NEWSLETTER 18.09.2026

Von zermürbendem Sägen, einem verdampfenden Zentralgestirn
und personifizierter Ratlosigkeit in der CDU

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

aus dem Fußball ist das Muster bekannt: Quält eine Mannschaft mit grottenschlechtem Spiel die Fans, muss erstmal der Trainer ausgetauscht werden. Aber heißt es auch in der Politik: Vom Fußball lernen heißt siegen lernen? Die Frage stellt sich angesichts der Tatsache, dass die CDU gerade die tiefste Krise ihrer Geschichte erlebt, wo sie in einigen Regionen nicht mehr Volkspartei ist. Um es auf den Punkt zu bringen: Braucht es einen anderen Parteivorsitzenden und vielleicht auch Kanzler, damit es wieder besser läuft für die Union wie für das Land?

Nein, sagt Wolfgang Bosbach. Mit ihm habe ich mich in seiner Heimatstadt Bergisch Gladbach zum Kaffee verabredet, um über die aktuelle Lage der Union zu sprechen. Er, kampferprobtes Urgestein der CDU, gehörte immer schon zur Fraktion Klartext – was ihn in der Ära Merkel möglicherweise den Aufstieg in höhere Ämter gekostet hat. Was solle denn ein Wechsel im Kanzleramt bringen, sagt Bosbach. Die alte Regel im Politikbetrieb „stützen oder stürzen“ gelte nach wie vor, aber das zermürbende permanente Sägen am Stuhl von Friedrich Merz hält er für eine destruktive Illusion. Dauerkritik ist eben kein Konzept. Die Folge, so konstatiere ich, ist dann das allmähliche Verdampfen des CDU-Zentralgestirns.

Allerdings mag auch Wolfgang Bosbach seine Enttäuschung über den Parteifreund nicht verhehlen. Er sei einige Jahre Stellvertreter von Merz gewesen, habe da mit ihm – persönlich wie politisch – nur gute Erfahrungen gemacht, jetzt aber erkenne er ihn nicht wieder. Schon die Personalentscheidungen von Friedrich Merz hätten einem „Bataillon von Leuten vors Schienbein getreten“, was zu enormen Verletzungen in den eigenen Reihen geführt habe. „Ich muss die doch erstmal hinter mich bringen.“ Das andere sei die noch nicht abgeklungene Enttäuschung in der Unionsanhängerschaft über gebrochene Versprechungen, wie sie unmittelbar nach der Wahl mit der massiven Verschuldungspolitik sichtbar geworden sind. Da sei die bürgerliche Wählerschaft sensibler als andere.

Doch in unserem Gespräch interessiert mich vor allem sein Blick nach vorne: Wie soll, wie muss sich nach seiner Einschätzung die Union künftig positionieren? Wie ist ihre Strategie? Da ist Bosbach sehr klar. Die CDU dürfte sich nicht als konservativer Teil eines Links-Bündnisses verstehen, das geschlossen gegen die AfD antritt. Merkel hatte den konservativen Teil der Partei aufgegeben in der Annahme, dass die Mitte-Rechts-Wähler ohnehin ihr Kreuz bei den Christdemokraten machen. Diese Rechnung geht angesichts des Erstarkens der AfD zunehmend nicht mehr auf. Wenn es bei der nächsten Bundestagswahl nur die Alternative AfD oder Links-Block („Ich nenn das jetzt mal so“) gebe, dann werde die CDU ihr Profil verlieren und aufgerieben werden. Das kann, so verstehe ich ihn, nur heißen, das eigene, bürgerliche Profil zu schärfen. Der FDP als möglichem Koalitionspartner stellt er in dem Zusammenhang den Totenschein aus. Frei nach Wolfgang Schäuble ist sein Kommentar lapidar: „Isch over“.

Aber wie umgehen mit einer in Teilen rechtsextremistischen AfD? „Geradezu lustig“ findet er die Aufforderung, man müsse doch miteinander reden können. Worüber denn, fragt dann Wolfgang Bosbach zurück. Die Unterschiede in zentralen Fragen seien unüberbrückbar und die AfD betone immer ihre Kompromisslosigkeit. Ein ergebnisoffenes Verbotsverfahren prüfen, wie es jetzt auch NRW-Ministerpräsident Wüst ins Spiel gebracht hat? Davon hält Wolfgang Bosbach dezidiert nichts. Ein dann zu erwartendes langwieriges Verfahren mit ungewissem Ausgang wäre ein Förderprogramm für die AfD, die sich wählerwirksam in ihrer Märtyrerrolle bestätigt sähe. Selbst mit einem Verbot wären die Gründe nicht weg, die Menschen dazu brächten, bei Extremisten ihr Kreuz zu machen. Der einzig richtige Weg sei eine politische Auseinandersetzung mit der AfD.

Das ist angesichts des Reformdrucks allerdings eine Herkulesaufgabe. Rente, Pflege, Infrastruktur, Verteidigung – all das bedeutet harte Einschnitte und Leistungskürzungen für die Bürger. Hat eine jetzt schon angezählte, unpopuläre Regierung die Kraft, einer populistischen Wünsch-dir-was-Partei Paroli zu bieten, die gegen jede Realität alles verspricht und sich noch nie beweisen musste? Denn eine Mehrheit der Bevölkerung bejaht Reformen – aber bitte ohne Einbußen für sich selbst. Reform ist, wenn nicht ich, sondern andere betroffen sind, so die Grundstimmung.
Das sei vor 20, 30 Jahren anders gewesen. Reformen seien keine Verheißungen mehr, ist Bosbach überzeugt. Zu glauben, wenn nichts geschieht, bleibe alles wie es ist, sei ein zentraler Irrtum. Zum Regieren gehören auch Zumutungen, schließe ich daraus, doch die müssen plausibel begründet und erklärt werden.

Allerdings dürfe man auch nicht jede Kritik an einzelnen Maßnahmen pauschal zurückweisen. Für die Regierungsparteien ist das die Kunst, auf dem politischen Hochseil zu bleiben, ohne zur einen oder anderen Seite hinabzustürzen. Ob diese Kunst bei der Union derzeit zu Hause ist? Nach dem Auftritt der Unions-Größen am Wahlabend in Magdeburg darf man Zweifel anmelden. Die neue CDU-Generalsekretärin etwa (deren Namen man sich vermutlich nicht merken muss) wirkte wie die personifizierte Ratlosigkeit. Dabei war Sachsen-Anhalt für die Union ein Scheitern mit Ansage, die Umfragen vor der Wahl ließen kaum Raum für Überraschungen. So sieht es auch Bosbach. Früher, sagt er, hatte man Generalsekretäre wie Heiner Geißler. Heute haben wir Frau Hoppermann.

Bosbach wäre aber nicht der Rheinländer, der er ist, wenn er ohne Hoffnung wäre: In der Union gebe es eine „tolle junge Generation, der traue ich was zu.“ Für eine Volkspartei ist das nicht weniger als eine Überlebensfrage.

Es grüßt Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz

 

 

NEWSLETTER 11.09.2026

Akrobatik im Foyer, Silent Disco auf dem Dach — und was sich die Philharmonie-Intendantin sonst noch einfallen lässt

 

Liebe Mitglieder,liebe
Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

es war genau der falsche Zeitpunkt. Ausgerechnet kurz vor dem Jubiläum tropfte es. Durch die Decke ins Foyer der Philharmonie. Während vor der Tür die Einladung zum 40. Geburtstag des Kölner Konzerthauses leuchtete, musste im Inneren mit Hochdruck der Wasserschaden behoben werden. Jetzt erinnert eine mit blauer Plastikfolie ummantelte Säule wie ein Mahnmal an den Sanierungsbedarf.

Als Ewa Bogusz-Moore aus Polen vor gut einem Jahr den Job als Intendantin der Philharmonie antrat, war klar, dass eine Generalsanierung in absehbarer Zeit notwendig wird, auch in dem benachbarten 50 Jahre alten Museum Ludwig. Eine große Aufgabe, aber nur eine von vielen. Die Intendantin verpasste dem Philharmonie-Logo frischen Schwung, nahm sich vor, das Konzerthaus für neue Zielgruppen und Formate zu öffnen und stärker in die Stadtgesellschaft hineinzuwirken. Nur eine Vision oder mehr? Zeit für eine Bestandsaufnahme und ein Gespräch mit der Intendantin.

