NEWSLETTER 05.06.2026

Was ein Kölner Handwerksbetrieb über Verantwortung, Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt lehrt

Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

als ich jüngst das Elektrohaus Bernhard Günther in Köln verließ, hatte ich gute Laune. Keine Laune der flüchtigen Art, die sich nach einem schönen Abend einstellt, sondern die andere, die tief gründende. Sie entsteht, wenn man einen Ort verlässt und denkt: So kann das funktionieren in unserer Gesellschaft. Wenn man erlebt hat, wie Menschen Verantwortung schultern und Zusammenhalt keine Parole, sondern gelebter Alltag ist. Kurzum: Ich verließ den Betrieb mit Zuversicht.

Vor kurzem feierte das Elektrohaus sein 125-jähriges Bestehen. Zugleich wurde es mit dem Integrationspreis Handwerk in Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Beides gehört für mich zusammen. Die Auszeichnung würdigt nicht allein ein Projekt, sondern eine Haltung, die den Betrieb seit jeher prägt und nun in der vierten Generation gelebt wird.

Verändert hat sich über die Jahre nur die Organisation. Die Grundhaltung aber nicht. Das kam mir in den Sinn, als ich mit Geschäftsführerin Laura Günther sprach. Die Mutter von drei Kindern wirkt jugendlich, frisch und energisch, fährt konsequent Fahrrad – auch längere Strecken – und hat gemeinsam mit ihrem Bruder Handkatalog, Fax und eigenes Großlager abgeschafft. „Heute wird auf die Baustelle geliefert, wenn wir die Ware brauchen“, sagt sie.

Das Miteinander wird von den Anforderungen des Arbeitsplatzes diktiert. Das wurde deutlich, als Laura Günther Regeln formulierte. „Im Betrieb wird Deutsch gesprochen“, sagt die „Chefin“, wie Hussain Waqar sie nennt. „Zu spät kommen wird nicht akzeptiert, und ständig am Handy daddeln auch nicht.“ Leistung wird erwartet. Verlässlichkeit ebenfalls. Nach wenigen Sätzen weiß man, dass hier direkt und ohne Umschweife formuliert wird.

Das Unternehmen beschäftigt und bildet deutsche Mitarbeiter aus, aber über die Jahre auch Menschen aus Albanien, Eritrea, Indien, Irak, Marokko, Pakistan, Syrien, aus der Türkei, Italien und der Ukraine. Hier wird Vielfalt gelebt. Sie folgt heute auch einer Notwendigkeit, denn Lehrlinge stehen nicht mehr Schlange für einen Ausbildungsplatz.

Köln hat eine besondere Sozialkultur. Sie verbindet Gemeinschaftssinn mit Pragmatismus, Offenheit mit Verbindlichkeit und setzt darauf, dass man Verantwortung füreinander trägt. Schon der Großvater achtete darauf, Auszubildenden aus schwierigen sozialen Verhältnissen eine Chance zu geben. Der Betrieb sollte die Gesellschaft abbilden, nicht aussortieren.

Im Elektrohaus Günther begegnete mir diese Haltung auf Schritt und Tritt. Hussain Waqar etwa stammt aus Pakistan und lebt seit elf Jahren in Deutschland. Die Sprache spricht er fließend. „Klar“, sagt Laura Günther. „Unsere Leute müssen miteinander reden. Wir sind ein Gefahrenhandwerk.“ Starkstrom lässt keinen Raum für Zweifel. Missverständnisse könnten ernste Folgen haben.

Während meines gesamten Besuchs hörte ich Laura Günther nicht ein einziges Mal über jene Menschen klagen, deren Integration sie erleichtern möchte. Keine Geschichten darüber, wie schwierig alles sei. Wer die Einstellungsqualifizierung gemeistert hat, ist dabei und bekommt eine Chance.

Und Respekt. Als ich einen Termin für Mittwoch vereinbaren wollte, kam das für ein Gespräch mit Hussain Waqar nicht infrage. Es sei Opferfest, das höchste islamische Fest, erläuterte Laura Günther. Wenn ihre Mitarbeiter diesen Tag in Gemeinschaft verbringen wollten, dann wolle sie das möglich machen, wenn es ginge. „Die Chefin ist immer für uns da, wenn wir sie brauchen“, sagt Hussain Waqar. So ist das Elektrohaus für viele Beschäftigte mehr als ein Arbeitsplatz. „Ein halbes Zuhause“.

Auch das fördert gelingende Integration: Menschen das Gefühl zu geben, dass sie dazugehören, Teil eines Teams sind und zugleich gefordert werden. Ein junger Auszubildender aus Eritrea verlor mit Erreichen der Volljährigkeit seine Unterkunft. Laura Günther organisierte einen Platz beim Kolping-Jugendwohnen. Einem anderen Mitarbeiter drohte kurz vor Zwischen- und dann der Abschlussprüfung die Abschiebung. „Wie soll man da lernen?“, fragte Laura Günther rhetorisch. Heute ist der Mann Obermonteur, leitet Baustellen eigenständig und wird von den Kunden sehr geschätzt. Dennoch lebt er weiter mit der Unsicherheit behördlicher Entscheidungen.

„Das sind doch Menschen, die wollen wir nicht loswerden“, sagt Laura Günther eindringlich zu solch bürokratischer Blindheit. In dem Satz steckt mehr gesellschaftliche Erkenntnis als in mancher politischen Debatte.

Als ich den Betrieb verließ, dachte ich an die Projekte von Jens Lönneker und seinem „Rheingold Salon“. Seit einiger Zeit beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema Zuversicht. Nicht aus blankem Optimismus, sondern um eine gesellschaftliche Ressource zu fördern. Zuversicht entsteht nicht dadurch, dass Probleme verschwinden. Sie entsteht dort, wo Menschen erleben, dass sie Lösungen herbeiführen können.

Für mich ist das Elektrohaus Bernhard Günther so ein Ort. Seit 125 Jahren verkörpert es ein Stück jener Stadt, die ich schätze – ein Köln, das Gemeinschaft wichtiger nimmt als Herkunft. In einer Zeit, in der oft über das Scheitern von Integration gesprochen wird, lohnt sich der Blick auf jene Einrichtungen, an denen sie Tag für Tag gelingt. Nur muss man diese Orte finden, denn Schlagzeilen machen sie leider selten. Jedenfalls verlässt man sie dann vielleicht so wie ich, mit ein wenig mehr Zuversicht als zuvor.

Was doch eine schöne Losung ist: Ein zuversichtliches Wochenende wünsche ich Ihnen.

Herzlich grüßt

Ihr Peter Pauls