Newsletter vom 7.05.2021

Vom Weltmeister zum Corona-Trottel  – wie wir Deutsche uns sehen.

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

vom Igel lernen, heißt Siegen lernen, insbesondere jetzt, in Zeiten von Corona. Wer sagt das? Jens Lönneker vom „rheingold salon“ hat die Fabel vom Hasen und Igel an den Kampf gegen die Pandemie erinnert. Lange war Deutschland vorbildlich und startete, wie es der Hase in der Erzählung tut. Im Pandemie-Alltag bedeutete das, Stärke zu demonstrieren: Überheblichkeit funktionierte wie ein psychologischer Selbstschutz. Erinnern Sie sich noch, wie uns vor mehr als einem Jahr eingeredet wurde, Maskentragen sei unsinnig?

Der Diplompsychologe Lönneker macht bei uns einen Bewältigungsmechanismus aus: Wir sehen uns entweder als bewunderte Weltmeister oder als krachend gescheiterte Trottel. Zwischen diesen extremen Positionen gibt es wenig Raum: Daumen rauf oder Daumen runter. Doch im Pandemieverlauf und vor allem während der stockenden Impfkampagne zeigte sich, dass Andere plötzlich vorpreschten wie der Igel, auf den der Hase eben noch herabgeblickt hatte.

Die USA unter Präsident Donald Trump hängten Deutschland und Europa ab, ebenso England unter Boris Johnson, die paradiesischen Seychellen oder Israel, das Maßstäbe setzte. Deutsche Sekundär-Tugenden wie Disziplin, Einschränkung und Verzicht halfen so wenig wie dem Hasen seine Schnelligkeit. Wer, wie der Igel, Regeln brach oder neue Methoden ausprobierte, war plötzlich vorn. England setzte auf Einkaufsprofis, die an den üblichen Hierarchien vorbei Impfstoffe besorgten. Die USA bestellten Serum mit dem Mut zur Verschwendung anstelle von Sparsamkeit.

Das Ende des tierischen Wettlaufs kennen Sie. Der Hase glaubt, als Erster im Ziel zu sein – trifft dort aber auf den Igel. Er erkennt nicht, dass es die Igel-Frau ist. Der Hase läuft zurück zum Start. Da wartet der Igel-Mann: „Ich bin schon da.“ 73mal tut der Hase, was er am besten kann: schnell laufen statt nachzudenken. Schließlich bricht er tot zusammen. Welche Schlüsse zieht Psychologe Lönneker? Deutschland sollte „damit aufhören, immer wieder dieselbe Lockdown-Methode anzuwenden, weniger an die permanente eigene Überlegenheit glauben und mehr Igel-Methoden zulassen.“ Den kompletten Beitrag, eine vergnügliche und empirisch abgesicherte Lektüre, finden Sie hier.

Nach der Fabel ein Exempel. Was im Eigelstein-Viertel geschieht, hat Lehrbuch-Charakter. Auf der Bahnhofrückseite ging es immer rau zu. „Es war hier nie hipp“, erinnert sich Regina Börschel. Die SPD-Kommunalpolitikerin, die nach wie vor dort lebt, hat gesehen, wie Migranten kamen – Italiener, Türken, Jugoslawen. Manche gingen, andere blieben. Auch die Prostitution war stets Teil des Viertels. Im Klingelpützpark begegneten sie vor allem Müttern mit ihren Kindern. Es war ein Miteinander nach der Devise „leben und leben lassen“. Ähnlich schildert es Kemal Sahin. Seit fast 40 Jahren lebt er in seinem Geburtshaus im „Stavenhof“. „Hier tranken Menschen Tee zusammen, deren Nationen Krieg gegeneinander führten“, erzählt er. „Aber wir lebten nicht gegeneinander.“ Eindringlich setzt er hinzu: „Das waren doch unsere Nachbarn.“

Heute markiert für den Deutschen Kemal Sahin und manchen anderen der „Bürgerverein Eigelstein“ die Abkehr von diesem Grundsatz. Ihm wirft er vor, Anwohner gegen die Gastronomen in der Weidengasse aufzuhetzen. Öffentlich werde ihnen unterstellt, für „giftigen Holzkohlerauch“, Verschmutzung und Konflikte im Viertel mitverantwortlich zu sein. „Will man aus der Weidengasse eine Disneyland-Multi-Kulti-Straße machen?“, fragt die frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün, die in den 80er Jahren Menschen am Klingelpütz psychologisch beriet.