Ich treffe Ewa Bogusz-Moore mittags in ihrem Büro, in dem sie durch tiefe Fenster auf die Bischofsgartenstraße schaut. Das Haus vibriert so kurz vor dem Jubiläumswochenende im Vorbereitungsmodus. Die Chefin wirkt entspannt, trotz des Wasserschadens. Was bewegt sie besonders an diesem Fest? Wenn an diesem Wochenende zum ersten Mal eine Verbindungstür zwischen dem Museum Ludwig und dem Philharmonie-Foyer geöffnet wird, sagt sie, dann sei das auch symbolisch. „Es bedeutet mir viel, dass wir an einem gemeinsamen Ort gemeinsam feiern. Das Publikum soll spüren: Hier gibt es eine verbindende Kraft zwischen Kunst und Musik.“ Und nach dem Jubiläum? „Ich wünsche mir, dass dieses Gefühl der Gemeinsamkeit auch über das Jubiläumswochenende hinaus lebendig bleibt. Vielleicht können wir immer mal wieder die Türen öffnen, wir sind im Austausch mit dem Museum.“

Öffnung ist für Ewa Bogusz-Moore so etwas wie ein Schlüsselwort; es steht für vieles, was sie plant oder schon realisiert hat. Die Familienkonzert-Reihe „Sonntags um vier“; im Herbst das Festival „In Motion“, das Musik und Bewegung verbindet; im nächsten Jahr „Acht Brücken“ mit neuem Konzept. Das Festival wird dann nicht mehr ausschließlich auf zeitgenössische Musik konzentriert sein, sondern wird für aktuelle Musik stehen, also andere Genres einschließen. „Von Jazz über World Music bis Karneval“, sagt Ewa Bogusz-Moore. „Es ist für mich ein Zeichen der Zeit, dass wir uns auch hier öffnen.“

Die Intendantin wünscht sich ein offenes Haus „nicht nur metaphorisch, sondern auch im wörtlichen Sinn“. Sie würde gerne das Foyer viel mehr in das Konzerterlebnis einbeziehen. „Hier soll die Reise zur Musik schon beginnen.“ Was sie damit meint, wird bei „In Motion“ bereits zu sehen sein, wenn Tanz-Performances und Akrobatik das Publikum im Foyer auf das einstimmen, was später im Saal stattfindet.

Neue Ideen gibt es auch für ein jahrzehntealtes Problem: den unzureichenden Schallschutz zwischen Konzertsaaldecke und dem darüberliegenden Heinrich-Böll-Platz. An jedem Probe- oder Veranstaltungstag müssen Wachleute das Areal auf dem Platz absperren, damit keine Fußgängerschritte oder Rollkofferlärm die Musik unten im Saal übertönen. „Ein personalintensiver, aber bis dato leider unvermeidbarer Aufwand“, sagt Ewa Bogusz-Moore. Die Kosten gibt die Stadt auf Anfrage mit jährlich rund 269.000 Euro an (Durchschnittswert der letzten fünf Jahre). Da bauliche Maßnahmen zeitnah nicht anstehen, denkt die Philharmonie-Chefin in andere Richtungen. „Wir versuchen fallweise, künstlerische Lösungen zu finden, wie zum Beispiel jetzt beim Jubiläumsfest am 13. September, wenn es eine Silent Disco auf dem Heinrich-Böll-Platz geben wird.“

Und die Generalsanierung? Ist im Warteschleifen-Modus. Die Pressestelle der Stadt verweist darauf, dass künftig alle größeren Bauvorhaben einen „eng strukturierten Priorisierungsprozess“ durchlaufen sollen, „um unnötige Planungskosten zu vermeiden“, wie es in einer Mitteilung aus dem April 2026 heißt. Derweil tropft es in der Philharmonie. Aktuell vermutlich aus einem undichten Gully auf dem Heinrich-Böll-Platz. Und Ende letzten Jahres fiel im Konzerthaus der Strom aus, das Notstromaggregat funktionierte nicht, Konzerte mussten ausfallen. Nach 40 Jahren, so Ewa Bogusz-Moore, „bröckelt doch schon sehr der Lack — im übertragenen Sinne natürlich.“ Aus Sicht der Intendantin sollte der Zustand des gesamten Gebäudekomplexes analysiert werden, „um die kritischen Themen zu lokalisieren und einen Zeitplan für die Einzelmaßnahmen aufzustellen„. Im laufenden Betrieb wurden in der Philharmonie zwischenzeitlich die Saalbeleuchtung erneuert und der Bühnenaufzug saniert.

Letztes Jahr war die Verwaltung schon so weit, den Betrieb von Museum und Philharmonie an eine externe Firma abzugeben. In der entsprechenden Beschlussvorlage vom 8. Mai 2025 wurde dies unter anderem mit der Betriebssicherheit begründet. Es bestehe „die dringende Notwendigkeit, die Leistungen des technischen Gebäudebetriebs nach europaweiter Ausschreibung an ein externes Dienstleistungsunternehmen zu vergeben.“ Auf die Frage nach dem Stand des Verfahrens teilt die Stadt jetzt mit, dass das Vorgehen im Zusammenhang mit der Betriebssicherheit des Gebäudekomplexes „derzeit Gegenstand verwaltungsinterner Abstimmungen sei.“

Vielleicht war der Zeitpunkt für den Wasserschaden im Foyer pünktlich zum Jubiläum doch nicht so verkehrt. Jetzt ist unübersehbar, dass etwas passieren muss.

Wenn Sie mehr von und über Ewa Bogusz-Moore erfahren möchten, können Sie sich schon einmal vormerken, dass die Philharmonie-Intendantin am 5. November im Kölner Presseclub zu Gast sein wird.

In gespannter Erwartung des Kölner Kulturherbstes und mit herzlichen Grüßen

Ihre Cordula von Wysocki

 

NEWSLETTER 04.09.2026

Wie Kunst und Künstler am Kölner Waidmarkt einen verhexten Ort befreiten und welche Rolle das Zuhören dabei spielte

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

zeitweise hatte der Kölner Waidmarkt etwas von einem verhexten Ort. Denn sicher hat der Einsturz des Historischen Stadtarchivs vom 3. März 2009 die Gegend gezeichnet. Als lasteten Tod, Staub und Zerstörung auf allem, was dort ist. Als nun sechzehn Jahre später eine „künstlerische Intervention“ angekündigt wurde, war ich skeptisch. Was wollten Künstler hier nur ausrichten? Die Antwort glaubte ich bereits zu kennen. Wie sehr ich mich getäuscht hatte!

Von der Stadt Köln beauftragt wurden Andre Dekker und sein Kunst Kollektiv „Observatorium“ aus dem niederländischen Rotterdam.  Als Dekker an den Waidmarkt kam, tat er etwas, was ungewöhnlich ist in unserer Zeit. Er hörte zu, und zwar wochenlang. Andre Dekker, das merkt man nach wenigen Worten, mag Menschen. Und „Zuhören“ bedeutet hier mehr – dass der 69-Jährige nämlich tief in den Kölner Kosmos eintauchte. In einem Wechselspiel von Zuneigung und Distanz haben sich er und seine Mitstreiter die Lage am Waidmarkt erschlossen. Erst danach entschieden sie, wie ihre Intervention, ihr Eingreifen, aussehen sollte.

Zur Erinnerung: Beim Einsturz starben zwei Menschen, rund 30 Kilometer Archivgut verschwanden in den Trümmern, die einen gewaltigen Krater bildeten und das schwerste Unglück der Kölner Nachkriegsgeschichte markieren. Und nun entwarf und baute „Observatorium“ einen hölzernen Pavillon mit 24 Türen am Waidmarkt. Was so ein Holzbau ausrichten kann an einem Ort, an dem Menschen sich allein gelassen fühlten, lehrten die folgenden Monate. Der Pavillon mutierte zum Kommunikationsturbo.

Zwei Monate lang stand er allen offen als Sitztreppe, Konzertbühne, Begegnungsstätte – und vor allem als Archiv auf Zeit. Ständig war jemand da, der zuhörte. In den Logbüchern, die dort auslagen, hielten Besucher fest, was sie bewegte. Wer diese Aufzeichnungen liest, erfährt etwas über den Gemütszustand eines Viertels. Viele fühlten sich erst jetzt und zum ersten Mal quasi amtlich wahrgenommen in dem, was das Unglück mit ihnen gemacht hat.

Kein Dramaturg hätte besser ersinnen können, was sich in diesen Wochen abspielte. Eine Zeichnerin porträtierte die Besucher, ein reisender Künstler kam mit seinem Esel vorbei, Stadtführer stiegen in den Untergrund, und zum Abschluss sang der Polizeifrauenchor. Selbst für den Domblick war gesorgt – man musste nur an den äußersten Rand des Vorbaus treten. Und an Hitzetagen, das bezeugen Besucher, war es in dem Holzbau angenehm frisch. Aus einem verhexten Ort war tatsächlich einer geworden, an dem man gerne verweilt.

Andre Dekker (Bildmitte) kann etwas, was selten geworden ist: zuhören. Das half ihm und seiner Künstlergruppe „Observatorium“ am Waidmarkt. Jürgen Becker (re.) ist, wie meist, gut am Mikrofon. / Foto: Helmut Nick

Geldverschwendung, wie manche unkten? Im Gegenteil. Der Einsatz der Künstler verdankt sich letztlich der Stadtkämmerin Dörte Diemert. Als die Stadt auf einen unterirdischen Raum an der Einsturzstelle verzichtete und die Bauleistung sich damit minderte, handelte sie mit Baufirmen eine zusätzliche Entschädigung aus – Geld, das auch in die Arbeit von „Observatorium“ floss. Es wurde also nichts obendrauf gelegt, sondern etwas zurückgeholt.

So fügen sich die Dinge nur, wenn übergeordneter Gestaltungswille im Spiel ist. Unermüdlich brachte die Organisation ArchivKomplex den Einsturz auf die Tagesordnung der Kölner Politik – in jenem ruhigen und sachlichen Ton, der ihren Sprecher Günter Otten auszeichnet. In seiner unaufgeregten Art hat er mehr erreicht als mancher Hitzkopf. Übrigens erzählt sein Buch „Der Einsturz“ die Katastrophe akribisch nach. Damals habe eine fast umstürzlerische Stimmung diese sonst so duldsame Stadt erfasst, erinnert sich der Kurator und Vermittler des Projekts, Kay von Keitz. Und der Journalist Otten ergänzt, dass Köln und die Kölner doch eigentlich so gerne und schnell vergessen. Auch jetzt sind zahlreiche Begebenheiten schon aus dem Blick geraten.

Aufgefallen ist mir, dass in allen Gesprächen mit Künstlern sowie mit ArchivKomplex der Name der früheren Oberbürgermeisterin Henriette Reker anerkennend fiel – dass sie den richtigen Ton getroffen habe oder Handelnde zusammenbrachte, wenn es knirschte. Ob kulturaffine Menschen ein feineres Sensorium haben? Ich glaube das. Die frühere Schauspielintendantin Karin Beier gab bei Elfriede Jelinek ein Stück in Auftrag, das schon 2010 den Einsturz auf die Bühne brachte. Als es noch großes Theater gab in Köln. Mehr Menschen dieses Schlages wären nach dem Unglück auf allen Feldern vonnöten gewesen.

Heute ist Andre Dekker für Köln ein Glücksgriff. Sein Pavillon war nicht Ende, sondern Anfang aller Aktivität. Musiker, bildende Künstler, Lyriker, Betroffene und Beteiligte hat er geweckt und zusammengeführt. Dekker tadelt nicht und ist, wie er sagt, in seinem Jahr hier „Kölner geworden“. Sogar die kölsche „Selbstbesoffenheit“ liebt er.

Viele wollten, dass der Pavillon bleibt. Was aber tut unsere Stadt, was tun am Ende wir alle mit diesem Geschenk? Man ahnt es. Es fand sich niemand, der die Verantwortung übernehmen mochte. Zwar gibt es einen Ratsbeschluss, der weitere Waidmarkt-Aktionen festschreibt. Aber offenbar kann eine gute Idee nicht in Verwaltungsprozesse übersetzt werden. Was in zwei Monaten bürgerschaftlicher und künstlerischer Energie entstand, hatte in der Welt der Formulare keinen Platz – dort, wo Verantwortung wie ein Schwarzer Peter hin- und hergeschoben wird.

Dekker trägt es mit Gelassenheit und formuliert lieber einen Wunsch: Kommt er 2030 zurück, möchte er am Waidmarkt einen Campus für die beiden angrenzenden Gymnasien vorfinden, der zugleich Stadtgarten ist – entwickelt von einem Dreigestirn aus Städtebau, Landschaftsarchitektur und Kunst; ein Ensemble aus Spiel, Muße, Ruhe und Erinnerung. Man möge ihn dann fragen: „Warum ist es hier so schön?“ Und die Antwort soll lauten: Weil die Katastrophe bei den Verantwortlichen ein Bedürfnis nach Schönheit ausgelöst hat.

Ich wünsche Andre Dekker und uns, dass diese Frage eines Tages tatsächlich gestellt wird.

Herzlich grüßt

Ihr

Peter Pauls

 

PS.: Am 10. September erscheint im Kölner Emons Verlag das Buch „Zu dieser Tragödie sollen wir ein Kunstwerk machen?“ von Andre Dekker und Observatorium – mit dem Logbuch der Zwischenzeit und Beiträgen unter anderem von Jürgen Becker, Kay von Keitz, Günter Otten, Monika Rinck und Martin Stankowski.

NEWSLETTER 28.08.2026

Vom Wettlauf der Metropolen, einer gedanklichen Frischzellenkur und der Chance für Torsten Burmester

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

manchmal habe ich den Eindruck, hinter der stolz zur Schau getragenen Selbstüberschätzung Kölns verbirgt sich in Wirklichkeit mangelnde Veränderungsbereitschaft. Eine mehr als 20.000 Stellen umfassende Stadtverwaltung und eine oft unambitionierte Stadtpolitik stehen eben nicht für Dynamik auf der Höhe der Zeit. Schließlich kann man auch schlampige Untätigkeit zu lässigem Charme und weltstädtischer Nonchalance umetikettieren. Aber nur eine Zeitlang.  Irgendwann führt Unordnung und Planlosigkeit zum Chaos und kleinkarierte Korrekturen im Detail helfen nicht weiter. Dann wird man nicht nur im Wettlauf der Metropolen abgehängt, dann versinkt eine Stadt in Bedeutungslosigkeit. Dann braucht es den großen Wurf, die kühne Vision.

Womit wir bei Paul Böhm und seiner Idee „Neue Mitte Köln“ wären. Schon vor Jahren inspirierte der Architekt mit einem städteplanerischen Entwurf, der sich nicht im Gestrüpp des Klein-Kleins verhedderte, nicht in der panischen Korrektur akuter Mängel. Kurz: Vision statt Fatalismus. Böhm denkt Köln neu, denkt Köln groß, sowohl in Räumen als auch Zeithorizonten.

Der zentrale Gedanke dabei ist die Verlegung des Hauptbahnhofs, also des überregionalen Fernverkehrs, ins Rechtsrheinische. Für den historischen Kern der Stadt wäre das eine epochale Chance: Die Bahnhofshalle könnte zum Kultur- und Marktplatz umgestaltet werden. Die Hohenzollernbrücke wäre dann eine begrünte Parkbrücke, die den Fußgängern und Radfahrern überlassen werden könnte, neue Quartiere und ein durchgängiges sogenanntes Parkband wären möglich, also ein grünes Wegenetz dort, wo innerstädtisch Gleise abgebaut werden und somit Freiflächen entstehen. Das wäre eine Vitalisierung des Stadtlebens, ökologisch und sozial ein Quantensprung.

Inzwischen ist das Projekt fortgeschritten. Ein Gespräch mit Paul Böhm ersetzt eine gedankliche Frischzellenkur. Denn auch wenn seine Idee einer revolutionären Umgestaltung der Stadt etwas Phantastisches hat, Böhm ist kein Träumer, sondern ein Visionär mit Bodenhaftung. Vielleicht wird man das, wenn man aus einer Dynastie von Kirchen-Baumeistern stammt, die in anderen Zeitdimensionen denken. Mich zumindest überzeugt der Entwurf – nicht weil ich naiv wäre, sondern weil ich überzeugt bin, dass die Zeit der provisorischen Flickschusterei ein Ende haben muss.

Denn so utopisch sich sein großer Plan anhört, seine Realisierung muss es nicht sein. Schließlich kommt die Bahn nicht umhin, ihren überaus problematischen Knotenpunkt Köln zu sanieren, der bislang bundesweit für Verspätungen sorgt. Da der Hauptbahnhof wegen seiner Lage im Zentrum und wegen des Nadelöhrs Hohenzollernbrücke nicht gut an das internationale Bahnnetz angeschlossen ist, hätte eine Verlagerung des Fernverkehrs eine heilende Wirkung – für die Stadt wie für die Deutsche Bahn.

Auch gibt es zunehmend namhafte Unterstützer für diesen städtebaulichen Befreiungsschlag. Der vor Jahren gegründete Verein „Neue Mitte Köln“ (nmk.koeln) ist rührig und im September stellt das Rheingold Institut eine tiefenpsychologische Studie vor, die die Akzeptanz in der Kölner Bevölkerung für einen solchen Plan auslotet. Böhm, der nicht nur mit seinem Ehrenfelder Moscheebau einschlägige Erfahrung gesammelt hat, weiß, dass man bei so einer Operation am offenen Herzen einer Stadt die Menschen mitnehmen muss – Stuttgart 21 lässt grüßen. Auch mahnen Großbauprojekte wie der Flughafen Berlin oder die Kölner Opern- und Schauspielhaus-Sanierung zur Vorsicht. Aber zahlreiche andere zukunftsweisende Vorhaben geraten darüber in Vergessenheit. Das dänische  Kopenhagen etwa hat die Stadt konsequent umgestaltet, sie gilt heute als lebens- und liebenswertes Musterbeispiel gelungener Stadterneuerung, ein Wallfahrtsort für Städteplanung und Politik.

Aber mit dem nicht nur verkehrspolitischen Problemdruck steigt auch der Wunsch nach einer grundsätzlichen Neuaufstellung, um die Stadt zukunftssicher und lebenswert zu machen. Statt der beschämenden Verhältnisse rund um den Dom hätte Köln wieder eine Visitenkarte, die einem Weltkulturerbe angemessen wäre, denn der Hauptbahnhof tut dem Dom definitiv nicht gut.

Nach dem Ersten Weltkrieg hat der damalige Oberbürgermeister Konrad Adenauer Not und Mangel nicht verwaltet, sondern die Krise als Chance für einen großen Wurf genutzt. Mit dem Grüngürtel, der Neugründung der Universität, dem Bau der Messe in Deutz und der Mülheimer Brücke sowie der Ansiedlung von Ford die Stadt mutig und zukunftsweisend modernisiert. Dafür wird er auch hundert Jahre später noch gefeiert – zu Recht.

Jetzt ist die Frage, ob der neue Oberbürgermeister in der Lage ist, ähnlich nachhaltig zu wirken – und sich dauerhaft ins Gedächtnis Kölns einzuschreiben. Nichts ist bisher in Beton gegossen, aber es ist eine große Idee im Raum und die verdient es, öffentlich diskutiert zu werden. Vielleicht kann sich Torsten Burmester vom Denken in dem kurzen Zeitzyklus einer Legislaturperiode lösen. Und vielleicht begreift er diesen schon gereiften Plan als Glücksfall. Wie heißt es so schön: Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.

