Wohin steuert die deutsche Autoindustrie?
Unser Gast:
Hildegard Müller , Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie
Moderation: Michael Hirz (Vorstand)
Bei dieser Veranstaltung werden Foto- und Videoaufnahmen gemacht, die im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit und Berichterstattung des Kölner Presseclubs verwendet werden können. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.Datenschutzerklärung.
Zeitenwende auf Rädern
von Lewis Gropp
„Ist das Auto tot, dann ist die Wirtschaft tot.“ Mit diesem apodiktischen Zitat begrüßte Moderator Michael Hirz Hildegard Müller, Gesicht und Stimme der Branche, im vollbesetzten Saal – und schon war man mitten im Thema: der Krise der deutschen Automobilwirtschaft, die die mächtige deutsche Wirtschaftskraft bislang fast im Alleingang zum Pulsieren brachte. „In der Tat: Früher gab es auch schon mal eine Krise – die ging dann aber irgendwann vorbei“, erklärte die gut aufgelegte Müller, die das Amt der VDA-Chefin im Pandemie-Jahr 2020 angetreten hatte. Heute habe man verschiedene Krisen, die sich überlagern und nicht ohne Weiteres überwunden werden könnten: Corona, Zölle, Krieg und extrem hohe Energiepreise. Dennoch zeigte sich die ehemalige Staatssekretärin zuversichtlich: „Die deutsche Autoindustrie hat einen hohen Transformationswillen und eine hohe Transformationskraft.“ Außerdem würden zwei Drittel aller Patente in Deutschland immer noch aus der Automobilindustrie kommen.
„Abgesehen davon geht es beim Thema Mobilität auch um Teilhabe.“ Und viele Menschen auf dem Land würden sich oft abgehängt fühlen, weil es dort oft keine richtige ÖPNV-Anbindung gebe. Mit anderen Worten: Ohne eigenen Pkw sei dort der gesellschaftliche Zusammenhalt in Gefahr.
Natürlich ging es an diesem Abend immer wieder um China, den neuen großen „Player“, der mit Kampfpreisen sämtlichen Konkurrenten unter Druck setze. „Aber auch in China hat man mit Problemen zu kämpfen“, erinnerte Müller. „In sozialen Netzwerken macht man sich in China über die Unsicherheit chinesischer Autos lustig.“
Abgesehen von den Unmengen an Subventionen, mit denen die Regierung den Wettbewerb verzerre, sei es legitim, dass man in China auch vom wirtschaftlichen Erfolg profitieren wolle. „Wir müssen uns vielmehr fragen, ob wir hier unsere Hausaufgaben gemacht haben. Denn auch wir sind in Handelsfragen kein Musterschüler“, so Müller unter Applaus mit Verweis auf die Verzögerungen beim Mercosur-Abkommen.
Geopolitisch sei Europa nur aufgrund seiner Wirtschaftskraft so stark, nicht durch militärische Macht. „Und nur über unsere wirtschaftliche Stärke können wir weltpolitisch relevant bleiben.“ So schlecht seien die Aussichten gar nicht, denn: „Es ist immer noch so, dass für jedes chinesische Auto, das hier verkauft wird, wir 80 Autos in China verkaufen.“ Und auch der Verbrenner sei von Peking noch lange nicht aufgegeben.
Schon in den 80er Jahren habe man prophezeit, dass mit der Konkurrenz aus Japan und Südkorea das Ende der deutsche Automobilindustrie gekommen sei, das sei nachweisbar aber ganz anders gekommen. Man müsse sich einfach dem Wettbewerb stellen. Dabei seien die zahllosen bürokratischen Auflagen, die extrem hohen Lohnkosten und die erdrückenden Energiepreise ein echtes Hindernis. „Es ist unglaublich, aber eine SPD-Abgeordnete hat unlängst dazu erklärt: ‚Das Problem sind nicht unsere hohen Energiepreise – sondern die niedrigen Energiepreise der anderen’“, zitierte Müller unter Gelächter. Aber auch wie in Deutschland über das Thema „Mehr Arbeit“ diskutiert würde, sei mehr als fragwürdig, so die Verbandschefin. „Da sind wir schon ein Stück weit wohlstandsverwöhnt.“
Der Markt würde sich jedenfalls ständig verändern und darauf müsse man sich einstellen. „In China werden jetzt zum Beispiel Autos mit Karaoke-Maschinen produziert“, so Müller unter Belustigung des Publikums. Aber was albern klinge, habe seinen Grund. „In China gibt es wenig Wohnraum, und oft kann man nur im Auto seine Privatheit genießen, das ist ein Rückzugsraum.“ Es sei also so etwas wie ein „fahrbarer Schrebergarten“, kommentierte Moderator Michael Hirz zur allgemeinen Erheiterung und mit amüsierter Zustimmung der Verbandschefin.
Beim Thema Mobilität gehe es jedenfalls einfach darum, dass die Leute sagen: „Ich will mir mein Leben organisieren – macht es mir einfach!“, erklärte Müller. Doch leider würden viele Regulierungen das Gegenteil bewirken. „In Kalifornien fährt Mercedes zum Beispiel jetzt schon autonom.“ Davon sei man hier meilenweit entfernt. Vor allem die Strafzahlungen für die Autoindustrie bei unterschrittenen Absatzzahlen für E-Fahrzeuge brachte die Verbandschefin auf. Es gebe über 100 E-Auto-Modelle auf dem deutschen Markt, die Angebotspalette sei also sehr groß. Wie könne man da die Hersteller mit Milliardenzahlungen bestrafen, wenn die Kunden in ihrer freien Entscheidung andere Modelle kaufen würden? „Die Vorstände der Autofirmen haben mir gesagt, dass sie 80 Prozent aller Investitionen in Deutschland ‚on hold‘ hätten oder ins Ausland verlagern würden.“ Das sei ein Unding.
Außerdem wäre es fatal, wenn man Beihilfe – also Geld – aus Brüssel erhalten würde, wenn man ein Werk in Deutschland schließe, um ein neues im Ausland zu eröffnen. Um ein Werk in Deutschland zu erhalten, gebe es nichts.
Mehrfach kam man auf die immense Bedeutung der Zulieferindustrie zu sprechen, an der hunderttausende Arbeitsplätze in Deutschland hängen. Wenn man diese in den deutschen Regionen verliere, würde dort die Zustimmung der AfD rasant ansteigen,sagte Müller warnend unter Zustimmung aus dem Publikum. Es gelte also, „die Arme hochzukrempeln“ anstatt immer nur darauf zu beharren, was alles nicht gehe. In Deutschland würde man viel über Probleme reden, aber wenn dann ein Vorschlag gemacht würde, um eins zu lösen, würde oft mit einem hysterischen Aufschrei der Entrüstung reagiert. Auch das Feuilleton sei gut darin, „Dinge kaputt zu schreiben“, anstatt sachlich genauer darauf zu schauen, welches Problem auf welche Ursache zurückgehe.
Als in der Diskussion mit dem Publikum am Ende die Frage aufkam, warum die Politik in Berlin anscheinend so unzureichend auf die gravierende wirtschaftliche Krise reagieren würde, spielte die VDA-Chefin den Ball zurück: „Wir leben in einer Demokratie, und das Parlament ist der Gesetzgeber, hier werden die Gesetze gemacht. Und für jedes Gesetz braucht man mindestens eine Stimme Mehrheit.“ Mit anderen Worten: Wenn die Bürger so wählen, dass es immer schwieriger werde, Koalitionen und Mehrheiten für die entsprechende Gesetzgebung zu finden, habe die Politik zunehmend geringeren Spielraum, um souverän gestalterisch zu agieren. „Die rechten und linken Ränder des politischen Spektrums haben jedenfalls keine Lösungen für unsere wirtschaftlichen Probleme anzubieten“, so Hildegard Müller mit Nachdruck. Und so endete der Abend mit einem Appell an die Tatkraft und politische Verantwortung der bürgerlichen Mitte: „Wir sind dieses Land, und niemand anderes – es liegt an uns, was wir daraus machen.“
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Zeitenwende auf Rädern
5. Februar um 19:00 - 21:00
Wohin steuert die deutsche Autoindustrie?
Unser Gast:
Hildegard Müller , Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie
Moderation: Michael Hirz (Vorstand)
Bei dieser Veranstaltung werden Foto- und Videoaufnahmen gemacht, die im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit und Berichterstattung des Kölner Presseclubs verwendet werden können. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.Datenschutzerklärung.
Zeitenwende auf Rädern
von Lewis Gropp
„Ist das Auto tot, dann ist die Wirtschaft tot.“ Mit diesem apodiktischen Zitat begrüßte Moderator Michael Hirz Hildegard Müller, Gesicht und Stimme der Branche, im vollbesetzten Saal – und schon war man mitten im Thema: der Krise der deutschen Automobilwirtschaft, die die mächtige deutsche Wirtschaftskraft bislang fast im Alleingang zum Pulsieren brachte. „In der Tat: Früher gab es auch schon mal eine Krise – die ging dann aber irgendwann vorbei“, erklärte die gut aufgelegte Müller, die das Amt der VDA-Chefin im Pandemie-Jahr 2020 angetreten hatte. Heute habe man verschiedene Krisen, die sich überlagern und nicht ohne Weiteres überwunden werden könnten: Corona, Zölle, Krieg und extrem hohe Energiepreise. Dennoch zeigte sich die ehemalige Staatssekretärin zuversichtlich: „Die deutsche Autoindustrie hat einen hohen Transformationswillen und eine hohe Transformationskraft.“ Außerdem würden zwei Drittel aller Patente in Deutschland immer noch aus der Automobilindustrie kommen.
„Abgesehen davon geht es beim Thema Mobilität auch um Teilhabe.“ Und viele Menschen auf dem Land würden sich oft abgehängt fühlen, weil es dort oft keine richtige ÖPNV-Anbindung gebe. Mit anderen Worten: Ohne eigenen Pkw sei dort der gesellschaftliche Zusammenhalt in Gefahr.
Natürlich ging es an diesem Abend immer wieder um China, den neuen großen „Player“, der mit Kampfpreisen sämtlichen Konkurrenten unter Druck setze. „Aber auch in China hat man mit Problemen zu kämpfen“, erinnerte Müller. „In sozialen Netzwerken macht man sich in China über die Unsicherheit chinesischer Autos lustig.“
Abgesehen von den Unmengen an Subventionen, mit denen die Regierung den Wettbewerb verzerre, sei es legitim, dass man in China auch vom wirtschaftlichen Erfolg profitieren wolle. „Wir müssen uns vielmehr fragen, ob wir hier unsere Hausaufgaben gemacht haben. Denn auch wir sind in Handelsfragen kein Musterschüler“, so Müller unter Applaus mit Verweis auf die Verzögerungen beim Mercosur-Abkommen.
Geopolitisch sei Europa nur aufgrund seiner Wirtschaftskraft so stark, nicht durch militärische Macht. „Und nur über unsere wirtschaftliche Stärke können wir weltpolitisch relevant bleiben.“ So schlecht seien die Aussichten gar nicht, denn: „Es ist immer noch so, dass für jedes chinesische Auto, das hier verkauft wird, wir 80 Autos in China verkaufen.“ Und auch der Verbrenner sei von Peking noch lange nicht aufgegeben.
Schon in den 80er Jahren habe man prophezeit, dass mit der Konkurrenz aus Japan und Südkorea das Ende der deutsche Automobilindustrie gekommen sei, das sei nachweisbar aber ganz anders gekommen. Man müsse sich einfach dem Wettbewerb stellen. Dabei seien die zahllosen bürokratischen Auflagen, die extrem hohen Lohnkosten und die erdrückenden Energiepreise ein echtes Hindernis. „Es ist unglaublich, aber eine SPD-Abgeordnete hat unlängst dazu erklärt: ‚Das Problem sind nicht unsere hohen Energiepreise – sondern die niedrigen Energiepreise der anderen’“, zitierte Müller unter Gelächter. Aber auch wie in Deutschland über das Thema „Mehr Arbeit“ diskutiert würde, sei mehr als fragwürdig, so die Verbandschefin. „Da sind wir schon ein Stück weit wohlstandsverwöhnt.“
Der Markt würde sich jedenfalls ständig verändern und darauf müsse man sich einstellen. „In China werden jetzt zum Beispiel Autos mit Karaoke-Maschinen produziert“, so Müller unter Belustigung des Publikums. Aber was albern klinge, habe seinen Grund. „In China gibt es wenig Wohnraum, und oft kann man nur im Auto seine Privatheit genießen, das ist ein Rückzugsraum.“ Es sei also so etwas wie ein „fahrbarer Schrebergarten“, kommentierte Moderator Michael Hirz zur allgemeinen Erheiterung und mit amüsierter Zustimmung der Verbandschefin.
Beim Thema Mobilität gehe es jedenfalls einfach darum, dass die Leute sagen: „Ich will mir mein Leben organisieren – macht es mir einfach!“, erklärte Müller. Doch leider würden viele Regulierungen das Gegenteil bewirken. „In Kalifornien fährt Mercedes zum Beispiel jetzt schon autonom.“ Davon sei man hier meilenweit entfernt. Vor allem die Strafzahlungen für die Autoindustrie bei unterschrittenen Absatzzahlen für E-Fahrzeuge brachte die Verbandschefin auf. Es gebe über 100 E-Auto-Modelle auf dem deutschen Markt, die Angebotspalette sei also sehr groß. Wie könne man da die Hersteller mit Milliardenzahlungen bestrafen, wenn die Kunden in ihrer freien Entscheidung andere Modelle kaufen würden? „Die Vorstände der Autofirmen haben mir gesagt, dass sie 80 Prozent aller Investitionen in Deutschland ‚on hold‘ hätten oder ins Ausland verlagern würden.“ Das sei ein Unding.
Außerdem wäre es fatal, wenn man Beihilfe – also Geld – aus Brüssel erhalten würde, wenn man ein Werk in Deutschland schließe, um ein neues im Ausland zu eröffnen. Um ein Werk in Deutschland zu erhalten, gebe es nichts.
Mehrfach kam man auf die immense Bedeutung der Zulieferindustrie zu sprechen, an der hunderttausende Arbeitsplätze in Deutschland hängen. Wenn man diese in den deutschen Regionen verliere, würde dort die Zustimmung der AfD rasant ansteigen,sagte Müller warnend unter Zustimmung aus dem Publikum. Es gelte also, „die Arme hochzukrempeln“ anstatt immer nur darauf zu beharren, was alles nicht gehe. In Deutschland würde man viel über Probleme reden, aber wenn dann ein Vorschlag gemacht würde, um eins zu lösen, würde oft mit einem hysterischen Aufschrei der Entrüstung reagiert. Auch das Feuilleton sei gut darin, „Dinge kaputt zu schreiben“, anstatt sachlich genauer darauf zu schauen, welches Problem auf welche Ursache zurückgehe.
Als in der Diskussion mit dem Publikum am Ende die Frage aufkam, warum die Politik in Berlin anscheinend so unzureichend auf die gravierende wirtschaftliche Krise reagieren würde, spielte die VDA-Chefin den Ball zurück: „Wir leben in einer Demokratie, und das Parlament ist der Gesetzgeber, hier werden die Gesetze gemacht. Und für jedes Gesetz braucht man mindestens eine Stimme Mehrheit.“ Mit anderen Worten: Wenn die Bürger so wählen, dass es immer schwieriger werde, Koalitionen und Mehrheiten für die entsprechende Gesetzgebung zu finden, habe die Politik zunehmend geringeren Spielraum, um souverän gestalterisch zu agieren. „Die rechten und linken Ränder des politischen Spektrums haben jedenfalls keine Lösungen für unsere wirtschaftlichen Probleme anzubieten“, so Hildegard Müller mit Nachdruck. Und so endete der Abend mit einem Appell an die Tatkraft und politische Verantwortung der bürgerlichen Mitte: „Wir sind dieses Land, und niemand anderes – es liegt an uns, was wir daraus machen.“
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