NEWSLETTER 29.05.2026

„Ich lasse mich nicht lähmen“ – Kardinal Woelki über Kirche, Kritik und Aufbruch –  exklusiv im Presseclub-Newsletter

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

er hat zwei Päpste mitgewählt und ist einer der höchsten Vertreter der katholischen Kirche in Deutschland. Protokollarisch gehört Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki zu den ranghöchsten Persönlichkeiten der Stadt. Bescheidenheit ziert Christen, aber warum ist ein so wichtiger Amtsträger bei Spitzenereignissen wie dem IHK-Neujahrsempfang nicht zu sehen? Ich frage ihn am besten selbst.

Kölner könnten es sich schwer vorstellen, meint Woelki, „aber das Erzbistum Köln ist ja viel größer als die Stadt Köln und auch größer als die Großstädte entlang des Rheins“. Sicher: Anfang Mai konnte man Woelki im Wallfahrtsort Bödingen treffen und an Pfingsten in Neviges. Sein Amtsblatt weist für 2025 acht Firmreisen des Erzbischofs aus. Auch an Arbeitstagen, die er in Köln verbringt, ist sein Terminkalender bestens gefüllt: Nach einer Messe, die er manchmal allein, manchmal mit Gästen feiert, geht es um 8 Uhr morgens mit ersten Terminen im Mitarbeiterkreis los. In der Regel ist Woelki dann bis zum späten Abend beschäftigt.

Aber muss ein Kardinal und Erzbischof nicht bei politischen und gesellschaftlichen Ereignissen Flagge zeigen? Woelki sieht, dass das dazugehört: „Aber ehrlich gesagt, liebe ich es nicht besonders.“ Und: „Wer mich kennt, weiß, dass ich nie die Öffentlichkeit gesucht habe.“ Papst Leo XIV. habe einst, als Chef der Bischofsbehörde im Vatikan, gesagt, ein Bischof solle vor allem Seelsorger sein. Das spreche ihm aus dem Herzen. „Deswegen verbringe ich jetzt beispielsweise seit Monaten meine Sonntage regelmäßig mit Gläubigen in Pfarreien, die zum letzten Jahreswechsel neu zusammengewachsen sind.“ Und deshalb freue er sich so über Begegnungen mit jungen Menschen – bei Firmungen, in Neviges, beim Glaubensfestival „kommt und seht“ nach Fronleichnam.

Geht FC-Fan Woelki ins Stadion? Er verweist auf seinen Terminkalender. Und er sei  privat gern unerkannt unterwegs. Aber er halte zum FC und sei ein großer Fußballfan. „Da stürze ich mich ja schon ohne Stadion in Unkosten für alle nötigen Streaming-Abos, um überhaupt alle Spiele sehen zu können, die ich sehen möchte und für die ich mir die Zeit nehmen kann.“

Woelki engagiert sich für Geflüchtete, Obdachlose, den Klimaschutz. Das seien Herzensanliegen, das treibe ihn um. Dass er damit aneckt, ist für ihn „ok“. Woelki weiter: „Wenn ich auf die Kirche insgesamt schaue, dann beschäftige ich mich eigentlich jeden Tag mit der Frage, wie wir wieder wachsen können.“ Richtig gehört? „Sie dürfen mich jetzt gerne für verrückt erklären.“  Trotz der Kirchenaustritte, der geringen Zahl von Priesterweihen, des gesellschaftlichen Wandels könne er gar nicht anders, als über Wachstum nachzudenken, wenn er den Auftrag Jesu ernst nehme. „Das ist der Grund, warum ich nicht für einen geordneten Rückzug arbeite, sondern für einen neuen Aufbruch.“ In Köln-Zollstock und Brühl, Wuppertal und Düsseldorf gründet das Erzbistum neue Gemeinden. „In der Wirtschaft würde man hier von Start-ups sprechen: Risikobereit, aber mit einem guten Plan.“

Jeder Mensch, findet Woelki, müsse die Möglichkeit haben, den Glauben an Gott kennenzulernen. Darf ein Dombesuch da Eintritt kosten? „Das Domkapitel stellt sich den wirtschaftlichen Herausforderungen und trifft jetzt wirklich schwierige Entscheidungen. Dafür habe ich großen Respekt“, so der Kardinal. Entscheidend sei, „dass der Dom für alle offen und frei zugänglich bleibt, die dort Gottesdienst feiern, beten oder auch nur eine Kerze entzünden möchten“. Der Zuschuss des Erzbistums für den Dom bleibe stabil und auf hohem Niveau, verspricht er.

Ein Skandal, der die Botschaft der Kirchen – aller Kirchen – verdunkelt, sind Fälle sexualisierter Gewalt. Beim Umgang damit fand Woelki nach eigener Aussage „eine völlig unbefriedigende Situation“ vor, als er sein Amt 2014 antrat. Während seiner ganzen Amtszeit habe er „eine konsequente Professionalisierung von Prävention, Intervention und Aufarbeitung vorangetrieben“. Allerdings: Die Debatte darüber verfolgt ihn bis heute.

Letzte Wendung: ein Zwischenbericht der Unabhängigen Aufarbeitungskommission für das Erzbistum. Unter Punkt 4 der Fall eines Geistlichen, gegen den es schon unter dem früheren Erzbischof Joachim Kardinal Meisner anonyme Anschuldigungen gab. Dann erneut 2015, unter Woelki. Außerdem meldete sich nun eine namentlich bekannte Person, die aber nichts Konkretes beitrug. Ein Gutachten des Kölner Strafrechtlers Björn Gercke hatte dem Erzbistum hier keine Fehler angelastet. Die Kommission bewertet es jetzt anders: „Wenigstens“ der anonyme Hinweis von 2015 hätte zu Meldungen an Glaubenskongregation und Staatsanwaltschaft führen müssen. Die gab es nicht.

Woelki reagiert ausführlich. Die Meldung, auf die sich die Kommission stützt, sei „anonym, abstrakt und bis heute unbelegt“ gewesen. Dennoch habe er alle verfügbaren Möglichkeiten genutzt, um zu einer Einschätzung zu kommen. „Die hinzugezogenen Experten haben damals kein weiteres Vorgehen empfohlen, da bei einer anonymen und inhaltlich völlig abstrakten Meldung nach damaliger Einschätzung kein Ermittlungs- und Aufklärungserfolg erreicht werden konnte.“ Das habe, daran hält er vor dem Hintergrund der aktuellen kontroversen Diskussion ausdrücklich fest, der damaligen kirchenrechtlichen Praxis entsprochen. Aber, so Woelki: Man habe die Praxis bereits als Konsequenz aus dem Gercke-Gutachten geändert und gebe jetzt auch anonyme und abstrakte Meldungen an die Staatsanwaltschaft. „Damit ist klar: Heute würde bei einer vergleichbaren Ausgangslage anders gehandelt.“ Auch der umstrittene Fall liegt seit Ende letzten Jahres bei den Ermittlern.

2021 ist das Gercke-Gutachten erschienen. Fünf Jahre später gibt es immer noch Streit. Stets im Fokus der Kritik: Woelki. Am 18. August wird der Kardinal 70, und mir drängt sich die Frage auf, ob er das Amt nicht manchmal gern an einen Jüngeren abgeben würde.

„Nein, überhaupt nicht“, antwortet Woelki. „Wenn ich ehrlich bin, dann hat mir mein Amt eigentlich nie mehr Freude bereitet als derzeit.“ Vielleicht am schönsten sei es, „mit so vielen tollen Leuten zusammen an der Zukunft der Kirche zu arbeiten, damit die Frohe Botschaft jeden Tag kraftvoll gelebt und verkündet werden kann“. Strukturreformen und KI-Einsatz, klar, vor allem aber: „Wir haben eine geistliche Vision entwickelt und beschreiben damit, wo und wie wir wieder wachsen wollen.“ Gerade hat er sich bei anglikanischen Gemeinden über Neugründungen und Erneuerungsprozesse informiert. „Ja, es sind herausfordernde Zeiten für die Kirche. Aber wir lassen uns davon nicht – ich lasse mich davon nicht lähmen und ängstigen. Sondern wir begegnen diesen Herausforderungen mutig und entschieden.“

Meine Bilanz: Ob es Woelkis Kritikern gefällt oder nicht, dieser Mann hat noch etwas vor.

 

Ihnen, liebe Leserinnen und liebe Leser, wünsche ich ein schönes Wochenende und einen wunderbaren Feiertag Fronleichnam.

Ihr Raimund Neuß

NEWSLETTER 22.05.2026

„Nicht diskutierbar!“ Wie kommen die neuen Regeln für die  Außengastronomie in der Praxis an? Ein Realitäts-Check in der Altstadt

 

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

nehmen wir uns einmal vor, in die Kölner Altstadt zu gehen. Ein Blick von der Rheinuferpromenade auf das Postkarten-Motiv. Bunte Fassaden, spitze Giebel, davor viel Grün, Markisen und Sonnenschirme. Alles wie immer? Nicht ganz. Es tut sich gerade etwas in der Altstadt.

„Köln gibt’s schon, aber es ist ein Traum“, hat Heinrich Böll gesagt. Aktuell träumen wir von einer aufgeräumten, attraktiven Stadt, frei von Gestaltungs-Wildwuchs und Angst-Räumen. Damit das vielleicht einmal wahr wird, gibt es eine Reihe von Richtlinien der Stadt. Zum Beispiel das „Regelwerk zur Anordnung und Gestaltung der Außengastronomie“ mit der ambitionierten Überschrift „Köln. Gestaltet. Außengastronomie, 2024 vom Rat beschlossen und in diesem Jahr erstmals gültig. Was heißt das? Und was verändert sich? Ein Realitäts-Check vor Ort.

In der Altstadt bin ich mit der Gastronomin Sylvia Fehn-Madaus („Em Krützche“) und Wilhelm Wichert, Inhaber des Lokals „Haxenhaus“, verabredet. Beide begrüßen grundsätzlich die Idee von Gestaltungsrichtlinien. „Es ist ein großer Fortschritt, dass es ein einheitliches Bild vor den Lokalen geben soll. Das gibt uns Planungssicherheit und ist das richtige Fundament, sagt Wilhelm Wichert. Auch für Sylvia Fehn-Madaus ist es keine Frage, dass es mit zunehmender „Mediterranisierung“ der Gastronomie Sinn macht, für Ordnung zu sorgen. Bis zum 1. Oktober 2026 gilt in der Altstadt und im Domumfeld noch eine Übergangsfrist, danach treten die Richtlinien in der „Zone von internationaler Bedeutung“ in Kraft. Für das übrige Stadtgebiet gibt es ein gestaffeltes Umsetzungsverfahren bis 2028.

In dem Regelwerk, an dessen Entstehung auch Gastronomen, Interessenverbände und die IHK beteiligt waren, werden zum einen Qualitätsstandards mit eher empfehlendem Charakter festgehalten wie „Das Mobiliar sollte zusammenpassen und Materialien, Form und Farbe aufeinander abgestimmt sein“ oder „Alle Elemente sollten in einem sauberen und funktionsfähigen Zustand sein“.

Es gibt aber auch das Kapitel „Verbindliche Vorgaben“ mit dem Zusatz (wörtlich!) „Nicht diskutierbar. Diese Vorgaben, heißt es weiter, „bilden die rechtssichere Bewertungsgrundlage für die Beantragung einer Sondernutzungserlaubnis für Außengastronomie.“ Oder: Ohne Umsetzung keine Konzession.

Und da wird es ernst. Es geht unter anderem um Barrierefreiheit, detaillierte Abstandsregelungen, Sitzbank-Längen, Aufstellelemente, Werbetafeln. Nicht erlaubt sind etwa Stehtische, Außentheken, Paletten-Möbel, Bierzelt-Garnituren, zusätzliche Bodenbeläge wie Teppiche oder Kunstrasen. Bei einigen Altstadt-Lokalen ist das jetzt schon umgesetzt, andere werden in den nächsten Monaten noch viel zu tun haben, um unerwünschte Tafeln, Aufbauten, Abtrennungen zu entfernen oder regelkonform zu gestalten. Aber: Nicht alle Vorgaben lassen sich so einfach umsetzen. „Da gibt es Punkte, die bei mir Magenkrämpfe verursachen, sagt Wilhelm Wichert, der selbst am Runden Tisch für die Erstellung der Richtlinien saß, und jetzt auf einzelne Vorgaben stößt „von denen ich nicht weiß, wie sie da eigentlich reinkamen.“

Dazu gehört für Sylvia Fehn-Madaus die Vorschrift für die Installation von Sonnenschirmen unter Bäumen. „Sonnenschirme und Markisen müssen einen Abstand von 1,50 m zu Kronen und Stämmen von durch die Baumschutzsatzung geschützten Bäumen einhalten, besagt die Richtlinie. „Wie soll das denn gehen?, fragt sich die Gastronomin, die seit Jahrzehnten eine Außenfläche unter den Kugelahorn-Bäumen des Rheingartens bewirtschaftet. Und nicht nur sie. Entlang der Altstadt-Front sind an einem sonnigen Maitag vor fast allen Lokalen im Rheingarten-Bereich Schirme aufgespannt, die bis unmittelbar unter die Äste reichen. 1,50 Meter Abstand? Unmöglich. Wilhelm Wichert: „Da können wir nur auf eine kölsche Lösung hoffen.“ Denn ohne die Schirme als Schutz vor Sonne, Regen und Vogeldreck, fürchtet Sylvia Fehn-Madaus, wären die Tische im Außenbereich nicht nutzbar.

Ähnlich sieht das Anke Greiling, Gastronomieexpertin der IHK Köln, die sich mit den Außengestaltungsrichtlinien befasst. Die IHK, sagt sie, begrüße, „dass Ordnung ins Stadtbild kommt.“ Dies dürfe aber nicht zur Belastung für die Unternehmen werden. „Wenn nun die Baumschutzsatzung mit einem geforderten Mindestabstand zwischen Ästen und Sonnenschirmen durchgesetzt werden sollte, müssten wahrscheinlich viele Betriebe ihre Außengastronomie schließen. Bislang wurden die Sonnenschirme toleriert, auch wenn sie dicht unter den Baumkronen waren, deshalb hoffen wir auf Bestandsschutz und Toleranz.“

Altstadt-Wirtin Fehn-Madaus hat bislang nicht den Eindruck gehabt, dass die Bäume vor ihrem Lokal durch die Sonnenschirme Schaden nehmen. Allerdings könnten ihrer Meinung nach durchaus auch ein paar untere Zweige entfernt werden, um Abstand herzustellen. Anke Greiling hat bei der Stadt nachgefragt und vom Grünflächenamt die Auskunft bekommen, dass es erst Ende Mai/Anfang Juni eine Kontrolle der Bäume in der Altstadt geben soll. Da ist dann bereits seit Wochen Hochbetrieb in der Außengastronomie.

Die „Krützche“-Wirtin wartet derzeit wie viele Gastro-Unternehmer auf die Konzession zum Außenbetrieb. Rund 700 Anträge seien 2026 bei der Stadt eingegangen, erklärt das Presseamt auf Anfrage. Wie viele bereits beschieden seien, kann die Stadt nicht sagen. Dazu erfolge keine „händische Auswertung“. Allerdings erklärt der Sprecher: „Sofern es sich um Bestandsflächen von vorhandenen Betrieben handelt, dürfen die Betreiber*innen unbürokratisch direkt nach Erhalt einer automatisierten Bestätigungs-E-Mail die Flächen weiter nutzen und bewirtschaften.“ Für Sylvia Fehn-Madaus heißt das: „Einfach mal weitermachen.“ Auch eine kölsche Lösung.

Und was würde Böll sagen? Vielleicht: „Köln gibt`s schon – aber es bleibt ein Traum.“

In der Hoffnung auf einen Sommer unter Bäumen und Sonnenschirmen und mit herzlichen Grüßen

Ihre Cordula von Wysocki

NEWSLETTER 15.05.2026

Von ausgezehrten Landschaften, radikalem Islamismus und dem Glauben an die eigene Kraft

 

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

es gibt wirklich faszinierende Landschaften in Deutschland. Die politische Landschaft gehört jedoch eher nicht dazu, zumindest derzeit. Überforderte Akteure, ausgelaugte Parteien, ein genervtes Wahlvolk – triste Perspektiven also wohin man schaut. Unter solchen Bedingungen in die Politik zu gehen – wer um alles in der Welt tut sich das an? Bei der Suche nach Antworten stößt man auf Menschen wie Maria Westphal. Die 42-jährige Kölner FDP-Politikerin hat sich ausgerechnet die Partei ausgesucht, die auf der politischen Intensivstation liegt, die weder Mandate noch lukrative Karrieren zu bieten hat und der der Kanzler gerade schon den Tod attestiert hat. Was also bringt eine Frau in der Rushhour des Lebens dazu, sich ausgerechnet bei den Liberalen zu engagieren?

