Wenn wir gegeneinander kämpfen, wird viel Blut fließen und das Land zerstört werden, das wir beide lieben. Und doch werden wir eines Tages wieder an diesem Tisch sitzen müssen, um Frieden zu finden. Warum tun wir es nicht jetzt und zerstören unser gemeinsames Land nicht?“ Mandelas Worte überzeugten Viljoen, der fortan in reaktionären Kreisen „Judas“ genannt wurde. Der Bürgerkrieg fand nicht statt und Nelson Mandela wurde 1994 der erste schwarze und demokratisch gewählte Präsident aller Südafrikaner.

Hoffen wir, dass der Ukrainekrieg ein Ende findet. Es wird ja nicht nur ein Land und seine Bevölkerung zugrunde gerichtet, auch der Aggressor ruiniert sich. Gewinner kennt dieser Krieg nicht. Vielleicht findet sich ein Mensch von der Statur eines Nelson Mandela? Oder wenigstens ein Funke Einsicht?

Ich wünsche Ihnen einen hoffnungsfrohen Start in das neue Jahr.

Herzlich grüßt

Ihr

Peter Pauls