Es grüßt Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz

NEWSLETTER 21.08.2026

Ein Museum wird verpackt: Warum Direktor Marcus Dekiert keine Interimslösung für das Wallraf-Richartz-Museum möchte – und wie das Haus während der Schließung präsent bleiben soll

 

Liebe Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

„Bin bald wieder da“ – so grüßt Peter Paul Rubens von der Fassade des Wallraf-Richartz-Museums. Der Haupteingang ist verschlossen. Das Haus soll saniert werden. Ich gehe um Baustellenzäune herum. In der Martinsgasse, gleich neben dem Gürzenich, ist eine Stahltür: der Verwaltungseingang. Ich klingele. Noch hat Marcus Dekiert hier sein Dienstzimmer. „Bis Oktober müssen wir draußen sein. Erst die Kunst, dann die Büros.“

Alles muss raus. Wirklich alles? Marcus Dekiert führt mich in die Schauräume der Sammlung. Leere Bilderrahmen stehen in den Gängen. Die Holzböden und Sitzmöbel sind gepflegt, im zentralen Raum der Mittelalterabteilung strahlen goldene Sterne auf dunkelblauem Grund. Makellos. Das Haus sieht 25 Jahre nach seiner Einweihung nicht aus wie ein Sanierungsfall. Oder doch?

„Der Bau von Oswald Mathias Ungers ist in vielen Teilen noch sehr gut in Ordnung“, bestätigt Dekiert. „Es geht nicht um eine Generalsanierung. Aber die Rohre sind ein großes Problem, die Rohre für das Frisch- und Abwasser. Und wo Rohre gewechselt werden müssen, werden Wände, Decken und Böden aufgestemmt.“ Kein guter Ort für Gemälde. Parallel zur Rohrsanierung wird ein Verbindungstunnel zum Erweiterungsbau angelegt, den das Schweizer Architekturbüro Christ und Gantenbein entworfen hat. „Es geht nur unterirdisch“, erklärt mir Dekiert: „Der Ungers-Bau ist ein Solitär. Da können Sie keine Brücke dransetzen.“

Ein Museum wird verpackt. Über 2.000 Gemälde, darunter das Selbstporträt des jungen Rubens mit Freunden aus Mantua. Eins der berühmtesten Selfies der Kunstgeschichte. Es gibt das Motiv für die „Bald-wieder-da“-Plakate her. Zu den Gemälden kommen ein paar Dutzend Skulpturen und die grafische Sammlung mit mehr als 60.000 Blättern. Die Räumung der Schauräume konnte erst nach dem letzten Öffnungstag am 2. August beginnen. Ein großer Teil der Depotbestände war schon früher umgezogen. Aber wohin?

Dekiert: „Die Depots der anderen Museen sind auch voll. Die können nicht 2000 Gemälde zusätzlich aufnehmen.“ Also bleiben Kunst-Logistiker mit ihren gesicherten und klimatisierten Lagern. „Die Kunstwerke werden verpackt eingelagert und kommen so wieder zurück. Und wir können sie dann auspacken und an die neuen Stellen im erweiterten Museum hängen.“

An den letzten Öffnungstagen fragten Besucher immer wieder nach Spitzenwerken wie Stefan Lochners zauberhafter Madonna im Rosenhag. Auch die wird verpackt. So wie Rubens und seine Freunde aus Mantua. Wie die großen Impressionisten. Warum verschwinden sie alle im Speditionslager? Warum macht das Wallraf kein Schaufenster in der Stadt auf?

Einlagerung, keine Interimsausstellung für die Bilder: Museumschef Marcus Dekiert in der Mittelalterabteilung. Foto: Neuß

„Darüber haben wir intensiv nachgedacht“, sagt Dekiert. „Bei einer langen Sanierungszeit, drei, fünf, zehn Jahre, da hätten wir es tun müssen. Der Zeitraum, mit dem wir planen, ist aber überschaubar.“ Das war der erste Grund gegen ein Interim. Der zweite: „Welches andere Museum hätten wir denn aus einem Teil seiner Räume verdrängen sollen?“ Das Römisch-Germanische Museum und das Stadtmuseum haben Interimsstandorte in anderen Gebäuden gefunden, aber, so Dekiert: „Mit Gemälden können wir nicht ins Belgische Haus gehen oder in ein ehemaliges Kaufhaus. Schon aus klimatechnischen Gründen nicht.“ Aber am stärksten gegen ein Interim spricht für ihn Argument Nummer drei: „Wenn man einmal im Interim ist, könnte man dort länger bleiben als geplant. Dann bekommt man gesagt: Ihr könnt ja eure Hauptwerke zeigen. Ich bin mir sicher, dass es dazu kommen würde.  Dagegen merkt man jetzt schon, dass ohne Interim Druck auf dem Kessel bleibt. Damit das älteste Museum der Stadt Köln im vorgesehenen Zeitrahmen so rasch als möglich an seinen Ort zurückkehrt.“

Aussagen, die sich die Teams der beiden Interim-geplagten Kölner Museen notieren dürften. Was macht Dekiert so sicher, dass der Zeitplan hält? Ende 2028 soll sein Museum wieder offen sein. Dazu müssen die Bauarbeiten viele Monate vorher abgeschlossen sein. Die Böden müssen liegen, die Wände picobello hergerichtet sein.

Klappt das? „Ich bin zuversichtlich“, sagt Dekiert. „Unser Vorteil gegenüber anderen Bauprojekten liegt darin, dass wir weitgehend auf einen externen Projektsteuerer setzen. Jürgen Marc Volm ist schon seit drei Jahren drin, und alles läuft im Plan.“ Auch beim Erweiterungsbau, von dem bereits erste Kellermauern stehen. „Aber mit der Ausschachtung haben wir den schwierigsten Teil fast komplett abgeschlossen.“ Einschließlich der Bergung einer Spundwand aus dem römischen Hafenbecken. Und des Fundes von Quecksilber, einer Altlast aus dem Mittelalter.

Zweieinhalb Jahre ohne Lochner, Rubens, Liebermann. Wie bleibt ein verpacktes Museum sichtbar? Dem Spruch „Bin bald wieder da“ werden andere Claims folgen. 2027 will Dekiert auf Werke seines Hauses „im Stadtraum“ aufmerksam machen – „das wird eine Überraschung“. Der Förderverein Kunstfreunde Köln gastiert mit Veranstaltungen in anderen Museen – etwa im Sport- und Olympia-Museum, im Belgischen Haus oder auch auswärts in Braunschweig. Eine Kölner Impressionistenschau reist durch Japan. Und es gibt „Wallraf Digital“. Einen kostenlosen virtuellen Rundgang auf der Internetpräsenz des Museums. „Sie sehen das Museum dort so, wie es nie wieder sein wird“, sagt Dekiert.

In der Tat: Durch die Erweiterung gewinnt das Wallraf-Richartz-Museum rund 1000 Quadratmeter Ausstellungsfläche und sortiert sich neu. Die Werke des 19. Jahrhunderts samt der eigenen Impressionistensammlung und der Sammlung des verstorbenen Schweizer Unternehmerpaars Gérard und Marisol Corboud werden im neuen Gebäude gezeigt. Dadurch wird im Ungers-Bau die dritte Etage frei. Und bleibt frei, reserviert für Wechselausstellungen. Das Untergeschoss hat sich dafür als zu eng erwiesen. Von 2028 an soll es die Kunst des 18. Jahrhunderts aufnehmen.

Die Museumsleute haben lange auf die Erweiterung warten müssen. Elf Jahre nach der Entscheidung im Architektenwettbewerb gab es 2024 endlich den ersten Spatenstich. Dekiert äußert sich dankbar über den Stifterrat des Museums, der die Stadt immer wieder an ihre Zusagen erinnert hatte. In Dekierts Zimmer steht ein Porträt von Gérard Corboud, der den Baubeginn nicht mehr erlebt hat. Seine Witwe Marisol, eine gebürtige Kölnerin, war 2024 noch dabei. Im Frühjahr 2026 ist auch sie gestorben.

Die Stifter werden fehlen, wenn ihre Sammlung endlich im Erweiterungsbau glänzt. „Es wäre zu wünschen gewesen, dass sie das noch hätten erleben können“, meint Dekiert. Er erinnert sich an viele Gespräche mit den Corbouds: „Es war für sie alles andere als eine leichte Zeit. Aber sie sind uns bis zuletzt gewogen geblieben und waren sicher: Hier ist der richtige Ort für unsere Bilder.

Drücken wir Rubens und seinen Freunden den Daumen, dass sie bald wieder da sind! In diesem Sinne grüßt Sie herzlich

Ihr

Raimund Neuß

 

Eine Erinnerung: Gleich nach den Sommerferien laden der Kölnern Presseclub und die Kanzlei Görg zum Gespräch mit dem Manager und Bestsellerautor Karl-Ludwig Kley ein. Kley spricht über Führung, Verantwortung und über das 100 Jahre alte Kölner (!) Unternehmen Lufthansa, dessen Aufsichtsratschef er bis Mitte des Jahres war. Anmeldungen: info@koelner-presseclub.de

NEWSLETTER 14.08.2026

„Es hat nicht so richtig gezündet“: Zum Adenauer-Jahr gab es viele Veranstaltungen – aber welches Echo haben sie gefunden?

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

Königin Luise kennen Sie doch, oder? Die früh verstorbene Ehefrau des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. hat gewiss ein ehrendes Andenken verdient. Auch bei einem Rheinländer wie mir, dessen Vorfahren erst von 1815 an (Luise war da schon seit fünf Jahren tot) borussofiziert wurden.

Wie schön also, dass der Programmbeirat des Bundesfinanzministeriums das Profil der ewig jungen Königin in diesem Jahr 2026 auf einer Sonderbriefmarke zeigen lässt. Das verbindet Luise mit dem SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel und den beiden Hasen aus „Weißt Du eigentlich, wie lieb ich Dich hab?“. Nicht von der Liebe des Beirats erreicht wurde allerdings der Gründungskanzler der Bundesrepublik: Konrad Adenauer, am 5. Januar 1876, also vor 150 Jahren, in Köln geboren.

Ist es nur Kölner Lokalpatriotismus, dass ich gern Adenauers Bild mit gezähntem Rand auf Briefe geklebt hätte? Oder ist die philatelistische Leerstelle bezeichnend für den Umgang mit Adenauer im Jubiläumsjahr insgesamt? Das frage ich Ulrich Soénius, den Direktor des Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchivs in Köln.  „Zum 150. Geburtstag hätte man durchaus ein bisschen mehr machen können“, findet der. Nicht nur am Postschalter. Zum 100. Geburtstag vor 50 Jahren hatte die Stadt eine wissenschaftliche Festschrift über ihren langjährigen Oberbürgermeister herausgegeben. Heute: nichts dergleichen. Gibt es eine andere Form der offiziellen Würdigung?

Ich hake bei der Stadt nach. Und ja, es tut sich etwas. Am 13. Oktober wird Köln eine Adenauer-Veranstaltung ausrichten. Auf ein Grußwort von Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) folgt eine Podiumsdiskussion über Adenauer und den Städtebau. Den Herbsttermin hatte die Stadt schon im Januar gegenüber der Kölnischen Rundschau in Aussicht gestellt. Begründung: Wahl und Ernennung Adenauers zum Oberbürgermeister hatten 1917 im Herbst stattgefunden (18. September, 21. Oktober). Mehr war bisher nicht bekannt, nun liegen Tag und Veranstaltungsformat fest. „Schön, dass die Stadt zu Ehren Konrad Adenauers eine Veranstaltung organisiert“, meint dazu die Kölner CDU-Chefin Serap Güler. „Ich denke, der OB, der über Parteigrenzen hinweg nach wie vor geschätzt wird und viel für unsere Stadt geleistet hat, verdient eine würdige Veranstaltung. Ich hoffe, dass dies allen Beteiligten gelingt.“

Man könnte von Adenauer eine Menge lernen: Friedrich Kießling und Ulrich Soénius über den früheren OB und Kanzler. / Foto: Universität Bonn, RWWA

Zu diesem fein abgewogenen Lob muss man wissen: Bisher war es in Köln allein Gülers CDU, die eine Festveranstaltung zu Adenauer ausgerichtet hat – im Gürzenich, mit dem Bonner Historiker Friedrich Kießling als Hauptredner und Burmester auf dem Podium.

Früher dran als die Stadtspitze war auch das Kölnische Stadtmuseum, das zum Jahresbeginn in einer Fotoausstellung das durch Adenauers Modernisierungspolitik geprägte Köln der 1920er Jahre würdigte. Das Historische Archiv der Stadt macht keine eigenen Veranstaltungen, stellt aber Archivgut zur Verfügung und hat 17 Jahre nach dem Einsturz des alten Baus an der Severinstraße eine gute Nachricht zu vermelden: Der Amtsnachlass Adenauer (Bestand 902) ist fast vollständig wieder nutzbar. Die Tourismusbüros in Köln und Bonn führen Instagram-Nutzer auf die Spuren Adenauers in der Region. Und die Kölner Universität nutzte das Adenauer-Jahr, um Bundeskanzler Friedrich Merz in die Stadt zu lotsen und mit ihm die „Adenauer School of Government“ zu eröffnen.

Von diesem Besuch abgesehen hielt sich der Bund zurück. Die zentrale Festveranstaltung im Bonner Plenarsaal war eine Angelegenheit der Konrad-Adenauer-Stiftung, Merz wurde dort nicht gesichtet. Das Konrad-Adenauer-Haus in Rhöndorf zeigt noch bis zum 16. August eine Galerie historischer Karikaturen. Im November lädt der Landschaftsverband Rheinland zu einer Festakademie nach Bonn ein. Und im Bundestag in Berlin gab es eine öffentlich leider wenig beachtete Ausstellung. Kießling und sein Jenaer Kollege Norbert Frei haben im Herbst 2025 neue Adenauer-Biografien veröffentlicht. Soénius selbst war mit zahlreichen Medienveröffentlichungen aktiv.

Wie groß ist es heute noch, das Interesse an Adenauer? Darüber kann mir Professor Kießling einiges erzählen. Im Zusammenhang mit seinem Buch hat er bisher an rund 30 Adenauer-Veranstaltungen bundesweit teilgenommen. „Wenn ich hier im Rheinland eine Veranstaltung mache, dann ist die meistens sehr gut besucht. In anderen Teilen Deutschlands ist das deutlich schlechter. Wenn ich mal in Ostdeutschland eine Veranstaltung gemacht habe, außerhalb von Berlin, kam da kaum jemand.“ Auch beim Medieninteresse beobachtet er einen Schwerpunkt im Rheinland und überhaupt in NRW. Er bekommt auch viele kritische Anfragen – nach Adenauers Demokratieverständnis und seiner Haltung zur Emanzipation von Frauen. Und er erlebt kontroverse Debatten: „Im Bonner Haus der Geschichte gab es erhebliche Unruhe, als ich sagte, Adenauer habe sich nicht für die Wiedervereinigung interessiert. Jedenfalls nicht in der operativen Politik. Die Bonner Bürger mochten das nicht hören.“

Friedrich Kießling / Foto: Universität Bonn, RWWA

Und was haben die größeren Ausstellungen und Veranstaltungen gebracht, in Bonn, Berlin, Köln? „Es gab schon viele Veranstaltungen von unterschiedlichen Trägern“, sagt Kießling: „Es hat aber nicht so richtig gezündet.“ Es habe keine Debatten um Adenauer gegeben. „Das Adenauer-Jubiläum wurde eher pflichtschuldig wahrgenommen, wenn es überhaupt wahrgenommen worden ist.“ Es sei nicht so, „dass sich diese Republik in der Öffentlichkeit irgendwo besonders intensiv an Adenauer erinnert“.

Sollten wir uns nicht mehr mit Adenauer beschäftigen, dem Mann, für den der Programmbeirat beim Finanzministerium keine Briefmarke übrighatte? „Was mich bei der Arbeit an meinem Buch fasziniert hat, war Adenauers Politikstil“, berichtet Kießling. Ob beim Oberbürgermeister Adenauer oder beim Bundeskanzler Adenauer: „Das ist eine konzeptionell klare Politik gewesen. Er verfolgte hartnäckig Projekte.“ Auch wenn das Ergebnis nicht sicher war, auch wenn er ins Risiko ging. „Diesen klaren Politikstil würde ich in den Mittelpunkt der Erinnerung rücken. Davon können wir was lernen.“

Ganz und gar nicht einverstanden sind die beiden von mir befragten Historiker, Kießling und Soénius, mit der These, die Christoph Nonn im elften Band der großen Kölner Stadtgeschichte vertreten hat: Adenauer habe Projekte angestoßen, dann aber das Interesse verloren. Ganz im Gegenteil. Ulrich S. Soénius nennt mir ein Beispiel: „Natürlich konnte Adenauer 1919 nicht wissen, dass er 1929 die Mülheimer Brücke einweihen würde. Genauso wenig, wie wir heute das Wissen des Jahres 2040 haben können. Aber Adenauer hatte von Anfang an einen klaren Plan. Der lautete, Köln zur Wirtschaftsmetropole zu machen.“ So eine Konzeption habe Köln in den letzten Jahren gefehlt. „Unter OB Burmester gibt es Bewegung.“  Klare Ansagen würden gebraucht, ein „Wird gemacht“ oder „Wird nicht gemacht“, kein „Geschwurbel“ wie bei der Ost-West-Achse.

Die Bonner Tagung im Herbst wird dem „kommunalen Demokraten“ Adenauer gelten, dessen Wirken auch in Kießlings Buch ausführlich zur Sprache kommt. Davon abgesehen zieht Soénius eine ernüchternde Bilanz: „Der kommunale Demokrat Adenauer ist ein bisschen aus dem Blickfeld gerutscht.“ Dabei könne man von ihm noch etwas lernen, das heute in Köln sehr aktuell sei: „Das Führen mit wechselnden Mehrheiten. Adenauer hat es bis zur Eleganz entwickelt.“

Vielleicht geht von den Veranstaltungen im Herbst ein Impuls in diese Richtung aus. In diesem Sinne grüßt Sie sehr herzlich

Ihr Raimund Neuß

NEWSLETTER 07.08.2026

Reise ins „Biotop für Bekloppte“ — Über Bücher, die Kölns Seele widerspiegeln, unentdeckte Romanstoffe und die schönste Liebesgeschichte

 

Liebe Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

neulich, an einem dieser warmen, hellen Sommerabende, saß ich auf dem Balkon und schaute auf den langsam dahinfließenden Rhein. Ich dachte über Urlaubslektüre nach. Wenn Touristen in Italien mit Donna Leon unterwegs sind und Frankreichreisende Bannalec-Krimis im Gepäck haben – was lesen dann eigentlich Kölner, die daheimbleiben? In welchen Büchern ist die rheinische Seele zu Hause? Und welche Schriftsteller haben sie verstanden?