Um das herauszufinden, habe ich mich mit Maria Westphal in einer Ehrenfelder Kitchen Bar getroffen, eine eher hippe als arrivierte Location. Sie mag diesen unprätentiösen Ort, wie sie überhaupt wenig ins von Gegnern der FDP liebevoll gepflegten Klischee passt, die in der männerlastigen Partei eher eine hedonistische Boygroup sieht. Schnell lässt sie durchblicken, dass sie mit schnöseligen Statussymbolen ohnehin herzlich wenig anfangen kann.

Was also treibt sie um? Auf diese Frage schildert sie ihre Erfahrungen als Referendarin an einer Essener Gesamtschule. Dort, in einem sozialen Brennpunkt, hat sie nicht nur beobachtet, sondern es erlebt, wie eine verfehlte Integrationspolitik sich auswirkt: „Das waren Abgründe, in die ich da als junge Frau geschaut habe. Sowas kannte ich nur aus dem Fernsehen.“ Die Verhältnisse dort, so lernte sie schnell, sind der ideale Wachstumstreiber für radikalen Islamismus und Salafismus. Die liberalen Werte des Grundgesetzes, Menschenwürde, Respekt und Toleranz? Fehlanzeige.

Es ist durchaus nicht so, dass Maria Westphal vom Leben nur gepudert worden wäre. Sie wuchs als Tochter eines Kiosk-Besitzers im Ruhrgebiet auf und kennt sich aus mit Lebenswelten jenseits abgeschirmter gutbürgerlicher Verhältnisse. Der Vater starb kurz nach dem Abitur und sie musste sich auf sich selbst gestellt durchbeißen. Das schaffte Vertrauen in die eigene Kraft – und trieb sie in die Arme des Liberalismus, der auf Eigenverantwortung setzt. Schnell war ihr klar, dass der Staat nur den Rahmen setzen kann, für den eigenen Antrieb muss man schon selbst sorgen. Das, so sagt sie, prägte ihr Menschenbild.

Wir hätten uns zu sehr auf einen zunehmend überdehnten Staat verlassen, der für alle unsere Lebensumstände und unser Wohlergehen verantwortlich gemacht werde – ein entmündigender Nanny-Staat eben. Das verhindere die Mobilisierung eigener Fähigkeiten, doch die „freie Selbstverwirklichung“ sei der Schlüssel zu einem erfüllten Leben. Auch könne kein Staat der Welt den Menschen alle Lebensrisiken abnehmen.

Zunehmend besorgt Maria Westphal die wachsende Intoleranz in der Gesellschaft. Vor allem Minderheiten wie Juden oder die LGBTQ-Community bekämen das zu spüren. „Dass Juden gewaltsam attackiert werden und CSD-Umzüge aus Sicherheitsgründen abgesagt werden müssen, ist für eine freie Gesellschaft ein Skandal“, empört sie sich. Hier sei nicht nur der Staat gefordert, sondern ebenso zivilgesellschaftliches Engagement. Auch die Schule, der die wertvollste Ressource eines Landes ohne nennenswerte Rohstoffreserven anvertraut ist, wird zum Ausgangspunkt einer fatalen Entwicklung: In Gelsenkirchen etwa, so sagt Westphal, seien schon Grundschulklassen komplett nicht versetzt worden, weil die Kinder kein Deutsch sprächen – ein Scheitern im Leben mit Ansage und verheerend für eine kinderarme Gesellschaft.

Dass die jugendlich wirkende Kölnerin für eine taumelnde FDP ein Aktivposten sein kann, hat die Partei längst erkannt. Sie steht für einen Lebensentwurf und Wählergruppen, die die liberale Partei nicht oder nicht mehr erreicht. Schon als Lehrerin an einem Berufskolleg erreicht Maria Westphal Milieus, die der FDP in ihrer programmatischen Verengung verlorengegangen sind.

Westphal ist Kreisvorsitzende und im Landesvorstand, mittlerweile auch Beisitzerin im Bundesvorstand der Liberalen. Beim Kampf um den Vorsitz der FDP hat sie gute Chancen, in den engeren Führungszirkel aufzusteigen. Wolfgang Kubicki etwa, der gegen das Image eines aus der Zeit gefallenen fleischgewordenen Herrenwitzes ankämpft, hat Maria Westphal öffentlich als jemanden benannt, die künftig das Bild der FDP prägen soll. Ende Mai ist der Parteitag in Berlin, wo die Weichen für die Zukunft des organisierten Liberalismus in Deutschland gestellt werden – also über Ende oder Wiederauferstehung der FDP.

In guter liberaler Tradition ist Maria Westphal von der Politik existenziell unabhängig, sie gehört nicht zu denen, deren Leben mit der Trias Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal beschrieben wird. Unabhängig von der Parteizugehörigkeit muss man sich wünschen, dass es mehr Maria Westphals gibt, die der Politik mit ihrem Engagement dringend benötigten Sauerstoff zuführen. Dem Land täte es gut.

 

Es grüßt Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz

 

 

NEWSLETTER 08.05.2026

Reicht das „Jeföhl“?
Warum Köln-Gäste mehr brauchen als die kölsche Atmosphäre.

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

kürzlich saß ich in einem Kölner Büro. An einem Computer hing ein Zettel mit dem Spruch: „Kölsche Luft enthält 20 Prozent Sauerstoff und 80 Prozent Jeföhl.“ Ich musste lachen. Weil ich sofort dachte: Ja, genau so erzählt Köln sich gern. Aber dann kam mir ein zweiter Gedanke: Wir Kölner verstehen diesen Satz sofort. Für uns ist klar, was gemeint ist. Aber versteht ihn auch jemand, der zum ersten Mal nach Köln kommt? Ein Gast aus Asien, Amerika, Skandinavien oder einfach aus einer anderen deutschen Stadt?

Reicht es, zu sagen: Köln ist eben ein Gefühl. Oder muss Köln dieses Gefühl besser erklären?

Interessant ist dabei zunächst nicht, wie viele Menschen nach Köln kommen, sondern warum sie kommen. Köln hat jährlich rund 4,3 Millionen Gäste und mehr als sieben Millionen Übernachtungen. Ein erheblicher Teil davon sind Geschäftsreisende, je nach Jahr etwa 50 bis 60 Prozent. Das heißt: Viele Menschen kommen nicht einfach nach Köln, weil sie schon immer mal über die Hohenzollernbrücke laufen oder den Dom sehen wollten. Sie kommen wegen eines Termins, wegen einer Messe, eines Kongresses.

Aber auch Geschäftsreisende sind Gäste. Auch sie erleben Köln: den Weg vom Bahnhof zur Messe, das Hotel, das Restaurant am Abend, die Sicherheit auf den Plätzen, die Freundlichkeit im Service, die Frage, ob eine Stadt funktioniert. Gerade bei ihnen entscheidet sich oft, ob Köln nur Arbeitsort bleibt oder als Stadt in guter Erinnerung mit positiven Begegnungen.

