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Neumarkt. Ein Jahr danach.

24. Juni um 19:15 - 21:30

Köln hat einen der bekanntesten Plätze Deutschlands – und einen der umstrittensten. Viel wurde beschlossen. Aber wer am Neumarkt unterwegs ist, fragt sich: Wo bleibt die Veränderung? Ist das der Aufbruch, auf den Köln wartet?

Impuls-Vortrag:
Herbert Reul, Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen

Podiumsgespräch:
Johannes Hermanns – Polizeipräsident Köln
Andree Haack – Beigeordneter für Stadtentwicklung der Stadt Köln
Daniel Schild – Immobilien- und Standortgemeinschaft Neumarkt
Annett Polster – Geschäftsführerin Stadtmarketing Köln

Moderation: Claudia Hessel, Vorsitzende Kölner Presseclub

Bei dieser Veranstaltung werden Foto- und Videoaufnahmen gemacht, die im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit und Berichterstattung des Kölner Presseclubs verwendet werden können. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.Datenschutzerklärung.

 

Der Neumarkt: kein exklusives Kölner Problem – aber eines, das Köln lösen muss

Von Johanna Moog-Tüntsch

Den Neumarkt im Herzen von Köln zu überqueren, ist schon eine ganze Weile nicht mehr vergnügungssteuerpflichtig. Kriminalität und offener Drogenalltag prägen dort das Straßenbild. Das thematisierte der Presseclub gemeinsam mit der Kreissparkasse Köln und der Sparkasse Köln Bonn bereits vor einem Jahr und wollte jetzt wissen: Hat sich seither etwas getan?

Eines zeigte der Podiumstalk des Kölner Presseclubs in den Räumlichkeiten der Kreissparkasse Köln deutlich: Der verwahrloste Neumarkt bewegt in Köln die Gemüter. Gekommen waren rund 200 Gäste, von denen viele sich zum Ende der Veranstaltung zu Wort meldeten. Teils, um Anerkennung zu äußern für die Bemühungen, die Stadt und Polizei bislang schon unternommen haben, damit Kölns zentraler Platz nicht mehr der Angstraum bleibt, der er gegenwärtig noch ist, teils aber auch mit kritischen Nachfragen.

Denen stellten sich die Gäste der Presseclub-Vorsitzenden Claudia Hessel, die den Abend moderierte. Eingeladen hatte sie den Polizeipräsidenten Johannes Hermanns, Andree Haack, den Beigeordneten für Stadtentwicklung der Stadt Köln, die Geschäftsführerin des Stadtmarketings Annett Polster und Daniel Schild von der kürzlich gegründeten Immobilien- und Standortgemeinschaft (ISG) Neumarkt.

Reul: Die Fakten bessern sich, aber es ist das Gefühl, was zählt

Dass die Problematik jedoch keineswegs nur eine lokale ist, hatte vorab der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul unterstrichen: „Diebstahl, Körperverletzung, Pöbeleien, Vandalismus, Betteln, Prostitution, die Verwahrlosung des öffentlichen Raumes: Das sind typische Großstadtthemen“, so der CDU-Politiker. In einem Impulsvortrag widmete er sich der Frage, warum öffentliche Räume Vertrauen brauchen.

„NRW ist eigentlich ein sicheres Land“, in vielen Bereichen des Kölner Polizeipräsidiums sei die Kriminalität gesunken, beschrieb Reul und untermauerte seine Aussage mit Zahlen: „Gewaltdelikte um 4,5 Prozent, Jugendkriminalität um neun Prozent, Straßenkriminalität um fast sieben Prozent, Raubdelikte um 13 Prozent.“ Die Krux sei aber: „Wenn der einzelne Bürger sich abends beim Spazieren oder beim Bummeln nicht mehr sicher fühlt, dann nützt das auch nichts.“ Eine Umfrage des Ministeriums habe gezeigt, dass Menschen sich unsicher fühlten, wenn es dunkel und dreckig sei. Das betreffe keine Aufgaben der Polizei, dürfe aber nicht ignoriert werden, da dieses Gefühl sich politisch auswirke. Derzeit hätten 73 Prozent der Menschen kein Vertrauen mehr in den Staat: „Das macht mich hochgradig nervös.“

