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Die verwahrloste City

24. Juni um 19:00 - 21:00

Drogen, Verwahrlosung, Unsicherheit- der Neumarkt steht für viele Innenstädte

 

Gäste:

Andrea Blome, Stadtdirektorin Köln

Johannes Hermanns, Polizeipräsident Köln

Isabel Aplarius-Hanstein, Kunsthaus Lempertz

Prof. Dr. Michael Schaub, Scientific Direktor – Schweizer Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung ISGF

 

Impulsvortrag:

Zürichs Rückkehr in die Öffentlichkeit – das Vier-Säulen-Modell im Umgang mit offenen Drogenszenen, Crack und Fentanyl

von Prof. Dr. phil. Michael P. Schaub

 

Moderation:

Claudia Hessel, Vorstand Kölner Presseclub

 

 

Fotos: Kölner Presseclub

 

Drogen, Verwahrlosung, Unsicherheit- der Neumarkt steht für viele Innenstädte

 

Der Andrang war groß – und alle Beteiligten waren sich offenkundig einig: Die Situation am Neumarkt ist haltlos und muss sich ändern. Nur wie? Darüber wurde angeregt und heftig mit rund 300 Bürgerinnen und Bürgern diskutiert. Am Ende schien man zumindest einen kleinen Schritt weiter gekommen zu sein.

 

Die Verwahrlosung am Neumarkt hatte bereits die Veranstaltung beeinträchtigt, bevor diese überhaupt gestartet war: Isabel Apiarius Hanstein vom Kunsthaus Lempertz war von einer Person aufgehalten worden, die im Hauseingang vor dem Kunsthaus lag und nicht mehr in der Lage war, sich aus eigener Kraft wegzubewegen. Als sie bei der Polizei anrief, wurde sie von dort an die Rettungsdienste verwiesen – diese wiederum sagten, dass in dem Fall nur die Polizei weiterhelfen könne. Eine klassische Kafka-Situation, die zeigt, dass die Stadt von der Situation am Neumarkt zumindest punktuell überfordert zu sein scheint.

Auch Udo Buschmann vom Vorstand der Kreissparkasse berichtete, dass Mitarbeiter und Kunden am Morgen vor dem Eingang immer wieder Kampierende anträfen – leblos in ihren Ausscheidungen liegend. Der Neumarkt sei für seine Mitarbeitenden zum „Angstraum“ geworden, Frauen würden ihn aus Angst vor Angriffen nicht mehr alleine, sondern nur noch in Gruppen überqueren. Das wolle man nicht weiter hinnehmen, und man sei bereit, sich dafür zu engagieren.

Und genau deshalb fand der Abend ja statt: Um Wege aus der Krise zu finden; und dafür war Michael Schaub vom Schweizer Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung extra aus Zürich in die Domstadt gekommen – denn in der Schweizer Metropole hat man es tatsächlich geschafft, die Drogenszene in der Innenstadt in den Griff zu kriegen. Dort hatten sich in den 80er und 90er Jahren offene Heroinabgabe, steigende HIV-Raten und soziale Verelendung immer weiter ausgebreitet. Um die Areale in der Innenstadt wieder für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, habe man die Erde einen ganzen Meter tief ausheben und dann austauschen müssen – weil sie so stark von gebrauchten Spritzen verseucht war. „Der Leidensdruck war wirklich sehr groß“, wie der wissenschaftliche Direktor des ISGF bekannte.

Die Wende sei in Zürich mit dem Vier-Säulen-Modell gekommen; dieses besteht 1. aus der Prävention durch zum Beispiel Aufklärungskampagnen in Schulen, 2. aus Therapie, mit dem Ziel: Ausstieg aus der Sucht – durch Entzugsprogramme, betreutes Wohnen und Rehabilitationsmaßnahme, 3. Schadensminimierung (Überlebenshilfe) durch Spritzentauschprogramme, Drogenkonsumräume, Heroinabgabe unter ärztlicher Aufsicht und 4. Repression, also polizeilichen Maßnahmen. Das Programm war erfolgreich und gilt international als Vorzeigemodell.

In Köln gebe es keine politische Mehrheit dafür, die Probleme der Drogenszene aktiv anzugehen, hatte Oberbürgermeisterin Henriette Reker in einem Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger Ende Januar verlautbart – 60 Stellen im Ordnungsamt blieben unbesetzt. Bei der Frage von Moderatorin Claudia Hessel an Stadtdirektorin Andrea Blome, was denn das Ordnungsamt genau mache, gab es negative Reaktion im Publikum. Offenbar herrscht bei vielen der Eindruck vor, dass die Wirksamkeit der Einsätze zu wünschen übrig lässt. Zum einen seien Mitarbeiter des Ordnungsamtes immer vor Ort, so Blome. Zudem gebe es fest eingerichtete Anlaufstellen am Neumarkt (die „Kümmerer-Container“). Der Brunnen würde auch wieder laufen, seit einiger Zeit habe man auch wieder eine Gastronomie vor Ort, die den Platz aufwerte, und auch die Fahrradabstellanlagen würden dem Gesamteindruck zugute kommen, erklärte die Stadtdirektorin. Das Publikum grummelte teilweise und schien nicht recht überzeugt.