Der Bürgerverein hat jüngst eine umstrittene Verkehrsberuhigung auf dem Eigelstein initiiert, die vielen Geschäftsleuten Existenzsorgen bereitet. Ursprünglich hielt ich das für ein unglückliches Zusammentreffen: Corona, das Drängen des Bürgervereins und die nachlässige Umsetzung der Verkehrsführung durch die Stadt. Heute frage ich mich, ob man sehenden Auges in eine Krise gehen wollte.

Der Bürgerverein beklagt eine Verkehrsmisere in der Weidengasse, die er durch seine eigenen unausgegorenen Verkehrspläne mit herbeigeführt hat. Die zusätzlichen Filteranlagen, zu deren Einbau er nun die Grillbetreiber in der Weidengasse zwingen will, kosten einen mittleren fünfstelligen Betrag. Dabei steht den Betreibern „das Wasser bis zum Hals“, wie es Lale Akgün beobachtet. Setzt man darauf, dass viele aufgeben? Manches höre sich stark nach Gentrifizierung an, der Verdrängung Alteingesessener durch wohlhabende Schichten, sagt Lale Akgün.

Zudem hat der Bürgerverein politische Macht. Adressat und Umsetzer seiner Initiativen ist Bezirksbürgermeister Andreas Hupke (Grüne). Unübersehbarer Teilnehmer in den Versammlungen des Bürgervereins ist Jörg Frank (Grüne). Der blendend vernetzte Politiker gilt als Vertrauter von OB Henriette Reker (Parteilos), die die neue Verkehrsführung am Eigelstein als beispielhaft empfahl. Klar ist: Mit solchen Verbündeten lassen sich Verhältnisse ändern, zumal es ein ungleicher Kampf ist. Für Wortgewalt und Eloquenz sind die bisherigen Bewohner von Eigelstein und Weidengasse nicht bekannt.

Kemal Sahin wurde nachdenklich, als er im Gespräch mit Vertretern des Bürgervereins um Verständnis für das Verhalten junger Menschen warb. „Solche Leute wollen wir hier nicht haben“, sei ihm lapidar entgegnet worden. „Seitdem frage ich mich, wie lange die mich hier noch haben wollen“, sagt Sahin. „Dabei bin ich Eigelsteiner durch und durch.“

Wie giftig der Holzkohlerauch in der Weidengasse tatsächlich ist, kann ich nicht beurteilen. Sehr wohl aber weiß ich, dass auch Worte und Flugblätter wie Gift wirken können. Im Bürgerverein Eigelstein sollte man sich das durch den Kopf gehen lassen.

Nachdenklich grüßt
Ihr

Peter Pauls

Zum Newsletter vom 30.4.2021 („Uniklinik Köln will städtische Krankenhäuser schlucken“) schreibt Anne Bentfeld, Geschäftsführerin der Kölner Klinik „Links vom Rhein“:

Privat sind nur die Träger unserer Klinik

Als kleine Privatklinik (Praxisklinik) stehen wir geduldet mitten drin in den Wirren der  Gesundheitspolitik. Den Öffentlichen passt unser Dasein nur schwerlich in den Kram, sind sie doch der Auffassung, dass wir ihnen das Wasser abgraben könnten. Was vielleicht auch nicht ganz falsch ist, denn das System, nach dem wir arbeiten, wissen unsere Patienten sehr zu schätzen. Hier operiert der Arzt, der auch die Diagnose stellt, die Termine sind verlässlich, die Aufenthalte kurz und von den Patienten wird dies als angemessen angesehen, so zeigen es unsere Befragungen. Ganz abgesehen von einem Personalschlüssel, den sich viele wünschen sollten. Und dennoch sind wir außen vor.

