NEWSLETTER 23.01.2026

Es gibt nicht nur Krisen bei Zeitungen, Privatfernsehen und Rundfunk. Die Probleme der Lokalradios in NRW nehmen ebenfalls rasant zu.  

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

in den vergangenen 35 Jahren hat sich in unserem Bundesland ein weltweit einmaliges System entwickelt: jede Großstadt und auch fast jeder Kreis hat ein eigenes Lokalradio. Derzeit sind es 44 dieser lokalen Radiosender in Nordrhein-Westfalen. Sie decken die Millionenstadt Köln ab, aber mit „Radio Kiepenkerl“ beispielsweise auch den Kreis Coesfeld. Doch mit dieser Vielfalt im NRW-Medienmarkt könnte es bald zu Ende sein. Denn der NRW-Lokalfunk steckt in der schlimmsten finanziellen Krise seiner Geschichte – und ein Ende ist nicht in Sicht.

Das trifft die örtlichen Verlage mit ihren Lokalzeitungen. Sie betreiben die Lokalradios. Drei Jahrzehnte warf das Geschäft mit den Radios überwiegend Gewinne ab. Doch nun bricht auch der Markt mit der Radiowerbung stark ein und erwischt die Lokalradios eiskalt. Gleichzeitig schalten weniger Hörer ein. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Zunächst einmal wird allgemein zwar so viel Audio gehört wie noch nie; das bedeutet aber nicht unbedingt, dass deshalb das Radio öfter eingeschaltet wird. Podcasts, Musik-Streamingdienste und die Verbreitung von Radioprogrammen über das Internet haben dem klassischen UKW-Radio stetig Hörer gekostet. Durch immer mehr Angebot geriet vor allem das Lokalradio ins Hintertreffen.

Die NRW-Lokalradios haben den Schritt ins Digitalradio DAB+ erst vor wenigen Wochen geschafft. Andere Sender sind derweil auf diesem Verbreitungsweg schon seit Jahren zu empfangen. Wer sich ein neues Auto kaufte, der konnte teilweise gar keinen UKW-Sender mehr einschalten. Das Lokalradio verstummte, weil es nur mit veralteter Technik noch zu seinen Hörern fand.

Zusätzlich scheint auch der Trend des klassischen Chart-Radios (gepaart mit lokalen Informationen) gebrochen zu ein. Massenprogramme wie die Lokalradios, aber auch WDR2 oder SWR3 verlieren seit Jahren an Reichweite. Vor allem dieser Hintergrund macht den Lokalradios nun zu schaffen. Denn neben dem problematischen Werbemarkt gehen auch noch die Einschaltquoten zurück. So verbleiben immer weniger Einnahmen.

Die Konsequenz: In den vergangenen Wochen wurden im Rheinland zahlreichen Redakteuren die Kündigungen zugeschickt. Ich kenne einen Fall, bei dem es nach mehr als 30 Jahren Betriebszugehörigkeit noch nicht einmal ein persönliches Gespräch gab. Das zeigt, wie schnell plötzlich alles gehen muss. Was aber nicht bedeutet, dass mit der Quote auch gleich der Anstand beim Arbeitgeber sinken muss. Mir tut die Entwicklung weh. An meine Zeit im Lokalfunk erinnere ich mich gerne zurück. Mittlerweile beschäftigt so mancher Lokalsender kaum noch mehr als zwei Redakteure in Vollzeit.

Jetzt sollen auch noch die Redaktionsräume zusammengelegt werden. So entstehen in Köln und Bonn derzeit Funkhäuser, in denen insgesamt sieben Lokalradios aus dem Rheinland untergebracht sein sollen. Das heißt: Lokalsender sollen künftig fernab des eigenen Sendegebiets ihr Programm produzieren. In dieser Not soll auch der WDR, der eigentlich Mitbewerber ist, intern geprüft haben, ob er Räume vermieten kann.

Mit dem Funkhaus-System entsteht ein Lokalprogramm „aus einem anderen Land“, sozusagen. Das könnte noch seltsame Blüten treiben. Radio Leverkusen empörte sich in den vergangenen Tagen, dass in der Stadt FC-Fanartikel verkauft werden. Bald sitzt der Sender selbst in der „Stadt met K“. Und das Programm für den Kreis Düren soll künftig aus dem bis zu 100 Kilometer entfernten Bonn kommen.

Es gibt aber auch noch eine andere Perspektive: während die einstigen Marktführer verlieren, gewinnen Spartensender kontinuierlich hinzu. Als Beispiele genannt sind: der Rock-Sender BOB, Klassik Radio oder Schlagerparadies. Und neu im Markt ist: Kölsch Radio. Es gibt sie also noch, die guten Nachrichten aus dem Radiomarkt.

 

Aufmunternde Grüße

Ihr

David Rühl

NEWSLETTER 16.01.2026

Yad Vashem am Dom, aber kein Platz für das jüdische Theater Michoels in Köln? Über Alex Schneider, den Sisyphos vom Rhein.

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

wenn man mit Alex Schneider spricht, geht es vordergründig heiter zu. Der Leiter des jüdischen Theaters Michoels in Köln spricht voller Witz und Selbstironie, amüsiert sich offenbar über die Rolle, die er in dieser Stadt spielt. Das war schon so, als ich ihn vor langer Zeit kennenlernte. Dabei hätte er Grund, enttäuscht oder gar verärgert zu sein.

Seit fast drei Jahrzehnten versucht Alex Schneider in Köln eine Stätte für sein jüdisches Theater zu finden. Ganz praktisch: vier Wände, eine Bühne, einen Eingang, durch den Publikum kommt – und idealerweise auch wieder hinausgeht. 1997 gegründet, war das erste jüdische Theater-Ensemble der Nachkriegszeit in Deutschland ein Thema für die Medien. Bis in New York Times und Washington Post reichten die Berichte. Auf Köln fiel internationale Aufmerksamkeit.

„Wobei wir doch nur spielen und Spaß haben wollten“, lacht Scheider. Auch die Stadt begrüßte das Ensemble. Der damalige Oberbürgermeister Harry Blum (CDU), angetreten, Köln zu verändern, wollte ihm eine feste Spielstätte vermitteln. Für kurze Zeit gab es tatsächlich eine Bühne im Rheinauhafen. Dann wurde der neue Hafenkomplex gebaut und das Theater musste raus. Zurück durfte es nicht. Förderer Blum war, eine tragische Fußnote, wenige Monate nach Amtsantritt verstorben.

Was folgte, nennt Schneider eine Odyssee. Gastspiele in Schauspielhaus, Philharmonie, studio dumont, Rautenstrauch-Joest-Museum und immer wieder neue Interimslösungen. Spielstätten gab es viele. Dauerhaft war keine. Immer wieder Lob, Zustimmung, Sympathie. Schneider ist voller Geschichten von Zusagen, die platzten, Plänen, die „auf einem guten Weg“ waren und dann doch erfolglos blieben. Wie für Sisyphos in der griechischen Mythologie waren alle seine Kraftanstrengungen in dieser Stadt vergeblich.

2019 lag ein Plan für ein Theaterhaus in der City vor. Bauträger und Sponsor waren bei der Hand, Architektenentwurf und Betriebsplanung ebenso. Die Finanzierung stand also. Der Liegenschaftsausschuss befürwortete das Projekt. Dann kam, was man aus Köln kennt: Der Mut zur Entscheidung fehlte. Vertagen und liegenlassen war die Devise. Wie auch bei der historischen Mitte pulverisierten die über die Jahre gestiegenen Baupreise alle Planungen. Schneider erzählt das mit milder Ironie statt mit Zorn. Gut so, denn der hätte ihn sicher inzwischen verzehrt.