Und was macht die Polizei, um die Situation unter Kontrolle zu bekommen? Nun, es werde zu oft das Wort „Vertreibung“ benutzt, erklärte Polizeipräsident Johannes Herrmanns. „Das hat einen zu negativen Touch, der einen sachgerechten Einsatz erschwere“, monierte er. Die Lage am Neumarkt habe er zur Chefsache erklärt. „Das gefällt meiner Belegschaft nicht immer“, aber nur so könne man das Problem lösen. „Und es gibt kein Problem, was man nicht lösen kann.“ Der Platz würde rund um die Uhr per Video überwacht, seine Einsatzkräfte seien auch in Zivil vor Ort, um gegen die Drogenkriminalität vorzugehen. „Durch Uniformen würden die Täter vorgewarnt.“

Trotz dieser Anstrengungen sei keine Verbesserung spürbar, kritisierte Isabel Apiarius-Hanstein. Die Polizei sei zwar grundsätzlich extrem schnell vor Ort, wenn sie gerufen werde. „Trotzdem wird die Lage im Gegenteil sogar schlimmer.“ Obdachlose aus ganz Europa würden von den Kölner Verhältnissen angezogen. Und bei Veranstaltungen des Kunsthauses müsse man selber für Sauberkeit und Ordnung sorgen. Als besonders schlimm empfinde sie es, dass man den vielen Kindern, die den Platz in diesem Zustand sähen, signalisiere: „Wir tolerieren diesen Zustand“, so die Chefin des Kunsthauses Lempertz.

Dem widersprach der Polizeipräsident nicht. Im Gegenteil: „Jugendliche in ganz Deutschland wissen, dass man in Köln am Neumarkt harte Drogen bekommt und am Ebertplatz Marihuana. Wir sind damit ein im ganzen Land bekanntes Kaufhaus für Drogen.“ Die Polizei sei durchaus in der Lage, gegen die Rechtsverstöße vorzugehen, aber es handele sich auch um Suchtkranke und Verzweifelte, die in irgendeiner Form einer medizinischen Versorgung bedürften.

Was also müsse man tun, war die Frage, die immer wieder aufkam. Und wie bei einem lokalpolitischen Reigen landete man immer wieder an dem gleichen Punkt, an dem es hieß: Warum setzen wir nicht das Zürcher Modell um? Und die Antwort lautete immer wieder: Weil es so viel Geld kostet und die Stadt nicht die Mittel dafür hat. Zudem habe man ja jetzt schon 60 unbesetzte Stellen im Ordnungsamt. „Ja“, erklärte dazu der Suchtexperte Michael Schaub, „es kostet viel Geld“. Und gerade die Personalkosten seien hoch. „Aber wenn man nichts macht, dann wird es alles noch teurer.“

Bei der anschließen Diskussion mit Fragen aus dem Publikum ging es noch mal hoch her: Ein Anwohner sagte, er würde jetzt nach München ziehen, obwohl er sich der Domstadt sehr verbunden fühle – weil er die Zustände als untragbar empfinde. Ein Mann aus dem Publikum fragte, ob denn nicht ein Großteil der Drogendealer einen Migrationshintergrund hätte und man das Problem nicht lösen könne, indem man konsequenter Rückführungen durchsetzt. Eine Person erhielt großen Applaus, als sie kritisierte, dass man jetzt „Fünf Milliarden Euro für einen Tunnel versenkt“ (gemeint war der Kölner U-Bahn-Tunnel), obwohl die Stadt das Geld ganz offenbar für andere Dinge viel nötiger brauche. Und ein Mann, der sich als Markus vorstellte, erklärte, dass es sehr wohl möglich sei, der harten Drogenszene zu entkommen – er habe es selbst geschafft und leite jetzt die Alternativen Stadtführungen auch über den Neumarkt.

Andrea Blome erklärte am Ende entnervt: „Wir leben doch alle hier und wissen: In Köln dauert alles länger. Das ist Mist! Das ist Mist!“ Doch der Zürcher Forscher Schaub erwiderte: „In Zürich hat man für die Veränderungen 30 Jahre gebraucht.“ Und auch danach sei die Drogenszene teilweise wieder zurückgekehrt, weil man dachte, man hätte die Lage im Griff und könne das Geld wieder einsparen. „Um das Problem zu bewältigen, braucht es aber eine kontinuierliche Anstrengung, nicht wahr“, erklärte der Wissenschaftler im ruhigen Schweizer Dialekt. Die Situation in Zürich sei schlimmer gewesen als aktuell in Köln, bevor man so verzweifelt war und einlenkte. „Viel schlimmer.“

Auch, wenn man das angesichts der Zustände am Neumarkt kaum glauben mag, so blieb unter dem Strich die Erkenntnis, dass das Thema die engagierte Stadtgesellschaft in hohem Maße umtreibt, und dass es eigentlich auch einen Konsens darüber gibt, was zu tun wäre – dass aber „nur“ die Mittel und das Personal dafür aufgetrieben werden müssten.

Als Katalysator könnten sich die Kommunalwahlen im September erweisen. Die Fortschritte, so schlug es Moderatorin Claudia Hessel am Ende der Diskussion vor, würde man an gleicher Stelle in einem Jahr noch einmal kritisch unter die Lupe nehmen.

Fortsetzung folgt.

 

Lewis Gropp

 

Details

Datum:
24. Juni
Zeit:
19:00 - 21:00

Veranstaltungsort

Kreissparkasse Köln
Am Neumarkt 18-24
50667 Köln,
Google Karte anzeigen

Details

Datum:
24. Juni
Zeit:
19:00 - 21:00

Veranstaltungsort

Kreissparkasse Köln
Am Neumarkt 18-24
50667 Köln,
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