Darüber will ich mit Husch Josten sprechen, die aus tiefstem Herzen Kölnerin und Schriftstellerin ist und gerade in Südfrankreich an ihrem neuen Roman arbeitet. Wir verabreden uns zu einem Telefongespräch bei einem Glas Wein. Die Sonne ist fast untergegangen. Auf der Terrasse in Frankreich steht ein Rosé aus der Provence, ich habe sizilianischen Vermentino im Glas. Wie schön, über Bücher zu reden, finden wir beide.

Natürlich will ich wissen, was Husch Josten gerade liest, bevor wir uns Köln literarisch nähern. Sie hat unter anderem die neue Ingeborg-Bachmann-Biografie „Zwei Menschen sind in mir“ von Andrea Stoll dabei und die frechen Kurzgeschichten „Alle freuen sich“ von A. L. Kennedy. Tatsächlich aber bleibe nur wenig Zeit zum Lesen in diesem Sommer, sagt sie, das Schreiben nehme großen Raum ein. „Die Gleichzeitigkeit der Dinge“ hieß der zuletzt erschienene Roman von Husch Josten – „ein Requiem und eine Feier des Lebens, traurig, lebensklug und von einem Humor, wie es ihn wohl nur in Köln gibt“, rezensierte die FAZ.

Was ist eigentlich typisch Köln? Wenn die Stadt eine Person wäre, frage ich Husch Josten, also etwa eine Hauptfigur in einem Roman, wie wäre ihr Charakter? „Sehr unkompliziert, wenig verbindlich, pragmatisch, mit einem bodenständigen Humor, absolut unorthodox und mit einer Neigung zu ungewöhnlichen Lösungen.“ Wir reden darüber, wer diesen Charakter besonders gut erkannt hat. Husch Josten fällt sofort Dieter Wellershoff ein. Seine Werke gehören für die Autorin zu den wichtigsten Büchern, in denen die Stadt eine Rolle spielt. „Pan und die Engel“, sagt sie, sei eine Liebeserklärung an Köln.

1990 erschien diese Textsammlung des 2018 verstorbenen Autors mit Spaziergängen durch die Südstadt, Geschichten aus dem Römerpark, vom Eierplätzchen und den Menschen, die dort leben. Die Seele Kölns findet Husch Josten auch in Werken des Nobelpreisträgers und Ehrenbürgers Heinrich Böll wieder. Denn Böll, sagt sie, habe die Widersprüche dieser Stadt nie weggeschrieben, sondern geliebt.

Einen besonderen Blick auf Köln hat für Husch Josten der Autor und Kolumnist Alexander Estis. 1986 in Moskau geboren und in Hamburg aufgewachsen, kam er im Rahmen eines Veedelsschreiber-Stipendiums nach Kalk. Dort entstand 2022 das Buch „Das Rondell – Geschichten von Menschen auf Kölner Straßen, in dem Estis die Lebenslinien von Drogenabhängigen, Obdachlosen und Sozialarbeitern aufzeichnet, die sich alle am Rondell vor einem Kalker Supermarkt treffen. Estis, findet Husch Josten, „ist ein hervorragender Autor“.

„Ganz eigene Geschichten aus dieser Stadt“, so Husch Josten, erzählen auch die „hochpoetischen Liedtexte“ von Wolfgang Niedecken. Überhaupt die Lieder. Auf der Suche nach der schönsten Kölner Liebesgeschichte reicht kein Roman an „Ming eetste Fründin“ von den Bläck Fööss heran. „Da ist alles drin“, findet die Schriftstellerin, „die ganze Romanze inklusive Realitätscheck und Liebeskummer.“ Welches Buch würde sie Freunden empfehlen, die zum ersten Mal nach Köln kommen und die Stadt verstehen wollen? Da nennt Husch Josten an erster Stelle das „Biotop für Bekloppte“ von Jürgen Becker und Martin Stankowski. „Es ist nicht einfach, diese Mentalität zu erklären, aber den Autoren gelingt das mit einem milden, gütigen Blick, der nicht schönmalerisch ist. Sie haben eine sehr originelle Sicht auf Köln.“ Ihre Empfehlung für daheimgebliebene Kölner, die das Fernweh packt? Der Reisebericht „Basar auf Schienen“ von Paul Theroux, ein Klassiker aus dem Jahr 1975. „Eine wunderbare Eisenbahntour von London über den Balkan bis nach Fernost und zurück über Sibirien nach Europa. Sehr britisch, sehr witzig.“

Zurück an den Rhein. Gibt es eigentlich einen Teil von Köln, der dringend einmal in einem Roman vorkommen sollte? „Der Straßenzug Trankgasse-Komödienstraße“, antwortet die Autorin. „Das ist doch unglaublich, dass sich dort im Schatten des Doms wie in einer Nussschale eine ganze Stadt wiederfindet. Auf engstem Raum Luxushotel und Fastfood, Klerus und Souvenirhandel… Das ist unbedingt ein Buch wert.“ Ein Kölner Ereignis, das literarisch verarbeitet werden sollte? 1945 und die ersten Schritte zum Wiederaufbau der Stadt sieht Husch Josten als großen Romanstoff. „Wie bewältigten die Menschen den Alltag in den Trümmern, wie sahen die ersten Pläne aus, die Innenstadt wieder bewohnbar zu machen, wer arbeitete daran und mit welchen Ideen? Da gibt es viele Geschichten zu erzählen.“

Es dämmert schon in Südfrankreich und am Rhein, und ich habe noch so viele Fragen. Gibt es – außer Köln natürlich – Orte, in die man sich aufgrund einer literarischen Beschreibung verlieben kann? Mit „Montauk“ ist es Husch Josten so gegangen. Sie las die Erzählung von Max Frisch und wollte den Ort auf Long Island kennenlernen. Sie reiste auch nach Connecticut, um das Landhaus von Philip Roth zu sehen, und nach Sils-Maria im Engadin auf den Spuren von Thomas Mann.

Husch Josten plant nicht, einen Roman über einen Urlaubsort zu schreiben, aber wenn sie einen wählen sollte, dann wäre das Las Vegas. Las Vegas? „Ich finde es faszinierend, was dort aus dem Nichts entstanden ist – und die Geschichten der vielen traurigen Menschen, die versuchen, das Glück zu finden.“

Auf meine letzte Frage, bevor die Weingläser leer sind, kann ich keine Antwort bekommen, leider. Ich würde gerne wissen, worum es in ihrem nächsten Buch geht, das 2027 erscheint. Das müsse noch geheim bleiben, erklärt Husch Josten. Nur so viel: Es spiele wieder in Deutschland. Und ich denke, Köln wird irgendwie darin vorkommen. 

Leben und lesen Sie gut in diesem Sommer!

Ihre Cordula von Wysocki

 

 

Bildzeile zu Porträt Husch Josten

 

„Unkompliziert, wenig verbindlich, mit bodenständigem Humor und absolut unorthodox“ so wäre Köln als Person in einem Roman, sagt die Schriftstellerin Husch Josten. Foto: Audrey Bethier

 

NEWSLETTER 31.07.2026

Kein Platz fürs Handwerk: Warum uns das in Köln teuer zu stehen kommt

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

samstagmorgens zieht sich vor der Bäckerei Zimmermann auf der Ehrenstraße eine Schlange bis auf den Bürgersteig. Seit 1875 wird dort gebacken, heute in fünfter Generation. Selbst der Sauerteig stammt noch aus der eigenen Backstube. Ein paar Gehminuten weiter warten die Kunden bei Balkhausen auf Rosinenstuten und Kümmelbrot. Köln liebt sein Handwerk. Solange es duftet und schmeckt. Schwieriger wird es, sobald Lieferwagen vorfahren, Maschinen Lärm machen und die Arbeit früh am Morgen beginnt. Dann wird aus einem  geschätzten Traditionsunternehmen schnell ein Störfaktor.

Köln fehlen Wohnungen, Schulen, Kitas und soziale Einrichtungen. Doch eine Stadt, in der Menschen leben, muss auch ein Ort bleiben, an dem gearbeitet, repariert und produziert wird. Das Handwerk ist dabei keine wirtschaftliche Randgruppe: Mehr als 10.000 Handwerksunternehmen gibt es nach Angaben der Kammer in Köln. Sie beschäftigen rund 60.000 Menschen und erwirtschaften jährlich etwa acht Milliarden Euro. Damit gehört das Handwerk zu den großen wirtschaftlichen Kräften der Stadt. Umso erstaunlicher ist, wie oft es um seinen Platz kämpfen muss.

