NEWSLETTER 29.05.2026
„Ich lasse mich nicht lähmen“ – Kardinal Woelki über Kirche, Kritik und Aufbruch – exklusiv im Presseclub-Newsletter
Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,
er hat zwei Päpste mitgewählt und ist einer der höchsten Vertreter der katholischen Kirche in Deutschland. Protokollarisch gehört Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki zu den ranghöchsten Persönlichkeiten der Stadt. Bescheidenheit ziert Christen, aber warum ist ein so wichtiger Amtsträger bei Spitzenereignissen wie dem IHK-Neujahrsempfang nicht zu sehen? Ich frage ihn am besten selbst.
Kölner könnten es sich schwer vorstellen, meint Woelki, „aber das Erzbistum Köln ist ja viel größer als die Stadt Köln und auch größer als die Großstädte entlang des Rheins“. Sicher: Anfang Mai konnte man Woelki im Wallfahrtsort Bödingen treffen und an Pfingsten in Neviges. Sein Amtsblatt weist für 2025 acht Firmreisen des Erzbischofs aus. Auch an Arbeitstagen, die er in Köln verbringt, ist sein Terminkalender bestens gefüllt: Nach einer Messe, die er manchmal allein, manchmal mit Gästen feiert, geht es um 8 Uhr morgens mit ersten Terminen im Mitarbeiterkreis los. In der Regel ist Woelki dann bis zum späten Abend beschäftigt.
Aber muss ein Kardinal und Erzbischof nicht bei politischen und gesellschaftlichen Ereignissen Flagge zeigen? Woelki sieht, dass das dazugehört: „Aber ehrlich gesagt, liebe ich es nicht besonders.“ Und: „Wer mich kennt, weiß, dass ich nie die Öffentlichkeit gesucht habe.“ Papst Leo XIV. habe einst, als Chef der Bischofsbehörde im Vatikan, gesagt, ein Bischof solle vor allem Seelsorger sein. Das spreche ihm aus dem Herzen. „Deswegen verbringe ich jetzt beispielsweise seit Monaten meine Sonntage regelmäßig mit Gläubigen in Pfarreien, die zum letzten Jahreswechsel neu zusammengewachsen sind.“ Und deshalb freue er sich so über Begegnungen mit jungen Menschen – bei Firmungen, in Neviges, beim Glaubensfestival „kommt und seht“ nach Fronleichnam.
Geht FC-Fan Woelki ins Stadion? Er verweist auf seinen Terminkalender. Und er sei privat gern unerkannt unterwegs. Aber er halte zum FC und sei ein großer Fußballfan. „Da stürze ich mich ja schon ohne Stadion in Unkosten für alle nötigen Streaming-Abos, um überhaupt alle Spiele sehen zu können, die ich sehen möchte und für die ich mir die Zeit nehmen kann.“
Woelki engagiert sich für Geflüchtete, Obdachlose, den Klimaschutz. Das seien Herzensanliegen, das treibe ihn um. Dass er damit aneckt, ist für ihn „ok“. Woelki weiter: „Wenn ich auf die Kirche insgesamt schaue, dann beschäftige ich mich eigentlich jeden Tag mit der Frage, wie wir wieder wachsen können.“ Richtig gehört? „Sie dürfen mich jetzt gerne für verrückt erklären.“ Trotz der Kirchenaustritte, der geringen Zahl von Priesterweihen, des gesellschaftlichen Wandels könne er gar nicht anders, als über Wachstum nachzudenken, wenn er den Auftrag Jesu ernst nehme. „Das ist der Grund, warum ich nicht für einen geordneten Rückzug arbeite, sondern für einen neuen Aufbruch.“ In Köln-Zollstock und Brühl, Wuppertal und Düsseldorf gründet das Erzbistum neue Gemeinden. „In der Wirtschaft würde man hier von Start-ups sprechen: Risikobereit, aber mit einem guten Plan.“
Jeder Mensch, findet Woelki, müsse die Möglichkeit haben, den Glauben an Gott kennenzulernen. Darf ein Dombesuch da Eintritt kosten? „Das Domkapitel stellt sich den wirtschaftlichen Herausforderungen und trifft jetzt wirklich schwierige Entscheidungen. Dafür habe ich großen Respekt“, so der Kardinal. Entscheidend sei, „dass der Dom für alle offen und frei zugänglich bleibt, die dort Gottesdienst feiern, beten oder auch nur eine Kerze entzünden möchten“. Der Zuschuss des Erzbistums für den Dom bleibe stabil und auf hohem Niveau, verspricht er.
Ein Skandal, der die Botschaft der Kirchen – aller Kirchen – verdunkelt, sind Fälle sexualisierter Gewalt. Beim Umgang damit fand Woelki nach eigener Aussage „eine völlig unbefriedigende Situation“ vor, als er sein Amt 2014 antrat. Während seiner ganzen Amtszeit habe er „eine konsequente Professionalisierung von Prävention, Intervention und Aufarbeitung vorangetrieben“. Allerdings: Die Debatte darüber verfolgt ihn bis heute.
Letzte Wendung: ein Zwischenbericht der Unabhängigen Aufarbeitungskommission für das Erzbistum. Unter Punkt 4 der Fall eines Geistlichen, gegen den es schon unter dem früheren Erzbischof Joachim Kardinal Meisner anonyme Anschuldigungen gab. Dann erneut 2015, unter Woelki. Außerdem meldete sich nun eine namentlich bekannte Person, die aber nichts Konkretes beitrug. Ein Gutachten des Kölner Strafrechtlers Björn Gercke hatte dem Erzbistum hier keine Fehler angelastet. Die Kommission bewertet es jetzt anders: „Wenigstens“ der anonyme Hinweis von 2015 hätte zu Meldungen an Glaubenskongregation und Staatsanwaltschaft führen müssen. Die gab es nicht.
Woelki reagiert ausführlich. Die Meldung, auf die sich die Kommission stützt, sei „anonym, abstrakt und bis heute unbelegt“ gewesen. Dennoch habe er alle verfügbaren Möglichkeiten genutzt, um zu einer Einschätzung zu kommen. „Die hinzugezogenen Experten haben damals kein weiteres Vorgehen empfohlen, da bei einer anonymen und inhaltlich völlig abstrakten Meldung nach damaliger Einschätzung kein Ermittlungs- und Aufklärungserfolg erreicht werden konnte.“ Das habe, daran hält er vor dem Hintergrund der aktuellen kontroversen Diskussion ausdrücklich fest, der damaligen kirchenrechtlichen Praxis entsprochen. Aber, so Woelki: Man habe die Praxis bereits als Konsequenz aus dem Gercke-Gutachten geändert und gebe jetzt auch anonyme und abstrakte Meldungen an die Staatsanwaltschaft. „Damit ist klar: Heute würde bei einer vergleichbaren Ausgangslage anders gehandelt.“ Auch der umstrittene Fall liegt seit Ende letzten Jahres bei den Ermittlern.
2021 ist das Gercke-Gutachten erschienen. Fünf Jahre später gibt es immer noch Streit. Stets im Fokus der Kritik: Woelki. Am 18. August wird der Kardinal 70, und mir drängt sich die Frage auf, ob er das Amt nicht manchmal gern an einen Jüngeren abgeben würde.
„Nein, überhaupt nicht“, antwortet Woelki. „Wenn ich ehrlich bin, dann hat mir mein Amt eigentlich nie mehr Freude bereitet als derzeit.“ Vielleicht am schönsten sei es, „mit so vielen tollen Leuten zusammen an der Zukunft der Kirche zu arbeiten, damit die Frohe Botschaft jeden Tag kraftvoll gelebt und verkündet werden kann“. Strukturreformen und KI-Einsatz, klar, vor allem aber: „Wir haben eine geistliche Vision entwickelt und beschreiben damit, wo und wie wir wieder wachsen wollen.“ Gerade hat er sich bei anglikanischen Gemeinden über Neugründungen und Erneuerungsprozesse informiert. „Ja, es sind herausfordernde Zeiten für die Kirche. Aber wir lassen uns davon nicht – ich lasse mich davon nicht lähmen und ängstigen. Sondern wir begegnen diesen Herausforderungen mutig und entschieden.“
Meine Bilanz: Ob es Woelkis Kritikern gefällt oder nicht, dieser Mann hat noch etwas vor.
Ihnen, liebe Leserinnen und liebe Leser, wünsche ich ein schönes Wochenende und einen wunderbaren Feiertag Fronleichnam.
Ihr Raimund Neuß