ein Gespräch mit:
Jörg Schönenborn, ARD-Wahlexperte und Tagesthemen-Moderator
Moderation: Michael Hirz und Cordula von Wysocki, Vorstand Kölner Presseclub
Wer erfüllt die Sehnsucht nach Zusammenhalt?
von Werner Grosch
Jörg Schönenborn verkörpert seriösen politischen Journalismus wie wenige andere. Beim Talk des Kölner Presseclubs analysierte der ARD-Moderator die Situation nach den jüngsten Landtagswahlen gewohnt präzise, klar und mit einer kleinen Prise trockenen Humors.
Die politische Mitte schrumpft, die Ränder werden immer stärker. Ein Befund, der sich nach den jüngsten Landtagswahlen aufdrängt. Die Linke siegte in Berlin, die AfD wurde in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt stärkste Kraft. Wahlexperte Jörg Schönenborn kann dazu Zahlen aus dem Ärmel schütteln, die belegen: Der Trend ist alles andere als neu. „Die jüngste Wahl in Mecklenburg-Vorpommern war die 13. Wahl in Folge mit einer schrumpfenden Mitte“, bilanzierte der ARD-Moderator beim Talk des Kölner Presseclubs. Die Vorstandsmitglieder Cordula von Wysocki und Michael Hirz befragten Schönenborn im prall gefüllten Saal des Excelsior Hotel Ernst zu Ursachen und Konsequenzen dieser Entwicklung.
Deutliche Kritik an „Parteien in Verantwortung“
Die Gründe für die aktuelle Stärke extrem linker und rechter Strömungen sieht Schönenborn sehr klar vor allem in Fehlern der „Parteien in Verantwortung“, also derer, die an Regierungen beteiligt sind. Sie hätten „Erwartungen gröblich nicht erfüllt“. Nicht zuletzt die Koalition im Bund habe bei ihrem Start Versprechen gegeben, „als ob man zaubern könnte“, und dabei ohne Not eine alte Regel verletzt. Die Regel, dass neue Regierungen das Ausmaß der von den Vorgängern angerichteten Schäden so groß ausmalen, dass jedem klar sein muss: Die Reparatur dauert. Die Folge der vollmundigen Ankündigungen sei nun eine „extreme Enttäuschung über die Bundesregierung“, die zudem bei der Vermittlung ihrer Reformen etwa in den Sozialversicherungen „erstaunlich überfordert“ sei.
Dem Bundeskanzler attestiert der studierte Politikwissenschaftler Schönenborn einen eklatanten Mangel an Kommunikationsfähigkeit. „Da ist er schon der dritte in Folge seit Gerhard Schröder“, fügt Schönenborn leicht spöttisch an, gesteht nur Angela Merkel zu, dass sie „zumindest klug geschwiegen“ habe. Das Zeugnis für Merz fällt nur deshalb nicht ganz verheerend aus, weil er „auf internationaler Bühne eine große Leerstelle gefüllt“ habe – ein Fleißkärtchen, verbunden mit einem Seitenhieb auf Olaf Scholz.
Nährboden für Radikale
Der Kanzler habe noch nie die Herzen gewonnen, sagt Schönenborn, aber das sieht er nicht als Kernproblem. Es sei Merz eben nicht gelungen, Vertrauen aufzubauen. Zwar habe er durchaus „ein paar Mal den Nagel auf den Kopf getroffen“, aber das Problem sei: „Es folgt nichts nach.“ Grundlegende Veränderungen, gesteht der Journalist zu, seien in den früher üblichen Konstellationen Schwarz-Gelb oder Rot-Grün auch deutlich einfacher gewesen. Heute würden eigentlich abgewählte Parteien regieren, die wenig gemeinsam hätten. Entsprechend sei die Stimmung im Land anhaltend negativ. Auch dafür hat Schönenborn statistische Belege zur Hand: „Die Stimmung ist seit 2022 ganz überwiegend depressiv. Hatten wir in Umfragen zuvor meist 40 bis 50 Prozent der Menschen, die sich als zuversichtlich beschrieben, so sind das heute nur noch 10 bis 15 Prozent.“
Ein Nährboden für Radikale. Radikale, denen auch Skandale wie die Beschäftigung Angehöriger bei Mandatsträgern der AfD nichts anhaben könnten, weil die Menschen im Land sagten: Das machen die doch sowieso alle.
Polarisierung, aber keine Spaltung der Gesellschaft
Schönenborn stellt eine deutliche Polarisierung in der Gesellschaft fest, will aber nicht von einer Spaltung reden, wie er sie in Teilen der USA durchaus schon sieht. Der Unterschied sei, dass die gesellschaftlichen Gruppen in Deutschland überhaupt noch miteinander kommunizierten. Außerdem sei eines immer noch deutlich spürbar: „Die Gesellschaft hat ein großes Bedürfnis nach Zusammenhalt.“ Eine „Sehnsucht“ gar, die zu erfüllen dann wohl eine politische Erfolgsstrategie sein könnte. Womöglich die entscheidende, um die Mitte zu stärken und die Ränder wieder verblassen zu lassen.
Bleibt die Frage, wem ein solcher Erfolg zuzutrauen wäre. Bei den vielen Fragen aus dem Publikum fiel mehrfach der Name Hendrik Wüst. Den NRW-Ministerpräsidenten sehen nicht wenige als geeigneten Bundeskanzler. Schönenborn ist da vorsichtig. Wüst habe aktuell zwei Vorteile: Erstens habe er einige sehr markante Figuren in seinem Kabinett wie Innenminister Herbert Reul und Arbeitsminister Karl-Josef Laumann. Und Wüst selbst habe es bislang geschafft, sich aus allen Konflikten herauszuhalten, und so erreicht, dass Schwarz-Grün entgegen dem allgemein negativen Trend in den NRW-Umfragen noch recht gut dastehe. Im kommenden Frühjahr werde man sehen, wie weit dieses Konzept trägt, meint Schönenborn, denn „im Landtagswahlkampf wird Wüst ein Profil brauchen“.
Massenmedien als Kitt der Gesellschaft
Natürlich war auch die Rolle der Medien in der politischen Debatte Thema des Talks und der anschließenden Fragerunde. Schönenborn, lange Zeit Programmdirektor und in anderen führenden Positionen beim WDR, seit Juli 2026 auch Moderator des ARD-Flaggschiffs „Tagesthemen“, betont naturgemäß die Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – wiederum mit Verweis auf das Bedürfnis nach gesellschaftlichem Zusammenhalt. „Dafür braucht es Massenmedien. Wenn jeder sein eigenes Medium hat, funktioniert das nicht.“ Der häufig anzutreffenden Ansicht, dass längst jeder sein eigenes – soziales – Medium habe, trat er deutlich entgegen. „Die Angebote der Tagesschau sind die dominanten Nachrichtenkanäle in den sozialen Medien wie zum Beispiel Instagram“, sagt der Politikjournalist. Eine für viele sicher überraschende Nachricht an diesem Abend, der insgesamt eher auf spannende Weise Erwartungen erfüllte: Jörg Schönenborn ist exakt so klar, nüchtern, analytisch und streng dosiert humorvoll wie im Fernsehen. Genau deshalb ist es wohl so, wie Cordula von Wysocki in ihrer Eingangsmoderation sagte: Ein Wahlabend ohne ihn ist eigentlich gar nicht mehr vorstellbar.
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Nach den Wahlen: Analyse, Ausblick und Rolle der Medien
23. September um 19:30 - 21:00
ein Gespräch mit:
Jörg Schönenborn, ARD-Wahlexperte und Tagesthemen-Moderator
Moderation: Michael Hirz und Cordula von Wysocki, Vorstand Kölner Presseclub
Wer erfüllt die Sehnsucht nach Zusammenhalt?
von Werner Grosch
Jörg Schönenborn verkörpert seriösen politischen Journalismus wie wenige andere. Beim Talk des Kölner Presseclubs analysierte der ARD-Moderator die Situation nach den jüngsten Landtagswahlen gewohnt präzise, klar und mit einer kleinen Prise trockenen Humors.
Die politische Mitte schrumpft, die Ränder werden immer stärker. Ein Befund, der sich nach den jüngsten Landtagswahlen aufdrängt. Die Linke siegte in Berlin, die AfD wurde in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt stärkste Kraft. Wahlexperte Jörg Schönenborn kann dazu Zahlen aus dem Ärmel schütteln, die belegen: Der Trend ist alles andere als neu. „Die jüngste Wahl in Mecklenburg-Vorpommern war die 13. Wahl in Folge mit einer schrumpfenden Mitte“, bilanzierte der ARD-Moderator beim Talk des Kölner Presseclubs. Die Vorstandsmitglieder Cordula von Wysocki und Michael Hirz befragten Schönenborn im prall gefüllten Saal des Excelsior Hotel Ernst zu Ursachen und Konsequenzen dieser Entwicklung.
Deutliche Kritik an „Parteien in Verantwortung“
Die Gründe für die aktuelle Stärke extrem linker und rechter Strömungen sieht Schönenborn sehr klar vor allem in Fehlern der „Parteien in Verantwortung“, also derer, die an Regierungen beteiligt sind. Sie hätten „Erwartungen gröblich nicht erfüllt“. Nicht zuletzt die Koalition im Bund habe bei ihrem Start Versprechen gegeben, „als ob man zaubern könnte“, und dabei ohne Not eine alte Regel verletzt. Die Regel, dass neue Regierungen das Ausmaß der von den Vorgängern angerichteten Schäden so groß ausmalen, dass jedem klar sein muss: Die Reparatur dauert. Die Folge der vollmundigen Ankündigungen sei nun eine „extreme Enttäuschung über die Bundesregierung“, die zudem bei der Vermittlung ihrer Reformen etwa in den Sozialversicherungen „erstaunlich überfordert“ sei.
Dem Bundeskanzler attestiert der studierte Politikwissenschaftler Schönenborn einen eklatanten Mangel an Kommunikationsfähigkeit. „Da ist er schon der dritte in Folge seit Gerhard Schröder“, fügt Schönenborn leicht spöttisch an, gesteht nur Angela Merkel zu, dass sie „zumindest klug geschwiegen“ habe. Das Zeugnis für Merz fällt nur deshalb nicht ganz verheerend aus, weil er „auf internationaler Bühne eine große Leerstelle gefüllt“ habe – ein Fleißkärtchen, verbunden mit einem Seitenhieb auf Olaf Scholz.
Nährboden für Radikale
Der Kanzler habe noch nie die Herzen gewonnen, sagt Schönenborn, aber das sieht er nicht als Kernproblem. Es sei Merz eben nicht gelungen, Vertrauen aufzubauen. Zwar habe er durchaus „ein paar Mal den Nagel auf den Kopf getroffen“, aber das Problem sei: „Es folgt nichts nach.“ Grundlegende Veränderungen, gesteht der Journalist zu, seien in den früher üblichen Konstellationen Schwarz-Gelb oder Rot-Grün auch deutlich einfacher gewesen. Heute würden eigentlich abgewählte Parteien regieren, die wenig gemeinsam hätten. Entsprechend sei die Stimmung im Land anhaltend negativ. Auch dafür hat Schönenborn statistische Belege zur Hand: „Die Stimmung ist seit 2022 ganz überwiegend depressiv. Hatten wir in Umfragen zuvor meist 40 bis 50 Prozent der Menschen, die sich als zuversichtlich beschrieben, so sind das heute nur noch 10 bis 15 Prozent.“
Ein Nährboden für Radikale. Radikale, denen auch Skandale wie die Beschäftigung Angehöriger bei Mandatsträgern der AfD nichts anhaben könnten, weil die Menschen im Land sagten: Das machen die doch sowieso alle.
Polarisierung, aber keine Spaltung der Gesellschaft
Schönenborn stellt eine deutliche Polarisierung in der Gesellschaft fest, will aber nicht von einer Spaltung reden, wie er sie in Teilen der USA durchaus schon sieht. Der Unterschied sei, dass die gesellschaftlichen Gruppen in Deutschland überhaupt noch miteinander kommunizierten. Außerdem sei eines immer noch deutlich spürbar: „Die Gesellschaft hat ein großes Bedürfnis nach Zusammenhalt.“ Eine „Sehnsucht“ gar, die zu erfüllen dann wohl eine politische Erfolgsstrategie sein könnte. Womöglich die entscheidende, um die Mitte zu stärken und die Ränder wieder verblassen zu lassen.
Bleibt die Frage, wem ein solcher Erfolg zuzutrauen wäre. Bei den vielen Fragen aus dem Publikum fiel mehrfach der Name Hendrik Wüst. Den NRW-Ministerpräsidenten sehen nicht wenige als geeigneten Bundeskanzler. Schönenborn ist da vorsichtig. Wüst habe aktuell zwei Vorteile: Erstens habe er einige sehr markante Figuren in seinem Kabinett wie Innenminister Herbert Reul und Arbeitsminister Karl-Josef Laumann. Und Wüst selbst habe es bislang geschafft, sich aus allen Konflikten herauszuhalten, und so erreicht, dass Schwarz-Grün entgegen dem allgemein negativen Trend in den NRW-Umfragen noch recht gut dastehe. Im kommenden Frühjahr werde man sehen, wie weit dieses Konzept trägt, meint Schönenborn, denn „im Landtagswahlkampf wird Wüst ein Profil brauchen“.
Massenmedien als Kitt der Gesellschaft
Natürlich war auch die Rolle der Medien in der politischen Debatte Thema des Talks und der anschließenden Fragerunde. Schönenborn, lange Zeit Programmdirektor und in anderen führenden Positionen beim WDR, seit Juli 2026 auch Moderator des ARD-Flaggschiffs „Tagesthemen“, betont naturgemäß die Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – wiederum mit Verweis auf das Bedürfnis nach gesellschaftlichem Zusammenhalt. „Dafür braucht es Massenmedien. Wenn jeder sein eigenes Medium hat, funktioniert das nicht.“ Der häufig anzutreffenden Ansicht, dass längst jeder sein eigenes – soziales – Medium habe, trat er deutlich entgegen. „Die Angebote der Tagesschau sind die dominanten Nachrichtenkanäle in den sozialen Medien wie zum Beispiel Instagram“, sagt der Politikjournalist. Eine für viele sicher überraschende Nachricht an diesem Abend, der insgesamt eher auf spannende Weise Erwartungen erfüllte: Jörg Schönenborn ist exakt so klar, nüchtern, analytisch und streng dosiert humorvoll wie im Fernsehen. Genau deshalb ist es wohl so, wie Cordula von Wysocki in ihrer Eingangsmoderation sagte: Ein Wahlabend ohne ihn ist eigentlich gar nicht mehr vorstellbar.
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Veranstaltungsort
Köln, 50667 Google Karte anzeigen
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