Newsletter vom 09.07.2021

Kölns später Kampf gegen die Scooter-Plage und Serap Güler, Laschets Joker für Berlin

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

es gibt Pandemien, gegen die hilft kein Impfen. Beispiel gefällig? Na, die pandemische Verbreitung von E-Scootern. Mittlerweile gehören sie zum Stadtbild wie die Unfälle mit ihnen zu den täglichen Lokalnachrichten. Der Ausbreitung dieser Seuche hat auch kein Abbruch getan, dass hunderte E-Scooter im Rhein, in Kölner Seen und Bächen zwischengelagert worden sind, wo sie Umwelt (giftige Batteriebestandteile) und Schifffahrt herausfordern. Jetzt muss dieses jüngste Spielzeug der Spaßgesellschaft mühsam geborgen werden. Wie genau, das weiß allerdings gegenwärtig offensichtlich nicht einmal die angefragte niederländische Spezialfirma – mit Drohnen, mit Industrietauchern oder auf ganz andere Weise. Schwierig wird es auf jeden Fall, denn der Rhein ist eine der meistgenutzten Wasserstraßen Europas und der Schiffsverkehr sollte weder gefährdet noch stark eingeschränkt werden. Und teuer wird die Bergung des Elektroschrotts für die Allgemeinheit auch. Mit bis zu 100.000 Euro, schreibt die Kölnische Rundschau, rechnet die Stadtverwaltung – allein für die Rhein-Entrümpelung. Da tröstet der Gedanke, dass andere Steuermittel teilweise unsinniger angelegt sind. Zu originell schien lange die Idee, die Anbieter des gefährlichen Spielzeugs an den Kosten zu beteiligen.

Die Behauptung, E-Scooter ersetzten Autofahrten und seien damit ein Beitrag zur Verkehrswende, ist so wacklig wie ein Elektroroller auf Glatteis. Zur Auslastung der Krankenhäuser, so berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger, tragen die häufig alkoholisierten Rollerfahrer kräftig bei. Über 350 teils schwere Unfälle mit E-Scootern hat es bis Anfang der Woche gegeben – Tendenz weiter steigend. Während die Kölner Ratsparteien noch laut grübeln, haben Städte wie Kopenhagen bereits gehandelt – sie haben Miet-Roller schlicht verboten. Der Glauben an Vernunft und Einsichtsfähigkeit bei der durch Alkohol und Drogen enthemmte Spaß-Guerilla scheint andernorts nicht so ausgeprägt zu sein wie bei uns.

Inzwischen kann auch die Oberbürgermeisterin Henriette Reker – vermutlich aufgeschreckt von der Berichterstattung der Zeitungen vor Ort – nicht mehr an dem Aufreger-Thema vorbei und will die Verleihfirmen dazu bewegen, den Elektrorollern wenigstens in der Nacht den Stecker zu ziehen. Das hört sich geringfügig erfolgversprechender an als der Vorschlag aus der Grünen-Fraktion, die Verleihfirmen sollten in ihrer App bitte noch einmal auf geltende Regeln hinweisen. Aufgewacht ist auch die Bezirksvertretung Innenstadt, die jetzt per Eilantrag „die Reißleine ziehen“ (so Bezirksbürgermeister Hupke) und die Verleihfirmen zur Kasse bitten will. Merke: Haben die Heinzelmännchen ein schon länger bestehendes Problem nicht gelöst, soll Hektik per Eilantrag die Dinge regeln.

Dass man Probleme als Politikerin oder Politiker auch kraftvoller angehen kann, zeigt eine andere Kölnerin: Serap Güler. Die Staatssekretärin im NRW-Kabinett und enge Vertraute von CDU-Chef Armin Laschet ist seine wirksamste Waffe beim Bemühen, Menschen mit einer Zuwanderungsbiografie zu integrieren. Wie wichtig ein Erfolg auf diesem Feld ist zeigt der Umstand, dass inzwischen jeder dritte Einwohner in Köln eine Migrationsgeschichte hat, in ganz Deutschland ist es mehr als jeder vierte. Serap Güler, Tochter eines anatolischen Bergmanns, ist geradezu ein Musterbeispiel dafür, wie Integration gelingen und die Gesellschaft davon profitieren kann.

Mit ihr habe ich im Rahmen der Podcast-Reihe der Bonner Akademie gesprochen: Über migrantische Impfverweigerer, Regelverstöße in Zeiten von Corona, Ghettobildung und die Bedeutung von Vorbildern. Mit zwei Vorurteilen räumt sie auf: Dass Migranten Impfverweigerer seien und dass sie sich weniger an die Corona-Schutzregeln hielten. Eine höhere Infektionsrate in Zuwanderervierteln führt sie auf andere Ursachen zurück: „Das hat mit sozial bedingten beengten Wohnverhältnissen zusammen und damit, dass häufig mehrere Generationen in einem Haushalt leben.“

Insgesamt ist sie überzeugt: „Die Integration von Zuwanderern ist besser als ihr Ruf“, diagnostiziert die muslimische Christdemokratin. Es gebe viel Engagement auch in der Mehrheitsgesellschaft. „Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Wenn es die deutsche Oma in der Nachbarschaft nicht gegeben hätte, die mir bei den Hausaufgaben geholfen hat, wäre ich heute nicht da, wo ich bin.“ In der Politik seien jedoch viele Fehler gemacht worden, weil „sie das zu spät auf der Agenda hatte – meine eigene Partei vorneweg.“ Aber auch Helmut Schmidt sei „Anhänger der Lebenslüge, dass Deutschland kein Einwanderungsland ist.“ Hätte man dreißig Jahre früher mit der Integrationspolitik begonnen, wären viele Probleme gar nicht entstanden.

„Integration braucht Vorbilder“, sagt sie. Deshalb freut sie sich über die Biontech-Gründer Sahin und Türeci, „die als Rollenmodelle Rapper wie Bushido und Capital Bra hinter sich gelassen haben. Aber es gibt inzwischen auch viele andere positive Beispiele.“ Deswegen gebe es in NRW auch eine landesweite Vorbilder-Kampagne.

Jetzt kandidiert Serap Güler im Stadtteil Mülheim für den Bundestag, ihr Gegenkandidat ist der Corona-Prominente Karl Lauterbach von der SPD. Sollte Armin Laschet im Herbst den Weg ins Kanzleramt finden, darf man getrost davon ausgehen, dass auch der Karriereweg der 41-jährigen Serap Güler weitergeht – ins nächste Bundeskabinett.

Es grüßt Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz