NEWSLETTER 24.07.2026
Die Stadt Köln, wie ein Konzern geführt? Warum dieser Vorschlag nicht in der Ablage verschwinden darf
Sehr geehrte Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde des Kölner Presseclubs,
man stelle sich vor: Der Kölner Oberbürgermeister führt die Stadt wie ein Vorstandsvorsitzender, der Rat kontrolliert ihn, wie es ein Aufsichtsrat tut. Damit Köln effektiver, effizienter und vor allem schneller geführt wird. Diesen Vorschlag hat Prof. Dr. Werner Görg vor einigen Monaten gemacht. Es gab eine schnelle Schlagzeile, wohlwollende und zurückhaltende Reaktionen aus den Fraktionen – dann zog die Karawane weiter. Ende der Debatte. Genau das sollten wir nicht zulassen.
Werner Görg ist kein Zaungast. Als Aufsichtsratsvorsitzender der „Barmenia Gothaer Versicherung“ kontrolliert er einen der großen Versicherungs-Konzerne, für den allein in Köln rund 5000 Menschen arbeiten, Tendenz steigend. Als früherer Präsident der IHK zu Köln kennt er Politik und öffentliches Geschehen von innen. Was er reklamiert, ist keine Stammtischpolemik, sondern ein Befund: Immer wieder versickern Initiativen im Kompetenz- und Abstimmungsgeflecht von Politik und Verwaltung, vervielfachen sich Baukosten wie jetzt beim Museum „Miqua“.
Ein Oberbürgermeister, so Görg, müsse an der Spitze eines starken und von ihm selbst ernannten Vorstands stehen. In der heutigen Struktur setze er sich einem täglichen Guerilla-Kampf aus. Von ehrenamtlichen Ratsmitgliedern werde eine Fülle von Entscheidungen erwartet, die objektiv nicht zu leisten sei. Dabei ist die Stadtverwaltung längst ein Konzern: knapp 22.000 Beschäftigte, ein Etat von 6,7 Milliarden Euro allein für 2026. Wie schwer die Lage offenbar ist, lässt der Krankenstand von über neun Prozent erkennen – er liegt deutlich über dem in physisch fordernden Berufen wie der Stahlproduktion zum Beispiel.
Görgs Therapie klingt entschlossen: Weniger Ratsmitglieder sollten sich mit mehr Zeit und höheren Entschädigungen um die Vorgaben kümmern, die sie wie ein Aufsichtsrat an den Vorstand geben – an den OB mit seinen Dezernenten. Und sie sollten prüfen, ob und wie die gesetzten Ziele erreicht werden. Strategie und Kontrolle liegen in der Politik, das operative Geschäft erledigt die Verwaltungsspitze – so funktionieren große Unternehmen. Görg denkt über Köln hinaus: Städte ab 250.000 Einwohnern sollten selbst wählen dürfen, nach welchem Modell sie geführt werden, gerne in der nächsten Kommunalwahl. Wer mehrheitlich das bisherige Modell bevorzugt, behält es. Frank Überall hat Görgs Vorstoß für die Kölnische Rundschau aufgeschrieben – kurz bevor die Zeitung ihre eigenständige Redaktion verlor. Den Originalbericht lesen Sie hier.
Derartige Vorstöße gab es immer wieder. Um die Jahrtausendwende zog der damalige SPD-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Wolfgang Clement, mit seiner Staatskanzlei demonstrativ in das Düsseldorfer Bürogebäude Stadttor. Er wollte seine Regierung wie eine Firma verstanden wissen, und so war der Umzug Auftrag und Symbol zugleich. 15 Jahre später hatte dieselbe SPD vergessen, warum es den Umzug überhaupt gegeben hatte, als ich danach fragte. Dabei war die Idee nie exotisch. Schon in den Neunzigern predigten kommunale Vordenker das Leitbild von der Verwaltung als Dienstleistungsunternehmen.
Heute ist die gut gemeinte Symbolik von damals einer dramatischen Dringlichkeit gewichen. Der Staat wird, ob als Kommune, Land oder Bund, zunehmend als dysfunktional begriffen. Die Beispiele sind erdrückend: marode Brücken in Leverkusen, Köln und Bonn lähmen Mobilität und Handel. Das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21, der Berliner Flughafen oder die Kölner Oper sind über Stadt- und Landesgrenzen hinaus zu Symbolen für eine überforderte öffentliche Hand geworden. Es geht auch klein – die Bonner Straße etwa. Eine der Hauptausfallstraßen dieser Stadt ist seit mehr als zehn Jahren ein Patchwork aus Asphaltfladen, durchzogen von rot-weißen Baken. 2029 soll dort eine Stadtbahn fahren, deren letzte, 2,1 Kilometer lange Teilstrecke zurzeit 160 Millionen Euro kosten soll.
Man muss Görgs Modell nicht folgen. Eine Stadt ist keine Aktiengesellschaft, ihre Bürgerinnen und Bürger sind keine Aktionäre, und demokratische Kontrolle ist kein Kostenfaktor – so haben es Ratsfraktionen sinngemäß angemerkt, und sie haben damit nicht unrecht. Aber die Frage, warum eine Millionenstadt nicht mit der Klarheit geführt werden darf, die man jedem mittleren Unternehmen abverlangt, verdient eine Antwort. Und zwar bald.
Denn hier liegt der eigentliche Punkt. Der Politik scheint aus den Augen zu geraten, welcher Reformdruck auf öffentlichen Betrieben lastet, beginnend im kommunalen Bereich. Er entlädt sich nicht in Anträgen und Ausschüssen, sondern im Alltag der Menschen. Das reicht von der verzweifelten Suche nach einer bezahlbaren Wohnung über die Kostenexplosionen an öffentlichen Bauten bis zu den besinnungslosen Kölner Staus, die an Freiheitsberaubung grenzen. Wer fürchtet, ein straff geführtes Rathaus gefährde die Demokratie, übersieht: Der tägliche Stillstand beschädigt sie längst – und zwar nachhaltiger, als es mehr Zug in der Verwaltung je täte.
Wer den Druck ignoriert, überlässt das Feld den Vereinfachern. Die haben immer eine Antwort parat. Wer Reformen zu lange vertagt, bekommt am Ende nicht die klügere, sondern die lautere Lösung. Darum geht es. Der Vorschlag des Versicherungsmanagers sollte am Anfang einer Debatte stehen, nicht an deren Ende. Vielleicht macht man es auch ganz anders. Eins aber sollte klar sein: Wie es ist, kann es nicht bleiben. Hier muss der Eindruck entstehen, die Millionen würden verballert. Kein Privathaushalt kann so wirtschaften.
Der Kölner OB Torsten Burmester jedenfalls soll geklatscht haben, als Werner Görg seine Gedanken vortrug. Applaus ist noch kein Ratsbeschluss. Aber er wäre ein Anfang.
Herzlich grüßt Ihr
Peter Pauls
