NEWSLETTER 13.03.2026

Über Rote Teppiche für die Literatur,

eine große Nachkriegs-Erfolgsgeschichte und

 ein feines Gespür für den Zeitgeist

 

 

 

Sehr geehrte Mitglieder,

liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

 

 

man tritt Köln vermutlich nicht zu nahe, wenn man die Stadt nicht unbedingt als Zentrum des geistigen Lebens in Europa sieht. Es war eher, vor allem im Mittelalter, geistlich-religiöses Zentrum, schon weil es gelang, die Gebeine der Heiligen Drei Könige von Mailand nach Köln zu holen und damit einen Ruf als wichtiger Ort für das lateinische Christentum zu etablieren. Kult und Kultur waren schon immer wichtige Standortfaktoren.

Als Ort für lebendige Debatten, als quirlige Stadt von Verlagen,  Autoren, geistigen Impulsen hat Köln aber einen enormen Aufschwung erlebt. Davon zeugt die lit.Cologne, Europas größtes Festival für Gegenwartsliteratur, das mit – stark auf die rheinische Mentalität zugeschnitten – einem Mix aus Lesungen, Events, Diskussionen in kurzem Zeitraum über 100.000 Besucher zieht. Das macht Köln zu einer der interessantesten Orte für Literatur und Sachbücher. Autorinnen und Autoren genauso glamourös feiern wie Filmstars, mit rotem Teppich und Limousinenservice – eine einfache Idee, aber man muss halt darauf kommen. Für Köln ein Geschenk. Seit 2001 begeistert das ambitionierte Team um Gründer Rainer Osnowski mit diesem Fest der Bücher und Autoren ein immer größeres Publikum.

Den Boden bereitet für diese unglaubliche Erfolgsgeschichte haben Verlage wie Kiepenheuer & Witsch, liebevoll zu KiWi abgekürzt, später auch der DuMont Buchverlag und zahlreiche Kleinverlage.  KiWi feiert jetzt seinen 75. Geburtstag. Bis dahin war Köln eher eine Stadt der Bilder, nicht der Bücher. Doch der aus Ostdeutschland stammende Joseph Caspar Witsch schaffte es, aus dem schmalbrüstigen Nachkriegs-Startup (das zuznächst nicht einmal über Autorenrechte verfügte), einen putzmunteren Verlag für Gegenwartsliteratur und politische Debatten zu machen – mit stramm antikommunistischer Haltung. Das intellektuelle Klima Westdeutschlands hat das enorm geprägt.

Seit 2002 gehört KiWi unter das Dach der Holtzbrinck-Gruppe (Rowohlt, S. Fischer u.a.), ohne dass die inhaltliche Eigenständigkeit aufgegeben werden musste. Nach Witsch die vermutlich prägendste Verlegerfigur bei KiWi war und ist sicher Helge Malchow, ein Mann mit viel Kompetenz, Geschick und großem Netzwerk. Er öffnete KiWi programmlich und steht für interessante literarische Entdeckungen, politische Sachbücher und popkulturelle Werke, zunächst als Lektor, dann ab 2002 als Verleger und inzwischen als Berater, der seine prominenten Autoren weiterhin betreut.

Ob internationale Star-Autoren wie Julian Barnes, Don DeLillo und David Foster Wallace, gefeierte deutsche Schriftsteller wie Christian Kracht, Uwe Thimm oder Joachim Meyerhoff und v. Stuckrad-Barre, aber auch pointierte politische Sachbücher von Joschka Fischer, Alice Schwarzer oder zur kritischen Aufarbeitung der 68er-Jahre. Damit spielte Helge Malchow als Verleger in einer Liga, in die es KiWi als mittelgroßer Verlag wirtschaftlich nicht schafft, trotz Unterhaltungs-Bestsellern wie die von Frank Schätzing („Der Schwarm“) oder Volker Kutscher („Babylon Berlin“). Sein Rezept ist neben Leidenschaft für Inhalte  ein Gespür für Stoffe und feiner Witterung für den Zeitgeist die intensive Betreuung von und Kontaktpflege mit seinen Autorinnen und Autoren – etwas, das in einer verunsicherten Verlagswelt nicht mehr selbstverständlich ist. Sein Erfolg machte ihn zu einer der ganz wenigen Stimmen der Branche, die öffentlich noch durchdringen.

Aus anderem Anlass habe ich mal an dieser Stelle geschrieben, dass Nostalgie selten ein tragfähiges Geschäftsmodell ist. Das gilt in Zeiten der großen Umbrüche erst recht. Die Welt dreht sich schneller, die Mediennutzung verändert sich im Zeitalter der Streamingdienste, TikTok und Instagram fressen Zeit, die – zum Beispiel – fürs Lesen fehlt. Gute Verlage sind eine wichtige Instanz für die Orientierung einer Gesellschaft. Aber ihre Bedeutung schwindet.

Dennoch ist Malchow zuversichtlich: Im unserem Gespräch sagt er, alles sei gefährdet. Aber auf alles können man auch eine Antwort finden.  Na denn.

 

In diesem Sinne grüße ich Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz