NEWSLETTER 05.09.2025
Wer führt Köln, wenn es ernst wird? – Zwischen Verwaltung, Verdrängung und Verantwortung
Sehr geehrte Mitglieder, liebe Freunde und Freundinnen des Kölner Presseclubs,
der Wahlkampf geht in die letzte heiße Phase. In einer Woche wählt Köln ein neues Stadtoberhaupt. Natürlich geht es dabei um unsere alltäglichen Themen – Verkehr, Wohnen, Sauberkeit, Parkplätze oder den Grüngürtel. Aber eine Frage beschäftigt mich darüber hinaus: Wer von den drei aussichtsreichsten OB-Kandidaten hat eigentlich eine Vorstellung davon, was in den nächsten Jahren geopolitisch auf Köln zukommen könnte?
Ich erinnere mich gut an einen Sommerabend vor einigen Wochen: Oberbürgermeisterin Henriette Reker sagte dort in kleiner Runde, man müsse die Brücken ertüchtigen, „damit Panzer darüberfahren können“. Im ersten Moment wirkte dieser Satz befremdlich – und doch blieb er hängen. Denn er macht deutlich: Mit dem Ukraine-Krieg sind die großen sicherheitspolitischen Herausforderungen dieser Zeit längst auch bei uns am Rhein angekommen.
In den vergangenen Monaten waren hochrangige Offiziere in Rathäusern unterwegs, um über den sogenannten „Operationsplan Deutschland“ zu sprechen. Auch in Köln. Einer, der diese Entwicklung sehr genau verfolgt, ist Norbert Froitzheim, Mitbegründer und Vorsitzender des Sicherheitsforums Deutschland. Sein Verein bringt Experten zusammen, die sich mit Sicherheit und Krisenvorsorge befassen – Themen, die plötzlich näher sind, als viele wahrhaben wollen.
„Es ist höchste Zeit“, sagt Froitzheim. „Wir haben Jahrzehnte in Wohlstand gelebt, ohne uns Gedanken machen zu müssen. Aber die Friedensdividende ist endgültig aufgebraucht.“ Er verweist dabei auch auf Szenarien, die Sicherheitsexperten wie Professor Carlo Masala von der Universität der Bundeswehr gezeichnet haben: etwa den Angriff Russlands auf ein baltisches Land, der den NATO-Bündnisfall auslösen und Deutschland automatisch zur Kriegspartei machen würde. „Das klingt alarmistisch“, so Froitzheim, „sollte uns aber wachrütteln.“
Ich habe also bei der Stadt nachgefragt: Ist der „Operationsplan Deutschland“ in Köln bei den Verantwortlichen bekannt, was folgt daraus und wer trägt die Verantwortung für die Krisenvorsorge? Die Antwort fiel sehr allgemein aus: „Die Stadt Köln bereitet sich im Rahmen ihrer Aufgaben im Katastrophen- und Zivilschutz auf alle möglichen Krisenszenarien vor.“ Weitere Informationen gebe es aus Gründen der Vertraulichkeit nicht.
Der Plan selbst ist öffentlich im Netz zugänglich. Aus zuverlässigen Kreisen habe ich jedoch erfahren, dass in maßgeblichen Einrichtungen – von Behörden über große gesellschaftliche Organisationen bis hin zu den Kirchen – längst Überlegungen laufen, welche Aufgaben sie im Ausnahmefall übernehmen sollen. Diese Überlegungen sind weit entfernt von bloßer Theorie. Die Öffentlichkeit erfährt davon bislang nichts – aus nachvollziehbaren, aber nicht unproblematischen Gründen. Dennoch bleibt für mich der Eindruck, dass die Dinge schon jetzt klarer benannt werden müssten. Das fordert auch Norbert Froitzheim mit mir im Gespräch.
Froitzheim weist darauf hin, dass Köln im Krisenfall eine strategische Drehscheibe wäre – als Verkehrsknoten, logistischer Umschlagplatz, Kommunikationszentrale. Besonders die Infrastruktur sieht er kritisch: Brücken seien der Flaschenhals, Schutzräume kaum vorhanden, Bunker längst stillgelegt. Zwar sei geplant, Tiefgaragen oder U-Bahnhöfe umzuwidmen, aber ob das im Ernstfall reicht, bezweifelt er stark.
Und genau hier liegt vielleicht das besondere Kölner Problem: Wir leben in einer Stadt, in der das Leben leichtfällt, wo der Karneval jedes Jahr ein Gefühl vermittelt, dass alles halb so wild sei. Wir können Schunkeln wie keine andere Stadt – aber wir tun uns schwer damit, Tacheles zu hören und ernste Themen wirklich anzupacken. Diese Sorglosigkeit macht uns charmant, aber auch verwundbar.
Mir persönlich zeigt das: Krisenvorsorge ist kein Thema für die Schublade, sondern betrifft uns alle. Sie reicht von Verwaltung und Polizei über Kliniken, Energieversorger, KVB und THW bis hin zu Supermärkten, Tankstellen oder Kirchengemeinden – und sie schließt die Zivilgesellschaft ausdrücklich mit ein. Denn ohne Vereine, Nachbarschaften, Unternehmen und ehrenamtliches Engagement bleibt unsere Stadt im Ernstfall kaum handlungsfähig.
Und wer steuert das Ganze? Leider ist Köln in der Vergangenheit nicht gerade für Schnelligkeit und Projektsteuerung berühmt. Doch genau das wäre im Ernstfall gefragt. „Es braucht ein stringentes, multidimensionales Projektmanagement, bei dem Versorgung, Sicherheit, medizinische Hilfe, Logistik und Kommunikation ineinandergreifen“, mahnt Froitzheim. Sein Fazit: „Wenn jeder auf den anderen wartet, ist es zu spät.“ So weit wie er denken bislang nur wenige – vielleicht erklärt das, warum in Köln noch immer erstaunliche Gelassenheit herrscht.
Und so bleibt die entscheidende Frage für mich: Wer führt Köln, wenn es hart auf hart kommt? Ich hoffe, dass wir am 14. September die Weichen so stellen, dass Köln nicht nur mit Herz, sondern auch mit Verstand geführt wird – mit Kompetenz, Stärke und dem Mut, auch unbequeme Wahrheiten anzusprechen.
Mit zuversichtlichen Grüßen
Ihre
Claudia Hessel