Das Credo, für das er eintrat, wurde im Laufe des Abends mehrfach zitiert: „Probleme erkennen, benennen und Maßnahmen ergreifen.“ Noch etwas gab er den Kölnerinnen und Kölnern mit auf den Weg: „Nie glauben, dass nur einer alleine es lösen kann, das muss eine Gemeinschaft machen.“ Und genau da beginnen, scheint es, die Schwierigkeiten, die die widersprüchlichen Sichtweisen der Millionenstadt naturgemäß mit sich bringen.

Noch blockiert die Verkehrssituation tiefgreifende Veränderungen

Zwei Kernfragen werden auf politischer Ebene geklärt werden müssen: „Eine grundsätzliche Überarbeitung des Platzes wird und kann erst gehen, wenn das Thema Ost-West-Achse geklärt ist. Der Platz ist von Autoverkehr umlagert. Das löse ich anders auf, wenn ich eine oberirdische Straßenbahnhaltestelle mit viel Länge für verschiedene Züge bereitstellen muss, als wenn ich das Ganze unterirdisch organisiere. Dann gewinne ich natürlich ganz andere Möglichkeiten, den Verkehr zu organisieren. So hängt alles an diesen Themen“, skizzierte Andree Haack. Der Stadtentwickler legte den Finger auch in eine weitere Wunde: „Die Problemlösung liegt, glaube ich, weniger im Städtebaulichen, sondern im Bereich der Diskussion: Wie gehen wir mit Drogenpolitik oder mit Drogensüchtigen im öffentlichen Raum um?“ Darüber habe mittlerweile in verschiedenen Städten eine sehr intensive öffentliche Debatte begonnen.

Doch während solche Fragestellungen auf langfristige Lösungen abzielen, braucht es auch kurzfristige Hilfe: für die Bürgerinnen und Bürger, die täglich am Neumarkt mit der Bahn umsteigen müssen, für Händlerinnen und Händlern, die ihr Geschäft von der problematischen Lage des Platzes betroffen sehen, für Anwohnerinnen und Anwohnern, die sich in einer zunehmend verwahrlosenden Nachbarschaft nicht mehr wohlfühlen. Die Inbetriebnahme des Brunnens, die Möblierung des Platzes mit roten Stühlen und die Einstellung eines dritten „Neumarktkümmerers“ zusätzlich zu den bereits vorhandenen beiden sind Schritte, die die Stadt Köln unternommen habe, so Haack.

Gewerbetreibende vor Ort werden jetzt selbst aktiv

Dass sie nicht ausreichen, zeigt sich am Einsatz der ISG Neumarkt. „Es wurde viel gesprochen, aber es ist nie etwas dabei rumgekommen“, erklärte deren Mitglied Daniel Schild die Gründung der Initiative mehrerer Immobilienbesitzer. Diese planen nun eigene Aktionen zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität: eine Skulptur als Foto-Spot für Influencer, die künstlerische Gestaltung von Stromkästen, einen Spielecontainer für Kinder und Lichtinstallationen an den Bäumen. Außerdem wolle man die Leistungen der Neumarktkümmerer und der Abfallwirtschaftsbetriebe ergänzen – durch den Einsatz von Dienstleistern oder eigenen Mitarbeitern.

Die Sicherheitsmaßnahmen sollen sich aber auf derartige Prävention beschränken. Das Gewaltmonopol bleibt bei der Polizei. Diese habe im letzten Jahr die Maßnahmen am Neumarkt vervierfacht, schilderte Polizeichef Hermanns. Täglich seien im Schnitt 15 Einsatzkräfte vor Ort, die Polizei sei rund um die Uhr am Platz, der insgesamt ruhiger geworden sei – „aber man muss auch sagen: Wir sind noch lange nicht fertig.“

Die Wirtschaft fordert mehr städtische Strategie

Ähnliches bestätigte Stadtmarketing-Expertin Annett Polster: „Wir bekommen die Rückmeldung, dass es am Neumarkt eine sanfte Entspannung gibt. Die Kümmerer kommen gut an.“ Dass die Situation des Neumarktes jetzt von der Stadtspitze als eines der Hauptthemen adressiert werde, begrüßte sie und appellierte an Andree Haack: „Es wäre schön zu wissen: Wo soll die Innenstadt hingeführt werden?“ Die Wirtschaft brauche eine Strategie, zumal man sich in Zeiten knapper Budgets genau anschauen müsse, wo man investiere.

Polster thematisierte auch einen Nebeneffekt, den die verstärkten Kontrollen und das Eingreifen gegen die Kriminalität am Neumarkt für Anlieger in anderen Straßenzügen haben: „Wir haben eine Verlagerung.“ Das Georgsviertel, die Breite Straße, die östliche Schildergasse, Parkhäuser, Hauseingänge seien Flächen, auf die Menschen alternativ auswichen, „manchmal kann man nicht trennen zwischen Obdachlosigkeit und Drogenabhängigen.“ Das bringe auch eine menschliche Komponente mit sich, von der Menschen bisweilen überrollt würden, „weil man ja immer zwiegespalten ist, helfen zu wollen.“

„Nicht entzweien“: Polizeichef mahnt Einigkeit und Entscheidungen an

Zur sozialen Frage wird sich die Stadt positionieren müssen. Das machte Polizeipräsident Herrmanns ganz deutlich: „An die Stadtverwaltung habe ich die dringende Bitte, dass wir eine Anlaufstelle haben für unsere Suchtkranken, weil wir ansonsten in der Stadt nicht wissen: Wohin mit ihnen? Wir müssen Hilfestellungen bieten, damit die Kranken, nachdem wir sie aufgegriffen haben, nicht eine halbe Stunde später wieder in der Gosse liegen.“ Von der Politik erwarte er, „dass wir uns mal darüber klar werden: Wem wollen wir eigentlich Hilfe angedeihen lassen?“

Die Stadtgesellschaft ermahnte Herrmanns: „Wir müssen aufpassen, dass wir uns in dieser Stadt nicht entzweien. Der Umgang mit den offenen Szenen ist ein Problem der gesamten Stadt. Das ist nicht ein Neumarktproblem, nicht ein Ebertplatzproblem oder Friesenplatzproblem. Ich nehme schon wahr, dass sich die einzelnen Viertel jetzt ein Stück weit gegeneinander aufmuskeln. Niemand will das vor der Tür haben. Da habe ich ein Stück weit Verständnis für. Aber wenn das dazu führt, dass man sagt: ‚Ach, gib das doch den anderen‘, dann bringt das nicht weiter.“

Trotz aller Herausforderungen mache das Engagement von vielen Seiten Hoffnung, dass sich die Lage am Neumarkt perspektivisch verbessert, bilanzierte Claudia Hessel am Ende des Abends: „Der Wille ist auf jeden Fall da.“ Dafür spricht auch die große Zahl an Gästen, die die Gelegenheit nutzten, im Podiumsgespräch einen Eindruck vom Status Quo zu bekommen.

Details

Datum:
24. Juni
Zeit:
19:15 - 21:30

Veranstaltungsort

Kreissparkasse Köln
Am Neumarkt 18-24
50667 Köln,
Google Karte anzeigen

Details

Datum:
24. Juni
Zeit:
19:15 - 21:30

Veranstaltungsort

Kreissparkasse Köln
Am Neumarkt 18-24
50667 Köln,
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