Nun bewirbt Köln sich um die deutsche Außenstelle der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem, den zentralen Ort, der weltweit an die Judenvernichtung erinnert. Ein Gebäude direkt am Dom soll Bildungs- und Begegnungszentrum werden. Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) nennt das Projekt eine Herzensangelegenheit. Köln wolle jüdisches Leben fördern und Antisemitismus mit Bildung bekämpfen. Das sind große Sätze und ich wünsche mir, dass sie Wirklichkeit werden. Denn wenn jüdisches Leben in dieser Stadt so ausdrücklich gewollt ist, dann hat vielleicht das jüdische Theater noch eine Chance.

Zu jüdischem Leben gehört Sorge um die Sicherheit. Die Sorge ist angesichts wachsender Übergriffe und offenem Antisemitismus gewachsen. Dabei geht es um den physischen Schutz von Synagogen, Schulen und Gemeindezentren, um etwas wie den Alltag jüdischer Bürger überhaupt erst zu ermöglichen. Köln macht da keine Ausnahme.

Die Synagoge an der Roonstraße steht unter konstanter Polizei-Aufsicht. Das jüdische Altenheim mit der benachbarten Schule in Ehrenfeld gleicht einem Hochsicherheitstrakt. Dort habe ich hinter Zugangsschleusen Alex Schneider spielen sehen. Es wurde gesungen, gescherzt, erzählt. Ausschnitte aus eigenen Inszenierungen „Lea – ich gehe zu mir“ oder „Lachen bis der Rabbi kommt“ wurden aufgeführt. Wir lachten hinter Sicherheitsschranken, nicht-öffentlich und wohl behütet. 

Gedenken an den millionenfachen Judenmord funktioniert in Deutschland. Es ist organisiert, ritualisiert und fast möchte man es routiniert nennen, denn häufig treffen sich dieselben Personengruppen. Wer seine sieben Sinne beisammen hat, kann nur Scham und Verpflichtung empfinden. Andenken, Trauer und Betroffenheit sind echt, aber isoliert in Sälen, Kirchen oder Parlamenten. Doch mit lebendiger jüdischer Kultur ist es komplizierter. Sie ist vielgestaltig, gegenwärtig, kann widerspenstig und widersprüchlich sein. Sie steht für Zukunft. Vor allem aber muss sie öffentlich und spürbar werden.

„Wir dürfen über die Erinnerung nicht unsere Gegenwart vergessen“, sagt Andrei Kovacs. Eben um diese Gegenwart geht es dem Verein „Jüdisches Leben in Europa“, dessen deutsche Geschäftsstelle mit 19 Mitarbeitenden in Kürze in Köln aktiv wird mit Kovacs als Generalsekretär. Viele hier kennen ihn. Er steuerte als Geschäftsführer bereits 2021 das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Kovacs wirbt für ein „entkrampftes“ Miteinander und eine Zukunft, in der „kölsch und koscher“ gemeinsam genannt werden.

Insgeheim war Alex Schneiders Hoffnung auf ein Theater gesunken. Nun aber versucht er erneut, den Stein auf die Kuppe zu rollen, um nicht als Sisyphos zu enden, dem das nicht gelang.  Er hat an den Oberbürgermeister geschrieben. Freundlich und sachlich, wie es seine Art ist: Ob aus dem stets bezeugten guten Willen diesmal etwas Konkretes werden könnte?

Das würde das Werben um die Außenstelle von Yad Vashem überzeugender machen und wäre eine überraschende Wendung. Für Köln wäre sie überfällig.

 

Herzliche Grüsse

Ihr
Peter Pauls

NEWSLETTER 09.01.2026

Bau-Turbo im Leerlauf?  Zwischen Versprechen, Visionen und Baustellen entscheidet sich, ob Köln die Wende schafft

 

 

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

zunächst wünsche ich Ihnen allen ein frohes, gesundes und mutiges neues Jahr, in dem Köln beweisen kann, dass es nicht nur über Herausforderungen spricht, sondern jene auch entschlossen angeht.

Dies ist mein erster Newsletter als neue Vorsitzende unseres Clubs. Eine Aufgabe, die mich freut und verpflichtet. „Sagen, was ist.“ Dieser journalistische Grundsatz ist heute wichtiger denn je, weil er zu häufig von politischen Botschaften und gut gemeinten Narrativen überdeckt wird. Unser Anspruch ist klar: Der Kölner Presseclub bleibt eine unabhängige Stimme für diese Stadt. Kritisch, offen, aber auch konstruktiv. Denn Köln ist eine Stadt, in der man mit allem rechnen muss – auch mit dem Guten.​

Wohnen ist die soziale Frage unserer Zeit und der vielleicht härteste Realitätstest für politische Handlungsfähigkeit. Zwischen steigenden Mieten, stockendem Neubau und ambitionierten Ankündigungen entscheidet sich, ob diese Stadt 2026 tatsächlich einen Wendepunkt erreicht oder ob sie weiter verwaltet, was längst aus dem Ruder läuft. Köln ist eine Stadt voller Versprechen und voller Baustellen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Vor diesem Hintergrund sprach ich mit Anton Bausinger. Er ist Bauunternehmer, engagierter Kölner und seit 2025 Vorstandsvorsitzender des Kölner Haus- und Grundbesitzervereins. „Köln baut zu langsam, zu teuer und oft an den Bedürfnissen vorbei“, sagt er nüchtern und man merkt, dass dahinter rund zwanzig Jahre Erfahrung und Kampf um Baupläne, Flächen und Verfahren stecken. „Nachverdichtung allein rettet uns nicht mehr.“ Bausinger sagt das nicht polemisch, sondern sachlich: Seit 20 Jahren reden wir darüber. Die Baulücken sind weitgehend geschlossen. Wir schaffen die benötigten 6.000 Wohnungen im Jahr niemals allein im Bestand.“

Die Zahlen geben ihm recht. Köln lag zuletzt bei rund einem Drittel dieser Zielmarke. Gleichzeitig wächst der Druck von außen: Rund 500.000 Menschen pendeln täglich in die Stadt. Viele von ihnen, weil sie sich Wohnen in Köln nicht leisten können oder gar nichts finden. Bausingers Forderung: „Die Stadt muss neue Bauflächen ausweisen.“ Und weiter:Wir brauchen nicht noch mehr grundsätzliche Debatten über die Art und Weise der Flächennutzung. Wir brauchen eine Politik, die Zielkonflikte zwischen Wohnen, Klima und Stadtentwicklung offen benennt und aushält.“

Bausinger verliert sich weder in Abrechnungen über zehn Jahre Oberbürgermeisterin Reker, in denen trotz ehrlicher Ambitionen vieles liegen blieb, noch in pauschalen Klagen über die Verwaltung. Stattdessen richtet er den Blick nach vorn. Wie kann Köln jetzt Tempo aufnehmen? Als Bauunternehmer ist er bereit, dem neuen Stadtoberhaupt Torsten Burmester eine große Portion Vorschusslorbeeren zu geben. In der Hoffnung, dass er den Wandel schafft.

Dass es so nicht weitergeht, ist längst Konsens. Niedrigere Standards, schnellere Entscheidungen, klare Prioritäten werden seit Jahren von der Bauwirtschaft gefordert. Der Bund hat jetzt mit dem sogenannten Wohnungsbau-Turbo die Spielräume erweitert: Kommunen dürfen Verfahren beschleunigen, auf Bebauungspläne verzichten, schneller genehmigen. Das Werkzeug liegt also in Berlin auf dem Tisch. Doch hier in Köln haben wir ein Problem. Bausinger nennt es die Achillesferse der Stadt: fehlender politischer Durchgriff, zu wenig Personal, zu viele Reibungsverluste zwischen Anspruch und Vorschriften. Ein Turbo, der im Leerlauf läuft, bringt keine Wohnungen auf die Straße.

Die Kölner Wohnungswirtschaft – mit Unterstützung des Kölner Haus- und Grundbesitzervereins – hat geliefert. Ein klarer Zehn-Punkte-Plan: mehr Tempo, mehr Flächen, mehr Digitalisierung, weniger Bürokratie. Und die Stadt? Sie leistet sich zunächst einen fast sechsmonatigen, rund 400.000 Euro teuren Dialogprozess zur Senkung der Baukosten. Ein Bau-Turbo mit angezogener Handbremse? Anton Bausinger macht Druck: „Jetzt zeigt sich, ob der Oberbürgermeister Wort hält. Ob der angekündigte Bau-Turbo endlich zündet und das Hamburger Einfach-Modell auch in Köln Realität wird.“

Besonders deutlich wird er beim Thema Stellplätze. Tiefgaragen seien einer der größten Kostentreiber im Wohnungsbau. Ein Stellplatz koste heute schnell 40.000 bis 70.000 Euro in Köln. Weniger Stellplätze zur Kostenreduzierung klingt zunächst gut. Doch ohne ÖPNV-Ausbau, Quartiersgaragen und echtes Mobilitätskonzept verlagert sich das Problem nur auf die Straße. Mehr Parkdruck, mehr Konflikte, mehr Frust. Auch das ist Kölner Realität.

Hinzu kommt ein schwer vermittelbarer Spagat: Einerseits will die Stadt billiger, einfacher, schneller Bauen. Andererseits erhöht sie ab 2026 die Grundsteuer. Wohnen wird für Eigentümer wie für Mieter teurer. Bausinger zeigt zwar Verständnis für die schwierige Haushaltslage. Aber eine Grundsteuererhöhung ist die falsche Stellschraube, sagt er. „Wenn die Belastungen steigen, müssen Genehmigungen schneller werden, Verfahren schlanker, Entscheidungen mutiger.“

Und dann gibt es im nächsten Jahr noch ein Thema, das mit Wohnraum zusammenhängt. Am 19. April 2026 entscheidet Köln per Ratsbürgerentscheid, ob sich die Stadt an einer gemeinsamen Bewerbung der Rhein-Ruhr-Region für Olympische und Paralympische Spiele beteiligt. Großprojekte können Stadtentwicklung beschleunigen, neue Quartiere schaffen, Infrastruktur bündeln. Aber für den akuten Wohnraummangel kommt ein Ereignis wie Olympia in zwanzig Jahren zu spät.

In Zeiten in denen immer mehr Menschen den politischen Mehrheiten der vergangenen Jahre nicht mehr trauen und Verwaltungsversagen im Alltag spürbar wird – im Stau, bei der Wohnungssuche, auf verwahrlosten Plätzen – reicht es nicht mehr, auf Konzepte und ferne Großprojekte zu verweisen. Dann zählt, ob Beschlüsse endlich Wirkung entfalten. Was fehlt, ist also nicht Erkenntnis, sondern Konsequenz. Aber Köln ist – wie eingangs gesagt – eine Stadt, in der man mit allem rechnen muss. Auch mit dem Guten.

Herzliche optimistische Grüße für 2026 sendet

Ihre Claudia Hessel

NEWSLETTER 19.12.2025

Wie sich ein Wunder zusammensetzt, das einen Vierjährigen zurück ins Leben führt – Ein Besuch in der Kinderpalliativstation des Klinikums Leverkusen

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

Sie lesen heute eine Geschichte, die zu Weihnachten passt, wie ich meine, denn es geht um eine Art von Geburt. Auch wenn Sie zu Beginn zweifeln mögen – diese Zeilen nehmen eine gute Wendung.

Vor eineinhalb Monaten kam Niko (Name geändert) auf die Kinderpalliativstation im Klinikum Leverkusen. Sie heißt „Zeitinsel“ und soll ein Schutzraum für Kinder und Jugendliche mit schweren oder lebensverkürzenden Krankheiten sein, soll ihr Leiden erträglich machen oder ihre Lebensqualität verbessern. Und sie wendet sich auch an Eltern.

Niko ist vier Jahre alt, Vater und Mutter sind unbekannt. Niko kam mit einem schweren Hirndefekt zur Welt. Er ist blind, muss künstlich ernährt werden und wurde nach seiner Geburt in amtliche Obhut genommen. Bis zu seiner Ankunft in der Zeitinsel hatte nie jemand Zeit für ihn, geschweige denn ihm Zuwendung gegeben. Das Kind fiel als unruhig und aggressiv auf, wurde mit schweren Psychopharmaka ruhiggestellt. All das hinterließ Spuren. Als er nach Leverkusen kam, hatte er sich beinahe mit dem Schlauch für seine künstliche Ernährung stranguliert. Der kleine Junge schlug sich und andere, und er erbrach sich fortwährend.

Niko ist immer noch schwer krank. Doch er, der vorher nicht sprechen konnte, kann heute seinen Namen sagen. Dann klopft er sich an die Brust. „Er nimmt sich selber wahr,“ sagt Simone Vogel von der pflegerischen Stationsleitung. Sie und ihr Kollege Frédéric Brandenburg lassen es im Gespräch mit mir gelten, wenn ich die Verwandlung ein kleines Wunder nenne. So kommt es mir vor. Doch die beiden können präzise benennen, aus welchen einzelnen Schritten sich dieses Wunder zusammensetzt – Schritte, durch die ein kleiner Junge aus diesem Gefängnis von Krankheit, Schmerz, Aggression und Vernachlässigung befreit wurde.

Der neue Niko lacht, summt, ist mit Händen und Füßen an der Musiktherapie beteiligt, hat stehen gelernt und ein starkes Bedürfnis nach menschlicher Nähe und Wärme, wie er sie bisher nicht erhielt. „Ganz schnell ist er im Kuschelmodus“, sagt Dr. Dejan Vlajnic, der ärztliche Leiter. Und wie zur Bestätigung legt Niko seinen Kopf auf die Schulter des Arztes, als der ihn hochnimmt. Weil hier ein Kind den Weg ins Leben fand, passt Nikos Schicksal in die Weihnachtszeit. „Wir können sein Hirn nicht reparieren, aber sein Leid lindern,“ sagt Dr. Vlajnic.

Hinter dem Wunder steht ein Tag voller Untersuchungen. „Wenn sich ein ganzes Team einbringt, können wir helfen, wie das in einem normalen Krankenhaus aus Kapazitätsgründen nicht möglich ist,“ heißt es auf der Station. Auch die Ursache für sein körperliches Leiden fand sich an diesem Tag. Ein Schlauch, der Hirnwasser in Nikos Unterleib ableiten sollte, hatte sich gelöst, wie eine Röntgenaufnahme aufdeckte. Der Wasserdruck im Kopf muss dem Jungen unerträgliche Schmerzen bereitet haben.

In Niko stecke viel Potenzial sagen alle, die mit ihm zu tun haben. Das ist ein Team von Spezialisten wie Musik- und Ergotherapeuten, Palliativpflegern und Kinderpsychologen. „Vielleicht kann er eines Tages in einen besonderen Kindergarten oder zur Schule gehen“, meint Simone Vogel. „Kinder kommunizieren auf ihre eigene Art. Das kann nicht nur seine geistige Entwicklung anregen. Es bedeutet auch Teilhabe am öffentlichen Leben.“

Ob das Kinderheim, in dem Niko untergebracht ist, eine solch enge Betreuung leisten kann? Dort mag man ihn zwar, heißt es. Aber er ist einer unter 20. Bereits die Kinderstation eines Großstadtkrankenhauses war mit Niko dermaßen überfordert, dass sie ihn mit einem Fahrdienst unbehandelt in sein Kinderheim zurückschickte. Ideal für Niko sei eine Pflegefamilie, die sich an seinen Fortschritten freut, sagt Dr. Vlajnic.

 Wie alt Niko werden kann, dessen Krankheit fortschreitet? „Vielleicht acht, vielleicht 18 Jahre oder mehr“, antwortet Dr. Vlajnic. Drei Jahre arbeitete er in Datteln, an der zweiten Kinderpalliativstation, die es in NRW gibt, bevor er nach Leverkusen kam, das seine Station Ende August öffnete. Der Mediziner ist auch studierter evangelischer Theologe und ein Menschenfänger. Alle 40 Stellen der Zeitinsel sind trotz Fachkräftemangels besetzt.

„Es gibt keine hoffnungslosen Fälle“, sagt er und berichtet von einem Mädchen, das gerne geritten war und wegen akuten Leberversagens im Sterben lag. Die Eltern wünschten sich, dass ihr Kind noch einmal Kontakt mit einem Reittier habe. „Dann kam Karlchen“, erinnert sich der Mediziner. Das Therapiepony lief zu der Todkranken und stupste sie mit den Nüstern. Das Kind lächelte. Es lebt heute noch.

Stellen Sie sich die Frage, warum es so wenige Palliativstationen für Kinder gibt? Weil es ein Ding der Unmöglichkeit ist, Geld mit ihnen zu verdienen. Deshalb können sie nicht ohne Spenden arbeiten. Dafür ereignet sich dort mitunter, was ich ein Wunder nenne. 

Dieser Newsletter ist der letzte im Jahr 2025. Am 9. Oktober 2020, vor mehr als fünf Jahren, erschien der erste, modern aufbereitete Newsletter des Kölner Presseclubs. Er wächst beständig und findet neue Freunde. Der Newsletter war eine Folge von Corona, denn durch die Kontakteinschränkungen waren wir in Sorge, unsere Mitglieder und Freunde zu verlieren. Corona ging, doch der Newsletter blieb. Er etablierte sich schnell in Köln. Ich danke Ihnen allen für Ihre Treue.

Mit diesen Zeilen verabschiede ich mich als Vorsitzender des Kölner Presseclubs nach 13 Jahren im Vorstand. Nach unseren Weihnachtsferien, am Freitag, 9. Januar, begrüßt meine Nachfolgerin, Claudia Hessel, Sie mit dem ersten Newsletter des Jahres 2026. Und bereits am Montag, 12. Januar, laden wir Sie zum Jahresauftaktgespräch mit NRW-Minister Nathanael Liminski ein (siehe folgende Einladung). Dann übergeben wir das Amt symbolisch.

Ihnen und Ihren Familien wünsche ich frohe und unbeschwerte Festtage. Sollte Niko Ihnen noch durch den Kopf gehen und sie mehr wissen wollen, hier die Mailadresse der Zeitinsel: kinderpalliativ@klinikum-lev.de.

Herzlich grüßt

Ihr

Peter Pauls

NEWSLETTER 12.12.2025

Über Politik als Risikofaktor, Kölns OB Torsten Burmester und einen Domina-Effekt

 

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

Prognosen, so sagte es der große Spötter Mark Twain, Prognosen werden dann schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen. Entsprechend vorsichtig sollte man sein, wenn man sich nicht ganz sicher ist. Doch Nicole Grünewald ist sich ganz sicher: „Der auf 2030 vorgezogene Kohleausstieg in NRW wird nicht kommen.“ Die Kölner IHK-Präsidentin gehört bekanntermaßen zur überschaubaren Fraktion Klartext in der öffentlichen Debatte. Aber sie unterfüttert ihre These mit triftigen Argumenten: Die Region lebt wirtschaftlich (und damit auch sozial) von energieintensiven Branchen, vor allem von der Chemie und dem Fahrzeugbau. Ohne verlässliche und bezahlbare Energie würde ihnen im Wortsinn der Stecker gezogen. Das sei allen klar und deshalb wird nach ihrer Einschätzung im kommenden Jahr die Notbremse gezogen, denn ein Ersatz für die grundlastfähige Braunkohle in Form von Gaskraftwerken, die übergangsweise die Versorgung übernehmen müssten, sei nicht ansatzweise in Sicht. Eine Deindustrialisierung, so muss man das verstehen, hilft der Umwelt auch nicht. Ein geordneter Umstieg schon.

Das allerdings wäre bitter nötig. „Wir erleben die größte Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten“, diagnostiziert IHK-Präsidentin Grünewald, die für die mehr als 150.000 Mitglieder spricht. Gerade erst hat Ford einen weiteren Stellenabbau angekündigt, ein Unternehmen, von dem viele kleinere abhängig sind. Aber auch die anderen tragenden Säulen der regionalen Wirtschaft – also Chemie, Autoindustrie, Medien – sind im krisenhaften Umbruch. Lediglich die für Köln ebenfalls bedeutsame Versicherungsbranche schlage sich erfolgreich wacker. Die allgemeine Krise der deutschen Wirtschaft trifft Köln wegen seiner Struktur besonders hart.

Dass Köln wie Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit verloren habe, sei „Made in Germany“, also hausgemacht. „Früher waren wir die Besten, die Schlauesten, die Innovativsten. Jetzt sind wir die, die sich selbst am meisten fesseln.“ Wie in der Geschichte des Gulliver sei es eine Unzahl von Restriktionen, die den Riesen am Boden hielten und die Kraft raubten.

In der Vergangenheit waren es vor allem die Bürokratie und der Fachkräftemangel, die von den Unternehmen als größtes Risiko gesehen wurde, „heute ist es die Politik – und das gab es vorher so noch nie!“. Auf allen Ebenen, von der Kommune über das Land bis zum Bund, habe die Politik Vertrauen versprielt. Die Erwartungen an die schwarz-rote Regierung Merz war nach dem Ampel-Chaos groß. Geblieben ist davon nichts, startete sie doch gleich mit einem Wortbruch bei der Schuldenaufnahme und trickst mit dem Investitionsprogramm, das jetzt zur Verschleierung von Haushaltslöchern missbraucht wird. Vom versprochenen Herbst der Reformen ist bislang auch wenig zu sehen. „Ich will nicht angelogen werden“, reagiert die bekennende Katholikin. Die Politik habe sich von der Lebenswelt der Bürgerinnen und Bürger, aber auch der Wirtschaft abgekoppelt. Es seien mittlerweile unterschiedliche Universen mit jeweils unterschiedlichen Regeln. Nach Grünewalds Beobachtung gebe es allenfalls bei kleinen Kommunen ein tätiges Verständnis für die Sorgen der dort ansässigen Unternehmen, schon aus Sorge um wegbrechende Gewerbesteuer.

In Köln stellt die streitbare Präsidentin aber mit Sorge ein ähnliches Phänomen wie im Bund fest. Das Handeln nach der Wahl konterkariere die Versprechungen von davor. Dass der neue Oberbürgermeister Torsten Burmester nach vollmundigen Ankündigungen als quasi erste Amtshandlung die Grundsteuer erhöhe, schreddere Vertrauen. Dass die Wirtschaft, – anders als versprochen – nicht unter den wichtigsten Themen in der Kölner Politik rangiere, zeige sich auch daran, dass der Vorsitz des städtischen Wirtschaftsausschusses an die AfD gegangen sei – ein Beleg dafür, dass es für die anderen Parteien nicht prioritär scheint. Denn wirtschaftlichen Sachverstand kann sie bei der AfD nicht erkennen. Auch bei weiteren Themen wie etwa dem Umgang mit dem beispielhaften Problemfall Neumarkt rücke Burmester schon wieder ab. Das grundsätzliche Problem der Politik sei das Denken in kurzen Zeitspannen, also bis zur nächsten Wahl. Wer reformiere oder saniere, verspiele Popularität. Wer Probleme auf eine Zukunft nach der eigenen Amtszeit verschiebe, werde belohnt.

Jede Wahrheit braucht einen, der sie ausspricht. Diese nur begrenzt applausfähige Rolle füllt die couragierte IHK-Präsidentin geradezu lustvoll aus. Sie gehört zu der seltenen Spezies, die auf Gefahr mit gesteigertem Kampfesmut reagiert. Resignation sei keine Option Nach wie vor gebe es viel Kompetenz, Kreativität und Überlebenswillen in den meisten Unternehmen. Und so gibt sie weiter die kraftvolle und strenge Mahnerin an die Adresse der Politik – und setzt, um scherzhaft zu enden, gewissermaßen auf einen Domina-Effekt.

In diesem Sinne grüße ich Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz

 

 

 

NEWSLETTER 5.12.2025

Was die Stadthalle Köln mit der Kanzlerdemokratie zu tun hat und warum ein völlig neues Museum in dieser Stadt zu sein scheint

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

 

unser Alltag ist durchsetzt von Politik, die in Berlin und Brüssel gemacht wird. Mal fällt es mehr, mal weniger auf. Das ging mir durch den Kopf, als ich einen Facebook-Post von Daniel Rabe las. Seine Frau und er führen die Stadthalle Köln, früher Stadthalle Mülheim, und sie führen sie als Inhaber. Das bedeutet, Reparaturen gehen zulasten ihres eigenen und nicht des Kontos eines Vermieters.

Aus Rabes Zeilen sprach große Enttäuschung. Wird die Mehrwertsteuer auf Speisen zum 1.1.2026 tatsächlich auf sieben Prozent gesenkt? fragte er den „lieben Friedrich Merz.“ Denn sollte das nicht so kommen – wie so manches in Berlin ist auch dieses Thema noch nicht abschließend beschieden – „würde das eklatante Löcher in unsere Planung reißen.“ Angebote für Hochzeiten, Geburtstage, Karneval in 2026 – alles sei dann Makulatur.

Allein die 18 Weihnachtsshows markieren einen Unterschied von knapp €50.000, je nach Abrechnung der Mehrwertsteuer. Können die Gastronomen der Politik noch vertrauen, fragt Rabe und ich kann ihn verstehen. Bis zu 300 Veranstaltungen sind geplant, Kalkulationen abgeschlossen. Etwa 90 Arbeitsplätze stellt das Unternehmen. Da braucht es verlässliche Rahmenbedingungen. Am 19. Dezember könnte der Bundesrat das Gesetzespaket mit den Steuererleichterungen passieren lassen. Aber – einige Bundesländer haben bereits Bedenken angemeldet. Kein Wunder, dass sich viele aus der Gastro-Branche sorgen und zweifeln.

„Diese Stadthalle ist ein bisschen wie das ganze Land“, schreibt der Unternehmer. „Hier ist seit 60 Jahren viel zu wenig Geld in Zukunft und Infrastruktur gesteckt worden.“ Es gebe keinen Plan, „ob wir das schaffen, diese eklatanten Versäumnisse wieder aufzuholen. Alleine das Dach neu zu decken kostet uns 200.000€. Und das muss dringend gemacht werden.“

An dieser Stelle eine Fußnote: Reparieren und Instandhalten scheint nicht Kernkompetenz der Stadt Köln. Besonders deutlich wird das zurzeit am Museum für angewandte Kunst (MAKK), das von Sicherungsstahlskeletten zugebaut ist (wir berichteten ), man erkennt es auch an den wegen Reparaturstaus geschlossenen Kölner Museen und am Wahnsinn um das Opernhaus. Bereits vor rund 20 Jahren gab man wegen Reparatur- und Sanierungsrisiken die „Stadthalle“ in private Hände.

Was vermutlich nicht nur große und kleine Gastronomien in Köln und anderswo sorgt – der holprige Regierungsstil von Schwarz-Rot – nennt der emeritierte Professor für Politikwissenschaft, Karl Rudolf Korte, „die Aushebelung von Kanzlerdemokratie“. Der 67jährige schreibt das direkt der Persönlichkeit von Bundeskanzler Friedrich Merz zu. Der werbe zu wenig um die politische Mitte der Gesellschaft, aber auch um seine Gefolgschaft im Parlament. Er sei noch viel mehr Chief Executive Officer (CEO), Wirtschaftsmann und Unternehmer, der anordnet als einer, der wirbt und argumentiert.

Merz sei keiner, der im Vorfeld Mehrheiten oft über Monate organisiert. Und auch in der Spitze von Kanzleramt oder Fraktion sei diese Fähigkeit nicht auszumachen, führte Korte im Deutschlandfunk aus.

Steckt mehr dahinter als die Unlust eines 70jährigen, sich einer Fraktion und Partei zuzuwenden? Herrscht auch im regierenden Berlin Fachkräftemangel? Ist Jens Spahn als Fraktionschef ein guter Mann an falscher Stelle? Vergessen die Zeiten eines Volker Kauder (CDU), der Mehrheiten „stabil“ zu organisieren wusste. Oder eines Rolf Mützenich (SPD), der mit Leichenbittermiene Politik gegen die eigene linke Überzeugung organisierte. „Die Machtkonstellation verändert sich“, bilanziert Politikwissenschaftler Korte.  Oft habe man den Eindruck, Gesetzesentwürfe des Kabinetts gälten den Regierungsfraktionen „nur noch wie eine leichte Anregung.“ Die Macht wandere ab aus dem Kanzleramt.

Man darf sicher sein, dass das weiter beobachtet wird.

Wenden wir uns Köln zu. Spätestens seit der „Kölner Stadt-Anzeiger“ die Überschrift „Wer hat Angst vor Peter Jungen“ druckte, muss der so Charakterisierte schauen, dass sein Ruf ihm nicht enteilt. Aber die Stadt lässt den 84jährigen nicht hängen und sorgt dafür, ihn im Training zu halten. Als sie zur Grundsteinlegung des „Richartz-Wallraf-Museums“ in den Stiftersaal des „Wallraf-Richartz-Museums“ einlud, fiel Jungen das auf und er gab es zwar zum Besten bei der Verleihung der Jabach-Medaille ihm zu Ehren. Doch betretene Mienen konnte ich nicht ausmachen. Dachte da jemand, es handele sich um zwei verschiedene Bauten? Oder dachte der oder die gar nichts? Aufgefallen im Vorfeld ist es nicht. Zumindest ist der Vorgang von immanenter, wenngleich schräger Logik.

Übersehen wurde von der Stadt auch eine 50 Meter hohe Stele – Das Kunstwerk „Standortmitte“ des Kölners Lutz Fritsch am Verteilerkreis. Das muss man erstmal hinkriegen. Nun ist es der geplanten Stadtbahn im Weg. Ein eleganter Alternativentwurf des Künstlers blieb unberücksichtigt, weil die Ämter die Neuplanung scheuen. Der Konflikt geht in ein neues Jahr. Wird diese Bahn je in der geplanten Weise gebaut, ist ihr der Eintrag in internationale Bausündenregister sicher.

Angesichts dieser Geschichten wollte ich der Stadt Philistertum unterstellen, kulturfeindliches Banausentum also, musste mich aber korrigieren. Die Philister waren ganz anständige Leute. Ihren schlechten Ruf in Deutschland verdanken sie einem Studenten-Ulk zu Zeiten Goethes, der den übernahm. Mich bewegt eine ernsthafte Frage: Welche Folgen ziehen solche Fehlleistungen nach sich? Womöglich gar keine? Daniel Rabe – damit kehren wir an den Beginn dieses Newsletters zurück – bezahlt Fehler mit eigenem Geld. Deshalb sollte er möglichst wenige machen. Die Stadt zahlt mit unserem Geld.

Böse enden möchte ich nicht: Wieder nutzte ich das Bürgertelefon der Stadtverwaltung, um einen Termin zu vereinbaren und wieder machte ich eine gute Erfahrung. Freundliche und lösungsorientierte Gesprächspartner halfen mir. Na also. Der gute Geist muss nur noch an die richtige Stelle.

 

Herzlich grüßt

Ihr

 

Peter Pauls

NEWSLETTER 28.11.2025

Die Debatte um mehr Sicherheit zeigt auch: Die Kölner Innenstadt ist zu ruhig geworden. Wir müssen zurück ins Stadtleben. Ein Appell.

 

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

in unserer Innenstadt werden mittlerweile die Bürgersteige hochgeklappt. Den ultimativen Beweis können Sie ab 23 Uhr zumindest montags bis mittwochs beobachten. Am Rudolfplatz, einst ein Hort des pulsierenden Abendlebens, schließen die Schnellrestaurants mittlerweile vor Mitternacht. Eine Zeitenwende ist eingesetzt. Als ich vor 20 Jahren nach Köln zog, gab es noch eine Chatgruppe mit hunderten Mitgliedern namens „Treffpunkt Mäkkes Rudolfplatz“. Der Laden hatte täglich 23 Stunden geöffnet! Diese Zeiten sind vorbei.

Mittlerweile grenzt es an ein Wunder, wenn nach Einbruch der Dunkelheit in Köln wirklich noch etwas passiert. Insbesondere junge Leute sind kaum noch zu sehen. Also die, die den Pulsschlag der Stadt einst hochgehalten haben. Gründe dürften die Preissteigerungen, aber auch die Corona-Pandemie sein.

Parallel nun das: das Sicherheitsgefühl nimmt ab – nicht nur in unserer Stadt, sondern bundesweit. Dem ARD-Deutschlandtrend zufolge sagt genau eine Hälfte der Bevölkerung, sie fühle sich eher sicher oder sehr sicher, und die andere Hälfe das Gegenteil. Die genauen Umfragedaten können Sie hier nachlesen.

Vergangene Wochen diskutierte der Kölner Presseclub zum Thema „zu dunkel, zu einsam, zu gefährlich – wo und warum sich Frauen in Köln nicht sicher fühlen“. Zu Gast waren IHK-Präsidentin Nicole Grünewald, Dr. Harald Rau, Kölner Dezernent für Soziales, Gesundheit und Wohnen, und CDU-Ratsmitglied Teresa De Bellis. Zusammen mit dem Publikum wurden die Angsträume in der Stadt deutlich: so ziemlich jeder große Platz in Köln wurde genannt.

Und mir persönlich wurde durch diverse Zwischenrufe deutlich: Männer winken gerne ab, während Frauen ihre Sorgen schildern. So zeigt es auch der ARD-Deutschlandtrend. So haben nur acht Prozent der Männer zumindest manchmal die Sorge, im öffentlichen Raum sexuell bedrängt zu werden, aber 38 Prozent der Frauen. Es stünde also manchem Genossen ganz gut, im richtigen Moment mal die Klappe zu halten und erstmal zuzuhören.

Umso erstaunlicher auch meine Erkenntnis: Eine Stadtplanung aus Sicht der Frauen, das hat es offenbar bislang nicht gegeben. Wien soll es dabei derzeit vormachen. Dort wurden dunkle Ecken ausgeleuchtet, Geschäfte und Lokale in Erdgeschossen belebt. Köln will sich daran laut Bürgermeisterin de Bellis ein Beispiel nehmen. Dezernent Rau ergänzt: auch Sauberkeit hinterlässt schon ein Gefühl der Sicherheit, nach dem Motto: hier kümmert sich einer! Verwahrlosung erzeuge ein Gefühl, der Zustand der Stadt sei egal, was eine gute Grundlage für Ängste sein könne. Wenn es danach geht, dürfte in Köln künftig wohl viel zu kehren sein.

Schließlich fehlten einfach Menschen in der Stadt, die sich dort gerne aufhalten – und zwar nicht nur am Tag. Das zeige beispielsweise der viel verhasste Ebertplatz. Tagsüber sei dort nun der alte Brunnen wieder aktiv und Gastronomie sorge dafür, dass sich genügend Publikum treffe. Nachts dagegen verkomme der Platz durch sprichwörtlich dunkle Gestalten.

Sorgenkind bleibt der Neumarkt, wo sich entgegen dem Ebertplatz wohl keine Gastronomie ansiedeln wird. Abgesehen von der Frage, wie mit dem Drogenkonsumraum am Neumarkt umgegangen werden soll, bleibt zu klären: wie holen sich die Kölner ihre Innenstadt zurück?

Das fängt meiner Meinung nach mit Sauberkeit und Polizeipräsenz an – allerdings auch in unseren Köpfen. Welches Argument hilft noch bei Angst, ob begründet oder unbegründet? Sofern die Politik endlich handelt, müssen auch wir Kölner es schaffen, diese Stadt wieder so lebenswert zu machen, wie wir sie uns wünschen. Hoffentlich ist das bald der Fall, damit auch am Rudolfplatz wieder rund um die Uhr Leben einkehren kann.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Adventszeit!

 

Ihr

David Rühl

NEWSLETTER 21.11.2025

Über Nostalgie als Geschäftsmodell,

Wut und Hass im Netz

und den Preis des Geizes

 

 

 

Sehr geehrte Mitglieder,

liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

 

Nostalgie ist kein Geschäftsmodell. Das lernen derzeit die traditionellen, die analogen Medien. Wer sich heute zur Lektüre der FAZ oder seiner Regionalzeitung bekennt, wer regelmäßig die Programme im (privaten wie öffentlichen) Rundfunk nutzt, macht damit keine Aussage über seine Gewohnheiten. Es ist eine Altersangabe. Das sind – leider – keine Hypothesen mehr, es ist wissenschaftlich vielfach belegt. Die Aufmerksamkeit und damit die Zukunft gehört den Digitalen Medien, gehört den großen amerikanischen Plattformen von Elon Musk und Mark Zuckerberg, gehört Facebook, Instagram, TikTok und Co. Für unsere Freiheit, für eine offene Gesellschaft ist das gefährlich.

Denn längst entscheiden die Algorithmen der Tech-Konzerne, was wir über die Welt erfahren, was wir sehen und lesen – und was nicht. Die Plattformen müssen sich – anders als Verlage und Rundfunk – nicht ernsthaft verantworten für die Inhalte, vor allem legen sie die Kriterien nicht offen, nach denen sie auswählen und priorisieren. Seit sie fest an der Seite des US-Präsidenten Donald Trump stehen, folgen sie auch einer eigenen politischen Agenda, wie Elon Musks offene Parteinahme für die AfD zeigt.

Wohl niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte gab es eine solche Konzentration von straff gebündelter Macht, wirtschaftlicher, politischer und kommunikativer. Macht, die weder transparent noch kontrolliert ist. Und anders als die traditionellen Medien können sich die Digitalen Medien dem Presserecht und anderen sinnvollen Auflagen entziehen.

Freier Zugang zu belastbarer Information, zu faktenbasierten Nachrichten aber sind Voraussetzung für Demokratie, für eine freie, selbstbestimmte Gesellschaft. Genau die ist in Gefahr, wie die renommierte Max-Planck-Gesellschaft konstatiert und mit ihren Studien belegt. Denn die Plattformen transportieren vorrangig Gefühle, ihre Programmierung schürt Wut, Hass und Misstrauen, kurz: das Gift für jede Gemeinschaft. Sie belohnen in der Währung Aufmerksamkeit alles, was die gute Kinderstube verbietet, was spaltet und hetzt.

Inzwischen vertraut eine große Zahl von Menschen mehr den trüben Quellen des Internets, während sie staatlichen Stellen oder herkömmlichen Medien mit fundamentaler Skepsis begegnet.

Gibt es nicht unendlich viele Möglichkeiten, sich solide im Netz zu informieren? Gibt es nicht vertrauenswürdige Adressen im World Wide Web? Ja, sagt der Medienwissenschaftler Prof. Martin Andree von der Uni Köln. Aber die spielen kaum noch eine Rolle, und diese Entwicklung beschleunigt sich. Das zeigt der „Atlas der digitalen Welt“, mit dem sein Team erstmals die reale Nutzung des Internet-Angebots vermessen haben. Bekannte Medienmarken wie Spiegel, Tagesschau oder selbst Bild sind letztlich Angebote aus der Nische, allenfalls mäßig relevant – von FAZ, Süddeutscher oder Regionalzeitungen ganz zu schweigen. „Wir verlieren unsere digitale Öffentlichkeit“, diagnostiziert Andree. Die öffentliche Meinungsbildung finde im Netz statt, „sie ist die zentrale Arena. Es entsteht eine völlig inakzeptable und verfassungswidrige Bündelung von Meinungsmacht“, betont er gegenüber dem Kölner Presseclub. Außerdem verlören die redaktionellen Medien ihre Finanzierungsgrundlage und würden von den Tech-Firmen wie Google oder Meta, dem Konzern Mark Zuckerbergs, abhängig.

Die „Monopolisierung der Meinungsmacht“ in der digitalen Welt hat die zentralen Säulen freier Medien längst ausgehebelt, ihre Unabhängigkeit, ihre Anbietervielfalt und den Anteil journalistischer Inhalte: Unter solchen Bedingungen können wir nicht mehr von freien Märkten sprechen. Auch die nötige Staatsferne sieht er dadurch gefährdet, dass die Eigner der Digitalmonopole politisch den engen Schulterschluss mit Donald Trump suchten. Zusätzlich beobachtet Martin Andree in seiner Forschung den Trend beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI), dass es zu einer zunehmenden Entwertung journalistischer Inhalte und Desinformation kommt.

Eigentlich wäre das Monopol der Tech-Oligarchen zu brechen. Auch die Bundespost war mal ein Monopol. Aber die schützende Hand des US-Präsidenten über seine Oligarchen verhindert das. Seine angekündigte Reaktion auf ein Beschneiden der Macht der Tech-Konzerne: Steuern rauf für Importe aus Deutschland und der EU. Auf die Weise werden noch nicht einmal die hier gemachten Gewinne von Google, Apple und Amazon fair besteuert.

Was als großes und kostenloses Freiheitsversprechen begonnen hat, droht jetzt zur teuren Falle zu werden. Das scheinbare Gratis-Angebot mit Information und Unterhaltung im Internet hat eben doch einen Preis. Geiz ist geil, hieß es vor Jahren. Aber manchmal kommt die Rechnung später- und dann wird’s teuer.

Ganz analog und aus erster Hand informieren, das können Sie sich bei den Veranstaltungen des Kölner Presseclubs. Zum Beispiel am 3. Dezember, wo wir im Gespräch mit Prof. Michael Hüther, dem Chef des renommierten Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) die wirtschaftliche, aber auch soziale und politische Lage erörtern. Also: Keine Fake News, sondern belastbare Informationen von einem der führenden Ökonomen Deutschlands.

In diesem Sinne grüße ich Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz

NEWSLETTER 14.11.2025

Köln zwischen Volksbühne und Volksoper? Warum die Stadt ihr Publikum neu finden muss

 

Liebe Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

 

etwas Bemerkenswertes geschieht in Köln: Die „gute alte Zeit“ erlebt ein Comeback. Retro-Formate boomen, alte Marken und Figuren werden wiederentdeckt und mir wurde es besonders  deutlich  in der Volksbühne am Rudolfplatz. „Endlich wieder lachen“, das Stück über Kölns Kultfigur Willy Millowitsch, war in kürzester Zeit ausverkauft. Im Herbst 2026 folgt bereits die Fortsetzung. Warum trifft gerade Nostalgie den Nerv der Stadt?

Genau darüber habe ich mit Prof. Hans-Georg Bögner, Vorsitzender des Bundes Deutscher Volksbühnen und der Freien Volksbühne Köln gesprochen. Für ihn ist der Erfolg ein Symptom unserer verunsicherten Gegenwart. „Wir erleben wieder Angst vor dem Krieg – nicht irgendwo, sondern vor unserer Haustür“, sagt er. „Da wächst das Bedürfnis nach einem geordneten Gestern. Nostalgie spendet Trost.

Köln weiß das seit Langem. Als das Millowitsch-Theater 1945 nach dem Krieg wiedereröffnete, brachte es ein Stück Normalität in eine zerstörte Stadt. Adenauer bat damals: „Bringen Sie die Leute wieder zum Lachen.“

Heute, sagt Bögner, haben wir dieses gemeinsame Lachen verloren. „. Die Gesellschaft hat sich in ein Korsett der Empfindlichkeiten gezwängt. Wir wissen kaum noch, worüber wir überhaupt lachen dürfen.“ Ein Satz aus dem Stück fasst das treffend zusammen: Gott fragt Millowitsch: „Fällt es dir schwer, abzutreten?“ – „Nein, Komödie ist schwieriger.“ Dieser Moment erinnert daran, dass gute Unterhaltung ihre größte Kraft entfaltet, wenn sie Menschen verbindet.

Während die Volksbühne mit ihren Stücken Nähe schafft, entsteht am Offenbachplatz ein Haus, das für viele Kölnerinnen und Kölner Distanz symbolisiert: die Oper. „Wir geben rund 1,5 Milliarden Euro für die Sanierung des Komplexes aus und wissen doch, dass höchstens fünf Prozent der Stadtgesellschaft jemals dort Platz nehmen werden.“ stellt Bögner fest.  Hoffnung setzt er in den neuen Oberbürgermeister Torsten Burmester, der im Wahlkampf versprochen hat, die Oper zu einem Ort für alle zu machen. Doch wie soll eine Oper „für alle“ sein?, frage ich mich. Vielleicht wurde sie nie wirklich für „alle“ Kölner saniert, sondern vor allem für Kulturreisende, die von Inszenierung zu Inszenierung ziehen. Das wird sich ab 2026 zeigen, wohin die Reise geht.

Bögners Kritik zielt aber auch auf die Verantwortlichen. Er fordert  eine Kulturpolitik, die auch das fördert, was Menschen wirklich sehen wollen: „Humor, Geschichten, Persönlichkeiten. Kein Wunder, dass Produktionen wie MillowitschHimmel & Kölle oder das Divertissementchen sofort ausverkauft sind.“

Eine andere Perspektive bringt Thomas Höft ein. Er ist Kölner Opernlibrettist und Regisseur, arbeitet derzeit als Dramaturg an der Wiener Volksoper. Höft kennt noch Kölns Glanzzeiten unter Intendant Michael Hampe, eine Phase, in der die Oper Köln für Wagemut, Präzision und echte Publikumsnähe stand. Er plädiert dafür, Hemmschwellen abzubauen. Es gehe ihm nicht darum, das Niveau zu senken, sondern „die Tür weiter aufzumachen“, mit Formaten, die Menschen hineinholen, und einem Programm, das überrascht, berührt und zugleich künstlerische Exzellenz zeigt. Oper könne „die Grenzen zum Musical und zur Show überschreiten“, wie Barrie Kosky an der Komischen Oper Berlin es vorgemacht habe. Wir sollten uns, sagt Höft, nicht in künstliche Gegensätze treiben lassen „Anspruch und Verständlichkeit schließen sich nicht aus.“ Genau das könne Köln mit dem neuen Intendanten wieder schaffen, ist er sicher.

Volksoper und Volksbühne? Könnte das für Köln funktionieren? „Wenn die Oper sich nicht öffnet, dann muss die Stadt neue Orte schaffen, an denen Kultur für alle möglich bleibt.“ Sagt Bögner. Deshalb plant und arbeitet er seit Jahren daran, die Aachener Straße zum „Broadway am Rhein“ zu machen. Ein lebendiger Theaterdistrikt, in dem sich Volksbühne, Bauturm, Theater der Keller, Kasalla und neue Bühnenformen begegnen. „Vor zehn Jahren gab es hier nur zwei Häuser. Heute haben wir dort eine ganze Szene. Jetzt braucht es nur noch ein gemeinsames Marketingkonzept, um sie sichtbar zu machen.

Als ich die Gespräche und den Nostalgietrend Revue passieren ließ, kam mir ein Satz in den Sinn, der oft zitiert wird: „Jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen.“ Was wir heute für unruhig oder auch unvollkommen halten, wird im Rückblick oft zur vertrauten, warmen Erinnerung. Sie entsteht an den Orten, die wir heute pflegen, gestalten oder auch verlieren. Damit sind wir mitten im Thema unseres nächsten Presseclubs: am 19. November 2025 diskutieren wir unter dem Titel „Angst-Räume in Köln“. Einzelheiten finden Sie in der Einladung.

Ich freue mich auf Sie

Ihre Claudia Hessel

NEWSLETTER 07.10.2025

Was haben die Domplatte und die Kölner CDU gemeinsam? Ihre Statik steht auf dem Prüfstand. Ein kölsch-christlicher Inspektionsbericht.

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

 

jeder hat eine Meinung, wenn es um die Domplatte geht. Das Spektrum dürfte von futuristisch bis hässlich reichen. Mit anderen Worten: eine große Gruppe hätte nichts dagegen, das graue Monument abzureißen und den Dom in einem anderen Umfeld zu sehen.

Nun ist mehr als 50 Jahre nach Fertigstellung der Domplatte für solche Gedanken vielleicht der richtige Moment gekommen. Denn seit fast zwei Wochen wird die Domplatte auf ihren Untergrund untersucht. Der könnte schrecklicher aussehen als der Anblick von oben. Im Zentrum stehen die Säulen, die die Domplatte tragen. Sie sind in der allseits bekannten Tiefgarage zu sehen.

Wie tragfähig diese Stützen noch sind, untersucht die Stadt nun von oben und unten. Auf der Domplatte sollen noch bis Montag „Schürfarbeiten“ stattfinden, „um die darunterliegenden Abdichtungs- und Betonschichten zu untersuchen“, wie es offiziell heißt. Zuvor wurde im Sommer verlautbart, dass bei einer einzelnen Stütze „in einer vertieften Voruntersuchung mit Probenentnahmen“ festgestellt worden sei, dass sie nicht mehr die vorgeschriebene „Betonqualität“ aufweise.

Naja, wer mit zwei gesunden Augen die Baustelle betrachtet, stellt fest: auf der Westseite des Doms ist die Tiefgarage mittlerweile komplett gesperrt und weit mehr als eine Säule steht offensichtlich im Fokus der Arbeiten. Ein Fachmann vor Ort erzählt mir: „Eine Sanierung dauert bestimmt zwei Jahre!“ Die Stadt verweist darauf, dass im Dezember der Stadtrat über die Untersuchungsergebnisse informiert werden soll.

Unter vorgehaltener Hand berichten jedoch zuverlässige Quellen aus Stadtverwaltung, Kirche und Politik, dass die ersten Ergebnisse bedenklich ausgefallen sein sollen. Generell sei die Bausubstanz rund um den Dom allein durch den jahrzehntelangen Einsatz von Streusalz stark angegriffen. Ob nun eine, zehn oder hundert Säulen saniert werden müssten, sei gar nicht die entscheidende Frage. Die Stadt solle sich lieber überlegen, ob sie bei der jetzigen Konstruktion bleiben wolle oder doch ein Abriss und die anschließende Umgestaltung bevorzugt wird. Das wäre wohl gleichzeitig ein Startschuss, die Gestaltung der gesamten Innenstadt in Angriff zu nehmen.

Apropos Abriss: nach dem die Kölner CDU bei den Kommunalwahlen unter die Marke von 20 Prozent gefallen ist, rumort es bei den Christdemokraten an vielen Stellen. Dass der ehemalige Oberbürgermeister Fritz Schramma aus der Partei ausgetreten ist, spielt für mich dabei fast nur symbolischen Charakter. Parteichefin Güler, Fraktionschef Petelkau und OB-Kandidat Greitemann stehen in der zentralen Kritik.

In diesen Tagen soll bei der CDU nun das passieren, was an Wahlabenden von Politikern oft versprochen wird: die Ergebnisse sollen analysiert und Konsequenzen gezogen werden – zumindest für diejenigen, denen noch nicht klar war, dass Konsequenzen zu ziehen sind.

Das erstaunlichste Ergebnis bei den jüngsten Kommunalwahlen war für mich der Einzug der Kandidatin der Grünen und des Kandidaten der SPD in die Stichwahl. Wieso so zwei Personen aus den Mitte-Links-Lager? CDU-Kandidat Greitemann landete im ersten Wahlgang auf Platz drei – knapp hinter dem Sozialdemokraten Torsten Burmester. Greitemann fehlten 8.529 Stimmen für den Einzug in die Stichwahl, also knapp zwei Prozentpunkte.

Auf der Suche nach den Gründen möchte ich einen kleinen Input geben: ich habe öffentlich zugängliche Umfragedaten von infratest-dimap genutzt und die Social Media-Auftritte der Kandidaten verglichen. Dabei fällt auf, dass die CDU landesweit große Potentiale hatte – sogar bei Erstwählern. Zwar liegt die CDU bei der Stadtbevölkerung im Vergleich zum ländlichen Raum etwas zurück, aber immerhin. Noch zur Bundestagswahl im Februar dieses Jahres sahen die Zustimmungswerte für die Union schlechter aus. Die CDU in Köln hat schlichtweg Stimmen, anders als in vergleichbaren Städten, liegen gelassen.

Warum Markus Greitemann aber letztlich knapp scheiterte, führe ich vor allem auf einen mangelhaften Wahlkampf bei TikTok, Instagram und Facebook zurück. Allein die Zahlen bei den Instagram-Followern macht deutlich: der Grünen-Kandidatin Aymaz folgen 12-Mal mehr Menschen als Greitemann (Aymaz: ~23.000; Greitemann: <2.000). Selbst mancher Bürgermeister aus der Eifel hat mehr Anhänger auf dieser Plattform. Der spätere Gewinner der OB-Wahl, Burmester, hat im Vergleich zu Greitemann immerhin fünf Mal mehr Follower (~10.000).

Auch die Zahl der Stories und Verlinkungen der Kampagnen von Grünen und SPD war von deutlich höherer Schlagzahl geprägt als bei der Kölner CDU. Da steckt in meinen Augen noch nicht einmal viel Geld dahinter, wenn man weiß, wie sich Algorithmen für den Wahlkampf nutzen lassen. In meinem Umfeld kannten jedenfalls viele die beiden Kandidaten der späteren Stichwahl, weil sie über Social Media täglich auf den Handys präsent waren. Den CDU-Kandidaten kannte in meinem Umfeld dagegen kaum jemand. Angesicht der genannten Profildaten ist das wohl kein Wunder.

Gerne hätte ich den CDU-Kandidaten und die Wahlkampfmanagerin vor der parteiinternen Analyse zu den mir vorliegenden Daten zu Wort kommen lassen. Aber alle Anfragen (sie waren allesamt digital) liefen ins Leere. Das ist in Bezug auf meine Schlussfolgerung zum mangelhaften Wahlkampf im Internet wenigstens konsequent.

 

Bleiben sie standhaft!

Ihr

David Rühl