NEWSLETTER 15.05.2026
Von ausgezehrten Landschaften, radikalem Islamismus und dem Glauben an die eigene Kraft
Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,
es gibt wirklich faszinierende Landschaften in Deutschland. Die politische Landschaft gehört jedoch eher nicht dazu, zumindest derzeit. Überforderte Akteure, ausgelaugte Parteien, ein genervtes Wahlvolk – triste Perspektiven also wohin man schaut. Unter solchen Bedingungen in die Politik zu gehen – wer um alles in der Welt tut sich das an? Bei der Suche nach Antworten stößt man auf Menschen wie Maria Westphal. Die 42-jährige Kölner FDP-Politikerin hat sich ausgerechnet die Partei ausgesucht, die auf der politischen Intensivstation liegt, die weder Mandate noch lukrative Karrieren zu bieten hat und der der Kanzler gerade schon den Tod attestiert hat. Was also bringt eine Frau in der Rushhour des Lebens dazu, sich ausgerechnet bei den Liberalen zu engagieren?
Um das herauszufinden, habe ich mich mit Maria Westphal in einer Ehrenfelder Kitchen Bar getroffen, eine eher hippe als arrivierte Location. Sie mag diesen unprätentiösen Ort, wie sie überhaupt wenig ins von Gegnern der FDP liebevoll gepflegten Klischee passt, die in der männerlastigen Partei eher eine hedonistische Boygroup sieht. Schnell lässt sie durchblicken, dass sie mit schnöseligen Statussymbolen ohnehin herzlich wenig anfangen kann.
Was also treibt sie um? Auf diese Frage schildert sie ihre Erfahrungen als Referendarin an einer Essener Gesamtschule. Dort, in einem sozialen Brennpunkt, hat sie nicht nur beobachtet, sondern es erlebt, wie eine verfehlte Integrationspolitik sich auswirkt: „Das waren Abgründe, in die ich da als junge Frau geschaut habe. Sowas kannte ich nur aus dem Fernsehen.“ Die Verhältnisse dort, so lernte sie schnell, sind der ideale Wachstumstreiber für radikalen Islamismus und Salafismus. Die liberalen Werte des Grundgesetzes, Menschenwürde, Respekt und Toleranz? Fehlanzeige.
Es ist durchaus nicht so, dass Maria Westphal vom Leben nur gepudert worden wäre. Sie wuchs als Tochter eines Kiosk-Besitzers im Ruhrgebiet auf und kennt sich aus mit Lebenswelten jenseits abgeschirmter gutbürgerlicher Verhältnisse. Der Vater starb kurz nach dem Abitur und sie musste sich auf sich selbst gestellt durchbeißen. Das schaffte Vertrauen in die eigene Kraft – und trieb sie in die Arme des Liberalismus, der auf Eigenverantwortung setzt. Schnell war ihr klar, dass der Staat nur den Rahmen setzen kann, für den eigenen Antrieb muss man schon selbst sorgen. Das, so sagt sie, prägte ihr Menschenbild.
Wir hätten uns zu sehr auf einen zunehmend überdehnten Staat verlassen, der für alle unsere Lebensumstände und unser Wohlergehen verantwortlich gemacht werde – ein entmündigender Nanny-Staat eben. Das verhindere die Mobilisierung eigener Fähigkeiten, doch die „freie Selbstverwirklichung“ sei der Schlüssel zu einem erfüllten Leben. Auch könne kein Staat der Welt den Menschen alle Lebensrisiken abnehmen.
Zunehmend besorgt Maria Westphal die wachsende Intoleranz in der Gesellschaft. Vor allem Minderheiten wie Juden oder die LGBTQ-Community bekämen das zu spüren. „Dass Juden gewaltsam attackiert werden und CSD-Umzüge aus Sicherheitsgründen abgesagt werden müssen, ist für eine freie Gesellschaft ein Skandal“, empört sie sich. Hier sei nicht nur der Staat gefordert, sondern ebenso zivilgesellschaftliches Engagement. Auch die Schule, der die wertvollste Ressource eines Landes ohne nennenswerte Rohstoffreserven anvertraut ist, wird zum Ausgangspunkt einer fatalen Entwicklung: In Gelsenkirchen etwa, so sagt Westphal, seien schon Grundschulklassen komplett nicht versetzt worden, weil die Kinder kein Deutsch sprächen – ein Scheitern im Leben mit Ansage und verheerend für eine kinderarme Gesellschaft.
Dass die jugendlich wirkende Kölnerin für eine taumelnde FDP ein Aktivposten sein kann, hat die Partei längst erkannt. Sie steht für einen Lebensentwurf und Wählergruppen, die die liberale Partei nicht oder nicht mehr erreicht. Schon als Lehrerin an einem Berufskolleg erreicht Maria Westphal Milieus, die der FDP in ihrer programmatischen Verengung verlorengegangen sind.
Westphal ist Kreisvorsitzende und im Landesvorstand, mittlerweile auch Beisitzerin im Bundesvorstand der Liberalen. Beim Kampf um den Vorsitz der FDP hat sie gute Chancen, in den engeren Führungszirkel aufzusteigen. Wolfgang Kubicki etwa, der gegen das Image eines aus der Zeit gefallenen fleischgewordenen Herrenwitzes ankämpft, hat Maria Westphal öffentlich als jemanden benannt, die künftig das Bild der FDP prägen soll. Ende Mai ist der Parteitag in Berlin, wo die Weichen für die Zukunft des organisierten Liberalismus in Deutschland gestellt werden – also über Ende oder Wiederauferstehung der FDP.
In guter liberaler Tradition ist Maria Westphal von der Politik existenziell unabhängig, sie gehört nicht zu denen, deren Leben mit der Trias Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal beschrieben wird. Unabhängig von der Parteizugehörigkeit muss man sich wünschen, dass es mehr Maria Westphals gibt, die der Politik mit ihrem Engagement dringend benötigten Sauerstoff zuführen. Dem Land täte es gut.
Es grüßt Sie, herzlich wie stets,
Ihr
Michael Hirz