Darüber habe ich mit Thomas Radermacher gesprochen. Der Tischlermeister steht seit Mai 2025 an der Spitze der Handwerkskammer zu Köln. Seine Forderung lautet: „Wir brauchen produzierendes Gewerbe in der Stadt und nicht nur in den äußeren Stadtteilen.“ Der Satz klingt selbstverständlich. Ist er es auch? Jedes freie Grundstück kann nur einmal vergeben werden. Wohnungen, Schulen, soziale Einrichtungen, Büros und Gewerbe konkurrieren miteinander. Radermachers Eindruck: Wenn entschieden wird, wer den Zuschlag erhält, steht das Handwerk selten ganz oben auf der Liste.

Der Rat hat im Februar 2025 ein Konzept für die produzierende Wirtschaft beschlossen. Dazu gehören auch Gewerbehöfe, in denen mehrere kleinere Unternehmen arbeiten können. 61 solcher Standorte gibt es bereits. Dort arbeiten rund 9.500 Menschen in etwa 950 Betrieben. Die Zahlen zeigen, welche Bedeutung solche Gewerbehöfe für Köln haben. Doch freie Räume sind dort kaum zu finden. „Die Flächen fehlen nach wie vor“, sagt Radermacher. Die bestehenden Standorte seien stark ausgelastet.

Doch selbst dort, wo noch Flächen zur Verfügung stehen, können die Vergaberegeln zum Hindernis werden. Im Gewerbegebiet Lövenich, einer der größten verbliebenen Ausweichflächen, werden je 1.000 Quadratmeter mindestens sieben Vollzeitstellen verlangt. Hinzu kommen Vorgaben für mehrgeschossige Gebäude und große Büroanteile. Doch passt das zu einer Schreinerei oder einem Installationsbetrieb, der vor allem Werkstatt, Lager und Stellplätze benötigt? Für viele kleinere Unternehmen dürfte das weder praktisch noch wirtschaftlich sein. So verlieren Handwerksbetriebe ihre Standorte in gewachsenen Vierteln und müssen weiter entfernt neu anfangen.

Wie diese Verdrängung abläuft, zeigt das Beispiel eines Heizungs- und Sanitärunternehmens an der Vitalisstraße in Ehrenfeld. Mit den neuen Wohnungen kamen Tempo 30, eingeschränkte Zufahrten und Beschwerden aus der Nachbarschaft. Im Jahr 2020 zog der letzte Handwerksbetrieb der Umgebung nach Ossendorf. Fünf Jahre hatte der Unternehmer nach einem neuen Standort gesucht, zwei Jahre mit der Stadt verhandelt.

Für Radermacher zeigt dieser Fall, wie schnell das Nebeneinander von Wohnen und Gewerbe aus dem Gleichgewicht geraten kann. Beides müsse von Anfang an gemeinsam geplant werden. Doch geschieht das tatsächlich? Oder wird das Handwerk erst bemerkt, wenn eine Werkstatt schließen oder umziehen muss? Natürlich verändern sich Viertel, und selbstverständlich werden Wohnungen benötigt. Nur sollte man sich ehrlich machen: Wer Werkstätten aus den Wohnvierteln verdrängt, darf sich später nicht wundern, wenn der Handwerker lange auf sich warten lässt – sofern er den Auftrag überhaupt noch annimmt. Und günstiger wird es dadurch sicher nicht.

Die Kammer geht davon aus, dass Köln jedes Jahr rund 35 Hektar zusätzliche Gewerbefläche benötigt. Zuletzt waren weniger als zehn Hektar frei verfügbar. Unternehmen, die sich vergrößern wollen, haben daher kaum eine Chance. Wer seinen Mietvertrag verliert, steht häufig ohne Alternative da. Der Stadtrand erscheint auf den ersten Blick als einfache Lösung. Doch der Auftrag bleibt in Lindenthal, Ehrenfeld, Nippes oder der Innenstadt. Der Monteur muss deshalb jeden Morgen zurück in die Stadt – zu den Kunden, auf die Baustellen und durch dieselben Staus wie alle anderen.

„Kurze Wege sparen auch dem Kunden Geld“, sagt Radermacher. Denn jede Minute im Stau fehlt bei der eigentlichen Arbeit: beim Einbau einer Heizung, bei der Reparatur eines Fensters oder beim Verlegen einer Leitung. Die Kammer hat ausgerechnet, was das bedeuten kann. Schon 45 Minuten Stau pro Tag können bei sechs oder sieben Gesellen Umsatzeinbußen von 100.000 Euro oder mehr im Jahr verursachen. Die verlorene Zeit löst sich nicht einfach auf. Entweder nimmt das Unternehmen weniger Aufträge an, oder es stellt die längeren Fahrzeiten in Rechnung. Zahlen muss am Ende der Kunde.

Hinzu kommt die Suche nach einem Parkplatz. Radermacher berichtet, dass manche Firmen Aufträge bereits ablehnen, wenn ihre Monteure am Einsatzort nicht halten können. Was bedeutet es für ein Viertel, wenn Elektriker, Installateure oder Schreiner dort nur noch ungern hinfahren ? Aus einem Verkehrsproblem wird dann schnell ein Problem der Versorgung. Ganz untätig ist Köln nicht. Seit September 2024 gibt es auf der Venloer Straße eine Haltezone für Handwerker, Pflege- und Lieferdienste. Neun weitere sollen folgen. Ein sinnvoller Anfang. Aber reicht das für eine Millionenstadt? Radermacher hält den Ansatz für richtig, aber bei Weitem nicht für ausreichend. Entscheidend sei, dass die Interessen des Handwerks von Beginn an berücksichtigt werden – wenn Grundstücke vergeben, Viertel entwickelt oder Straßen neu geordnet werden. Nicht erst dann, wenn ein Unternehmen bereits den Rückzug vorbereitet.

Hoffnungen setzt Radermacher auf Oberbürgermeister Torsten Burmester, der wirtschaftsfreundlicher handeln wolle. Was das konkret bedeutet, wird sich allerdings erst zeigen müssen. Denn längst geht es nicht nur um neue Standorte. Auch klassische Gewerbegebiete verändern ihren Charakter. In der Schanzenstraße etwa ziehen Büros, Hotels und Dienstleister ein. Sie können oft höhere Mieten zahlen und verursachen weniger Lärm und Lieferverkehr. Für Werkstätten und produzierende Unternehmen wird es dadurch noch enger.

So entsteht nach und nach eine widersprüchliche Stadt: Das Handwerk wird überall verlangt, soll aber möglichst nirgendwo stören. Die Werkstätten liegen draußen, die Kunden warten drinnen, und dazwischen steht der Monteur im Stau. Am Ende zahlen wir alle.

Herzliche Grüße

Ihre
Claudia Hessel

 

NEWSLETTER 24.07.2026

Die Stadt Köln, wie ein Konzern geführt? Warum dieser Vorschlag nicht in der Ablage verschwinden darf

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

man stelle sich vor: Der Kölner Oberbürgermeister führt die Stadt wie ein Vorstandsvorsitzender, der Rat kontrolliert ihn, wie es ein Aufsichtsrat tut. Damit Köln effektiver, effizienter und vor allem schneller geführt wird. Diesen Vorschlag hat Prof. Dr. Werner Görg vor einigen Monaten gemacht. Es gab eine schnelle Schlagzeile, wohlwollende und zurückhaltende Reaktionen aus den Fraktionen – dann zog die Karawane weiter. Ende der Debatte. Genau das sollten wir nicht zulassen.

Werner Görg ist kein Zaungast. Als Aufsichtsratsvorsitzender der „Barmenia Gothaer Versicherung“ kontrolliert er einen der großen Versicherungs-Konzerne, für den allein in Köln rund 5000 Menschen arbeiten, Tendenz steigend. Als früherer Präsident der IHK zu Köln kennt er Politik und öffentliches Geschehen von innen. Was er reklamiert, ist keine Stammtischpolemik, sondern ein Befund: Immer wieder versickern Initiativen im Kompetenz- und Abstimmungsgeflecht von Politik und Verwaltung, vervielfachen sich Baukosten wie jetzt beim Museum „Miqua“.

Ein Oberbürgermeister, so Görg, müsse an der Spitze eines starken und von ihm selbst ernannten Vorstands stehen. In der heutigen Struktur setze er sich einem täglichen Guerilla-Kampf aus. Von ehrenamtlichen Ratsmitgliedern werde eine Fülle von Entscheidungen erwartet, die objektiv nicht zu leisten sei. Dabei ist die Stadtverwaltung längst ein Konzern: knapp 22.000 Beschäftigte, ein Etat von 6,7 Milliarden Euro allein für 2026. Wie schwer die Lage offenbar ist, lässt der Krankenstand von über neun Prozent erkennen – er liegt deutlich über dem in physisch fordernden Berufen wie der Stahlproduktion zum Beispiel.

Görgs Therapie klingt entschlossen: Weniger Ratsmitglieder sollten sich mit mehr Zeit und höheren Entschädigungen um die Vorgaben kümmern, die sie wie ein Aufsichtsrat an den Vorstand geben – an den OB mit seinen Dezernenten. Und sie sollten prüfen, ob und wie die gesetzten Ziele erreicht werden. Strategie und Kontrolle liegen in der Politik, das operative Geschäft erledigt die Verwaltungsspitze – so funktionieren große Unternehmen. Görg denkt über Köln hinaus: Städte ab 250.000 Einwohnern sollten selbst wählen dürfen, nach welchem Modell sie geführt werden, gerne in der nächsten Kommunalwahl. Wer mehrheitlich das bisherige Modell bevorzugt, behält es. Frank Überall hat Görgs Vorstoß für die Kölnische Rundschau aufgeschrieben – kurz bevor die Zeitung ihre eigenständige Redaktion verlor. Den Originalbericht lesen Sie hier.

Derartige Vorstöße gab es immer wieder. Um die Jahrtausendwende zog der damalige SPD-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Wolfgang Clement, mit seiner Staatskanzlei demonstrativ in das Düsseldorfer Bürogebäude Stadttor. Er wollte seine Regierung wie eine Firma verstanden wissen, und so war der Umzug Auftrag und Symbol zugleich. 15 Jahre später hatte dieselbe SPD vergessen, warum es den Umzug überhaupt gegeben hatte, als ich danach fragte. Dabei war die Idee nie exotisch. Schon in den Neunzigern predigten kommunale Vordenker das Leitbild von der Verwaltung als Dienstleistungsunternehmen.

Heute ist die gut gemeinte Symbolik von damals einer dramatischen Dringlichkeit gewichen. Der Staat wird, ob als Kommune, Land oder Bund, zunehmend als dysfunktional begriffen. Die Beispiele sind erdrückend: marode Brücken in Leverkusen, Köln und Bonn lähmen Mobilität und Handel. Das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21, der Berliner Flughafen oder die Kölner Oper sind über Stadt- und Landesgrenzen hinaus zu Symbolen für eine überforderte öffentliche Hand geworden. Es geht auch klein – die Bonner Straße etwa. Eine der Hauptausfallstraßen dieser Stadt ist seit mehr als zehn Jahren ein Patchwork aus Asphaltfladen, durchzogen von rot-weißen Baken. 2029 soll dort eine Stadtbahn fahren, deren letzte, 2,1 Kilometer lange Teilstrecke zurzeit 160 Millionen Euro kosten soll.

Man muss Görgs Modell nicht folgen. Eine Stadt ist keine Aktiengesellschaft, ihre Bürgerinnen und Bürger sind keine Aktionäre, und demokratische Kontrolle ist kein Kostenfaktor – so haben es Ratsfraktionen sinngemäß angemerkt, und sie haben damit nicht unrecht. Aber die Frage, warum eine Millionenstadt nicht mit der Klarheit geführt werden darf, die man jedem mittleren Unternehmen abverlangt, verdient eine Antwort. Und zwar bald.

Denn hier liegt der eigentliche Punkt. Der Politik scheint aus den Augen zu geraten, welcher Reformdruck auf öffentlichen Betrieben lastet, beginnend im kommunalen Bereich. Er entlädt sich nicht in Anträgen und Ausschüssen, sondern im Alltag der Menschen. Das reicht von der verzweifelten Suche nach einer bezahlbaren Wohnung über die Kostenexplosionen an öffentlichen Bauten bis zu den besinnungslosen Kölner Staus, die an Freiheitsberaubung grenzen. Wer fürchtet, ein straff geführtes Rathaus gefährde die Demokratie, übersieht: Der tägliche Stillstand beschädigt sie längst – und zwar nachhaltiger, als es mehr Zug in der Verwaltung je täte.

Wer den Druck ignoriert, überlässt das Feld den Vereinfachern. Die haben immer eine Antwort parat. Wer Reformen zu lange vertagt, bekommt am Ende nicht die klügere, sondern die lautere Lösung. Darum geht es. Der Vorschlag des Versicherungsmanagers sollte am Anfang einer Debatte stehen, nicht an deren Ende. Vielleicht macht man es auch ganz anders. Eins aber sollte klar sein: Wie es ist, kann es nicht bleiben. Hier muss der Eindruck entstehen, die Millionen würden verballert. Kein Privathaushalt kann so wirtschaften.

Der Kölner OB Torsten Burmester jedenfalls soll geklatscht haben, als Werner Görg seine Gedanken vortrug. Applaus ist noch kein Ratsbeschluss. Aber er wäre ein Anfang.

Herzlich grüßt Ihr

Peter Pauls

NEWSLETTER 17.07.2026

Von Lidl-Filialen im Zentrum,
einer Heimat hinter Bezahlschranke
und einem Kassensturz im Januar

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

seit der Vertreibung aus dem Paradies gibt es für Menschen wenig, was traumatischer ist als der Verlust von Heimat. Das gilt umso mehr für turbulente Zeiten wie diese. Nichts scheint mehr sicher, weder der Arbeitsplatz noch die Rente oder gar der Frieden, in dem wir so lange schon leben dürfen. Angesichts dieser unwirtlich gewordenen Welt gewinnt vertraute Nähe an Bedeutung. Und was wäre – mehr noch als der abgöttisch verehrte FC – für Kölnerinnen und Kölner mehr Symbol von Heimat als der Dom, ihr Dom, Deutschlands berühmtestes Bauwerk. Er gibt Stadt und Region Identität, Stolz und Selbstbewusstsein. Würde Willi Ostermann (und mit ihm zahllose Generationen) „zo Foß noh Kölle jonn“, wenn an der Stelle des Doms eine Lidl-Filiale stünde oder eine Mall? Wohl kaum.

Doch seit dem 1. Juli ist es ein Stück Heimat hinter einer Bezahlschranke. Die Schwelle zwischen einer Kirche und einem Museum ist mit einer Eintrittsgebühr von 12 Euro überschritten worden. Das zuständige Domkapitel begründet das mit einem erheblichen Unterhaltungsaufwand und hohen Personalkosten. „Das ist natürlich ein Argument“, räumt Barbara Schock-Werner ein. Dennoch zeigt sich die frühere Dombaumeisterin und heutige Präsidentin des Zentral-Dombau-Vereins (ZDV) in unserem Gespräch skeptisch.

Sie sieht vor allem Folgen, die mit Geld nicht zu beziffern sind. „Architektur und Raum haben ja eine Sprache. Wer früher etwa vor oder nach der Arbeit noch einmal durch den Dom ging, um zur Ruhe zu kommen, sich der Ewigkeit zu versichern, findet diesen Raum jetzt nicht mehr vor“, sagt sie mit Blick auf die Menschen aus Köln und dem Umland. „Diese Menschen sind aber die wahren Freunde des Doms.“ Natürlich könne man über das Nordportal in einem kleinen Teil des Doms beten, aber „das fantastische Gesamt-Raumerlebnis bleibt aus.“ Darüber hätte sie, die mit dem ZDV zu den wichtigsten Geldgebern für den Dom-Erhalt gehört, gerne im Vorfeld der Entscheidung mit dem Domkapitel gesprochen, aber „wir waren da nicht einbezogen“.

Für Schock-Werner setzt die öffentliche Diskussion oft den falschen Akzent. Das Eintrittsgeld diene eben nicht der Erhaltung des Doms, sondern solle den Betrieb finanzieren, also die Gehälter der Schweizer, Domorganisten und des anderen Personals. „Für den Erhalt des Bauwerks und seiner Ausstattung gibt es den Dombau-Verein und öffentliche Mittel.“ Es sind also andere Löcher, die gestopft werden müssen als die, die in der Debatte oft eine Rolle spielen.

Aus der Perspektive einer anderen Profession, aber ähnlich kritisch beurteilt Jens Lönneker vom Rheingold-Salon den Umstand, dass das Gotteshaus nur gegen Gebühr zu betreten ist. Gerade für die einheimische Bevölkerung sei der Dom „zentrale seelische Zufluchtsstätte“, sagt der Tiefenpsychologe.

Ausdrücklich betont er, dass das nicht nur für Gläubige gilt. Nachvollziehen könne er allenfalls, dass Touristen zahlen müssten, aber „für die Kölner verschwindet ein Halt gebender Ort.“ In einer Zeit, wo in Deutschland Identitätsstiftendes (wie etwa die Firma Volkswagen) verloren ginge oder existentiell bedroht sei, brauche es dringend solche Räume. „Wenn es die nicht mehr gibt, wird das als Ausdruck von Niedergang gewertet, es entwickelt sich das Gefühl, alles bricht zusammen.“

Im kommenden Januar will das Domkapitel Kassensturz machen. Wie hat sich die Einführung des Eintrittsgeldes ausgewirkt, was wurde eingenommen, wie haben sich die Besucherzahlen entwickelt. Den Vorschlag von Jochen Ott, den Kölnern analog zum Museumstag einmal im Monat bei freiem Eintritt einen Besuch zu ermöglichen, wischten die Verantwortlichen vom Tisch.

Was das Domkapitel – erstaunlicherweise – aus dem Blick verliert: Der Dom bekommt mit dieser Zugangssperre einen anderen Wesenskern, seine Funktion und sein Charakter für die Menschen in dieser Region wird ein anderer – nicht mehr ein Schutzort für die Seele, ein rettendes Zuhause in wildgewordenen Zeiten.

Die Frage in wenigen Monaten wird sein: Bleibt der Dom ein lebendiger, offener, Kraft spendender Ort oder wird er ein stumm gewordenes Monument im Herzen der Stadt, der nicht zu Unrecht nachgesagt wird, dass sie überwiegend auf Gefühl gründet?

 

Es grüßt Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz