Newsletter vom 8.10.2021

Der Hauptbahnhof macht Platz und zieht über den Rhein – Köln mit Wucht und Wumms: Hänneschen macht Volkstheater

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

der Plan, den Hauptbahnhof ins Rechtsrheinische zu verlegen, klingt so unwirklich wie Sphärenmusik. Die 16 Gleise, die die Innenstadt zerschneiden, seien eine Fessel für das linksrheinische, historische Köln und auch für die Deutsche Bundesbahn, argumentieren Befürworter der kühnen Idee. Fielen sie weg, könne man die Stadt völlig neu denken: Ein neues Köln würde entstehen. Aber kann das hier überhaupt funktionieren, wo uns bereits eine Opernsanierung an die Grenzen unserer Möglichkeiten bringt? Das wenden Skeptiker ein. Sollen die Unzulänglichkeiten der Gegenwart etwa den Maßstab für künftige Entwicklungen setzen, müssen sie sich daraufhin fragen lassen. Die schleppende Entwicklung der Oper könne die Bewohner dieser Stadt doch nicht ihrer Zukunftspläne berauben. Wo endet der Fortschritt und wo beginnt der Wagemut?

Wie man es auch dreht und wendet – der Plan, eine ganze Stadt neu aufzuteilen, ist ein gigantisches Projekt. Geht er auf, gewinnt das linksrheinische Köln an Fläche und Lebensqualität, so wie es in New York geschah, das eine innerstädtische Hochbahn-Trasse in einen grünen Damm umwandelte. Wo früher Fabriken und Fleischereibetriebe waren, entstanden nun Museen, Einkaufsstraßen und neue Wohnanlagen. Auch auf den Visualisierungen der Umzugsbefürworter entstehen in Köln neue grüne Zonen. Der Raum, wo einst der Hauptbahnhof war, gewinnt eine völlig neue Bedeutung – vielleicht als Mischung aus Markthalle und Kommunikationszentrum. Jeder von uns kennt so etwas aus anderen europäischen Städten.

Aber was liegt zwischen der Vision und unserer Wirklichkeit? Tatsache ist, dass sich das rechtsrheinische Köln derzeit völlig neu aufbaut. Entlang der Deutz-Mülheimer-Straße entsteht durch den Wegfall der gewaltigen Industrie-Areale etwas Neues. Es wird höchste Zeit, dass man sich dieses Themas annimmt, denn die Veränderung ist programmiert – ob nun geplant oder nicht. Dann überlässt man dem Zufall oder dem Gestaltungswillen möglicher Investoren den Raum.

Der Weg zum neuen Köln der Umzugsbefürworter wird mühsam sein – 20 oder 30 Jahre könnte es dauern. „Natürlich muss eine Stadt auch über einen so langen Zeitraum planen,“ sagen Befürworter wie Paul Böhm. Der Architekt und Stadtplaner hat sich ganz diesem Projekt verschrieben. Hinter der Idee stehe die grundsätzliche Frage, wohin Köln sich entwickeln wolle. Hat es die Kraft, den Verkehr und die Aufteilung der Stadt von Grund auf zu erneuern? Diese haben sich abhängig von Bahnlinien und Autostraßen entwickelt. Oder will man im bestehenden Gefüge weitermachen wie bisher?

Dies sind Gedanken von ungeheurer Tragweite und es fällt schwer, sie in wenigen Absätzen abzuhandeln. Wir vom Kölner Presseclub wollen daher die Ideen diskutieren und vertiefen. Am Donnerstag, 28. Oktober, sprechen Paul Böhm und Paul Bauwens Adenauer mit mir über die ambitionierten Pläne (19.30 h im Hotel Excelsior Ernst, Anmeldung: info@koelner-presseclub.de), die an das Schleifen der Stadtmauern erinnern, die einst wie eine Fessel um die Stadt lagen. „Wir wollen die Stadtmitte für die Menschen zurückgewinnen“, lautet die Losung der Umdenker. Deren Internetauftritt finden sie hier.

Wer jetzt geringschätzig sagt, das sei ja alles Hänneschen-Theater, dem widerspreche ich. Eine günstige Fügung hat mich in dieses Kleinod am Eisenmarkt geführt, das nur wenige Schritte vom Lärm der Junggesellenabschiede entfernt liegt. Hier ist es kleinstädtisch ruhig, als habe man eine unsichtbare Schwelle überschritten. An diesem Ort kann man den kölschen Wesenskern mit Wucht und Wumms erfahren, denn hier spielt das Hänneschen Theater. Fast 220 Jahre ist es alt und eine Institution. Fotos der Stockpuppen, mit denen wilde Schwänke aufgeführt werden, vermögen Reiz und Wirkung dieses Volkstheaters nur unvollkommen einzufangen. Man muss es erleben. 264 Zuschauer aller Altersgruppen und sozialer Schichten kauern auf harten Holzbänken und lauern auf ihren Einsatz, denn das Publikum ist Teil der Inszenierung. Ruft eine der Stockpuppen etwas, dann melden die Zuschauer sich vielstimmig zurück, als folgten sie einer Choreographie, die lange schon Teil des kölschen Genpools ist.

Das Stück, das wir sahen – „Wat mer versprich“ – setzte immer neue und oft freche Akzente. Die Zuschauer geizten nicht mit Beifall und ließen sich keine Gelegenheit entgehen, in den Klatschmarsch zu verfallen. Bereits wenige Minuten nach Beginn verwandelte sich das kleine Theater in einen Hexenkessel. Dass ausgerechnet Stockpuppen am Anfang und am Ende aller Spannung, grober Witze und spitzer Bemerkungen stehen, vergisst man im Nu dank großartiger Puppenspieler und einer Regie, die den Figuren auf den hölzernen Leib geschrieben ist. Für mich birgt das Hänneschen wuchtige Sinneseindrücke wie sonst nur eine Fahrt im Rosenmontagszug, so knackig sind die Charaktere gezeichnet und so gekonnt die Pointen gesetzt. Es ist Köln pur.

Das Geheimnis dahinter? „Puppen, zumal die Knollendorfer, dürfen alles sagen, weil sie dies als Holzköpfe und nicht als Menschen tun“, erklärt Hänneschen-Intendantin Frauke Kemmerling. Was das Kölsche an ihrem Theater ist? „Bei uns findet man wie in Köln selbst eine Mischung von Menschen aus allen Schichten und Lebenslagen. Wir sind bunt wie die Stadtgesellschaft.“ Und prall vor Leben, laut und bunt, möchte man hinzusetzen.

Die Auslastung vor der Pandemie betrug 96 Prozent, die Kostendeckung liegt bei 50 Prozent. 70.000 Besucher jährlich erleben Hänneschen und Co. Auch das ist ein Aspekt von Volkstheater: Es ist nah an den Menschen, spricht ihre Sprache, und es verursacht wenig Kosten. Knollendorf ist ein Stück Köln, auf das wir stolz sein können. Sollte der Bahnhof tatsächlich umziehen, werden Hänneschen und Co. mit ihrer Meinung sicher nicht hinterm Berg halten.

Ich wünsche Ihnen ein möglichst sorgenfreies Wochenende. Der aufziehende Herbst wird ihm seinen Stempel aufdrücken.

Herzliche Grüße

Peter Pauls