NEWSLETTER 18.09.2026
Von zermürbendem Sägen, einem verdampfenden Zentralgestirn
und personifizierter Ratlosigkeit in der CDU
Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,
aus dem Fußball ist das Muster bekannt: Quält eine Mannschaft mit grottenschlechtem Spiel die Fans, muss erstmal der Trainer ausgetauscht werden. Aber heißt es auch in der Politik: Vom Fußball lernen heißt siegen lernen? Die Frage stellt sich angesichts der Tatsache, dass die CDU gerade die tiefste Krise ihrer Geschichte erlebt, wo sie in einigen Regionen nicht mehr Volkspartei ist. Um es auf den Punkt zu bringen: Braucht es einen anderen Parteivorsitzenden und vielleicht auch Kanzler, damit es wieder besser läuft für die Union wie für das Land?
Nein, sagt Wolfgang Bosbach. Mit ihm habe ich mich in seiner Heimatstadt Bergisch Gladbach zum Kaffee verabredet, um über die aktuelle Lage der Union zu sprechen. Er, kampferprobtes Urgestein der CDU, gehörte immer schon zur Fraktion Klartext – was ihn in der Ära Merkel möglicherweise den Aufstieg in höhere Ämter gekostet hat. Was solle denn ein Wechsel im Kanzleramt bringen, sagt Bosbach. Die alte Regel im Politikbetrieb „stützen oder stürzen“ gelte nach wie vor, aber das zermürbende permanente Sägen am Stuhl von Friedrich Merz hält er für eine destruktive Illusion. Dauerkritik ist eben kein Konzept. Die Folge, so konstatiere ich, ist dann das allmähliche Verdampfen des CDU-Zentralgestirns.
Allerdings mag auch Wolfgang Bosbach seine Enttäuschung über den Parteifreund nicht verhehlen. Er sei einige Jahre Stellvertreter von Merz gewesen, habe da mit ihm – persönlich wie politisch – nur gute Erfahrungen gemacht, jetzt aber erkenne er ihn nicht wieder. Schon die Personalentscheidungen von Friedrich Merz hätten einem „Bataillon von Leuten vors Schienbein getreten“, was zu enormen Verletzungen in den eigenen Reihen geführt habe. „Ich muss die doch erstmal hinter mich bringen.“ Das andere sei die noch nicht abgeklungene Enttäuschung in der Unionsanhängerschaft über gebrochene Versprechungen, wie sie unmittelbar nach der Wahl mit der massiven Verschuldungspolitik sichtbar geworden sind. Da sei die bürgerliche Wählerschaft sensibler als andere.
Doch in unserem Gespräch interessiert mich vor allem sein Blick nach vorne: Wie soll, wie muss sich nach seiner Einschätzung die Union künftig positionieren? Wie ist ihre Strategie? Da ist Bosbach sehr klar. Die CDU dürfte sich nicht als konservativer Teil eines Links-Bündnisses verstehen, das geschlossen gegen die AfD antritt. Merkel hatte den konservativen Teil der Partei aufgegeben in der Annahme, dass die Mitte-Rechts-Wähler ohnehin ihr Kreuz bei den Christdemokraten machen. Diese Rechnung geht angesichts des Erstarkens der AfD zunehmend nicht mehr auf. Wenn es bei der nächsten Bundestagswahl nur die Alternative AfD oder Links-Block („Ich nenn das jetzt mal so“) gebe, dann werde die CDU ihr Profil verlieren und aufgerieben werden. Das kann, so verstehe ich ihn, nur heißen, das eigene, bürgerliche Profil zu schärfen. Der FDP als möglichem Koalitionspartner stellt er in dem Zusammenhang den Totenschein aus. Frei nach Wolfgang Schäuble ist sein Kommentar lapidar: „Isch over“.
Aber wie umgehen mit einer in Teilen rechtsextremistischen AfD? „Geradezu lustig“ findet er die Aufforderung, man müsse doch miteinander reden können. Worüber denn, fragt dann Wolfgang Bosbach zurück. Die Unterschiede in zentralen Fragen seien unüberbrückbar und die AfD betone immer ihre Kompromisslosigkeit. Ein ergebnisoffenes Verbotsverfahren prüfen, wie es jetzt auch NRW-Ministerpräsident Wüst ins Spiel gebracht hat? Davon hält Wolfgang Bosbach dezidiert nichts. Ein dann zu erwartendes langwieriges Verfahren mit ungewissem Ausgang wäre ein Förderprogramm für die AfD, die sich wählerwirksam in ihrer Märtyrerrolle bestätigt sähe. Selbst mit einem Verbot wären die Gründe nicht weg, die Menschen dazu brächten, bei Extremisten ihr Kreuz zu machen. Der einzig richtige Weg sei eine politische Auseinandersetzung mit der AfD.
Das ist angesichts des Reformdrucks allerdings eine Herkulesaufgabe. Rente, Pflege, Infrastruktur, Verteidigung – all das bedeutet harte Einschnitte und Leistungskürzungen für die Bürger. Hat eine jetzt schon angezählte, unpopuläre Regierung die Kraft, einer populistischen Wünsch-dir-was-Partei Paroli zu bieten, die gegen jede Realität alles verspricht und sich noch nie beweisen musste? Denn eine Mehrheit der Bevölkerung bejaht Reformen – aber bitte ohne Einbußen für sich selbst. Reform ist, wenn nicht ich, sondern andere betroffen sind, so die Grundstimmung.
Das sei vor 20, 30 Jahren anders gewesen. Reformen seien keine Verheißungen mehr, ist Bosbach überzeugt. Zu glauben, wenn nichts geschieht, bleibe alles wie es ist, sei ein zentraler Irrtum. Zum Regieren gehören auch Zumutungen, schließe ich daraus, doch die müssen plausibel begründet und erklärt werden.
Allerdings dürfe man auch nicht jede Kritik an einzelnen Maßnahmen pauschal zurückweisen. Für die Regierungsparteien ist das die Kunst, auf dem politischen Hochseil zu bleiben, ohne zur einen oder anderen Seite hinabzustürzen. Ob diese Kunst bei der Union derzeit zu Hause ist? Nach dem Auftritt der Unions-Größen am Wahlabend in Magdeburg darf man Zweifel anmelden. Die neue CDU-Generalsekretärin etwa (deren Namen man sich vermutlich nicht merken muss) wirkte wie die personifizierte Ratlosigkeit. Dabei war Sachsen-Anhalt für die Union ein Scheitern mit Ansage, die Umfragen vor der Wahl ließen kaum Raum für Überraschungen. So sieht es auch Bosbach. Früher, sagt er, hatte man Generalsekretäre wie Heiner Geißler. Heute haben wir Frau Hoppermann.
Bosbach wäre aber nicht der Rheinländer, der er ist, wenn er ohne Hoffnung wäre: In der Union gebe es eine „tolle junge Generation, der traue ich was zu.“ Für eine Volkspartei ist das nicht weniger als eine Überlebensfrage.
Es grüßt Sie, herzlich wie stets,
Ihr
Michael Hirz













m Kalker Supermarkt treffen. Estis, findet Husch Josten, „ist ein hervorragender Autor“.