Wenn zu Beginn der Pandemie (man mag das Wort einfach nicht mehr hören) die Öffentlichen von Seiten der Stadt und des Krisenstabs mit Material versorgt wurden, war vollkommen selbstverständlich, dass wir dabei nicht bezugsberechtigt sind. Wie auch, denn schließlich machen wir ja das, was allgemein als „elektive Eingriffe“ bezeichnet wird. Operationen, die man durchaus auch noch eine oder ein paar Wochen aufschieben kann. So weit, so gut, nur darf das nicht dazu verleiten zu glauben, wir würden hier Spaß-OPs machen.

Eine Paukenröhrchen-OP kann geschoben werden, aber wenn das allzu lange geschieht, riskieren die kleinen Patienten Sprachschwierigkeiten, die eine lebenslange Beeinträchtigung nach sich ziehen können. Eine Meniskus-OP? Auch kein Spaß. Genauso wenig wie ein Bandscheibenvorfall oder eine notwendige Katarakt-OP. Alles unser Brot- und Buttergeschäft. Mit mehr als 5.000 Eingriffen im Jahr.

Und was macht die Politik? Hm, lassen Sie mich nachdenken. Gesetzliche Regelungen sind seit Jahren in Kraft, umgesetzt sind sie nicht. Zum Beispiel die in §122 SGB V festgeschriebene  Rahmenvereinbarung zwischen Praxiskliniken und dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen („Der Spitzenverband Bund der Krankenkassen und die für die Wahrnehmung der Interessen der in  Praxiskliniken tätigen Vertragsärzte gebildete Spitzenorganisation vereinbaren in einem  Rahmenvertrag 1. einen Katalog von in Praxiskliniken nach § 115 Absatz 2 Satz 1 Nr. 1 ambulant
oder stationär durchführbaren stationsersetzenden Behandlungen (…))“.

Da es einen solchen Rahmenvertrag bislang nicht gibt, gibt es immer noch erhebliche Zugangsbeschränkungen für gesetzlich Versicherte. Wir – und nun spreche ich nur für die kleine Praxisklinik im Herzen von Rodenkirchen – haben mit vielen Krankenkassen individuelle Verträge, sodass die gesetzlich Versicherten bei uns im stationären Bereich eine Quote von 40 Prozent erreichen (ambulant ist das alles kein Problem). Darauf sind wir stolz, denn das „privat“ in Privatklinik sehen wir nicht als Kennzeichen der Patienten, sondern als Hinweis auf die Trägerschaft. Die Gesellschafter der Klinik sind unsere Operateure, die sich seinerzeit dazu entschieden haben, das enorme Risiko einer Praxisklinikgründung einzugehen, um ihre Patienten da und so zu operieren und unterzubringen, dass es für alle eine angenehme Situation ist.

Zurück zur Öffentlichen Hand. Was für die Materialien gilt, gilt natürlich auch für das Impfen. Während die Öffentlichen bereits im Januar mit dem Impfen des Personals begonnen haben, wurde uns beschieden, wir seien „nicht bezugsberechtigt“. Ende Februar, nachdem die Kassenärztliche Vereinigung bereits die niedergelassenen Ärzte angeschrieben hat mit dem Angebot, dasjenige Personal zu impfen, das „in regelmäßigem Kontakt mit Patienten“ stehe, haben intensive Nachfragen dazu geführt, dass Mitte März auch hier in der Klinik geimpft werden konnte. Immerhin.

Eine letzte Anmerkung: Wussten Sie, dass es in Köln die größte Dichte an Privatkliniken in der Bundesrepublik gibt?