Stefan Löcher, Geschäftsführer der Lanxess Arena, schaut aus der Perspektive der großen Events auf Köln. Er sagt: Großveranstaltungen sind ein „Wirtschaftsbooster für die ganze Region“. Wenn in der Arena ein Konzert, ein Spiel oder eine Show läuft, verdient nicht nur die Arena. Menschen reisen an, übernachten in Hotels, essen in Restaurants, fahren Taxi, trinken noch etwas, posten Bilder und nehmen Köln als Stadt wahr, in der etwas passiert. Löcher verweist in dem Zusammenhang auf eine neue Studie der Deutschen Sporthochschule. Danach bringen Arena-Gäste der Kölner Wirtschaft jährlich mehr als 340 Millionen Euro zusätzlich. Die Ausgaben von Veranstaltern, Produktionsfirmen und Dienstleistern sind darin noch gar nicht enthalten. Er fügt aber auch hinzu: „Events verbinden und Events emotionalisieren. Egal ob Kölner oder Gäste von außerhalb.“ 

Damit sind wir beim Kern. Köln hat viele Gründe, Menschen anzuziehen. Aber aus einzelnen Anlässen entsteht noch keine Stadtmarke. Dafür braucht es ein erkennbares Bild. Stephanie Kleine Klausing, die neue Geschäftsführerin von Köln Tourismus, setzt genau dort an. Sie will Köln nicht in Schubladen sortieren. Sie sagt: „Köln lebt von seiner Vielfalt und genau darin liegt unsere Stärke: Kultur und Events sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille.“

Das klingt zunächst selbstverständlich. Ist es aber nicht. Denn in Köln wird noch vieles getrennt gedacht: Messe hier, Kultur und Ausstellungen da, Events dort, Veedel wieder woanders. Für Gäste ergibt sich daraus nicht automatisch ein Bild. Kleine Klausing formuliert den Anspruch so: „Wir sollten nicht in Kategorien wie ‚Event‘ oder ‚Kultur‘ denken, sondern in Erlebnissen, die Menschen verbinden.“ Und weiter: „Ein Konzert, ein Festival oder eine Ausstellung entfalten ihre volle Wirkung erst im Zusammenspiel mit der Stadt, ihren Geschichten und ihrer kreativen Szene.“

Genau hier wird es kölnisch kompliziert. Köln hat viel vorzuweisen. Auf dem Papier jedenfalls. In der Praxis gehört zur Wahrheit: Köln ist für Besucher nicht immer so aufgestellt, wie es eine internationale Messe-, Kongress-, Kultur- und Eventstadt sein müsste. Wer mit dem Zug ankommt, erlebt rund um den Hauptbahnhof nicht unbedingt den besten ersten Eindruck. Wer mit der KVB unterwegs ist, braucht Geduld und oft starke Nerven. Wer mit dem Auto kommt auch. Wo parken? Wie komme ich von dort weiter? Welche Straße ist gerade für Autos gesperrt?

Auch kulturell wird es kompliziert. Köln spricht gern von seiner reichen Museumslandschaft. Nur stehen einige der wichtigen Versprechen derzeit hinter Bauzäunen, in Ausweichquartieren oder auf Sanierungslisten. Wer Kulturstadt sagt, muss auch liefern können. Ähnlich ist es im öffentlichen Raum. Köln kann warm, offen und überwältigend lebendig sein. Es kann aber auch schmutzig, unübersichtlich und ziemlich ungepflegt wirken. Für Gäste gehört beides zum Eindruck. Eine Stadtmarke entsteht eben nicht nur auf Internetseiten, sondern auch an Haltestellen, auf Plätzen und auf dem Weg zurück ins Hotel. Und dann ist da noch die Frage, wann rheinische Lebensfreude ins Gegenteil kippt. Wenn Köln vor allem als Kulisse für Junggesellenabschiede, Wochenendtrinken und Karnevalsexzess wahrgenommen wird, wird aus Jeföhl schnell Ballermannisierung. Das trifft die Menschen, die hier wohnen und das Image der Stadt.

Es grüßt herzlich

Ihre Claudia Hessel

 

 

 

NEWSLETTER 01.05.2026

Heimatloses Erbe – kann das Stadtmuseum zurück ins Zeughaus? Und wer soll das bezahlen? Der Museumschef setzt auf neue Finanzierungswege

 

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

im erlesenen Kreis bedeutender und betuchter Gäste aus der Kölner Stadtgesellschaft öffnete Oberbürgermeister Burmester kürzlich ein Fenster in die Zukunft. An der dreißig Meter langen, festlich gedeckten Tafel beim Zeughaus-Dinner sprach er von „Kräftebündelung“ und einem „Gemeinschaftswerk“ im Hinblick auf die Sanierung des historischen Gebäudes und die Rückkehr des Kölnischen Stadtmuseums in das angestammte Haus. Nicht wenige an diesem Abend verstanden dies als Hinweis auf eine Öffnung der Stadt für neue Finanzierungswege. Angesichts der Haushaltslage wahrscheinlich der letzte Rettungsweg aus dem Sanierungsstau. Aber was heißt das genau für das Schicksal der unschätzbar wertvollen Sammlung zur Stadtgeschichte? Gibt es bereits Pläne, interessierte Investoren, Kostenprognosen für ein neues Kultur-Areal an der Zeughausstraße?

Das frage ich den Mann, der bei dem Thema wohl am nächsten dran ist: Dr. Matthias Hamann, Direktor des Kölnischen Stadtmuseums. Wir treffen uns dort, wo das Haus der Kölner Geschichte einmal beheimatet war: im Zeughaus. Die einst prägenden, aber inzwischen maroden rot-weißen Fensterläden sind aus Sicherheitsgründen abmontiert; das goldene Flügelauto von HA Schult muss wegen statischer Gefährdung des Turms noch im Mai an einen Standort am Rande der Altstadt versetzt werden. Die 1000 Quadratmeter große Halle im Erdgeschoss des Zeughauses ist leer. Fast leer, besser gesagt, denn ausgestellt werden hier derzeit die Entwürfe von Architekturstudierenden der TH Köln für ein neues Kultur-Quartier.

Kurzer Rückblick: Seit einem Wasserschaden 2017 ist das mehr als 400 Jahre alte Gebäude im jetzigen Zustand für den Museumsbetrieb nicht nutzbar. Ohne Klimatechnik und ohne vollständige Barrierefreiheit war das Haus ohnehin dringend sanierungsbedürftig. Die wichtigsten Exponate zur Kölner Stadthistorie werden seit 2024 provisorisch im Haus Sauer präsentiert, auf 700 Quadratmetern, für fast eine Million Euro Miete im Jahr. Das kann kein Dauerzustand sein. In einem Brief an den OB beklagen rund 50 Geschichtsvereine und Initiativen eine „Verzwergung unseres historischen Erbes“.

Museumsdirektor Hamann kann sich gut vorstellen, dass nach einer Sanierung des Zeughauses im Erdgeschoss und im ersten Stock die Dauerausstellung präsentiert wird und eine Fläche für Wechselausstellungen entsteht. Zu Sonderthemen beispielsweise, oder einzelnen Aspekten der riesigen Sammlung, die sich zum überwiegenden Teil im Depot befindet. So würden etwa historische Fotos, Reklametafeln oder Alltagsgegenstände für die Gegenwart aktiviert werden.  Die Erinnerungen, die damit verbunden sind, könnten Kölnerinnen und Kölner mit dem Museum teilen. Ein Ort für Public Science. „Wir laden die Bevölkerung ein, das Wissen der Stadt zu vermehren“, erklärt Matthias Hamann seine Vision von einem modernen Museum.

In den darüber liegenden Stockwerken wäre Raum, die Bibliothek mit 30 000 Bänden, die 100 000 Grafiken und Fotos sowie rund 60 000 Münzen und Medaillen zugänglich zu machen. Die benachbarte Alte Wache wäre aus Sicht des Museumschefs der richtige Ort für einen Veranstaltungssaal, der vermietet werden könnte, sowie für ein Café. Verbunden wären die beiden historischen Bauten durch einen neu gebauten Eingangsbereich, der sich – und das ist Hamann wichtig – nicht nur zur Zeughausstraße öffnet, sondern auch rückwärtig zur Burgmauer, damit eine Achse entsteht zum NS-Dokumentationszentrum und zur Stadt.

Überhaupt die Achsen. Die wichtigste führt vom Museumsareal zum Dom. Eine Neugestaltung der umliegenden Flächen, inklusive einer Verkehrsberuhigung der Zeughausstraße, so Matthias Hamann, „könnte das Zeughaus aus seiner Isolation befreien und aufwerten“. Dann ergäbe sich eine Anbindung an die Via Culturalis, die ebenfalls vom Stadtmuseum entwickelt wird. Denkbar wäre auch noch eine Bebauung der jetzt als Parkplatz genutzten Fläche gegenüber der Bezirksregierung mit einem Pavillon für eine weitere Ausstellungsfläche.

Soweit die Ideensammlung, daraus entsteht gerade im Team des Stadtmuseums und zusammen mit dem Förderverein „Freunde des Kölnischen Stadtmuseums“ ein inhaltliches Konzept, das der Politik vorgelegt werden soll. Für die Finanzierung wird ebenfalls ein Plan entwickelt.  Museumsdirektor Hamann hat bereits Gespräche geführt, die ihn ermutigen, auf Investoren zu setzen. „Es gibt schon Interessenten, auch wenn das Rennen noch nicht eröffnet ist.“ Auch für Spenden sieht er eine große Bereitschaft. Zusammen mit Fördermitteln und einem Beitrag der Stadt könnte daraus ein Finanzplan werden.

Um welche Summe geht es dabei? Letzte Schätzungen lagen bei rund 90 Millionen Euro. Matthias Hamann hofft aber, dass sich die Pläne günstiger realisieren lassen. Möglicherweise mit einem alternativen Finanzierungsweg, den es noch auszuloten gilt. Von einem Genossenschaftsmodell bis zur Erbpacht ist dabei vieles denkbar. Museumschef Hamann hofft, dass die vom OB angedeutete Öffnung für neue Wege erst einmal ohne Denkverbote stattfindet. Denn: „Interessenten gibt es für unterschiedliche Modelle.“

Da in Köln bekanntermaßen manches auch schon mal länger dauern kann, war es kluge Voraussicht, dass die Geschichtsvereine- und Initiativen in ihrem Appell an den Oberbürgermeister weit in die Zukunft blicken, bis zur 2000-Jahr-Feier Kölns. „Wir halten es für unabdingbar“, heißt es in dem Brief, „dass die Darstellung unserer Geschichte dafür einen würdigen Rahmen bekommt, hinter dem sich die ganze Stadt versammeln kann.“ Das wäre dann im Jahr 2050.

Gespannt auf die neuen Kölner Wege grüßt herzlich

Ihre Cordula von Wysocki

NEWSLETTER 24.04.2026

Von der Stadt Köln, die sich selbst saniert, dem Versuch, die Vergangenheit zu retten und der Gefahr, dabei die Zukunft zu verlieren

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

jüngst stand ich auf der Mülheimer Brücke und blickte auf den Rhein. Es war weniger der Fluss, der mich beschäftigte, als das, was über ihn hinwegführt. Absperrungen, Gerüste, provisorische Wegeführungen, ein Bauwerk im Zustand des Dazwischen. Man weiß, dass hier gearbeitet wird, hat aber doch nicht den Eindruck, dass etwas vorankommt. Mit einer Sanierungsdauer von sicher zehn Jahren und geschätzten Kosten von einer halben Milliarde Euro ist die Brücke für mich zum Symbol geworden. Denn diese Stadt hat sich im Zustand der Sanierung eingerichtet. Köln erneuert sich auf solche Weise nicht, sondern verwaltet sich selbst in immer aufwendigeren Verfahren, mit längeren Zeitachsen und höheren Kosten.

Saniert Köln sich zu Tode? Das habe ich den früheren IHK-Präsidenten Paul Bauwens-Adenauer gefragt. „Die öffentliche Hand geht zunehmend schlechter mit dem Geld der Steuerzahler um“, sagt der Unternehmer, dessen Blick auf das Stadtbild ich schätze. Kommunen gerieten mit dem Unterhalt von Bauten praktisch von Beginn an in fatalen Verzug, der im Ergebnis zu einer Potenzierung von Reparatur- und Sanierungskosten führe. Die Kritik will er nicht allein auf Köln bezogen wissen.

So rügt der Bund der Steuerzahler Vollkosten von einer Milliarde Euro für die Sanierung des Bundespräsidialamtes. Den Verantwortlichen im Konkreten wie Allgemeinen attestiert Bauwens-Adenauer mangelndes Bewusstsein für Vorsorge. Schließlich blickt das Bundespräsidialamt erst auf 25 Jahre „Standzeit“ zurück und markiert damit eher eine Regel als den Einzelfall. „Besser, die öffentliche Hand würde mieten“, sagt er. Sonst schnappe immer wieder die Sanierungsfalle zu.

In Köln hat die Sanierung von Oper und Schauspiel mehr als ein Jahrzehnt beansprucht und Kosten verursacht, die vor wenigen Jahren unvorstellbar waren. Nun stehen mit Museum Ludwig und Philharmonie die nächsten Großprojekte an, ebenfalls mit einem Volumen, das in Richtung einer weiteren Milliarde Euro weist. Hinzu kommen Häuser, die aus dem Bewusstsein zu verschwinden drohen, weil sie geschlossen sind oder nur noch eingeschränkt arbeiten: das Römisch-Germanische Museum, das Stadtmuseum, bald das Wallraf-Richartz-Museum, das Ostasiatische Museum sowie – ein Sonderfall – das Museum für angewandte Kunst. Über dem von Gittern und Stahlkonstruktionen verschandelten Haus könnte stehen: Kultur verschwindet nicht schlagartig. Sie verblasst nur und wird unsichtbar. Vor einem halben Jahr schon hatten wir darauf hingewiesen.

Das Römisch-Germanische Museum ist ein drastisches Beispiel. 2018 wurde es baupolizeilich geschlossen. Vor 2030 ist mit einer Neu-Eröffnung nicht zu rechnen. Eine Zeitspanne, in der eine ganze Generation den Zugang zu einem prägenden Teil der Stadtgeschichte verliert. Bauwens-Adenauer liefert hierzu einen Denkanstoß, der einfach und gleichermaßen interessant klingt: Warum nicht das bisherige Gebäude des Museums anders nutzen – etwa als Kunsthalle, die von Kölner Museen bespielt wird, insbesondere jenen, die geschlossen sind? Ein Ort, der sichtbar macht, was diese Stadt besitzt. Ist es denkbar, eine solche Halle nach Gerhard Richter zu benennen? Er hat in dieser Stadt ein Zuhause gefunden und genießt zugleich Weltruhm. Entscheidend ist auch die Bereitschaft, nicht nur über Sanierung nachzudenken, sondern auch über Nutzung.

Parallel dazu verfallen Orte, die für industrielle Stärke standen. Die Gebäude von Klöckner Humboldt Deutz, gebaut für eine Ewigkeit, sind in erbärmlichem Zustand. Selbst dort, wo die Stadt durch Kauf Verantwortung übernommen hat, zeigt sich kein anderes Bild: Verwüstung, Stillstand, fehlende Perspektive. Wenigstens bespielt jetzt die Künstlergruppe „Raum 13“, die vorher leerstehenden Gebäude. Zudem erinnert Paul Bauwens-Adenauer an zahlreiche Schulbauten aus den 60er Jahren, die unter Denkmalsschutz stehen.

Die Einzelfälle addieren sich zum strukturellen Problem. Sanierung statt Vorsorge erweist sich als teuerste und riskanteste Form, an der Vergangenheit festzuhalten. Wer sie zur Regel macht, blockiert seine Zukunft, tappt in die bereits erwähnte Sanierungsfälle. Das erleben wir derzeit. Die Stadt bindet Milliarden in Projekten, die sie und ihre Bürger über Jahre lähmen – finanziell, organisatorisch und politisch. Derweil entstehen keine neuen Räume und keine neuen Orte.

Vor einem Jahr hat Andreas Blühm, früherer Chef des Wallraf-Richartz-Museums, für ein Umdenken plädiert. Seinen Beitrag finden Sie hier. Für die Frage, ob es sinnvoll ist, immer weiter zu sanieren – oder ob es nicht klüger wäre, neu zu denken: zu bündeln, zu verlagern, neu zu bauen. Nicht aus Lust am Spektakulären, sondern aus Selbsterkenntnis. Nun tauchte ein ähnlicher Gedanke im „Kölner Stadt-Anzeiger“ auf. Diesmal ging es sehr konkret um ein Kulturhaus im Deutzer Hafen, das während der Sanierung von Philharmonie und Museum Ludwig als Interim dienen könnte und darüber hinaus Bestand hätte. Ein Ort, der überbrückt und erweitert. Mehr lesen Sie hier.

Ein Blick nach München hilft bei der Einordnung. Dort entstand mit der Isarphilharmonie ein Provisorium für die Zeit der Sanierung des Kulturzentrums Gasteig. Ein Bau, pragmatisch gedacht, schnell errichtet. Heute gilt er als einer der besten Konzertsäle der Stadt. Aus der Zwischenlösung wurde ein Gewinn. Das ist keine Blaupause für Köln. Aber es ist ein Hinweis darauf, dass Übergänge produktiv sein können.

Den neuen Oberbürgermeister Torsten Burmester habe ich bei uns im Kölner Presseclub erlebt. Auf mich wirkte er tatkräftig und entschlossen. In Köln habe ich das sehr lange vermisst. Doch selbst Tatkraft hat Grenzen. Denn die Frage ist nicht, ob einer es besser macht. Die Frage ist, ob es noch zu schaffen ist mit den bisherigen Mitteln. Oder zugespitzt: Würde selbst ein Herkules scheitern, wenn er versucht, Köln einfach weiter zu sanieren?

Der gebotene Schritt wäre, zu akzeptieren, dass nicht alles erhalten werden kann, wie es ist. Bewahren kann auch neues Denken bedeuten. Noch ist das alles offen. Noch sind es Ideen, Skizzen, Einladungen zum Weiterdenken. Die Lösung liegt eher in unseren Köpfen als in der nächsten Sanierung.

Herzlich grüßt

Peter Pauls

NEWSLETTER 17.04.2026

Der Streit um den Abendmarkt am Rudolfplatz zeigt anschaulich, wie Anwohner und Stadt aneinander vorbeireden. Worum geht’s hier eigentlich?

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

vergangene Woche Donnerstag bin ich mit einem Bügelbrett durch die Stadt gelaufen – und im Rucksack hatte ich: Käse, Wurst sowie zwei Flaschen guten Wein (dieses Detail wird noch wichtig werden!). Mein Ziel: der Rudolfplatz. Dort findet eigentlich donnerstags ein Abendmarkt, auch Foodmarket genannt, statt – am vergangenen Donnerstag jedoch nicht. Sie werden die Berichte bestimmt kennen: Die Stadt hat nach einer Ausschreibung einen neuen Betreiber ausgewählt – für viele kam der Wechsel dennoch überraschend kurzfristig. Also, was macht der Kölner? Er veranstaltet selbst einen Abendmarkt – mit Bügelbrett als Abstellfläche. 250 Menschen nahmen an dieser offenbar nicht angemeldeten „Fressdemonstration“ teil.

Das Geschrei über die Veränderungen dieses Abendmarkts ist für mich faszinierend. In meinem Umfeld haben es viele so verstanden, dass der Markt komplett verschwindet. Das lag zum einen am alten Betreiber, der wegen des Endes seines Marktes entsprechend gelaunt seine Enttäuschung öffentlich kundtat. Und dann war da noch die Stadt, die zwar ein neues Konzept in Aussicht stellte, aber dieses offenbar zu kurzfristig kam und den Betreiber-Nachfolger in der Organisation überfordert haben dürfte.

Währenddessen war für die Kölner in der Innenstadt schon wieder Donnerstag und der Markt fehlte. Es kam zum beschriebenen Bügelbrett-Protest. Fakt ist, der neue Betreiber namens „Marktgilde“ soll den Abendmarkt nach den Regeln der Gewerbeordnung veranstalten. Diese war bislang weit ausgelegt oder sogar ignoriert worden – und alle schauten dabei zu. Diese Gewerbeordnung sieht vor allem eines nicht vor, was viele am bisherigen Markt aber reichlich, ja manche sogar ausschließlich, konsumieren: Alkohol.

Mit wem ich auch rede: Niemand versteht die Stadtverwaltung. Warum kommt sie ausgerechnet jetzt ins Umdenken, zieht die Notbremse und kann dann mit dem neuen Betreiber nicht mal einen nahtlosen Übergang präsentieren? Die einhellige Meinung in meinen Kreisen ist, dass das irgendwelche Beamten und Juristen, ohne Frohsinn und Lebenslust, in Hinterzimmern verbockt haben müssen. Über solche Aktionen kommen bei den Leuten ernsthafte Zweifel am politischen System auf – auch wenn es „nur“ um einen Markt-Treff zum Feierabend geht.

Der Alkohol soll aber, Gerüchten zum Trotz, nicht wegfallen. Alkoholische Getränke dürfen nur nicht gemixt werden, sondern müssen selbst erzeugt sein, weshalb wohl nur Winzer auf den Markt dürfen. Für eine Kölschbrauerei ist da sprichwörtlich Hopfen und Malz verloren, weil sie diese Zutaten nicht selbst anbaut.

Startschuss für den neuen Markt soll nach Informationen des Kölner Presseclubs der 30. April sein – quasi als Tanz in den Mai. Laut dem Niederlassungsleiter für Köln, Martin Rosmiarek, dürften bis zu 17 Beschicker Platz haben. Das wären etwas mehr als bisher. Doch wer letztlich kommt, steht noch nicht fest. Die Verhandlungen über Standgebühren und Angebotsversprechen laufen noch. Laut Marktgilde haben einige Händler auch abgesagt, weil sie ohne den Schwerpunkt auf den Alkoholausschank keine rentable Zukunft am Rudolfplatz sehen.

Mal abgesehen vom Alkohol wird sich auch das Angebot bei den Speisen ändern – und darin liegt bei Stammgästen die nächste Kritik und gleichzeitige Befürchtung. Die Beschicker dürfen, wie bei den Getränken, nur selbst angebaute und direkt verarbeitete Lebensmittel verkaufen. Ich möchte meine Markt-Mitmenschen aber beruhigen: Nach allem, was ich von der Marktgilde höre, muss dieses andere Angebot nicht gleich schlechter sein.

Frischewaren, Imbisse und Winzer werden also den Rudolfplatz künftig am Donnerstagabend prägen. Zu einem Abend mit Freunden könnte es also verschiedene Käsesorten, geschnittene Wurst und ein Glas Riesling geben. Apropos: Die gute Flasche Wein hatte ich mir vergangene Woche ja von zu Hause mitgebracht. Eine richtige Entscheidung. Beim bisherigen Veranstalter war die Weinauswahl für meinen Geschmack teils miserabel. Den schlechtesten Grauburgunder meines Lebens hatte ich mit Abstand auf dem Rudolfplatz. Insofern haben die neuen Betreiber ihre Chance verdient. Viel Erfolg!

Ihr

David Rühl

NEWSLETTER 27.03.2026

Wer beschützt Köln? General Draken über Agenten-Angriffe, die „Kaltstart-Fähigkeit“ der Truppe und die Bedeutung der Eigenverantwortung

 

 

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

es war vor wenigen Wochen, spät am Abend. Eine Drohne stand mit ratterndem Motor in der Luft, vielleicht 100 Meter hoch. Rot und grün blinkend, ein Scheinwerfer auf den Boden gerichtet. Ich sah sie vom Balkon aus über dem Rhein. Für einen Moment war ich beunruhigt, dann nachdenklich. Haben uns die schrecklichen Kriegsbilder aus Nahost, aus dem Iran, aus der Ukraine zu sehr beschäftigt? Oder vielleicht sogar zu wenig? Ist uns bewusst, was uns bedroht? Und worauf müssen wir hier, zweieinhalb Flugstunden vom Kampfgeschehen im Osten, vorbereitet sein?

Köln ist Garnisonsstadt. Mit rund 10.000 Beschäftigten gehört die Bundeswehr zu den drei größten Kölner Arbeitgebern. Repräsentiert wird sie von dem Standortältesten. Das ist seit einem Jahr Brigadegeneral Daniel Draken (59), Chef des Stabes Luftwaffentruppenkommando in Köln-Wahn. An einem Freitagmorgen, nachdem er schon mehrere Stunden Lagebesprechungen hinter sich hat, nimmt sich General Draken Zeit für meine Fragen.

Wir sprechen darüber, wie sicher wir uns fühlen können. Und da gibt es ein Einerseits und ein Andererseits. „Deutschland ist im Schutz des NATO-Bündnisses sicher“, sagt General Draken und betont: „Kein Grund, Panik zu schüren.“ Andererseits: Eine akute Bedrohung gebe es dennoch, und zwar durch subversive Angriffe, denen wir permanent ausgesetzt seien. „Tagtäglich“, so Kölns Standortältester, „gibt es inzwischen Aktionen, die darauf zielen, unser System zu stören, Unruhe und Unsicherheit zu stiften.“ Sabotage, Sachbeschädigung, Brandstiftung, Cyber-Attacken – nicht nur gegen Bundeswehr-Einrichtungen, sondern gegen jede empfindliche Stelle der Infrastruktur und der Versorgungsstränge. General Draken beobachtet mit Sorge, „dass diese Störaktionen zugenommen haben“. Wie schnell große Teile der Bevölkerung schwer getroffen werden können, habe man zuletzt bei dem Stromausfall in Berlin gesehen.

Wer steckt hinter diesen Angriffen, will ich wissen. Nach Erkenntnissen von General Draken spielen, neben politisch motivierten Tätern, sogenannte „Proxy-Agenten“ eine zunehmende Rolle. Die deutschen Sicherheitsbehörden haben sie auch als „Low-Level“- oder „Wegwerf“-Agenten auf dem Schirm. BKA und Nachrichtendienste gehen davon aus, dass sie im Auftrag ausländischer, meist russischer, Geheimdienste in Deutschland Straftaten begehen, oftmals ohne zu wissen, wer ihre Auftraggeber sind. Unumwunden erklärt Sinan Selen, Vizepräsident beim Bundesamt für Verfassungsschutz: „Fremde Staaten bedrohen unsere Demokratie und Sicherheit durch den Einsatz von teils unbedachten und nachrichtendienstlich ungeschulten Wegwerf-Agenten, die auf schnelles Geld aus sind und durch soziale Medien und Messengerdienste rekrutiert werden.“

Der Schutz vor solchen Angriffen ist für General Draken von großer Bedeutung. „Aber dies ist nicht allein eine militärische, sondern in erster Linie eine zivilgesellschaftliche Aufgabe.“ Er verweist auf das strategische Konzept der Bundeswehr zur Vorbereitung auf Krisen- und Verteidigungsfälle („Operationsplan Deutschland“), in dem es auch um die Eigenverantwortung von Kommunen, Industrie oder Versorgungsunternehmen für die Sicherung ihrer Einrichtungen geht. „Im Verteidigungsfall“, so Draken, „ist die Bundeswehr nämlich gar nicht hier vor Ort, sondern an der Front.“ In der Mission, dies allen bewusst zu machen, ist er als Standortältester zurzeit viel unterwegs, auch im Kölner Rathaus, in Unternehmen und Behörden. Er glaubt: „Die Message ist angekommen.“ Die Umsetzung der Maßnahmen sei eine andere Frage, für ihn schwer einzuschätzen.

Für General Draken heißt Eigenverantwortung auch: „Jeder Einzelne in der Bevölkerung sollte sich fragen: Was kann ich selbst tun, um möglichst krisensicher zu sein?“ Zum Beispiel? Das könne vom privaten Trinkwasservorrat über die Abschirmung des persönlichen Rechners gegen Cyberattacken bis zur Unterstützung Schutzbedürftiger in der Umgebung reichen, sagt General Draken. Für eine Generation, die in einer „Wohlfühloase“ aufgewachsen sei – und da schließt er seine eigenen drei Kinder mit ein – bedeute das ein Umdenken. Seine klare Ansage: „Wir müssen weg von diesem Anspruch auf Vollkaskoschutz.“

Umdenken ist auch bei der Bundeswehr ein Thema. Früher habe es planbare Auslandseinsätze gegeben. „Da konnten wir uns ein Jahr lang vorbereiten“, erinnert sich General Draken. Inzwischen, spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine, „müssen wir mit einer sehr kurzen Vorwarnzeit rechnen“. Bundeswehrintern gibt es den Begriff der „Kaltstart-Fähigkeit“, also in kürzester Zeit einsatzbereit zu sein. In der Praxis bedeutet das, jederzeit alle erforderlichen Qualifikationen – etwa bei der Anzahl der Schießübungen –  vorweisen zu können,  aber auch: weniger Homeoffice-Tage, mehr Präsenz. „Und wir legen allen Einsatzkräften nahe, eine persönliche Kaltstart-Akte parat zu haben, mit einer Checkliste, woran zu denken ist, wenn es morgen losgehen würde.“

Auf meine Frage, inwieweit die aktuelle Lage innerhalb der Truppe Besorgnis auslöst, antwortet der Standortälteste differenziert: „Selbstverständlich macht sich jede Soldatin und jeder Soldat Gedanken darüber, in welcher Weise eine persönliche Betroffenheit eintreten könnte. Zugleich ist jedoch allen Angehörigen der Truppe die besondere Verantwortung ihres Dienstes bewusst. Gerade in der gegenwärtigen Situation zeigt sich, dass gute Ausbildung, Professionalität im beruflichen Alltag und ein ausgeprägter Zusammenhalt wesentlich zur Stabilität und Handlungsfähigkeit eines jeden einzelnen beitragen.“

Die  Drohne, die mich in der Dunkelheit beunruhigt hatte, war im Übrigen nach ein paar Minuten Richtung Norden weitergeflogen. ChatGPT kam aufgrund der Positionslichter und des Scheinwerfers zu dem Schluss, dass es eine Aufklärungsdrohne von Polizei oder Feuerwehr gewesen sein müsste. Kann also als harmlos abgehakt werden. Während mich die Antworten von General Draken weiter beschäftigen.

 

Mit nachdenklichen Grüßen

Ihre Cordula von Wysocki

 

NEWSLETTER 20.03.2026

Zwischen Krisenmodus und Realität: Warum Köln besser ist als sein Image und wir das viel deutlicher zeigen sollten

 

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

 

Baustellen, Verzögerungen, Sanierungsstau, Streit um Verkehrsversuche und Parkplätze – wer die täglichen Meldungen verfolgt, könnte meinen, Köln komme aus dem Krisenmodus nicht mehr heraus.

Doch ist das die ganze Wahrheit?

Ich habe mit Dr. Reimar Molitor gesprochen, dem Geschäftsführer Region Köln/Bonn e.V. Der Verein vernetzt 61 Kommunen. Von der Millionenstadt bis zur ländlichen Gemeinde. Er bündelt und befördert Projekte, holt dafür Fördermittel von Land, Bund und EU und sorgt dafür, dass Vorhaben nicht an Stadtgrenzen scheitern. Molitor kennt seit vielen Jahren die unterschiedlichen Interessen, finanziellen Spielräume und politischen Realitäten der Region und vor allem eben auch in Köln sehr genau.

Sein Fazit fällt deutlich aus: „Die Menschen haben genug von schlechten Nachrichten. Und auf der Stadtverwaltung und ihren Verantwortlichen herumzutrampeln ist in Köln fast zu einer Art Sport geworden.“ Er spricht von einer medialen Gewohnheit, die sich verselbstständigt hat. Permanenter Krisenmodus. Permanente Empörungsschleife. „Es ist, als stünde Köln immer im Regen“, sagt er. „In den Schlagzeilen ist ständig alles schlecht.“

Molitor plädiert deshalb für einen Perspektivwechsel. Weg von der emotionalisierten Innensicht. Hin zu einem nüchternen Blick auch auf das, was tatsächlich entsteht. Fertige Projekte. Funktionierende neue Strukturen. Neue Cluster. Internationale Kooperationen.

Die Realität in Köln ist komplexer als das tägliche Empörungsritual“, sagt Molitor. Wer einmal durch diese Brille schaut, landet schnell am Flughafen Köln/Bonn und beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Dort entsteht ein Cluster für Satellitentechnik und Raumfahrtanwendungen. Unternehmen und Forschungsinstitute arbeiten an Erdbeobachtung, Kommunikationstechnologie und sicherheitsrelevanten Systemen – ein europäisches Raumfahrtcluster mit internationaler Ausstrahlung.

Der Blick auf die Region zeigt noch mehr Dynamik. Molitor verweist auf ein weiteres Beispiel nur wenige Kilometer entfernt: Entlang der Achse Köln–Bonn sei in den vergangenen Jahren ein Forschungsraum entstanden, der weltweit Gewicht hat.

Die Universitäten in Bonn und Köln forschen längst nicht mehr jede für sich, erklärt er. Beide Universitäten betreiben „rheinisch untergehakt“ gemeinsame Spitzenprojekte, etwa in der Wirtschaftsforschung, beim Quantencomputing oder in der Astrophysik. Kurz: In Bonn wird häufig die Grundlagenforschung vorangetrieben. In Köln geht es stärker darum, Wissen in Unternehmen, Start-ups und konkrete Anwendungen zu übertragen.

Die Universität zu Köln ist in der Exzellenzstrategie stark vertreten. Cluster gibt es unter anderem in Alternsforschung, Pflanzenwissenschaft, Quantenphysik und Wirtschaft. Mit dem Gateway Exzellenz Start-up Center verfolgt die Universität das Ziel, Forschung in Gründungen zu überführen. Wissenschaft soll nicht im Labor enden, sondern im Markt ankommen.

So entsteht entlang der Achse Köln–Bonn ein gemeinsamer Wissenschafts- und Innovationsraum, der weit über die Region hinaus international wahrgenommen wird, sagt Molitor. Ein Raum, der deutlich größer ist als das Bild der „Problemstadt Köln“. Für Molitor ist entscheidend: „Diese Dynamik macht nicht an Stadtgrenzen halt.“

Spitzenforschung, neue Unternehmen und Ideen in Köln. Hightech direkt an unserem Flughafen. Hätten Sie das mit Köln verbunden? Es passt jedenfalls nicht zu dem düsteren Bild, das oft von Köln gezeichnet wird.

Gleichzeitig wäre es falsch, die täglichen Probleme vor Ort kleinzureden. Wer morgens auf eine verspätete Bahn wartet, über Schlaglöcher fährt oder erlebt, wie lange Genehmigungen und Entscheidungen dauern, spürt sehr konkret, wo Köln im Alltag nicht funktioniert. Diese Erfahrungen prägen das öffentliche Bild. Aber sie verdecken leider auch, was sich parallel hier positiv entwickelt.

In meinen Gesprächen wurde noch etwas anderes deutlich: Vielen ist gar nicht bewusst, welche Rolle Köln als Wirtschaftsstandort spielt. Kaum jemand weiß, in welchen Branchen wir besonders gut aufgestellt sind. Genau hier setzt eine neue Initiative aus der Kölner Wirtschaft an, die sich derzeit formiert. Ihr Ziel: sichtbar machen, welche Unternehmen, Technologien und Innovationen hier entstehen. Denn eine funktionierende Wirtschaft ist keine abstrakte Größe. Sie entscheidet ganz konkret darüber, wie handlungsfähig Köln bleibt – und sie ist eine wichtige Grundlage für soziale Stabilität und einen soliden städtischen Haushalt. Die finanzielle Realität ist nämlich ernst: Köln steckt derzeit in einer der schwierigsten Haushaltslagen seit Jahren, mit Defiziten in dreistelliger Millionenhöhe und wachsendem Spardruck.

Umso wichtiger ist die Frage, wie wir über Köln sprechen und berichten. Wir Journalisten, und ich zähle mich ausdrücklich dazu, müssen aufpassen, dass Kritik an der Stadt nicht zur Selbstbeschäftigung wird. Natürlich müssen wir Missstände weiter benennen; das  bleibt unsere Aufgabe. Aber wir sollten darauf achten, dass aus berechtigter Kritik kein Dauerbild der Krise entsteht. Denn auch das, was funktioniert, wächst und Zukunft hat, gehört zur Wirklichkeit unserer Stadt und sollte daher viel öfter gezeigt werden. Gerade dann, wenn der Himmel über Köln einmal wieder voller Wolken hängt.

Sonnige Grüße sendet

Ihre
Claudia Hessel

 

 

 

 

 

 

NEWSLETTER 13.03.2026

Über Rote Teppiche für die Literatur,

eine große Nachkriegs-Erfolgsgeschichte und

 ein feines Gespür für den Zeitgeist

 

 

 

Sehr geehrte Mitglieder,

liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

 

 

man tritt Köln vermutlich nicht zu nahe, wenn man die Stadt nicht unbedingt als Zentrum des geistigen Lebens in Europa sieht. Es war eher, vor allem im Mittelalter, geistlich-religiöses Zentrum, schon weil es gelang, die Gebeine der Heiligen Drei Könige von Mailand nach Köln zu holen und damit einen Ruf als wichtiger Ort für das lateinische Christentum zu etablieren. Kult und Kultur waren schon immer wichtige Standortfaktoren.

Als Ort für lebendige Debatten, als quirlige Stadt von Verlagen,  Autoren, geistigen Impulsen hat Köln aber einen enormen Aufschwung erlebt. Davon zeugt die lit.Cologne, Europas größtes Festival für Gegenwartsliteratur, das mit – stark auf die rheinische Mentalität zugeschnitten – einem Mix aus Lesungen, Events, Diskussionen in kurzem Zeitraum über 100.000 Besucher zieht. Das macht Köln zu einer der interessantesten Orte für Literatur und Sachbücher. Autorinnen und Autoren genauso glamourös feiern wie Filmstars, mit rotem Teppich und Limousinenservice – eine einfache Idee, aber man muss halt darauf kommen. Für Köln ein Geschenk. Seit 2001 begeistert das ambitionierte Team um Gründer Rainer Osnowski mit diesem Fest der Bücher und Autoren ein immer größeres Publikum.

Den Boden bereitet für diese unglaubliche Erfolgsgeschichte haben Verlage wie Kiepenheuer & Witsch, liebevoll zu KiWi abgekürzt, später auch der DuMont Buchverlag und zahlreiche Kleinverlage.  KiWi feiert jetzt seinen 75. Geburtstag. Bis dahin war Köln eher eine Stadt der Bilder, nicht der Bücher. Doch der aus Ostdeutschland stammende Joseph Caspar Witsch schaffte es, aus dem schmalbrüstigen Nachkriegs-Startup (das zuznächst nicht einmal über Autorenrechte verfügte), einen putzmunteren Verlag für Gegenwartsliteratur und politische Debatten zu machen – mit stramm antikommunistischer Haltung. Das intellektuelle Klima Westdeutschlands hat das enorm geprägt.

Seit 2002 gehört KiWi unter das Dach der Holtzbrinck-Gruppe (Rowohlt, S. Fischer u.a.), ohne dass die inhaltliche Eigenständigkeit aufgegeben werden musste. Nach Witsch die vermutlich prägendste Verlegerfigur bei KiWi war und ist sicher Helge Malchow, ein Mann mit viel Kompetenz, Geschick und großem Netzwerk. Er öffnete KiWi programmlich und steht für interessante literarische Entdeckungen, politische Sachbücher und popkulturelle Werke, zunächst als Lektor, dann ab 2002 als Verleger und inzwischen als Berater, der seine prominenten Autoren weiterhin betreut.

Ob internationale Star-Autoren wie Julian Barnes, Don DeLillo und David Foster Wallace, gefeierte deutsche Schriftsteller wie Christian Kracht, Uwe Thimm oder Joachim Meyerhoff und v. Stuckrad-Barre, aber auch pointierte politische Sachbücher von Joschka Fischer, Alice Schwarzer oder zur kritischen Aufarbeitung der 68er-Jahre. Damit spielte Helge Malchow als Verleger in einer Liga, in die es KiWi als mittelgroßer Verlag wirtschaftlich nicht schafft, trotz Unterhaltungs-Bestsellern wie die von Frank Schätzing („Der Schwarm“) oder Volker Kutscher („Babylon Berlin“). Sein Rezept ist neben Leidenschaft für Inhalte  ein Gespür für Stoffe und feiner Witterung für den Zeitgeist die intensive Betreuung von und Kontaktpflege mit seinen Autorinnen und Autoren – etwas, das in einer verunsicherten Verlagswelt nicht mehr selbstverständlich ist. Sein Erfolg machte ihn zu einer der ganz wenigen Stimmen der Branche, die öffentlich noch durchdringen.

Aus anderem Anlass habe ich mal an dieser Stelle geschrieben, dass Nostalgie selten ein tragfähiges Geschäftsmodell ist. Das gilt in Zeiten der großen Umbrüche erst recht. Die Welt dreht sich schneller, die Mediennutzung verändert sich im Zeitalter der Streamingdienste, TikTok und Instagram fressen Zeit, die – zum Beispiel – fürs Lesen fehlt. Gute Verlage sind eine wichtige Instanz für die Orientierung einer Gesellschaft. Aber ihre Bedeutung schwindet.

Dennoch ist Malchow zuversichtlich: Im unserem Gespräch sagt er, alles sei gefährdet. Aber auf alles können man auch eine Antwort finden.  Na denn.

 

In diesem Sinne grüße ich Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz