NEWSLETTER 03.07.2026

Von einem Salto rückwärts,
 liebloser Mangelverwaltung
dem Glauben an die eigene Kraft

 

Sehr geehrte Mitglieder.
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,

vielleicht als Einstieg mal ein bisschen Angeberei: Ich kann einen Salto rückwärts aus dem Stand. Etwas genauer: ich konnte. Da war ich etwa zehn und nicht nur leidenschaftlicher Tennisspieler, sondern auch begeistertes Mitglied in einem Turnverein. Gefühlt kann ich den Salto immer noch. Aber eben nur gefühlt. Womit wir bei Köln wären.

Köln ist – gefühlt – eine Kulturmetropole von internationalem Rang, eine Weltstadt, die den Vergleich mit den globalen Hotspots nicht scheuen muss. Doch der genauere Blick offenbart das Bild einer Stadt, deren Selbsteinschätzung in einer deutlich höheren Liga spielt als die Realität. Da irrlichtern Verwaltung und Politik zwischen phantasielosen Spardebatten, der gleichzeitigen Schließung aller wichtigen Museen und einer lieblosen Mangelverwaltung ohne Gestaltungswillen. Ohne seine Museen, Sammlungen, einzigartigen Sakralbauten und seine vitale Musik- und Kulturszene – was bliebe vom Ruf?

Als Gesprächspartner zu diesem Thema gibt es wohl kaum jemanden, der Lage und Entwicklung besser einordnen kann als der Schriftsteller Navid Kermani. Mit ihm, dem bekennenden Lokalpatrioten mit dem weltoffenen Blick, habe ich gesprochen, um das größere Bild zu zeichnen. „Noch in den 70er und 80er Jahren war Köln ein aufregendes Weltzentrum von Kunst und Kultur“, sagt Navid Kermani. „Die Galerien, das Museum Ludwig, die Philharmonie, das Schauspiel“, zählt er auf, „auch die Neue Musik mit Stockhausen, die Oper, der Tanz und die Jazzszene waren unvergleichlich, das hatte globale Strahlkraft.“

Dann habe sich Köln Kulturdezernenten geleistet, die bei bedeutsamen kulturellen Ereignissen durch Abwesenheit glänzten, die uninspiriert verwalteten statt kreativ zu gestalten. „Da gab es zum Beispiel eine Kulturdezernentin“, erinnert sich Kermani, „die niemals im Theater gesehen wurde.“ Auch in der Politik sieht er keine Kraft, die sich ernsthaft Kultur auf die Fahne geschrieben hätte. „Das hat doch im Wahlkampf gar keine Rolle gespielt, nicht mal eine Nebenrolle.“ Eigentlich seien konservative Kreise eher kulturaffin, „aber die sind in Köln ohnehin nicht sehr stark und auch nicht sonderlich kulturaffin.“

Stattdessen hätten die Verantwortlichen entschieden, auf die Stadt als Eventbühne zu setzen. Das Ergebnis sei ein hemmungsloser Sauf-Tourismus, der massiv zur Verwahrlosung beitrage. „Es war eine bewusste Entscheidung der Verantwortlichen, Köln als Event-Stadt zu positionieren. Für das Stadtbild mit fatalen Folgen.“ Im Ergebnis sei der Karneval aus dem Ruder gelaufen und Bierwagen führen durch die Stadt – während andernorts in Kultur investiert würde, zum Beispiel in die erfolgreiche Ruhrtriennale.

Im Wettbewerb der Metropolen ist Kultur allerdings ein entscheidender Faktor. Ob Hamburg, Frankfurt oder München, von Berlin ganz zu schweigen und, ja, Düsseldorf – in dieser Konkurrenz, die so wichtig ist auch für die ökonomische Entwicklung einer Stadt – ist Köln dabei, den Anschluss zu verlieren. Das belegen Untersuchungen des renommierten Allensbach Instituts oder des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).

Aber eine Kommune, die ihre kulturelle Identität zum Luxusgut erklärt, ist ohne Kompass unterwegs. Da helfen dann auch keine PR-Broschüren. Es reicht eben nicht der Hinweis auf die durch skandalöses Missmanagement aberwitzig hohen Sanierungskosten für Oper und Schauspiel zu verweisen. Diese unnötig hohen Kosten sind erst einmal Investitionen in Beton. Kultur aber bedeutet Anregung, Begegnung, Dialog. Dazu braucht es einen Rahmen, der es einer vitalen Szene möglich macht, einer Stadt Seele und Identität zu geben.

Aus dieser Szene heraus hat sich die private Initiative der lit.Cologne und ihrer kleinen Schwester phil.Cologne entwickelt – weitgehend ohne öffentliche Protektion und unabhängig von der Stadt, die gleichwohl unverdient Profiteur dieses international bedeutsamen Festivals ist. Es ist der Erfolg solcher Festivals, die auch Kermani Hoffnung machen. Er sei neulich in der Philharmonie gewesen und sei überrascht, wie viele auch junge Menschen ein durchaus anspruchsvolles Programm gefeiert hätten. Dort bilde sich das Bürgertum heraus, das eine Stadt zur Stadt mache. Fehle das, sei das auch für die Stadtentwicklung ein Problem.

Natürlich hat Köln auch ein großartiges Erbe, das von einem großzügig mäzenatischen Bürgerstolz zeugt. Köln war nicht Residenzstadt, sondern wurde getragen von einem aufgeklärten, weltoffenen Bürgertum, was sich etwa in Häusern wie dem Wallraff-Richartz-Museum, dem Rautenstrauch-Joest-Museum oder dem Museum Ludwig zeigt. Doch dieses prägende Bürgertum hat seine tonangebende Stellung verloren.

Köln muss sich fragen, was es sein, welche Identität es haben will“, resümiert Kermani, der betont, allem zum Trotz gerne in dieser Stadt zu leben, die auf geradezu umarmende Weise auch von Toleranz und Liberalität geprägt ist. Aber wahre Liebe ist eben nicht blind. In wenigen Tagen, so erfahre ich beiläufig im Gespräch, erscheint beim Beck-Verlag sein neues Buch, ein kritisches Bekenntnis zu seiner Heimatstadt. Bezeichnender Titel „Köln – E Jeföhl“. Vielleicht auch für die Politik der Stadt eine anregende Lektüre. Kann ja nicht schaden.

Es grüßt Sie, herzlich wie stets,

Ihr

Michael Hirz